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Denn die Nacht bringt das Meer
Nordsee-Thriller

Denn die Nacht bringt das Meer

Autor: Bicker, Veronika

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 280

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862825004

Einband: Paperback

EUR 14,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Ein Leuchtturm an der Nordsee – hier versucht Marit, ihrem Alltag zu entfliehen. Doch nachts rauben nicht nur der tosende Sturm und die um den Turm peitschenden Wellen ihr den Schlaf. Sie fühlt sich beobachtet, als würde jemand in dem alten Gemäuer herumschleichen. Auch werden in ihr düstere Erinnerungen wach. Vor Jahren wäre ihre Tochter Janna hier beinahe ertrunken. 
Im Dorf trifft sie auf kauzige Küstenbewohner, die von Geistern und Meermännern sprechen. Marit steht vor einem Rätsel: Was hat es mit den vielen ertrunkenen Kindern an diesem Ort auf sich? Warum fuhr Janna damals ganz allein aufs Meer hinaus? 
Und dann kommt erneut ein junges Mädchen zu Tode …

Kapitel Zwei – Geister der Vergangenheit (zur PDF-Leseprobe)


Ein kühler Luftzug hatte sich an den Paravents vorbeigestohlen und strich über Marits Wangen. Sie öffnete die Augen und bemerkte zu ihrer Verwunderung, wie dunkel es im Zimmer geworden war. War sie tatsächlich eingeschlafen?
Ich werde alt. Ein schriller Ton riss sie aus ihren Gedanken. Sie brauchte einen Moment, um das Geräusch richtig einordnen zu können; es schien so gar nicht in diese Welt von Meer und Vergangenheit zu passen. Dann wurde es ihr klar: das Handy. Sie hatte ihren kleinen Lederrucksack vorhin beim Eingang abgelegt, und dort drin befand sich neben ihren Papieren und ihrem Portemonnaie auch das neue Smartphone, das ihr Janna zum Abschied aufgedrängt hatte. Marit eilte die Stufen hinunter. 
Es wird in dem Moment zu klingeln aufhören, in dem ich es in die Hand nehme, ging es ihr durch den Kopf. Das ist doch immer so. Sie beeilte sich, nahm bei der letzten Treppe immer zwei Stufen auf einmal und erreichte den klingelnden Lederrucksack. Noch immer ließ das Handy nicht locker. Jemand wollte sie sehr dringend sprechen. Marit schob die Hand in die Tasche und zog gleich darauf das Handy heraus. Das Display leuchtete ihr in einem matten Blau entgegen. »Janna«, stand darauf. 
Marit seufzte. Einen Augenblick lang sah sie das Handy nur an und hoffte beinahe, dass es nun endlich zu klingeln aufhörte, doch der schrille Ton wiederholte sich unbeirrt. Marit gab auf und drückte den Annahmeknopf.
»Hallo?«
»Du hast nicht angerufen.« Jannas Stimme, wie in weiter Ferne, der Vorwurf war unverkennbar in ihrem Tonfall zu hören. Marit wusste sogar, wie ihre Tochter in diesem Moment aussah, die dunklen Augenbrauen zusammengezogen und eine steile Falte dazwischen, die grauen Augen voller Sturm.
»Hallo Janna.« Marit zwang sich zu einem Lächeln, das Janna sowieso nicht sehen konnte. »Ich bin gut hier angekommen.«
»Wir hatten ausgemacht, dass du anrufst, sobald du dort bist. Ich warte schon seit Stunden auf deinen Anruf.«
»Es tut mir Leid. Ich habe nicht daran gedacht. Nach der Reise war ich müde und habe mich ein wenig ausgeruht.« Marit brachte es irgendwie fertig, weiterhin das Lächeln auf ihrem Gesicht zu bewahren. Janna war nicht beschwichtigt, aber an ihren nächsten Worten konnte Marit zumindest hören, dass sie sich Mühe gab.
»Mama, ich mache mir doch nur Sorgen, wie es dir geht. Du bist ganz alleine dort oben.«
Und ich bin erwachsen. Ich komme zurecht, Janna.
»Ich bin in Ordnung. Ich werde mir jetzt erst mal einen Kaffee machen und dann Abendessen. Alles ist so, wie ich es geplant habe. Du brauchst dir keine Gedanken zu machen. Mir passiert nichts. Was sollte auch schon passieren?«
Schweigen. Marit konnte förmlich hören, wie Janna überlegte. Dann folgte ein unsicheres Lachen. »Kaffee könnte ich jetzt auch gut brauchen.« 
»Mit Karamellsirup?« Zum ersten Mal in diesem Gespräch fühlte sich Marits Lächeln echt an. 
Janna lachte. Es klang schon viel ehrlicher als das zuvor. »Milch mit Karamellsirup«, sagte sie. »Ich erinnere mich. Die ganzen Ferien lang.«
Marits Blick wanderte zur Küchenzeile. Sie fragte sich, ob im Schrank Karamellsirup stehen würde. Sie meinte, den bitter-süßen Geruch von Karamellkaffee riechen zu können, und ihre Gedanken schweiften ab. Zurück zu den Tagen, an denen sie zum letzten Mal Karamellsirup in ihren Kaffee getan hatte. In den Kaffee und in eine Tasse mit warmer Milch.

»Danke, Mama.« Janna nimmt den Becher mit der schwarzweißen Kuh darauf in beide Hände und hebt ihn vorsichtig an ihre Lippen. Langsam bläst sie über die Oberfläche der heißen Milch. Immer so sorgsam, ihre kleine Tochter. Marit selbst gibt einen Teelöffel Karamellsirup in ihren Kaffee, lehnt sich zurück und nimmt einen vorsichtigen Schluck der seltsamen Mischung. Es schmeckt nicht schlecht, entscheidet sie.
»Mama?«
»Was gibt’s?« 
»Tomme hat gesagt, früher gab es so etwas wie Karamellsirup nicht. Nicht mal viel Schokolade. Das ist nur etwas für die Reichen, hat er gesagt, und er hat mich gefragt, ob wir sehr viel Geld haben.«
Marit blinzelt kurz. Das ist jetzt das zweite Mal, dass Janna von diesem Jungen erzählt. Tomme. Ein eigenwilliger Name, aber vielleicht ganz normal in dieser Gegend. 
»Wer ist denn Tomme?«, will sie wissen, und nimmt noch einen weiteren Schluck Kaffee. Wirklich, das mit dem Sirup muss sie sich merken. Vielleicht sollte sie im Hotel auch mal Karamellkaffee anbieten. Vielleicht würde das den entscheidenden Kick liefern. Man könnte ja auch andere Sirups nehmen, Schokolade vielleicht, oder …
»Mama, du hörst mir gar nicht zu!« 
Der Vorwurf in Jannas Stimme ist unüberhörbar. Marit schüttelt kurz den Kopf, um wieder in die Realität zurückzukehren. 
»Tut mir Leid, Kleines. Also, was hast du gesagt?«
»Tomme ist mein neuer Freund.« Janna strahlt. »Er ist ganz ganz toll, Mama. Ich habe noch nie so einen Freund gehabt.«
Marit betrachtet ihre Tochter, das leuchtende Gesicht, die wilden, dunklen Haare, die der Wind in Strähnen an ihre Wangen geklebt hat, die blitzenden Augen, und ist froh, hergekommen zu sein, auch wenn das Hotel Aufmerksamkeit braucht und gerade jetzt dort Hauptsaison ist. Ein Freund. Janna hat keine Freunde, zumindest keine engen. Klassenkameraden, aber keine Freunde.
»Wohnt er hier in einer der Ferienwohnungen?« 
Marit könnte mit den Eltern des Jungen sprechen. Vielleicht wollen die Kinder ja zusammen einen Ausflug machen. Seehundbänke ansehen oder in den Zoo gehen. Das würde Janna sicher gefallen.
Janna schüttelt den Kopf und sieht jetzt ein wenig nachdenklich aus. Sie trinkt einen Schluck Karamellmilch und kaut auf ihrer Unterlippe herum. 
»Ich weiß gar nicht, wo er wohnt. Ich glaube, irgendwo am Strand.«
»Auf dem Campingplatz vielleicht?«
»Nein, das nicht. Ich … ich weiß wirklich nicht.« Plötzlich ist da etwas wie Ärger in Jannas Stimme. »Ist das denn so wichtig?«
»Nein, nein natürlich nicht«, bemüht sich Marit rasch einzulenken. »Darf ich ihn denn mal kennenlernen? Ich glaube, das würde mir Spaß machen.«
Janna legt den Kopf schief und starrt einen Moment lang gedankenversunken aus dem Fenster, dann leert sie den Rest ihrer Karamellmilch in einem Zug und steht auf. »Er sagt, er glaubt nicht, dass dir das gefallen würde. Erwachsene sind immer ein bisschen komisch, findet er, und außerdem kannst du ihn sowieso nicht sehen oder hören.«
Marit wird ein bisschen kälter. Der plötzliche, eisige Wind draußen vor der Tür ist noch nichts gegen den Sturm der Angst, der genauso unvermittelt in ihr zu toben beginnt. Ein imaginärer Freund. Irgendwann musste das ja kommen. Aber jetzt erst? Janna ist acht Jahre alt, sie sollte aus dem Alter doch raus sein. Was sagt das über ihre Gesundheit aus? Leidet sie unter Halluzinationen? 
»Ich gehe jetzt raus, mit Tomme spielen!«, verkündet Janna fröhlich. Sie scheint die Sorgen ihrer Mutter gar nicht recht wahrzunehmen, stößt den Stuhl zurück und springt auf. »Bis nachher!«, ruft sie und ist dann schon zur Tür hinaus. Marit kann das Heulen des Windes hören, von dem ihre Tochter draußen begrüßt wird. Vielleicht spielen ihre Ohren ihr einen Streich, aber sie glaubt, eine helle Stimme in dem Getöse heraushören zu können.

»Mama, bist du noch da?«
Marit schüttelte den Kopf. Wenn sie die Erinnerung nur genauso leicht abschütteln könnte. Unwillkürlich versuchte sie, in der Stimme ihrer erwachsenen Tochter irgendwie das kleine Mädchen wiederzufinden, das Karamellmilch mochte und sich einen Freund erfinden musste, weil sie keinen hatte. Es klappte nicht richtig. Sie hatte das Gefühl, dass dieses Mädchen schon lange verschwunden war.
»Tut mir Leid, ich war in Gedanken.«
»Ist wirklich alles gut bei dir?« Die Sorge, die jetzt aus Jannas Stimme klang, rührte Marit. Ihre eigene wurde sanfter, optimistischer, als sie weitersprach.
»Alles ist in Ordnung, Janna. Der Turm ist schön. Ich wohne jetzt ganz in der Nähe der Ferienwohnung von damals.«
Janna schwieg. Marit wusste nicht, ob Missbilligung in diesem Schweigen lag oder ob sich Janna ebenfalls gern erinnerte. Egal. Sie sprach einfach weiter. »Weißt du noch? Wir sind jeden Tag zu dieser kleinen Eisdiele gewandert. Ich wollte morgen nachsehen, ob es sie immer noch gibt.«
Wieder ein leises Lachen. Marit war erleichtert, es zu hören. »Ich glaube, ich habe noch nie so viel Eis gegessen wie in diesem Urlaub. Ein Wunder, dass wir nicht zehn Kilo zugenommen haben.« Janna machte eine kurze Pause. »Wenn die Eisdiele noch steht, iss eine Kugel Maya-Spezial für mich, ja?«
»Mache ich.«
Sie schwiegen. Keine wusste, wie es jetzt weitergehen sollte. Marit hätte gerne aufgelegt, einfach, weil sie Angst hatte, etwas Falsches zu sagen, etwas, das diesen zarten Waffenstillstand durchbrechen konnte. Aber natürlich konnte sie es nicht lassen.
»Ich will auch zu den Halligen hinausfahren. Die Stelle sehen, wo du damals …«
»Lass das, Mama! Das letzte, was ich jetzt brauche, ist ein Schuld-Trip. Außerdem: Es ist gar nichts passiert.«
»Du bist fast ertrunken.«
»Quatsch.«
»Du hast gesagt …«
»Ich weiß, was ich gesagt habe. Ich war ein kleines Mädchen. Vergiss es Mama, ehrlich!«
Marit konnte den Zorn in der Stimme ihrer Tochter hören. Am liebsten hätte sie sich selbst geohrfeigt. Warum musste sie davon anfangen? Ärgerlich ballte sie ihre freie Hand zu einer Faust und suchte nach einem unverfänglichen Thema, um das Gespräch noch zu einem guten Ende zu bringen. Arbeit. Im Zweifelsfall bleibt immer die Arbeit.
»Janna, ist alles okay im Hotel?«
»Alles okay. Viel zu tun.« Sie bemühte sich, wieder freundlich zu klingen, doch Marit konnte hören, dass Janna das Gespräch beenden wollte. Ein gehetzter Tonfall hatte sich in ihre Stimme eingeschlichen. Ein Tonfall, den Marit nur allzu gut von sich selbst kannte. Sie wusste, wie sie in den Jahren geklungen hatte, in denen das Hotel in ihrer Verantwortung lag.
»Dann störe ich dich nicht länger.« Als wäre sie es gewesen, die angerufen hatte. »Ich melde mich.«

Über den Autor

Bicker, Veronika

Bicker, Veronika

Veronika Bicker, geboren 1978, begann schon in ihrer Schulzeit, Kurzgeschichten und Romane zu schreiben. Während ihres Ökologie-Studiums veröffentlichte sie mehrere Kurzgeschichten in Anthologien und widmet sich seit Abschluss des Studiums ganz dem Schreiben. Ihr Jugendthriller... mehr über den Autor

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