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1842. Der Große Brand von Hamburg
Historischer Roman

1842. Der Große Brand von Hamburg

Autor: Buggenthin, Arne

voraussichtlich lieferbar ab Oktober 2019


Produktart: Buch

Seiten: 312

Größe: 21cm x 13,3 cm

Sprache: Deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862827091

Einband: Paperback

EUR 16,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Hamburg im Mai 1842.
Ein großes, aufregendes Panorama entfaltet sich vor unseren Augen: In den reichen Stadtteilen leben die Menschen im Luxus, in den Gängevierteln herrschen Armut und Elend. Doch die Wäscherin Marie ist glücklich verliebt in das Bandenmitglied Adam … bis sich in der Nacht zum 5. Mai 1842 alles verändert.
Ein kleines Feuer beginnt mit rasender Geschwindigkeit um sich zu greifen. Schnell stehen ganze Straßenzüge in Flammen. Es herrschen Angst und Verzweiflung. Während Adam verletzt mit dem Tode ringt, kämpft Marie sich durch die Tumulte der Stadt. Plünderer verwüsten Häuser und Geschäfte. Die Feuerwehr setzt alles daran, den immer größer werdenden Brand unter Kontrolle zu bringen, doch es scheint, als würde die Welt untergehen und mit ihr Adam und Marie.

6. Mai (zur PDF-Leseprobe)


An diesem Abend, in dieser Nacht, hatte Marie Vieles gesehen, das sie mit Schrecken erfüllte. Der Menschenstrom, der sich über die Holzbrücke wälzte. Der brennende Turm von St. Nikolai, der so furchtbar die Nacht erhellte. Aber vor allem Adams blasses Gesicht, das dem Tode näher schien als dem Leben. Die menschenleere Straße, die sich nun vor ihr in der Dunkelheit erstreckte, schien dagegen friedlich und sicher. Doch mit jedem Schritt, den Marie tat, gab der Weg langsam seine Schrecken preis.
Es war offensichtlich, dass die Bewohner ihre Häuser in großer Eile verlassen hatten. Die gemauerten Durchgänge, die zu den Höfen führten, waren mit Schränken und Kommoden verstellt. Ein breites Sofa, das keinen Platz auf den Wagen gefunden hatte, schien auf die Rückkehr seines Besitzers zu warten. Zerbrochenes Geschirr lag vor einer offenen Tür.
Nach der Flucht der Bewohner waren die Plünderer gekommen, und auch sie hatten Spuren hinterlassen. Der Boden war bedeckt mit den Scherben der eingeschlagenen Fenster. In einem der Rahmen hing noch das Wurfgeschoss, ein schwerer Holzschemel. Gepolsterten Stühlen hatten sie die Seidenbezüge zerschnitten, sodass ihr Futter wie Gedärm heraushing.
Marie war nicht wohl in ihrer Haut und dafür gab es gute Gründe. Die Vorstellung, allein durch dunkle Straßen zu wandern, möglicherweise betrunkenen Plünderern zu begegnen, war unangenehm genug. Doch die Sorge um Adam quälte sie noch mehr und schien wie ein Stein auf ihrer Brust zu liegen. Jeder Schritt strengte sie an und die Kopfschmerzen, die sie seit einer Stunde hatte, waren hier draußen im Freien nicht besser geworden. Sie atmete tief ein, aber es belebte sie nicht. Die Luft schien schwerer zu sein als sonst.
Sie wusste nicht viel von dem, was man die Naturwissenschaften nannte. Aber der Gedanke, dass das Feuer irgendwie die Luft vergiftete, erschien ihr naheliegend. Sie erinnerte sich an das Büßerstübchen im Waisenhaus. Eine kleine, fensterlose Kammer, in der die Kinder zur Strafe eingesperrt wurden. Dort hatten immer Kerzen gebrannt, die man nicht löschen durfte, und nach einer Weile konnte es sehr unangenehm werden. Vielleicht war die ganze Stadt zu einem Büßerstübchen geworden, dachte sie. Doch dann kamen ihr Zweifel. Eine Stadt war keine verschlossene Kammer. Es konnte also nicht das Gleiche sein.
Außer Atem musste sie sich schließlich setzen und ließ sich auf der Treppe eines Hauseingangs nieder. Adam, dachte sie, du musst wieder gesund werden. Sie wollte, sie durfte ihn nicht verlieren. Wie viel Zeit hatten sie denn schon gemeinsam gehabt? Doch nur einige, wenige Stunden. Nein, sein Fieber war nicht so hoch. Es ging ihm gut. Er lag warm und sicher in ihrem Bett und Catharina hielt Wache neben ihm.
Fast hätte Marie gelacht.
Ja, Catharina würde Wache halten, solange es bequem und sicher für sie war. Aber was würde sie tun, wenn das Feuer näherkam? Würde sie einfach davonlaufen und Adam seinem Schicksal überlassen? Marie befürchtete das Schlimmste.
Der Schmerz pochte in ihrem Schädel, als wolle er sie vorwärtstreiben. Es war auf alle Fälle besser, sich zu bewegen. Deshalb erhob sie sich und machte sich wieder auf den Weg.
Ein, zwei Fenster entlang der Straße waren von Kerzenlicht erhellt. Schatten bewegten sich langsam durch die Räume, aber Marie bezweifelte, dass es Plünderer waren. Vielleicht waren die Bewohner dieser Gebäude nicht in der Lage zu fliehen, vielleicht wollten sie es auch gar nicht.
Vor ihr, in einiger Entfernung, lag ein großer Gegenstand auf der Straße. Zunächst hielt sie es für ein weiteres sperriges Möbelstück, das die Besitzer aufgegeben hatten. Doch als sie näherkam, erkannte sie, dass es ein Pferdekadaver war. Marie blieb stehen und betrachtete das tote Tier. Die Zunge hing dem Pferd unnatürlich weit aus dem offenstehenden Maul. An Hals und Bauch traten die angeschwollenen Adern hervor. Wie gebannt stand Marie da. Woher sie kam, wohin sie wollte, war für einen Moment vergessen. Sie spürte nicht die Kälte der Nacht, roch nicht die bittere Luft. Sie starrte nur auf die lange dunkelrote Pferdezunge, die im Tod das Pflaster leckte. Dann wandte sie sich ab, beugte sich vor und übergab sich.
Nach einer Weile klang die Übelkeit ab, doch Marie vermied es, den Kadaver noch einmal anzusehen. Der Anblick würde sie ohnehin in ihren Träumen verfolgen.
Als sie am Berg endlich Menschen begegnete, empfand sie eine große Erleichterung. Die Frauen saßen hoch oben an den Fenstern und unterhielten sich über die Straße hinweg. Unten standen die Männer zusammen, tranken und warteten auf Neuigkeiten.
Gerüchte machten die Runde. Das Feuer sei gelegt worden, hieß es. Ein Brandstifter, ein Fremder müsse dafür verantwortlich sein. Einer der unseligen Engländer womöglich, die nachts betrunken auf Hurensuche gingen.
»Es ist eine Schande, dass unsere Mädchen für so was die Beine breit machen«, empörte sich ein dicker Mann, dessen dreckige Gerberschürze über dem Bauch spannte.
»Wenn ihr richtige Männer wärt, würdet ihr was unternehmen gegen die fremde Brut«, rief eine kleine Frau mit hasserfüllter Stimme.
»Was soll’n wir denn machen?«, fragte der Dicke. »Sie alle totschlagen?«
Es lief Marie kalt den Rücken hinunter, als sie sich der kleinen Versammlung näherte und die Männer sie bemerkten.
»Bleib doch hier, schöne Frau.«
»Wohin willst du noch so spät?«
»Wird doch wohl kein Engländerliebchen sein?«
Ohne sich umzusehen, ging Marie weiter. Doch die neugierigen Blicke, die ihr folgten, spürte sie nur allzu deutlich. Auf ihren Rücken waren sie gerichtet, auf ihr Hinterteil und ihre nackten Beine. Salz auf der Haut hätte nicht schlimmer brennen können.
Stimmen und Gelächter wurden leiser, als sie in die nächste Straße bog, und verstummten schließlich.
Oh ja, es schwelte etwas in dieser Stadt, dachte sie, und das war nicht nur die Glut des Feuers.


Hoch oben, in Maries Kammer unter dem Dach, lag Adam schlafend und fiebernd im Bett. Catharina saß bei ihm und sorgte dafür, dass seine Arme und die Stirn gekühlt wurden.
Sie hatte die Fenster schon vor Stunden geschlossen, doch der unerträgliche Rauchgestank, der über dem gesamten Stadtteil lag, drang durch die kleinsten Öffnungen herein. Die Wärme der Mainacht und der heiße Wind, der vom Brand heran wehte, machten die Luft in dem kleinen Raum schwer und stickig.
Catharina sah ihn an. Zunächst hatte sie unwillig die kalten Umschläge gewechselt, doch nach einer Weile hatte sie sich daran gewöhnt, seinen verschwitzten Körper berühren zu müssen.
Dies also war Maries Liebhaber, dachte sie. Während ihrer Zeit im Waschhaus hatte sie keinen Gedanken daran verschwendet, mit wem Marie ihre Tage oder Nächte verbrachte. Ein Streuner aus den Gängevierteln, der es niemals zu etwas bringen würde. Genau die Art von Mann, die auch ihr, Catharina, dutzendweise nachlief. Wäre sie ihm auf der Straße begegnet, sie hätte sich abweisend, unnahbar gegeben … und doch musste sie sich nun eingestehen, dass sie es beinahe genoss, für ihn zu sorgen.
Sanft trocknete Catharina seine verschwitzte Brust mit einem Stofftuch. Warum fühlte sie sich nur so angezogen von diesem Taugenichts? Waren seine Gesichtszüge wirklich edler, als die derben Fratzen der anderen jungen Männer? War sein Körper wirklich schöner als die Leiber der ungewaschenen Kerle, denen sie sonst begegnete? Oder war es nur diese herausfordernde Hilflosigkeit und der Gedanke, dass sie mit ihm tun konnte, was sie wollte, der so reizvoll für sie war?
Catharina legte das Tuch beiseite und strich mit ihrer Hand über seine Brust, fühlte seine Haut und die darunterliegenden Muskeln. Hatte sie ihn eben noch für hilflos gehalten? Nein, dies war ein starker, männlicher Körper, das war sogar in diesem Moment, da er schlief, zu spüren. Er war nur geschwächt, weil dieses Feuer in ihm brannte. Dabei war sie dem Fieber fast dankbar dafür, dass sie ihm so nah sein konnte.
Er erzitterte im Schlaf, aufgeschreckt von der sanften Berührung ihrer Hand. Seine Augen bewegten sich leicht unter den geschlossenen Lidern, als seien sie auf der Suche nach ihr. Zu gern hätte sie ihm gezeigt, dass er nicht allein, nicht verlassen war. Doch ihn zu wecken, brachte sie nicht über sich. Deshalb nahm sie seine reglose Hand und führte sie hinauf, an ihr Gesicht. Nur ein Taugenichts, wiederholte sie in Gedanken. Ein Tagedieb, der nie einen Weg aus dem Elend finden würde. Er würde seiner Marie niemals ein annähernd erträgliches Leben bieten können, das stand für Catharina fest. Dabei war er stark und sicherlich auch klug genug, um es zu etwas zu bringen. Aber eine Frau, die nichts anderes als Armut kannte, würde ihm nicht helfen können. Er brauchte eine Gefährtin, die ihn beraten und führen konnte. Eine Frau wie sie, die in einer besseren Gesellschaft geboren und erzogen worden war.
Catharina küsste die weiche Innenseite seiner Hand. Bisher hatte sie immer nur davon geträumt, einem reichen, wunderbaren Mann zu begegnen und seine Frau zu werden. Aber um wie viel erfüllender musste es sein, sich Reichtum und Glück gemeinsam mit dem Liebsten zu erkämpfen. Der Gedanke berauschte sie.
Seine Nähe suchend, kletterte sie auf das Bett und stieg mit einem Bein über seinen Bauch. Darauf bedacht, dass nicht ihr ganzes Gewicht auf ihm lastete, setzte sie sich auf ihn und beugte sich vor. Sein Atem, bisher ruhig und schwer, wurde ein wenig schneller. Catharina streichelte seine Brust, fasziniert von seiner Kraft und Lebendigkeit. Dann beugte sie sich noch weiter vor, bis ihre Lippen sein Ohr fast berührten.
»Sag meinen Namen … Sag Catharina … Catharina.«
Sein Mund bewegte sich, als versuche er, ein Wort zu formen.
»Nenn meinen Namen …«, flüsterte sie, »… dann gehöre ich dir …«

Über den Autor

Buggenthin, Arne

Buggenthin, Arne

Der in Hamburg geborene Autor und Zeichner Arne Buggenthin legt mit „1842. Der große Brand von Hamburg“ seinen ersten Roman vor, der durch einen ausgereiften Stil und eine spannende, an den Fakten orientierte Handlung überzeugt. Mit seiner 2016 gegründeten „Arne... mehr über den Autor

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