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Oneway – Berlin-Gaza. Als Deutsche im Gazastreifen
Tagebuch

Oneway – Berlin-Gaza. Als Deutsche im Gazastreifen

Autor: Winge, Kerstin

voraussichtlich lieferbar ab September 2019


Produktart: Buch

Seiten: 272

Größe: 21,0 x 13,3 cm

Abbildungen: 17

Sprache: Deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862826476

Einband: Paperback

EUR 16,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Die Liebe zu Said und die Hoffnung auf privates Glück führen Kerstin Mitte der neunziger Jahre aus dem Osten Berlins in den Gazastreifen. 
Zusammen mit ihren Söhnen versucht sie, das Leben in einer fremden Kultur und in einer der gefährlichsten Regionen der Welt zu meistern. Der nicht enden wollende Krieg um Land und Religion bestimmt das alltägliche Leben.
Durch Kerstins Augen erfahren wir von ihrem täglichen Kampf um das Überleben der Familie. Sie schwankt zwischen der Hoffnung auf bessere Zeiten und der Verzweiflung angesichts einer frauenfeindlichen Männerwelt. Nach und nach verliert sie die Kontrolle über ihr Leben. Und schließlich trifft sie eine Entscheidung, die jeder Mutter das Herz zerreißt ...
Gestützt auf ihr Tagebuch verarbeitet sie die Zeit im Gazastreifen, ihre Gedanken und Gefühle, zu einer authentischen Erzählung aus dem Nahen Osten.
Leseprobe aus „Oneway – Berlin-Gaza“ von Kerstin Winge (zur PDF-Leseprobe)

Alles Tun geschah mit Rücksicht auf die stete Gefahr und Präsenz des israelischen Militärs. Unsere Gedanken, Worte und Handlungen und die der wenigen Nachbarn um uns herum, richteten sich nun nach der neu entstandenen Situation aus. Da der Mensch ein Gewohnheitstier ist, passte sich jeder schrittweise dieser neuen Lebensart an. Hier draußen, neben der Siedlung, lebten wir jetzt wie in einer Enklave, die man nur zu den erlaubten Zeiten verlassen und betreten durfte. Wegen der Ausgangssperre kamen nur noch sehr wenige Gäste zu uns. Ich war die Einzige, die sich noch traute, hinter unserer Mauer hinaus in die »Mondlandschaften« zu gehen, um die Hühner zu füttern, da sie ihre Behausung außen an unserer Mauer stehen hatten. »Mondlandschaften«, so nannte ich unser einstiges Fußballfeld, das jetzt täglich vom Militär befahren wurde und nun so aussah, wie es nur auf dem Mond aussehen kann.
Mein Tagebuch bekam nun Füllungen anderer Art. Anderer Art wurde auch die Beziehung zwischen mir und Said. Wir näherten uns nicht nur geistig wieder an, sondern begannen auch, uns körperlich wiederzufinden. Ich wurde versöhnlicher und entwickelte wieder liebevolle Gefühle für ihn. Es war wie ein zweiter Frühling, der nur entstehen konnte, weil es draußen gefährlich wurde. Ich war eine gute, blonde Schutzweste, zusammen mit unserer deutschen Fahne auf dem Dach.

13.01.2001, es gibt schon wieder so viel zu berichten! Es ist jetzt neun Uhr und es weht ein kalter Wind draußen ums Haus. Mich friert es hier oben im Kinderzimmer bei nur 15° Celsius. Deshalb habe ich mir gerade Wasser warm gemacht, für eine Wärmflasche und einen Cappuccino zum Aufwärmen. Im Bad schleudert jetzt das zweite Mal unsere Bettwäsche. Vor einer halben Stunde kam hinter unserem Haus, wie jeden Tag um diese Zeit, ein Monstrum von Bagger herangedröhnt. Der sieht aus wie ein Drache mit dem Stachel eines Skorpions hinten dran, mit schmutzigen Panzerketten, die das Ding bewegen. Sie fahren jetzt immer außerhalb der Siedlungsumzäunung, auf palästinensischem Gebiet. In seinem Schlepptau kam ein »Schlachtschiffpanzer« mit Höllenlärm. Innerhalb ihres Zaunes fuhren parallel dazu ein kleinerer Panzer, mit zwei Satellitenschüsseln darauf, und ein Jeep. Das müssen circa zwölf Mann Besatzung gewesen sein. Irgendwie bin ich beunruhigt bei der Vorstellung, dass die jetzt jeden Tag außerhalb ihrer Umzäunung entlangfahren. Da wackeln unser Haus und die Bilder an den Wänden. Nun haben wir uns mit der Zeit an den Anblick dieser Monstren gewöhnt, aber wenn eins von diesen Dingern stehenbleibt, steigt unser Adrenalinspiegel ins Unendliche. Weil ich unbedingt wissen musste, was da draußen vor sich geht, holte ich das Fernglas von Onkel Fritz und beobachtete alles durch einen kleinen Fensterschlitz. Gut, dass unsere Fenster Sichtschutzglas haben.
Gestern war es wieder soweit, da ist der »Schlachtschiffpanzer« auf seinem Weg seitlich in eine Erdsenke heruntergerutscht. Je mehr sich die Ketten in den Sand hineinschaufeln, desto mehr riskiert das Monstrum, steckenzubleiben, dachte ich noch, als es auch schon passierte: Der Panzer ging tatsächlich kaputt! Sofort schoss er daraufhin in Richtung des Beduinenlagers. Ein anderer Panzer kam von der anderen Seite herbeigedonnert und schoss in unsere Richtung. Dann fuhren sie aber nach einer Weile weiter. Und wir atmeten wieder einmal alle erleichtert auf.
Dann erlebten wir eines Nachts vor einer Woche etwas, was Gott sei Dank seitdem nicht wieder vorkam. Jede Minute verging da wie eine Stunde, von nachts um drei Uhr an. Es war auch noch Stromausfall und stockfinster draußen. Mitten in die nächtliche Stille hinein wurden wir abrupt aus unserem Schlaf gerissen: Hinter uns wurde geschossen! Die Schüsse hörten sich sehr nahe an und peitschten dicht an unserem Haus entlang. Said sprang sofort aus unserem Bett, während ich vollkommen erstarrt darin liegen blieb. Er öffnete ein wenig das Fenster und sagte mir leise, es rieche nach Munition. Ich starrte zur Decke und schaffte es gerade noch, ihm zu sagen, er soll das Fenster schließen, die da draußen haben doch Infrarot-Ferngläser. Die Kinder schlafen ja bei uns im Zimmer auf Matratzen, das ist sicherer, bilden wir uns ganz fest ein. Wir legten uns dann wieder hin und warteten mit bis zum Hals rasenden Herzen. Dann hörten wir näherkommenden Motorenlärm. Am schlimmsten war es, als die Panzer auf der Höhe unseres Hauses stehenblieben und danach ihre Motoren erstarben. Zirka fünf stille und endlose Minuten vergingen, in denen ich uns alle ganz weit weg, an einem sicheren Ort wünschte. Da flüsterte mir Said die Telefonnummer seines Chefs zu, die ich lernen sollte, falls ihm etwas passieren sollte. Aber ich war wie erstarrt und einfach unfähig, Telefonnummern zu lernen. Meine Gedärme rumpelten in meinem Bauch herum und ich bekam schlagartig Migräne. Jetzt Zahlen zu lernen, damit war ich schlichtweg überfordert. Dabei war es ja dringend notwendig! Über seine Worte: »… falls mir etwas passieren sollte …«, wollte ich überhaupt nicht nachdenken. Diese unendlich langen Minuten dort im Bett in panischer Erwartungsangst, während mir kalte Schauer über den Rücken liefen, das war das Schlimmste bisher – ich glaube, das war Todesangst.

11:30 Uhr, ich habe gerade die geschleuderte Bettwäsche aufgehängt und bin sofort schnell wieder in mein warmes Bett geschlüpft. Es stürmt gerade richtig stark draußen und der Himmel ist gelb. Fernsehempfang unmöglich. Hoffentlich bringt der Fahrer die Kinder nachher heil nach Hause. Ich erzähle mal weiter: … dann ging alles ganz schnell. Wir ließen uns liegend aus dem Bett gleiten, nachdem weitere Schüsse fielen. Da hörte ich nicht nur die M16 heraus, es hatte auch mehrmals ganz laut gebumst mit Blitzen dabei. Keine Ahnung was das war, Kanonenschüsse? Jedenfalls nahmen wir die Kinder und liefen geduckt hinüber in den Kinderzimmertrakt ins kleinere Kinderzimmer, welches nach vorn liegt. Dort zitterten wir eine Weile hockend auf der Erde und entschlossen uns doch, in die danebenliegende Toilette zu fliehen. Völlige Finsternis war um uns, während wir auf unserer schmutzigen Wäsche zwischen Toilette und Badewanne hockten. Uns allen klapperten laut die Zähne vor Kälte und Angst. Alle logischen Gedanken waren irgendwie blockiert. Adrian zitterte in meinen Armen und klapperte dabei so laut mit seinen Zähnen, dass ich beinahe geschmunzelt hätte wegen dieses Geräusches, das im Takt wellenartig aus seinem Mund kam. Ich wiegte ihn und spürte dabei seinen kleinen zitternden Körper. Deswegen umwickelte ich ihn mit einigen Wäschestücken und hielt ihn dabei ganz fest an mich gedrückt. In dieser Situation sagte ich verzweifelt immer wieder zu mir: »Kerstin, du musst die Kinder beschützen. Ich will sie nicht tot sehen!« Said redete währenddessen leise auf Andre ein: »Hab keine Angst, uns passiert schon nichts, alles wird gut. Vergiss nicht unsere große Fahne auf dem Dach!« Dabei war es stockdunkel und keiner konnte unsere deutsche Fahne sehen.

Ich hoffte und vertraute sehr darauf, dass die Soldaten da draußen von ihr wussten. Diese Fahne habe ich einfach genäht und dann oben nach hinten hinaus sichtbar auf unserer Dachterrasse befestigt. Not macht wirklich erfinderisch.
Nachdem wir weiterhin schlotternd darauf warteten, dass ein schweres Geschütz uns trifft oder das Haus einstürzt, schossen sie mehrere Leuchtraketen über unserer Höhe ab. Nach einer ruhigen Weile traute sich Said, das Telefon von unten heraufzuholen, denn es klingelte schon lange ohne Pause. Alle in unserem Umkreis lebenden Familienmitglieder wollten mit ihm sprechen und hatten große Angst, da unsere beiden Häuser ja am nächsten zur Siedlung standen. Er beruhigte alle Nachbarn und rief seinen Chef in Gaza-Stadt an. Die Militärfahrzeuge blieben die ganze Nacht über dort stehen, um ihren gestrandeten »Metallwal« zu beschützen. Wir hingegen quartierten uns für den Rest der Nacht in das mittlere Zimmer des Hauses auf unseren Matratzen ein. Jeder hatte Durchfall, Gott sei Dank haben wir zwei Toiletten hier in der oberen Etage.
Der Schulbus hupte um halb sieben und Said rief dem Busfahrer zu, dass Soldaten hinter dem Haus stehen und die Kinder deshalb nicht zur Schule gehen werden. Wer weiß, wie sich die Situation noch entwickeln würde, sagte er dem Fahrer. Dann gab ich mir einen Ruck und lief hinter unser Haus in die zerpflügten »Mondlandschaften« zu unseren Hühnern, um sie zu füttern. Die Soldaten schauten zu, keine 20 Meter von mir entfernt. Sie mussten mich wohl unter der Kategorie »Unbedenklich« eingestuft haben, denn sie sahen ja eine blonde Frau ohne Kopftuch, die in Nähe eines Hauses, auf der eine deutsche Fahne weht, Hühner füttert. Das waren bestimmt zehn Soldaten, die den kaputten gestrandeten Panzer bewachten. Sie standen so nah und waren doch wie Menschen von einem anderen Planeten. So fremd, so bedrohlich und dabei doch menschlich frierend. Es stellte sich heraus, dass wir uns nachts genau in deren Schussrichtung versteckt hatten. Es war falsch gewesen, Schutz in der Toilette im Kinderzimmertrakt zu suchen, wir hätten aufs gegenüberliegende Klo, im Trakt des Schlafzimmers, gemusst. Oder wir hätten von Anfang an im mittleren großen Zimmer bleiben sollen, das wäre am sichersten gewesen. Unser Haus hat also nur sieben Einschüsse von dem uns zugewandtem Panzer abbekommen. Es wären mehr gewesen, wenn das Haus von Abu Hamad nicht sozusagen als unser Schutzschild dazwischen gestanden hätte. Daneben hatte das Beduinenlager mehr Opfer zu beklagen. Schafe und Ziegen wurden erschossen und verwundet, die dann notgeschlachtet werden mussten, weil die Soldaten dachten, dass das, was sich dort bewegte, Terroristen sein mussten. Ich werde nie diesen Anblick vergessen, wie die armen Tiere dabei waren, an ihren Verwundungen zu sterben, wie ihr Blick erstarrte und sie im Todeskrampf mit den Hufen ruderten. Das hat mich so mitgenommen, aber erst später, als ich wieder klar denken konnte. Abu Hamads Haus wurde in der oberen Etage getroffen, durch das Fenster hinein und auf der anderen Seite wieder hinaus, da deren Fenster über Eck gehen. Rania und Mariam waren völlig fertig und erst ihre Mutter Umm Hamad! Wir umarmten uns lange, waren einfach froh, uns alle gesund und wohlauf zu sehen.
Nicht lange, da kam dieser Bulldozer und wollte den kaputten, festgefahrenen »Metallwal« herausziehen. Das klappte erst nach Stunden mit Ach und Krach um fünf Meter, also lediglich aus dem Loch heraus schafften sie es. Mittlerweile gesellten sich an den Ort des Geschehens noch drei Jeeps und noch ein Panzer, das ergab 25 Soldaten. Sie machten sich einen Spaß daraus, denn für sie war es eine aktionsreiche Abwechslung.
Das Familienoberhaupt aus dem Beduinenlager ließ jemanden vom Internationalen Roten Kreuz kommen, wegen der toten und verwundeten Tiere. Wie die helfen sollten, konnte ich aber nicht so richtig verstehen, denn Decken oder Schmerzmittel brauchen ja die verendeten Tiere nicht mehr. Zwischen den vielen durcheinander sprechenden Leuten stand da mittendrin ein groß gewachsener Ausländer, der eine Rote-Kreuz-Weste trug. Begegnungen mit Europäern, egal ob Männlein oder Weiblein, sind so spärlich geworden, dass ich mich sehr freute, einen von ihnen zu treffen. Aus welchen Motiven er sich wohl diese Gegend hier als Rote Kreuz-Helfer ausgesucht hat? Er heißt Andres und ist Schweizer. Ihm sagte ich, dass wir alle Angst vor der nächsten Nacht hätten, im Falle, dass die Panzer dann immer noch hier stünden. Er fragte mich, ob ich mit ihm zu den Soldaten hinübergehen würde, um dann mit ihnen alles zu klären. Ich überlegte sekundenlang, ob ich mit ihm zu den »Feinden« gehen sollte. Es fühlte sich fast wie ein »Loyalitätskonflikt« an. Dann sagte ich ihm aber, es täte mir leid und bat ihn, in unserem Namen zu sprechen, dass wir keine Probleme möchten und friedfertig sind. Und das war gut so. Andres kam dann nach einer halben Stunde wieder und erzählte, dass der verantwortliche Offizier beteuerte, es sei nicht »absichtlich« auf unsere Häuser geschossen worden. Die erlittene Nacht kann er uns damit aber nicht ersetzen. Die aufgebrachten Beduinen und die Nachbarschaftsschar aus unserer Gegend wurden immer mehr. Jeder gestikulierte und echauffierte sich nun zusehends. Das wurde mir dann nicht geheuer und deshalb ging ich ins Haus zurück.
Der Film geht ja noch weiter: Die Soldaten zogen dann unter viel Getöse den kaputten Panzer bis zehn Meter an unseren Gartenzaun heran, das Kanonenrohr direkt auf unser Haus Richtung Esszimmerfenster gerichtet. Ein Bagger schaufelte mit viel Krach und Staubaufwirbeln eine riesige Kuhle für den gestrandeten Panzer aus, wohl um ihn darin zwischenzulagern. Damit kein Terrorist ihn angreift. Vor unserem Wohnzimmerfenster. Okay, es war ja für sie Feindesland.

Über den Autor

Winge, Kerstin

Winge, Kerstin

Die Debütautorin Kerstin Winge wuchs im Ost-Berliner Plattenbau auf. Nach einer Ausbildung als Einzelhandelskauffrau arbeitete sie in einem Geschäft, das mit traditionellem Kunsthandwerk aus Ostdeutschland handelte. Während dieser Zeit lernte sie ihren späteren Mann Said kennen,... mehr über den Autor

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