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Tiberius. Grausamer Kaiser - tragischer Mensch
Biografie

Tiberius. Grausamer Kaiser - tragischer Mensch

Autor: Schall, Ute

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 384

Größe: 21,0 x 13,3 cm

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862825523

Einband: Paperback

EUR 18,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Er war nach antiken Vorstellungen fast ein Greis, als er 14 n. Chr. als zweiter Kaiser Roms den Thron bestieg: Tiberius Claudius Nero. Seine überaus ehrgeizige Mutter Livia Drusilla hatte ihm den Weg dorthin freigemordet.
Nach anfänglich milder Herrschaft zog sich Tiberius, zu Schwermut neigend, misstrauisch und finster, für seine letzten Lebensjahre auf die Insel Capri zurück. Er überließ die Regierungsgeschäfte dem Prätorianerpräfekten Seianus, einem skrupellosen Mann, der in Rom eine beispiellose Schreckensherrschaft errichtete. Gerade noch rechtzeitig wurde er vom Kaiser entmachtet und wegen Hochverrats zum Tode verurteilt.
Doch Tiberius’ Weigerung, nach Rom zurückzukehren, ließ bald die wildesten Gerüchte über die Grausamkeit und die sexuelle Abartigkeit des alten Mannes aufkommen. „Biberius“ nannten ihn die Römer, den Trinker. Und als er gestorben war (37 n. Chr.), forderte das aufgebrachte Volk, seine Leiche im Tiber zu versenken.
In den Annalen zeichnet der römische Historiker Tacitus ein düsteres Bild des Kaisers. Doch mancher Nachfolger sah in ihm den gerechten Herrscher schlechthin und erkor ihn zum Vorbild der eigenen Regentschaft.
Mit der gebotenen Behutsamkeit des neuzeitlichen Forschers nähert sich Ute Schall der komplexen Persönlichkeit des Menschen und des Kaisers, wobei sie in erster Linie die alten Quellen vergleichend heranzieht.

Kindheit und Jugend (zur PDF-Leseprobe)


Fast elf Jahre lebte Kaiser Tiberius schon auf Capri, als er, ein verbitterter Greis, von einem der wenigen Vertrauten, die ihm geblieben waren, angesprochen wurde: „Erinnerst du dich noch, Caesar?“
„Nein“, fuhr ihm der Alte schroff dazwischen. „Ich erinnere mich an nichts, was ich jemals gewesen bin.“
Wie soll sich ein Kind entwickeln, das im zarten Alter von vier Jahren von seiner Mutter im Stich gelassen und im Haus eines mürrischen, zu Depressionen neigenden Vaters in die Obhut von Ammen gegeben wird? Was kann aus einem Menschen werden, der, durch Flucht, Vertreibung und Unglück schon in frühester Kindheit traumatisiert, über Jahrzehnte ausschließlich für fragwürdige politische Zwecke missbraucht wird? Tiberius Claudius Nero, der nachmalige Kaiser, war solch ein Mensch.
Er wurde am 16. November 42 v. Chr. geboren, im Jahr 711 seit Gründung der Stadt, nach der die Römer ihre Jahre zählten. Nach dem Glauben der Alten berechtigte der Geburtsort zu den größten Hoffnungen: Das Kind soll nach herrschender Meinung auf dem Palatin, dem Hügel Roms, der dem Himmel so nahe ist, das Licht der Welt erblickt haben. Dies kann jedoch kaum richtig sein. Denn die alteingesessene Familie der Claudier wohnte auf dem kaum weniger vornehmen Caelius, der dem Palatin gegenüber liegt. Und Tiberius’ Eltern waren zum Zeitpunkt seiner Geburt noch verheiratet. Erst einige Jahre später sollte seine Mutter auf den Palatin umziehen. Es ist möglich, dass der antike Biograf Suetonius Tranquillus, Sekretär im Dienste Kaiser Hadrians (117–138 n. Chr.), der der interessierten Nachwelt die Biografien der ersten zwölf Kaiser Roms von Caesar bis Domitian hinterließ und dem wir auch viele Nachrichten über Tiberius verdanken, durch den Geburtsort „Palatin“ die Herkunft seines Protagonisten aufwerten wollte.
Freilich sahen einige seinen Geburtsort in Fundi, einer Kleinstadt in Latium, die an der Via Appia lag. Sie stützten ihre Behauptung darauf, dass Tiberius’ Großmutter mütterlicherseits aus Fundi stammte. Aber durfte es damals schon sein, dass ein römischer Herrscher seine Wurzeln in einem unbedeutenden Dorf hatte?
Rom oder dieses Städtchen auf dem Land: Wo der nachmalige Kaiser das Licht der Welt erblickte, spielte für seinen Werdegang keine Rolle. Denn alles schien vorherbestimmt in diesem Leben, das wie kaum ein anderes von Verlust und Verzicht und alles andere als selbstbestimmt, aber auch seit früher Jugend von Wunderzeichen und mehr oder weniger günstigen Vorhersagen geprägt war.
Schon unmittelbar nach seiner Geburt wurde Tiberius eine große Zukunft geweissagt. Seine Mutter Livia war sich übrigens ganz sicher gewesen, einen Sohn zu gebären. Denn sie hatte während ihrer Schwangerschaft versucht, das Geschlecht des Kindes, das sie in sich trug, zu erfahren, und dazu unter anderem einer brütenden Henne ein Ei weggenommen, das sie, abwechselnd mit ihren Dienerinnen, in der Hand so lange wärmte, bis ein Hähnchen mit einem besonders großen Kamm schlüpfte. Nach dem Glauben der Alten wies das eindeutig auf die Geburt eines Knaben hin. Dann sagte der Astrologe Scribonius dem Neugeborenen eine große Zukunft voraus: Der Knabe werde einst König sein, allerdings ohne die Abzeichen der königlichen Würde. Eine mutige Vorhersage zu einer Zeit, als die Herrschaft der Caesaren noch völlig im Dunkeln lag.
Von großem Einfluss waren die beiden Familien, in die das Kind hineingeboren wurde. Väterlicher- wie mütterlicherseits die Claudier, ein altes, hoch angesehenes Geschlecht, das seine Wurzeln bis auf die Götter und Heroen zurückführte und der römischen Hocharistokratie angehörte. (Es gab eine gleichnamige plebejische Gens, die den patrizischen Claudiern an Macht und Ansehen kaum nachstand. Schon in der Frühzeit Roms hatten sich die beiden Familien aber getrennt.) Wenn es in Stadt und Reich je überzeugte Verfechter von Macht und Würde des Hochadels gab, gehörten sie zweifellos den Claudiern an, die seit jeher als stolz und unnahbar galten. Sie seien, so sah es zumindest Suetonius Tranquillus, der römische Kaiserbiograf, besonders dem Volk gegenüber „sehr heftig und anmaßend“ gewesen. So habe es beispielsweise keiner von ihnen über sich gebracht, sich öffentlich in Trauerkleidung zu zeigen, oder, sofern einer zum Tode verurteilt worden war, um sein Leben zu bitten. Der spätere Kaiser sollte da keine Ausnahme sein, wie sich noch herausstellen wird.
Im Laufe der Zeit, so Suetonius, erlangten Angehörige der Claudier achtundzwanzig Mal das Konsulat, fünfmal die Diktatur und siebenmal die Censur. Zudem wurden sie mit sechs großen und zwei kleinen Triumphen geehrt. „Sie führten verschiedene Vor- und Beinamen, von denen der Vorname Lucius einstimmig ausgeschlossen wurde, nachdem von zwei Familienmitgliedern, die diesen Namen getragen hatten, der eine der Wegelagerei, der andere des Mordes überführt worden war. Unter die Beinamen wurde der Name Nero aufgenommen, der auf sabinisch ‚stark‘ und ‚tapfer‘ bedeutet.“ Derart also waren auch Tiberius’ Vorfahren mütterlicherseits. Denn beide, Vater und Mutter waren, wenn auch weitläufig, miteinander verwandt.
Der Stammvater der Claudier soll ein gewisser Clausus gewesen sein. Der Überlieferung nach, die das adelsstolze Geschlecht in Rom nur allzu gern wach hielt, war er der Sohn des Gottes Saturn, von den städtischen Priestern dem vorzeitlichen Kronos gleichgesetzt, dem Titanen, der als Spross des Himmelsbeherrschers Uranos und der Erdmutter Gaia galt. Kronos, so ging die Sage, hatte seinen Vater mit einer scharfen Sichel entmannt und seine eigenen Kinder verschlungen, und nur Zeus war Dank eines Täuschungsmanövers von Uranos’ listiger Gattin diesem Ungeheuer entkommen. Denn Rheia, so hieß die liebende Mutter, hatte ihrem Mann statt des Kindes einen in Windeln gewickelten Stein angeboten. Der heranwachsende Zeus rächte seine Geschwister und stürzte den Vater in den Tartarus. Doch eines Tages sei Kronos die Flucht gelungen, und er sei unter dem Namen Saturn nach Italien gekommen, wo er fortan gemeinsam mit dem doppelgesichtigen Janus über die fruchtbaren Ebenen an den Ufern des Tibers herrschte. Auf dem Hügel Janiculus, so hieß es weiter, habe er bald eine Stadt gegründet, die nach ihm benannt wurde: Saturnia, so viele Jahrhunderte älter als die erhabene Roma. Angeblich verdankte Rom, später die Beherrscherin der Welt, nur diesem Gott ihren Reichtum. Denn er war mit der Göttin Ops vermählt, die für Fülle und Wohlstand sorgte.
Erst nachdem der letzte etruskische König, Tarquinius Superbus, aus Rom verjagt worden war und die Römer einen heiligen Eid geschworen hatten, sich nie mehr einem König unterzuordnen und die Herrschaft nur noch in die Hände der Ersten und Besten zu legen, – nach unserer Zeitrechnung 510 v. Chr. –, siedelten sich dort die Claudier an, um von da an die Geschicke der Stadt und des späteren Reiches verantwortlich mitzugestalten.
Auf diese göttliche Herkunft und das uralte Geschlecht sahen die Claudier zurück und machten aus ihrer Verachtung für die Julier, denen der erste Princeps Octavian Augustus entstammte, keinen Hehl. Um wieviel vornehmer waren sie doch als jene, die ihre Wurzeln auf Troja und auf Aeneas, einen Flüchtling, zurückführten und erst kürzlich die Subura, die schmuddelige Unterstadt, verlassen hatten, um die Hügel des Lichts zu erklimmen!
Zwei Vorväter des nachmaligen Kaisers waren Söhne des Appius Claudius Caecus, auf den nicht nur die älteste Wasserleitung Roms zurückgeht. Auch die frühesten Abschnitte der Via Appia, die ins süditalienische Brundisium (heute Brindisi) führt, tragen seine Handschrift. Der Mann, der wohl blind war – daher sein Cognomen „Caecus“ – und doch mehr als andere sah, wurde zu allen Zeiten in Rom verehrt. Seine beiden Söhne trugen die Namen Tiberius Nero und Appius Pulcher. Der Großvater von Tiberius’ Mutter Livia Drusilla war darüber hinaus durch Adoption in die Familie der Livier aufgenommen worden, einer plebejischen Gens, die dennoch in hohem Ansehen stand und dem Staat mehrere Konsuln und andere wichtige Staatsmänner geschenkt hatte. Der Name von Tiberius’ Mutter leitete sich von diesen Liviern ab, sowie von Drusus, einem Beinamen, der einst einem ihrer Vorfahren verliehen worden war, weil er in mutigem Einsatz einen feindlichen Führer namens Drausus im Nahkampf getötet hatte.
Tiberius Claudius Nero, der Vater, stand einige Jahre vor der Geburt seines ersten Sohnes dem nach der Alleinherrschaft strebenden Gaius Iulius Caesar als Quästor im erfolgreichen Kampf um das ägyptische Alexandria zur Seite – er befehligte die Flotte – und wurde vom dankbaren Diktator in das kürzlich eroberte Gallien geschickt, um dort Kolonien zu gründen. Südfranzösische Städte wie Narbonne und Arles gehen auf seine Initiative zurück.

Über den Autor

Schall, Ute

Schall, Ute

Ute Schall wurde 1947 in Buchen/Odenwald geboren. Nach dem Studium der Rechtspflege veröffentlicht sie seit 1980 zahlreiche Essays über althistorische, vornehmlich altrömische Themen. Seit jungen Jahren hat Ute Schall großes Interesse an Geschichte, vor allem an der Antike.... mehr über den Autor

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