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Raubtierstadt
Thriller

Raubtierstadt

Autor: Stäber, Bernhard

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Produktart: Buch

Seiten: 372

Größe: 21,0 x 13,3 cm

Sprache: Deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862826506

Einband: Paperback

EUR 16,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Sara Elin Persen aus dem indigenen Volk der Samen kommt vom Polarkreis nach Oslo, um mehr über den Tod ihres Bruders herauszufinden. Sie glaubt nicht, dass der Umweltaktivist bei einer zufälligen Kneipenschlägerei erstochen wurde.
Sara kommt in einer Künstler-WG im Bezirk Grünerløkka unter. Als einer ihrer Mitbewohner bei einem Einbruch getötet wird, gerät die junge Samin ins Visier eines Mannes, der vor nichts zurückschreckt, um ein antikes Wikinger-Artefakt in seinen Besitz zu bringen. Abgeschnitten von ihrer Familie in der Arktis und heimgesucht von den Erinnerungen an ihren toten Bruder bleibt Sara nur eines, um in Oslos Großstadtdschungel zu bestehen: Sie wird selbst zum Raubtier und jagt ihre Verfolger.

15 (zur PDF-Leseprobe)


Ich bäume mich auf, aber eine Hand drückt mich in sitzende Haltung zurück. Schlagartig weiß ich wieder, was passiert ist. Jemand hat mich in einen Wagen gezogen, einen Kleintransporter. Ein erstickter Schrei entkommt mir, zerquetscht von der Panik, die mich im Griff hat. Als ich tief Luft hole, um diesmal richtig laut um Hilfe zu rufen, spüre ich eine flache Hand auf dem Mund. Der Wollstoff der Balaklava, oder was immer es ist, was man mir über den Kopf gezogen hat, presst sich gegen meine Zähne.
»Hör auf zu schreien«, erklingt eine Stimme auf Englisch dicht an meinem Ohr. Ich zucke heftig zusammen, halte aber mit immer noch offenem Mund inne.
»So ist’s gut. Wir wollen uns nur mit dir unterhalten. Ist nicht nötig, dass dir dasselbe passiert wie Geir. Beantworte unsere Fragen, und wir gehen alle unserer Wege, no harm done. Nick, wenn du mich verstanden hast.«
Ich kann vor Panik kaum klar denken, und mit der Hand auf meinem Mund und dem Stoff dicht über meiner Nase kommt nicht genügend Luft in meine Lunge. Ich würge, und das Blut rauscht mir im Takt meines hämmernden Herzens höllisch laut in den Ohren.
»Ich hab gesagt: Nick, wenn du mich verstanden hast«, wiederholt die Stimme immer noch geduldig, aber mit einem Anflug von Gereiztheit.
Irgendwie schaffe ich es, die Muskeln meines Körpers wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ich spüre den Druck meines Rückens gegen eine Rückenlehne. Ich muss zusammengesackt gewesen sein, aber jetzt sitze ich aufrecht. War ich ein paar Momente weggetreten? Wie lange war ich außer Gefecht? Und noch etwas fällt mir auf: Der Wagen, in dessen Innerem ich mich befinde, fährt nicht. Der Motor ist aus.
Langsam neige ich meinen Kopf vor, der Hand auf meinem Mund entgegen, und bringe ein Nicken zustande.
»Okay«, sagt die Stimme befriedigt, und schlagartig durchzuckt mich die Erkenntnis, wem sie gehört: dem einen der beiden Männer, die bei Geir eingebrochen sind. Natürlich – der Breitschultrige, dem Geir die Tür geöffnet und auf den er geschossen hat!
Auf eine bizarre Art und Weise reißt mich die Erkenntnis komplett aus meiner Lähmung. Ich bin erneut in der Zeit verankert. Meine Panik lässt mich wieder halbwegs nachdenken.
»Du bist sowas wie Familie«, sagt die Stimme des Breitschultrigen dicht neben mir. Sie betont jedes Wort. »Eine von meinem Stamm. Wir haben ihn gut gekannt, weißt du. Für ihn hat das etwas bedeutet. Er war Asatru
Dachte ich es mir doch. Na gut, zumindest hatte ich es geahnt. Geir war ein Asengläubiger gewesen, ein Anhänger der nordischen Religion aus der Wikingerzeit. Ich muss das aufklären, bevor alles noch schlimmer wird.
»Ich … hab Geir nur ein paar Tage lang gekannt«, stoße ich atemlos hervor. »Wenn ihr glaubt, dass er mir irgendetwas Wichtiges anvertraut hat, dann irrt ihr euch!«
»Ich glaub ihr kein Wort«, sagt eine zweite Stimme, etwa einen Meter weiter entfernt. Jetzt muss ich mich doch anstrengen, nicht wieder in starre Panik zu verfallen. Die Stimme klingt rau vor Unmut, aber sie ist es. Sie gehört dem Mann, der mir ein Messer an die Kehle gehalten hat, dem Mann, der Geir angegriffen und ihn erschossen hat.
»Man kann jemanden in einer einzigen Stunde so gut kennenlernen, dass man weiß, ob er Familie ist oder nicht.« Er holt tief Luft, als wolle er dem etwas hinzufügen, aber nichts folgt nach. Es herrscht Schweigen. Ich schweige ebenfalls. Was soll ich auch erwidern? Ich weiß, dass er recht hat. Das Blut rauscht und pfeift mir höllisch laut in den Ohren.
»Er hat dir verraten, wo es ist!«, herrscht mich die zweite Stimme an. Ich weiß genau, dass er sich nicht von seinem Platz etwas abseits bewegt hat, aber ich spüre wieder die kalte Klinge an meinem Hals. Vielleicht wird sie immer da sein, jedes Mal, wenn ich an diesen verfluchten Abend zurückdenke. Unwillkürlich keuche ich auf.
»Sag es uns, was er dir erzählt hat!«, fordert mich die Stimme des Breitschultrigen auf. »Dann machst du’s dir einfach.«
»Ich … er hat mir nichts … Wir haben kaum miteinander gesprochen!«, bricht es aus mir heraus. »Und wenn, dann über völlig alltäglichen Kram. Oder seine Malerei.«
»Ich glaube ihr nicht«, höre ich den Mann mit dem Messer sagen. »Sie verschweigt uns etwas. Ich kann es ihr anhören.«
Die fremde Frau blitzt vor meinem inneren Auge auf, ein vager, verschwommener Umriss, der vor mir davonläuft.
Ich dränge das Bild weg, als könnten die beiden Männer, die mich entführt haben, direkt durch das Dunkel vor meinen Augen in meinen Kopf schauen. Schnell suche ich nach Worten.
»Gebt … gebt mir einen Hinweis«, sage ich außer Atem. »Bitte! Ich weiß wirklich nicht, worum es geht.«
Der Mann mit dem Messer schnaubt verächtlich, aber mit einem Mal ertönt ebenfalls auf Englisch eine dritte Stimme im Inneren des Transporters, geraunt, so leise, dass ich sie gerade noch hören kann.
»Also gut, Sara.«
Dass die fremde Stimme mich mit meinem Namen anredet, lässt meine Panik rotglühend vor meinen Augen auflodern. Mir ist, als würde die Schwärze, die mich umgibt, in Flammen stehen.
Ich höre einen Körper, der sich durch den Transporter bewegt und sich neben mir niederlässt. Ich versuche, der dritten Stimme auszuweichen, aber auf meiner rechten Seite geht es nicht weiter. Schon nach ein paar Zentimetern stoße ich mit der Hüfte gegen die Wand des Wagens.
»Sara Elin Persen«, sagt die leise Stimme links von mir. »Ich habe mich über Sie erkundigt. Das war nicht schwer. Geld öffnet Türen, und mein Auftraggeber kann es sich leisten, jede Tür zu öffnen, die er will.«
Der Unbekannte hört sich nicht wie ein Angeber an, sondern wie jemand, der eine Tatsache klarstellt. Er muss für den Mann arbeiten, von dem mir die Frau im Storsenter erzählt hat. Für den Sammler.
Ich versuche, seine Stimme einem Alter zuzuordnen. Sie hört sich nicht viel älter an als ich, vielleicht Ende Zwanzig bis Mitte Dreißig. Keine Stimme, die ich problemlos wiedererkennen könnte, wenn sie in normaler Lautstärke mit mir sprechen würde. Und natürlich ist das beabsichtigt, genauso wie die Balaklava, die mir bis über die Nase gezogen ist und mich nichts sehen lässt. Der dritte Mann will sichergehen, dass er nicht identifiziert werden kann.
»Die Jüngste von drei Geschwistern. Fünfundzwanzig Jahre alt. Ihre Schwester Marja ist vier Jahre älter, Ihr Bruder Atle wäre nächsten Monat zweiunddreißig geworden. Eine Schande, wenn ein Sohn vor seiner Mutter stirbt.«
Wenn das hier ein Film wäre und ich die Heldin darin, dann würde ich die fremde Stimme vor mir anherrschen, dass sie den Namen meines Bruders nicht noch einmal in den Mund nehmen soll. Aber das hier ist kein Film, und mein Zorn darüber, dass der Mann mir mit seinem Gerede über Atle zeigen will, wie gut er über mich Bescheid weiß, ist eine geduckte Flamme in einer Windbö aus Panik.
»Sie sind weit weg von Kautokeino, Sara«, fährt die leise Stimme fort. »Zum ersten Mal in Oslo, nachdem sie zuletzt in einer Einliegerwohnung im Haus Ihrer Mutter gewohnt haben. Ihre Arbeit als Therapeutin läuft mehr schlecht als recht. Vor allem unterstützen Sie Ihre Verwandten dabei, die Rentierzucht Ihres verstorbenen Vaters über Wasser zu halten. Auch das weiß ich. Sie haben in Tromsø studiert, aber das zählt nicht. Das hier ist Oslo, die Tigerstadt, wie in dem Gedicht, wegen dem sie den Tiger am Bahnhof aufgestellt haben. Oslo ist ein Dschungel, und Sie kennen seine Regeln nicht. Kein Wunder, dass Sie gleich am ersten Abend mit jemandem wie Asbjørn Olstad zusammengerasselt sind.«
Ich zucke unwillkürlich zusammen, als mir das Gesicht des Mannes vor Augen steht, der mich die Treppe in Siris Haus hinuntergestoßen hat. Olstad heißt er also. Irgendwie macht es alles noch persönlicher, plötzlich seinen vollen Namen zu kennen. Ich bin mir sicher, dass dem Fremden neben mir meine Reaktion auf seinen letzten Satz nicht entgangen ist. Aber er geht nicht weiter darauf ein.
»Warum sind Sie nach Oslo gekommen?«, will er stattdessen wissen.
Ich kann dem Fremden nicht antworten. Der Mut, den ich hatte, als ich mich gegenüber Asbjørn behauptete, hat mich verlassen, und mein Kopf ist völlig leer.
»Okay«, höre ich die Stimme neben mir, in der nun Ungeduld mitschwingt, die unterschwellige Gereiztheit von jemandem, der es schon so lange gewohnt ist, dass alles läuft, wie er es will, dass ihn jeder Widerstand irritiert. »Ich weiß es ohnehin. Sie wollen herausfinden, wer für den Tod Ihres Bruders verantwortlich ist.«
»W-Woher …«, entfährt es mir.
»Das war nicht schwer herauszufinden. Sie haben bei der Polizei einen ganz schönen Aufstand gemacht. Haben denen vorgeworfen, sie hätten schlampige Arbeit geleistet, und behauptet, dass Sie nicht an einen Totschlag im Affekt glauben würden. Und nur ein paar Wochen nach seiner Einäscherung sind Sie in eine Stadt gekommen, in der Sie noch nie zuvor waren. Da muss man nur zwei und zwei zusammenzählen.«
Ein leises Keuchen entkommt mir, als ich fühle, wie der Mann neben mir etwas näher an mich heranrückt. Seine Stimme erklingt nun dicht neben mir.
»Sie sind jemand, der stur genug ist, es mit Leuten aufzunehmen, die einen Unfalltod vortäuschen können – wenn es diese Leute tatsächlich gibt. Und wenn die Tigerstadt Sie nicht durchkaut und wieder ausspuckt. Aber letztendlich kümmert es mich nicht. Mein Auftraggeber ist sehr daran interessiert, etwas von Ihnen zu erfahren. Wo ist der Fußbeißer?«

Über den Autor

Stäber, Bernhard

Stäber, Bernhard

Bernhard Stäber wurde 1967 in München geboren, studierte in Berlin Sozialarbeit und arbeitete im sozialpsychiatrischen Bereich sowie in der Kinder-und Jugendhilfe. Seit 2012 lebt er als hauptberuflicher Autor, Lektor und Übersetzer in Norwegen. Er verfasste Artikel und Essays... mehr über den Autor

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