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Domitian. Der römische Kaiser und seine Zeit

Domitian. Der römische Kaiser und seine Zeit

Autor: Schall, Ute

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 320

Größe: 20,5 x 14,0 cm

Sprache: Deutsch

Auflage: 1 Erstauflage

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862820337

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 15,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Der römische Kaiser Titus Flavius Domitianus (81 - 96 n. Chr.) wird selbst von der strengen Wissenschaft in einem Atemzug mit den größten Despoten der Weltgeschichte genannt. Von früher Jugend an fühlte sich Domitian seinem älteren Bruder Titus hintangesetzt. Er litt an Minderwertigkeitskomplexen, die erst seine eigene Thronbesteigung nach dem Tod des Bruders (dem er nach allgemeiner Ansicht nachgeholfen habe) vorübergehend kompensierte. Die überraschenden Züge seines Wesens könnten gegensätzlicher kaum sein: Sanftmut mischte sich mit beispielloser Grausamkeit, er war launenhaft, aufbrausend und schüchtern zugleich, von fast kindlicher Naivität und doch auch von messerscharfem Verstand, schon als Jüngling von großer Sehnsucht getragen und einem schier zügellosen Ehrgeiz geprägt. Zu Domitians bleibenden Verdiensten um das Römische Reich zählen die Einverleibung des Gebiets der Chatten und die Anlage des Obergermanischen Limes. Ute Schall nähert sich mit dieser Biografie dem Rätsel Domitian, seiner Kindheit und Jugend, die ganz im Schatten seines Bruders standen, dem lange ersehnten Aufstieg zur Macht und der allmählichen Entdeckung der Möglichkeiten, die sie ihrem Besitzer bietet, bis hin zu seinem tragischen Ende.
Domitian – frühe Herrscherjahre: Titus Flavius Domitianus, der dritte in der Reihe der flavischen Herrscher, hat bisher von der Geschichtsschreibung noch keine gerechte Beurteilung erfahren. War er wirklich so schlecht, wie ihn die Alten, Zeitgenossen oder auch nicht, darstellten, ein Ausbund an Grausamkeit und Verworfenheit, der Rom nach der angenehmen Herrschaft seines Vaters und seines Bruders das Fürchten lehrte? Die Aufzeichnungen des Suetonius Tranquillus, der um 70 n. Chr. geboren wurde, seine Jugend unter Domitian verbrachte und aus eigener Erinnerung zu berichten wusste, geben nicht allzu viel her. Sie beschränken sich auf den üblichen Klatsch und schlüpfrige Anekdoten, die über Vespasians jüngeren Sohn im Umlauf waren. Zum Charakter des letzten Flaviers dringen sie nicht vor. Und auch das Zeugnis anderer Zeitgenossen, etwa das des Jüngeren Plinius, ist kaum geeignet, ein objektives Bild dieses Menschen zu zeichnen. Zu sehr ist seine Überlieferung von Hass und Verachtung geprägt, seltsam genug bei einem Mann, der von Domitian in seiner Karriere stark gefördert wurde, wenn er dies nach dessen Tod auch heftig bestritt. In einem Panegyricus auf Kaiser Trajan bezeichnete Plinius Domitian gar als furchtbares Unheil, immanissima belua, eine Charakterisierung, die von Plinius’ Nachfolgern bereitwillig aufgenommen wurde und einen Großteil der Lehre über den letzten Flavier bis heute beherrscht. Nur unzureichend wurde der Versuch unternommen, auch Domitians gute Seiten hervorzuheben, seine unermüdliche Aufopferung für das Reich und seine persönliche Integrität. Er war ein Meister der Jurisprudenz, was selbst Sueton zugeben muss, ein hervorragender Verwalter, ein tüchtiger Heerführer und ein beständiger Förderer von Wissenschaft und Kunst. Aber der negative Eindruck in der antiken Berichterstattung überwiegt. Ein Opfer seiner Launen soll er gewesen sein, ständigen Stimmungsschwankungen unterworfen und zuletzt ein an Körper und Seele kranker Mensch. So wurde er nach allgemeiner Auffassung zum wütenden Tyrannen, der das Andenken seines Vaters und seines Bruders in den Schmutz zog und deren Leistungen durch seine schrankenlose Willkür zunichte machte. Was aber ist von einem Menschen zu erwarten, der sich, zweifellos intelligent und überdurchschnittlich begabt, auf einmal im Rampenlicht sieht, an der Spitze des größten Reiches, das die abendländische Welt jemals sah, dem die Vorsehung die umfassendste Macht in die Hände gelegt hat, über die je ein Mensch verfügte? Aller Augen richteten sich mit einem Mal auf ihn, der darauf kaum vorbereitet worden war. Zweifellos war Vespasians jüngerer Sohn ein exzentrischer Mann, ja nach Ansicht mancher Historiker bewegte er sich am Rande des Wahnsinns. Schon seinem Vater gegenüber soll er gelegentlich den Anschein des Verrückten erweckt haben.4 Normal, was immer man darunter verstehen mag, war Domitians Verhalten sicherlich nicht, nicht einmal nach den Begriffen Roms, das gerade in dieser Hinsicht einige Erfahrungen aufzubieten hatte. Aber konnte man, wenn man seinen frühen Lebenslauf betrachtet, überhaupt erwarten, dass er sich normal entwickelte? Wie soll ein gesunder, vor Kraft strotzender, aber kleiner Baum gedeihen, der sich stets im Schatten eines großen befindet? Fast krankhaft ehrgeizig, war der Jüngling dennoch dazu verurteilt, die Bevorzugung seines Bruders ohnmächtig zu ertragen, die Art und Weise, in der sein Vater den älteren Sohn geradezu vergötterte. Ihn selbst hatte man in die Obhut von Caenis gegeben, der Konkubine Vespasians, und alle seine Bemühungen, sich eine der seines Bruders ebenbürtige Stellung zu verschaffen, waren von vorn herein zum Scheitern verurteilt. Weder dem Vater noch dem Bruder lag daran, sich von dem oft unbeherrschten, jähzornigen jungen Mann in die Regierungsgeschäfte dreinreden zu lassen. Domitians Neid auf seine beiden Vorgänger ging aber nicht über den frühen Tod des ungeliebten Bruders hinaus. Er betrieb Titus’ Vergöttlichung, als ob er sie ihm schuldig gewesen wäre. Dabei ist sein Mitwirken an dessen Tod nicht einmal eindeutig geklärt. Aber man gewinnt auch den Eindruck, es sei ihm dabei weniger um den Verstorbenen als um die Aufwertung des flavischen Geschlechts gegangen, zumal er Gedächtnisspiele an Titus’ Geburtstagen verbot. Immerhin feierte er den Toten auf Münzen, den bekanntlich einzigen Massenmedien jener Zeit. Vermisste er doch, da man ihm so wenig Gelegenheit gegeben hatte, sich auszuzeichnen, jenes Ansehen, das man dem julisch-claudischen Haus entgegengebracht hatte und noch immer entgegenbrachte – nicht zuletzt wegen Livia, der Frau des Augustus, die dem alten Stadtadel entstammte. Als einer Dynastie von Emporkömmlingen zollte man den Flaviern weit geringeren Respekt. Die Steigerung des Ansehens – sie dürfte auch Domitians offiziellem Hofberichterstatter Valerius Flaccus einiges Kopfzerbrechen bereitet haben, bis er keck behauptete, dass die flavische Dynastie der julisch-claudischen überlegen sei, womit er sicherlich der Zufriedenheit seines Brotherrn diente. Zeitlebens blieb Domitian seinem Charakter treu. Er heischte nicht wie sein Bruder nach dem Beifall der Menge, er war autoritär und ein Anhänger der altrömischen Strenge, die zu seiner Zeit schon ein wenig aus der Mode gekommen war. Dabei schoss er oft genug über das Ziel hinaus, und sein angeborener Gerechtigkeitssinn schlug dann in Grausamkeit und Rachsucht um. Zu allem Überfluss hatte er ein geradezu phänomenales Gedächtnis, wie es vielen begabten Menschen eigen ist. Er vergaß und vergab nichts und nie. Je später seine Rache kam, desto furchtbarer wurde sie. Am grausamsten ging er gegen jene vor, die es gewagt hatten, ihn, den Herrn und Gott, in seiner kaiserlichen Würde, der maiestas, zu verletzen. Man kann sich bei der Lektüre seiner Lebensbeschreibung des Eindrucks nicht erwehren, dass er sich mit zunehmendem Alter selbst auf die Nerven ging und auch den letzten Funken Lebensfreude verlor: Seit der Niederwerfung des Aufstands des Statthalters der Germania Superior, Lucius Antonius Saturnius, von dem noch ausführlich die Rede sein wird, wähnte sich der Kaiser immer und überall von Verschwörern umgeben. Er reagierte mit den kuriosesten Mitteln, aber immer so hart, dass sich weder Roms Senatoren noch das umfangreiche Hofpersonal sicher fühlten. Sie sahen ständig ihr Leben in Gefahr. Domitians übertriebene Ängste arteten schließlich in Verfolgungswahn aus, in eine schwere Psychose, die von einem Großteil der Wissenschaft als Folge fortgesetzter Zurücksetzung, Kränkung und Demütigung in Jugendjahren gewertet wird, da diese eine harmonische Entwicklung des jungen Charakters verhinderten und alle positiven Empfindungen unterdrückten.5 Es bestehen kaum Zweifel, dass Rom im ausgehenden ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung von einem Geisteskranken regiert wurde. Und es grenzt fast an ein Wunder, dass Stadt und Reich aus dieser Katastrophe nahezu unbeschadet hervorgingen. Alles hatte so vielversprechend begonnen, als Domitian 69 n. Chr. zum ersten Mal öffentlich auftrat: Ein bescheidener junger Mann, dessen Vater gerade dabei war, das höchste Staatsamt zu erringen, stellte sich dem Senat vor und traf, erstaunlich für einen erst 18-jährigen Jüngling, durchaus vernünftige Entscheidungen, wobei er eine bemerkenswerte Weitsicht bewies. Besonders angenehm fiel auf, dass er jegliches Blutvergießen verwarf und sogar das Opfern von Stieren verbieten wollte. Er erinnerte sich eines Verses Vergils: … Ehe der ruchlose Mensch von getöteten Stieren sich nährte … 6 War dieses Feingefühl, das Mitleid mit der Kreatur verriet, ein Wesenszug seines Charakters? Wohl kaum, wie seine spätere Grausamkeit zeigte. Aber es mag sein, dass er sich mit solchen Äußerungen in seinen jungen Jahren beliebt zu machen und sich von seinem Bruder bewusst zu unterscheiden gedachte, zumal jener damals noch keinen allzu vorteilhaften Ruf genoss. Vielleicht aber hatte ihn auch das Morden in Rom abgestoßen, der blutige Kampf um den Thron, dem er beinahe selbst zum Opfer gefallen wäre und der nun endgültig überwunden sein sollte. Wie bei seinem Bruder Titus scheint sich auch in Domitians Biografie mit der Erlangung der Kaiserwürde ein Bruch vollzogen zu haben, allerdings gegensätzlicher Art. Hatte sich jener zwei Jahre zuvor vom leichtfertigen Kaisersohn zu einem verantwortungsbewussten, leutseligen Regenten gewandelt, so entwickelte sich Domitian vom Hoffnungsträger zum grausamen Tyrannen, der freilich bei aller Menschenfeindlichkeit seine Herrscherpflichten nicht vergaß. Nur das Bild des jungen Mannes weist gewisse Lichtblicke auf, die ihn angenehm vom Vater unterscheiden. Großzügig war er als Jüngling, von der Vespasian nachgesagten Habgier weit entfernt. Noch in den Anfangsjahren seines Principats weigerte er sich, Erbschaften anzunehmen, wenn die Verstorbenen Kinder hinterlassen hatten. Er wollte diesen nichts wegnehmen. Und das testamentarische Legat des Rustius Caepio – aus seinem Erbe sei alljährlich den Senatoren beim Betreten der Kurie eine bestimmte Geldsumme auszuzahlen, eine Art Sitzungsgeld – erklärte er für nichtig. Seit jeher war die Tätigkeit im Senat ein Ehrenamt, und die eingeschriebenen Väter gehörten ohnehin zu den eher wohlhabenden Leuten der Stadt. Er spendete reichlich und gern. Und er erließ Abgaben, die dem Staat geschuldet wurden, wenn der Zahlungspflichtige insolvent war. Auch ging er anfangs nicht gegen gewisse Verstöße vor. Wer von den Schreibern der Quästoren in Verletzung der lex Clodia Handelsgeschäfte getätigt hatte, dem wurde für die Vergangenheit Straflosigkeit zugesichert. Die bei der Landverteilung an die Veteranen übrig gebliebenen Parzellen erhielten die früheren Besitzer zurück, und das Denunziantenunwesen wurde abgeschafft.7 Es gab für den neuen Kaiser kaum etwas Widerwärtigeres. Angeber hatten deshalb hohe Strafen zu gewärtigen, und ein Ausspruch des Herrschers machte bald die Runde: Ein Kaiser, der Zuträger nicht züchtigt, reizt sie an. 8 Soviel Augenmaß hatte es in Rom selten gegeben. Hätte Domitian diese noblen Ziele weiter verfolgt, wäre ihm ein ehrendes Andenken in der langen Reihe der römischen Kaiser sicher gewesen. Leider verkehrten sich die positiven Ansätze ins Gegenteil.

Über den Autor

Schall, Ute

Schall, Ute

Ute Schall wurde 1947 in Buchen/Odenwald geboren. Nach dem Studium der Rechtspflege veröffentlicht sie seit 1980 zahlreiche Essays über althistorische, vornehmlich altrömische Themen. Seit jungen Jahren hat Ute Schall großes Interesse an Geschichte, vor allem an der Antike.... mehr über den Autor

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