. .
BUCHstäblich NEU
Sie sind hier:

Despina Jones und die Fälle der okkulten Bibliothek
Roman

Despina Jones und die Fälle der okkulten Bibliothek

Autor: Bachmann, Tobias

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 294

Größe: 21,0x13,3

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862827794

Einband: Paperback

EUR 14,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe

In der Bibliothek für okkulte Fälle ist Despina Jones Ermittlerin der besonderen Art: Als Nekromantin kann sie mit den Geistern Verstorbener reden. Doch auch Tote können launenhafte, eigensinnige Zeugen sein. Bei der Auflösung ihrer Fälle wird sie von einem vielseitigen Team unterstützt, das in der antiquarischen Bibliothek ihres Onkels sitzt.

Ein Priester bittet das Ermittler-Team um Hilfe, als ein Leichnam in einer der ältesten Kirchen Londons entdeckt wird. Der unbekannte Mann wurde wie Christus ans Kreuz genagelt.
Despina tappt im Dunkeln, da der Verstorbene sich selbst für Jesus hält und seiner Wiederauferstehung entgegenfiebert. Bald findet sich das Team in einem Strudel religiöser Denkweisen und Praktiken wieder, der es an die Pforten ihrer persönlichen Hölle bringt.

[...] (zur PDF-Leseprobe)
»Na schön«, murmelte sie. Sie atmete tief ein und aus und schritt dann regelrecht ehrfürchtig auf den Leichnam zu. Sie sah das Blut, das aus den Wunden in seinen Händen geflossen und das bereits an der Wand und auf dem weißen Altartuch eingetrocknet war. Auf dem Kopf hatte man ihn mit einer Dornenkrone gequält. Sie bemerkte seine dehydrierten Lippen und fand einen Schwamm mit einem Strohhalm auf dem Boden unter einer der Sitzbänke.
»Wie Jesus«, sagte sie. »Einzig die Wunde durch die heilige Lanze fehlt.« Sie rief sich ein Bildnis des Hauptmanns Longinus vor Augen, das so oft gemalt wurde und ihn zeigte, wie er die heilige Lanze in den Brustkorb oder die Flanke Jesu trieb, um zu überprüfen, ob er bereits tot war. Der Lanze selbst sagte man eine mächtige Wirkung nach. Dank des Blutes Christi mache sie den Träger der Lanze unsterblich, so dass bereits im Mittelalter heftige Auseinandersetzungen und Intrigen um den Besitz der Lanze ausgefochten wurden. Sie zogen sich bis ins dritte Reich, da selbst Hitler an der Reliquie interessiert war, die seit 1946 in der Schatzkammer der Wiener Hofburg verwahrt wurde, soweit Despina recht informiert war.
Ihr Wissen in historischen Belangen war umfassend. Nicht, weil sie so viel las oder weil Tori regelmäßig für sie recherchierte, sondern weil die Toten ihr all die Geschichten erzählten – und sie taten es gerne, da es sonst kaum jemanden gab, der die Fähigkeit dazu hatte zuzuhören. Despina wusste: Nach dem Tod ist es einsam.
Sie sagte: »Bereiten wir der Einsamkeit ein Ende«, und legte ihre linke Hand auf die Stirn des Toten und ihre Rechte auf dessen Brust.
Der Erstkontakt war stets für beide Seiten verwirrend: Zwei Bewusstseine trafen sich wie in einer Art paramythologischen Wolke, die für die Beteiligten zwar sichtbar war, in Wirklichkeit aber gar nicht existierte. Blitze zuckten am imaginären Himmel, und Donner grollte obendrein. Für Außenstehende war dergleichen nicht hörbar, doch für Despina war der Lärm des Donners ohrenbetäubend. Die Blitze blendeten sie, weswegen sie ihre Augen verschlossen hielt, und die Wolken rochen nach Ozon.
Diese intensive Form war tatsächlich und zum Glück nur bei einer Erstbegegnung zu verspüren, was mit Sicherheit auch daran lag, dass der Tote noch nicht allzu lange tot war und sie den Leichnam mit ihren baren Händen berühren konnte. Nahm sie Kontakt zu einem Toten an dessen Grab auf, war der Erstkontakt zwar ebenso intensiv, aber in sich sanfter. Diesmal jedoch kam die Erst-Berührung einer einzigen elektrischen Entladung gleich.
Und erst als die Wolken sich langsam lichteten, war Despina so weit, dass sie mit dem Toten sprechen konnte.
Die Irritation des Toten war spürbar. Es begann immer mit der Irritation darüber, dass da plötzlich jemand war, der Kontakt aufnahm. Als Toter – das wusste Despina aus anderen Gesprächen – spürte man die Präsenz einer Gegenwart, die sonst nicht da war. Oft folgte der Irritation ein Seufzen der Wehmut, bevor die Konversation begann. Hier jedoch war es anders. Der gewohnten Irritation folgte ein ungewohnt herzliches Lachen.
»Du scheinst glücklich zu sein«, sagte Despina daher.
»Glücklich – ja«, gluckste die Stimme des Toten in ihrem Kopf.
»Bist du froh darüber, das Leben hinter dir gelassen zu haben?« Oder war er sich darüber noch nicht im Klaren?, überlegte sie weiter.
»Ich werde wieder auferstehen«,­­­­ lautete die kichernde Antwort.
»So? Wie soll das möglich sein? Tote stehen in den seltensten Fällen wieder auf. Das passiert nur im Film. Bei Zombies etwa.«
»Nein. Bei mir ist es anders. So wie es schon einmal geschehen ist.«
»Wie es schon einmal geschehen ist? Erklär mir das, bitte.«
»Du solltest die Legende kennen.«
»Welche Legende?«
»Die des wiederauferstandenen Christengottes.«
»Hältst du dich etwa für Jesus?«
»Ich halte mich nicht nur für ihn: Es ist kein geringerer als Jesus Christus, mit dem du sprichst.«
Despina öffnete die Augen und besah sich den toten Körper des Mannes, den man gekreuzigt hatte wie sein religiöses Vorbild. »Jesus starb vor gut 2.000 Jahren.«
»Und stand wieder auf, bevor er am dritten Tag gen Himmel fuhr. So wird es wieder geschehen.«
»Aber du kannst nicht Jesus sein.«
»Wieso nicht?«
»Dein Körper befindet sich in einer Krypta in London. Du wurdest umgebracht. Zwar hat man dich nach Christi Vorbild gekreuzigt, aber das alleine heißt noch lange nicht, dass du Jesus Christus bist. Von der Möglichkeit einer Auferstehung brauchen wir gar nicht erst zu sprechen.«
»Ah, ich verstehe. Du willst mich auf die Probe stellen. Bist du ein gesandter Engel meines Vaters?«
»Nein, ich bin kein Engel. Man nennt mich Despina Jones. Ich bin ein Mensch und besitze die Gabe, mit den Toten sprechen zu können. Ich nutze diese Gabe, um Verbrechen aufzuklären, aber auch um den Toten einen Dienst zu erfüllen, indem ich etwa Botschaften an Hinterbliebene überbringe oder umgekehrt etwas ausrichte – vor allem aber, indem ich ihnen zuhöre.«
»Das sind wahrlich seltene Fähigkeiten. Und weswegen sprichst du dann mit mir?«
»Mit dir spreche ich, weil an dir ein Verbrechen verübt wurde. Du wurdest umgebracht, und ich möchte wissen, wer das getan hat. Außerdem würde es mir helfen zu wissen, wer du wirklich bist.«
»Ich bin Jesus Christus«, beharrte der Tote auf seiner Meinung. »Und ich werde wiederauferstehen!«
Na, das kann ja heiter werden, dachte Despina und überlegte krampfhaft, wie sie Jesus klarmachen konnte, dass er eben nicht der war, für den er sich hielt. Vielleicht war er zu Lebzeiten bereits in psychiatrischer Behandlung, weil er sich für Jesus gehalten hatte? Dergleichen gab es doch öfter. Wenn man eine psychiatrische Einrichtung besucht, sitzt dort Gott Vater neben Napoleon.
»Also gut, Jesus. Dann erkläre mir doch bitte, was du in der Kirche All Hallows by the Tower zu suchen hattest«, versuchte es Despina nun.
»Weswegen betritt man ein Gotteshaus, mein Kind? Um mit Gott zu sprechen, natürlich. Auf geweihtem Boden ist man Gott näher, und mir war wohl nach einem Gebet zumute.«
»Du sprichst so, als wüsstest du es nicht genau, als seist du dir nicht sicher.«
»Bin ich mir auch nicht«, gestand Jesus sich ein. »Ich kann mich daran erinnern, auf dem Glockenturm gewesen zu sein. Aber was ich dort oben wollte, das weiß ich nicht mehr. Die Orgel spielte eigenartige Musik.«
»Hast du irgendwen gesehen? Bist du jemandem begegnet?«
»Mir hat sich das Bild einer Jesusfigur eingeprägt. Eine gekreuzigte Statue mit lächelndem Gesicht. So wie ich.«
»Du redest wirr.«
»Der wirre Geist birgt Weisheit in sich.«
Despina seufzte. »Wer hat dich gekreuzigt?«
»Jesus.«
»Und wer bist du?«
»Jesus.«
»Wie soll ich das verstehen?«
»Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.« Der vermeintliche Jesus kicherte wieder.
»Und worum soll ich bitten? Nach wem soll ich suchen? Und an welche Tür soll ich bitteschön klopfen?«
»An Gottes Tür natürlich. Er ist es, nach dem du suchen und den du um Weisheit und Erkenntnis bitten sollst.«
Na toll, dachte sie und sagte: »Ich werde dich jetzt verlassen. Aber ich werde wiederkommen, um mit dir zu sprechen. Vielleicht fällt dir ja noch etwas ein. Vielleicht finde ich etwas heraus, das deinem Gedächtnis auf die Sprünge hilft. Wir werden sehen.«
»Was wird mit meinem Körper geschehen? Man muss mich in eine Grabkammer bringen.«
»Ich werde dergleichen veranlassen«, versprach Despina. »Vertrau mir.« Dann löste sie die Verbindung, indem sie ihre Hände vom Korpus des Leichnams hob. Noch spürte sie das Kribbeln in den Fingern, und fast war ihr, als könnte sie die unsichtbaren Wolkenstränge wie zähe Fäden zwischen dem Leichnam und ihren Händen sehen. Nach und nach rissen sie, und die Stimme des Toten und seine Präsenz in ihrem Verstand verblassten zunehmend, je mehr sie sich von ihm löste.
Es gab besonders intensive Verbindungen, da waren jene imaginären Wolkenstränge fester und schwerer zu durchtrennen. Doch der Tote, der sich für Jesus hielt, kämpfte nicht so sehr darum, in der Welt der Lebenden verankert zu bleiben. Er schien vollkommen losgelöst von allem zu sein. Regelrecht überirdisch kam er ihr vor, und das zum Teil absurde Gespräch hallte mit vielen Fragezeichen in ihr nach, als Despina die Krypta verließ, um nach Jean und Pater Victor zu suchen.
Sie fand die beiden auf der Empore der Kirchenorgel – ein imposant anzusehendes, mächtiges Instrument mit riesig erscheinenden Pfeifen und drei Manualen, die zum Bespielen einluden. Auf der Sitzbank, die für den Organisten bestimmt war, saß eine Frau, die sich ihr als Cat vorstellte und bei der es sich um die besagte Putzfrau handelte, wie Jean sie unverzüglich aufklärte. »Eigentlich heißt sie Mary Cathrin«, erklärte Jean.
Despina schätzte Cats Alter auf etwa 40 Jahre, wobei sie älter aussah. Womöglich ein Drogenproblem, überlegte sie und betrachtete die eingeschüchtert wirkende Frau, die abwechselnd zu Pater Victor und Jean blickte. »Kann ich nun gehen?«
»Halten Sie sich zu unserer Verfügung«, sagte Jean. »Unsere Karte haben Sie, falls Ihnen noch etwas einfallen sollte.«
»Und es kommt auch ganz sicher keine Polizei?« Despina hätte gerne gefragt, was der Frau solche Angst bereitete, wollte aber keine Fragen stellen, die Jean mit großer Wahrscheinlichkeit bereits gestellt hatte.
»Fürs Erste nicht«, beeilte sich da der Priester zu sagen. »Machen Sie sich keine Sorgen. Alles ist gut. Gehen Sie nun nach Hause, Cat.«
»Aber ich bin noch nicht fertig.«
»Für heute ist es sauber genug.«
Cat nickte und erhob sich vorsichtig. »Gut, dann gehe ich jetzt.«
»Eine Frage noch«, sagte Despina nun.
»Ja?«, sagte sie leise und wandte sich vorsichtig um.
Der Spitzname passte, dachte Despina. Ein ängstliches, scheues Kätzchen. »Gehört die Reinigung des Glockenturms auch zu Ihren Aufgaben?«
»Nur einmal im Monat muss ich die unteren Stiegen fegen. Das sei ausreichend, wurde mir gesagt. Ganz oben war ich noch nie.«
»Und gestern? Waren Sie da im Glockenturm?«
Cat schüttelte den Kopf. »Nein. Gestern habe ich gar nicht geputzt. Ich war nur zum Gebet hier.«
Despina nickte und lächelte freundlich. »Ich danke Ihnen.«
Sowohl der Priester als auch Jean sahen Despina fragend an.
»Eine schöne Orgel ist das«, sagte sie, anstatt ihre offenen Fragen zu beantworten.
»Das ist wohl wahr«, ereiferte sich Pater Victor sogleich. »Sie wurde 1957 von Harrison and Harrison Ltd. erbaut und enthält eine Silberpfeife, die der verstorbenen Queen Mary gewidmet ist.«
»1957 erst? Ich dachte, die Kirche wäre eine der ältesten der Stadt?«, sagte Jean.
»Das ist richtig, aber es gibt viele Kriegsschäden zu bedauern. Die alte Orgel wurde 1940 bei einem Luftangriff vollständig zerstört.« Pater Victor schaute betroffen in die Runde. »Aber es gibt ganz berühmte Tonaufnahmen von Albert Schweitzer, der Bach spielen konnte wie kein anderer.«

Über den Autor

Bachmann, Tobias

Bachmann, Tobias

Tobias Bachmann wurde 1977 in Erlangen geboren und lebt seit 2009 mit seiner Familie in einer kleinen Ortschaft im Fränkischen Seenland. Seit 1998 veröffentlichte er weit über fünfzig Erzählungen und über zehn Romane, von denen einige mit Genrepreisen prämiert... mehr über den Autor

Bewerten und Kommentieren

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.

 
Design by MKD Mediengestaltung