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Dreizehn. Die Anstalt. Band 2
Roman (13. Dark Fantasy, Steampunk)

Dreizehn. Die Anstalt. Band 2

Autor: Wilckens, Carl

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 304

Größe: 21,0 x 13,8 cm

Sprache: deutsch

Auflage: 1

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862825721

Einband: Paperback

EUR 15,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Godric End, ehemaliger Auftragsmörder auf der Swimming Island, erzählt den Insassen von Zellenblock 13 seine Geschichte:
 
Die Suche nach meiner Schwester führt mich nach Treedsgow. Ich bin halb erfroren und ausgehungert, als ich dort ankomme. Die einst wohlhabende Stadt wird von Banditen beherrscht. In der Nervenheilanstalt Sankt Laplace macht der Leiter fragwürdige Experimente an Menschen.
 
Ich vertraue niemandem, aber ich wage zu hoffen. Ich bin ein Lügner. Ein Dieb. Ein Killer. Um meine Ziele zu erreichen, ist mir jedes Mittel recht. Trotzdem nennt man mich einen Helden. Aber die Wahrheit über mich ist ein scheues und manchmal hässliches Tier.
 
Wer immer noch glaubt, die Magie sei ein Mythos, hat die Zeichen nicht gesehen. Sie war lange verschollen, aber jetzt wagt sie sich langsam hervor und zeigt mir die Welt hinter den Spiegeln. Währenddessen verlöschen die Sterne.
 
Ihr sollt meine Geschichte hören. Von meiner Zeit in Treedsgow und meiner Begegnung mit dem König der Banditen. Von meinen unfassbaren Entdeckungen in der Nervenheilanstalt Sankt Laplace, von der Welt hinter den Spiegeln und dem Untergang der Welt.
 
Finster, bedrohlich und unglaublich mitreißend.
[…]
Zellenblock 13 schwieg. Es war ein mehrstimmiges Schweigen, das sich nach dem Mord, der auf dem Zellengang geschehen war, zu den Insassen gesellt hatte. Da waren Männer, die genugtuend schwiegen. Ends Stärke und Grausamkeit, sie waren der Grund dafür, dass er zur Symbolfigur des Bürgerkriegs geworden war. Ihretwegen verspürten sie Hoffnung. Denn die an Grausamkeit grenzende Ungerechtigkeit des Bergmannsadels konnte nur mit ebensolcher bekämpft werden. End mochte behaupten, er habe stets seine eigenen Interessen verfolgt. Aber solange er gegen den Schwarzen Baron kämpfte, so dachten sie, kämpfe er auch für die Interessen des Arbeiters.
Dann waren da Männer, die erwartungsvoll schwiegen. End war zu weit gegangen. Sie fragten sich, welche Konsequenzen sein Verhalten haben würde. Würde der Leiter von Blackworth die Ankunft des Schwarzen Barons überhaupt noch abwarten? Oder würde er End an Ort und Stelle exekutieren? Das würde den Schwarzen Baron zornig stimmen, zweifellos, aber war die Angst vor ihm größer als vor End? Was würde End tun? Ihr Held, der gefangen genommen worden war. Der vergessen zu haben schien, warum er die Arbeiter einst wirklich angeführt hatte. Würde er zu sich selbst zurückfinden, wenn man ihn dazu zwang? Wenn ihm der Tod drohte? Oder würde er einfach sterben und damit den Krieg für den Schwarzen Baron entscheiden?
Die restlichen Männer schwiegen ängstlich. Dieser Mann, der behauptete, End zu sein, war nicht der Held, den sie sich ausgemalt hatten. Sie hatten von ihm gehört. Dass er die Barone in Angst und Schrecken versetzte. Dass er selbst angesichts einer Hundertschaft Soldaten einen kühlen Kopf bewahrte. Und ja, dass er bisweilen grausam war. Er kämpfte wie eine Bestie. Er verlieh den Männern an seiner Seite Mut. Männern, die nie eine Waffe geschwungen, nie mit einem Eisen gefeuert hatten, gab er den Willen, die Soldaten der Königin zu töten. Sie hatten gewusst, dass er vor der Revolution ein Schurke gewesen war. Viele hatten an seinen Absichten gezweifelt, aber für die meisten war er stets ein Mann mit Idealen gewesen. Jemand, der zum Verbrecher geworden war, weil er das Spiel der Barone nicht länger hatte mitspielen wollen. Und war nicht jeder aufständische Arbeiter in den Augen der Barone ein Verbrecher? Aber nach allem, was sie hier gehört hatten, fürchteten sie sich. Nicht vor End, sondern davor, dass alles, woran sie geglaubt hatten, eine Lüge war.
[…]
Nach einer Weile räusperte sich der Sänger. „Uns bleibt eine Stunde, bis sie das Frühstück bringen“, sagte er und warf eine Zigarette in Ends Zelle. „Wenn du jetzt anfängst, teile ich meine Portion mit dir.“
„Lass nur“, sagte End. „Wenn sie dich erwischen, werden sie dich vermutlich erschießen. Außerdem ist Hunger ein alter Freund von mir.“ Er hob die Zigarette auf, zündete sie an und nahm einen Zug. „Wo war ich stehen geblieben?“

End
Während meiner schlimmsten Zeit unter dem Einfluss von Perl erwachte ich einige Male nach einem Rausch in den Grotten des Unterrumpfes. Mich weckte jenes eigentümliche Prickeln in den Fingerspitzen, wenn das Gefühl in die Glieder zurückkehrt. Ich fand mich im Neonlicht biolumineszierender Seepocken wieder. Die Umrisse der von Bewuchs überzogenen Wände und verrottender Kisten verschwammen vor meinen Augen. Mir fiel auf, dass ich zitterte, bevor ich merkte, dass ich fror. Die klamme Kälte dieses Ortes war mir in die Glieder gezogen, so tief, dass sie Teil meines Selbst geworden zu sein schien.
Doch was ich damals verspürt hatte, war keine Kälte. Im Wagon war es kalt. Wirklich kalt. Die Luft war trocken. Wände und Boden überzogen von Eiskristallen. Im Fell meines Mantels und in meinem Bart wucherte Raureif. Lippen, Hände und Füße färbten sich blau. Meine Eier zogen sich so tief in den Unterleib zurück, dass ich fürchtete, sie nie wieder herauszubekommen. Die Kälte näherte sich schleichend wie der Schlaf – ein Geist, der Kopf und Körper betäubt –, zog in meine Glieder ein und ließ meine Gedanken gefrieren.
Ich wurde krank und glühte vom Fieber. Der Schweiß dampfte auf meiner Haut. Ich schlief ein, in einer Ecke des Wagons sitzend, und träumte von Sam. Sie und ich waren allein auf der Swimming Island. Der Ozean war zugefroren und wir steckten fest, tausende Meilen entfernt vom Festland. Es war still und weiß. Sam saß mit dem Rücken zur Wand eines Decksaufbausund rührte sich nicht. Sie war steif gefroren. Ihre Haut blau. Ihre Augen blickten starr geradeaus. Ich setzte mich neben sie und legte den Arm um ihre Schultern, um sie zu wärmen. Doch als ich sie berührte, kippte sie zur Seite. Sie schlug auf dem Deck auf und zerbrach.
Ich schreckte aus dem Schlaf. Die in meinem Körper verbliebene Wärme hatte sich einer Streitmacht auf dem Rückzug gleich ins Herz geflüchtet, während die Kälte unerbittlich vorrückte. Hände und Füße spürte ich nicht mehr. Ich versuchte, mich aufzurichten, doch es schien, als hätte sich Eis in den Gelenken eingenistet. So blieb ich liegen und lauschte dem Rattern des Zuges. Wir waren vielleicht ein oder zwei Tage lang unterwegs, doch die Sekunden verrannen zäh wie kalter Honig.
Wir wurden langsamer. Seit ich in den Wagon geklettert war, hatten wir kein einziges Mal gehalten. Doch jetzt wurden wir langsamer. Noch einmal versuchte ich, mich zu rühren. Meine Gelenke knackten. Ich schaffte es, mich aufzusetzen. Nach einer kurzen Verschnaufpause kam ich auf die Beine. Mit letzter Kraft schob ich die Wagontür auf und kletterte ins Freie.
Es war Nacht. Der Wind wehte mir Schneeflocken ins Gesicht, die an meiner Haut haften blieben. Gasleuchten am Bahnhof spendeten fahles Licht, das Dunkelheit und Schneegestöber kaum zu durchdringen vermochte. Ich sank bis zu den Waden im Schnee ein. Ich konnte kaum drei Schritte weit sehen. War ich am Ziel meiner Reise? Unwichtig. Ich konnte nicht länger im Zug bleiben. Einzig mein Wille hielt mich am Leben. Ich musste mich aufwärmen. Etwas essen und trinken.
Ich bahnte mir einen Weg durch den Schnee. Hörte nur den Wind und das Knirschen meiner Schritte. Auf meinen Schultern bildete sich eine weiße Decke. Ich ließ den Bahnhof hinter mir, und die Dunkelheit wurde zur Bühne meines Deliriums. Schatten huschten durch die Nacht. Sie trugen die Gesichter derer, die ich getötet hatte. Jamaal, mit einem blutigen Loch, wo einst ein Auge gewesen war. Der Alte mit aufgeschlitzter Kehle und angefressenen Ohren. Olli mit bleicher Haut und einem Hass im Blick, der ihm im Tode gefroren war. Unzählige gesichtslose Süchtige und Piraten. Chemo. Black Raven.
Es folgte ein Abschnitt, an den ich mich nicht mehr erinnere; als wäre ich sturzbesoffen gewesen, fand ich mich auf den Straßen einer Stadt wieder, ohne zu wissen, wie ich hierhergekommen war. Und dann sah ich sie. Im fahlen Licht einer Gasleuchte stand Sam mit einem Loch in der Stirn. Die Tränen gefroren ihr auf den Wangen.
„Wo bist du gewesen, Fantasma?“, flüsterte der Wind, ihre Stimme.
Ich streckte den Arm aus und stolperte vorwärts. Vor meinen Augen wechselte sie die Gestalt. Nun stand dort Emily, die Haut weiß wie Schnee, und zitterte. In den Händen hielt sie ein Stück Papier. Sie hatte sich verändert. War zu einer wunderschönen, jungen Frau herangewachsen. Hatte so meine Mutter ausgesehen? Hatte sie dieselbe Spitze Nase gehabt, denselben kleinen Mund?
„Emily.“ Meine Stimme war heiser. Emily fing noch stärker an zu zittern. Jäh wandte sie sich um und rannte davon.
Ich stolperte ihr nach.
„Emily!“
Sie verschwand in einer dunklen Gasse. Ich folgte ihr, kam aber nicht weit. Ich stolperte und stürzte. Mein Kopf schlug gegen eine Hauswand. Eine Weile blieb ich im Schnee liegen, während die Welt sich um mich herum drehte. Ich biss die Zähne zusammen. Griff in die Mauerfugen der Hauswand und zog mich auf die Beine. Wo war Emily?
„Lass uns abhauen, Dave. Der sieht gefährlich aus.“
„Sieh ihn dir an. Der ist fast tot.“
Ich wandte mich um. Meine Bewegungen waren träge. Hinter mir standen zwei Männer. Es bestand kein Zweifel, dass sie alles von den Waffen an ihren Gürteln bis hin zur Kleidung an ihren Leibern zusammengeklaut hatten. Der eine groß und behaart wie ein Bär, der andere klein und viel jünger mit einem Gesicht wie eine Ratte. Hatten sie mir ein Bein gestellt?
Der Bär kam auf mich zu und packte mein Handgelenk. Ich reagierte instinktiv. Ließ den Ellbogen vorschnellen und traf seine Nase. Obwohl mein Angriff kraftlos war, floss Blut.
Der Mann grunzte und drängte mich zurück. Mir fehlte die Kraft, um mich zu wehren. Er zog ein Messer. Metall blitzte auf und brennender Schmerz flammte auf Höhe meines Rippenbogens auf. Ich sackte in mich zusammen, und der Bär verpasste mir einen Tritt in die Seite.
„Durchsuch seinen Mantel, Eagon.“
„Er hat Zigaretten. Die auch?“
„Egal. Alles. Wow … woher hat der Bursche so viel Kohle?“ Vor meinem verschwimmenden Blick zog die Ratte ein Bündel Banknoten aus den Taschen meines Pelzmantels.
„Was ist das?“
„Eine schwarze Perle. Was weiß ich. Wir werden schon sehen, was die wert ist.“ Der Bär zog mir den Siegelring vom Finger.
„Er hat ein Buch.“
„Nicht schlecht. Der Schlaumeier zahlt gut, wenn es das Richtige ist.“ Der Bär zog meine Pistole aus dem Gürtel, Chemos Machete und auch das Messer. „Gehen wir.“
„Erschieß ihn. Er sieht gefährlich aus.“
„Sieh ihn dir an, du Schisser. Der ist doch schon fast tot. Wieso eine Kugel an ihn vergeuden?“
Die Ratte murmelte etwas, und er und sein Kumpane verschwanden.
Ich blieb liegen und lauschte dem Schnee, der mich unter sich begrub. Es war vorbei. Sie hatten das Tagebuch mitgenommen, meine Waffen und auch das schwarze Perl. Ich hatte nichts mehr. Nicht einmal mehr meinen Willen.
Ein Paar Stiefel erschien in meinem Blickfeld, als wäre die Person, die es trug, aus dem Himmel gefallen. Wieder wurde ich abgetastet, dieses Mal von kleineren Händen. Jemand zog mir den Pelzmantel aus. Der Unbekannte griff mir ins Haar, zog meinen Kopf in den Nacken und tastete meinen Hals ab – wohl in der Hoffnung, dass an dem Lederband, das ich trug, etwas Wertvolles hing. Er wurde enttäuscht, hatte ich doch bloß eine Muschel darauf aufgefädelt.
Nun aber sah ich etwas. Ein Blatt Papier im Schnee, beschriftet mit einer vertrauten Handschrift. Das Blatt, das Emily in Händen gehalten hatte. Eine der dreizehn fehlenden Seiten aus Williams Tagebuch.

20. Ährengold 1713, Ruhenacht

Da war er. Ein Hinweis, der mich vielleicht zu Emily führte. Ein Funke, der meinen Lebenswillen aufs Neue entfachte. Der Fremde fasste mich an der Schulter und drehte mich auf den Rücken. Ich blickte in das Gesicht einer jungen Frau. Sie war klein und hatte Sommersprossen. Ihr Haar war flammend rot und gelockt, ihre Augen gelb wie Bernstein mit schlitzförmigen Pupillen wie bei einem Fuchs. Auf der Stirn trug sie eine Art Fliegerbrille mit runden Gläsern und Messinggestell. Als sie mir in die Augen sah, erschrak sie. Ihr Blick traf den eines Mannes, der hätte tot sein müssen. Die Haut weiß, die Lippen blau. Haar und Bart durchsetzt von Eiskristallen. Blut troff aus einer Wunde an der Stirn, wo ich bei meinem Sturz aufgeschlagen war, und gefror auf der Haut. Doch die Augen – Augen so dunkel wie schwarzes Perl – glühten vor Leben. Die Unbekannte wich zurück, ohne den Blick loszureißen. Dann rannte sie davon, den schweren Bärenpelzmantel hinter sich her schleifend.
Ein weiteres Mal zog ich mich auf die Beine. Mein Herz schlug schneller, widerwillig, wie ein Kind, das zum wiederholten Male wachgerüttelt wird. Ich schlurfte durch den Schnee wie ein wandelnder Toter. Ich brauchte dringend Hilfe. Ein Feuer, an dem ich mich aufwärmen konnte. Wasser oder vielleicht eine heiße Brühe. Doch ich bezweifelte, dass mich jemand ins Haus lassen würde; nicht so, wie ich aussah. Halbnackt und vernarbt, bärtig und blutend, das Haupthaar wegrasiert von einem Streifen in der Mitte abgesehen.
Als ich an einem Fenster vorbeiging, sah ich ein Licht – eine Kerze hinter dunklem Glas – und eine Erinnerung fand mich. War heute Tausonnnacht? Der letzte kalte Tag des Winters, hieß es. Man zündete eine Kerze an als Zeichen der Gastfreundschaft. Vielleicht hatte ich Glück. In dem Teil meines Hirns, der noch nicht taub vor Kälte war, regte sich etwas. Taumondnacht. 26. Taumond … welchen Jahres? Womöglich waren seit Williams letztem Tagebucheintrag erst wenige Monate vergangen.
Ich trat vor eine Haustür und klopfte. Nichts. Wieder klopfte ich, dieses Mal ohne Unterbrechung. Kurz darauf öffnete sich eine Klappe in der Tür und die Mündung einer Flinte erschien.
„Verzieh dich, Arschloch.“
Ich wich zurück und humpelte davon. Ich konnte unmöglich in Treedsgow sein. Das war nicht die Stadt, die William in seinem Tagebuch beschrieben hatte, sondern eine Stadt voller Diebe und Mörder. Eine Stadt, in der ein versehrter Mann bei Tausonnnacht mit einer Flinte davongejagt wurde.
Wieder folgte ein Abschnitt, in dem ich bewusstlos umherstreifte. Ich fand mich am Hafen wieder. Der Salzgeruch des Meeres vermischte sich mit der Kälte. Gasleuchten entlang der Promenade spendeten blasses Licht. Ich sah noch mehr Kerzen hinter dunklen Fenstern. Rudimente einer Tradition, mehr nicht.
[…]

Über den Autor

Wilckens, Carl

Wilckens, Carl

Carl Wilckens, Jahrgang 1990, gehört zu der Generation, die von Fantasy-Literatur geprägt aufgewachsen ist. Zu seinen ersten literarischen Kindheitseindrücken gehören Vorlesestunden, gemeinsam mit seinen fünf Geschwistern, die seine spätere Leidenschaft für das... mehr über den Autor

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