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Dreizehn. Der Gletscher. Band 4
Roman (13. Dark Fantasy, Steampunk)

Dreizehn. Der Gletscher. Band 4

Autor: Wilckens, Carl

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 544

Größe: 21,0x13,8

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862827763

Einband: Paperback

EUR 18,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Godric End, Symbolfigur des Bürgerkriegs in Dustrien, erzählt den Insassen von Zellenblock 13 seine Geschichte.
Ich sah, wozu die uralte Technologie der Segovia fähig ist, und kämpfte gegen die Enerphagen. Es passieren verrückte Dinge um mich herum, und ich bin mir nicht mehr sicher, was davon real ist. Ist es Zufall, dass mir genau jetzt ein Buch in die Hände fällt, das fast so viele Antworten gibt, wie ich Fragen habe?
Ich will die Geschichte von Norin, dem Unbezwungenen, mit euch teilen, aus der Zeit, bevor die Synaígie und die Bösen Geister für mehrere Jahrtausende verschwanden. Von seinem Leben in der Stadt der Brücken und einer Bedrohung nie dagewesenen Ausmaßes. Von seiner Reise nach Ad Etupiae, seiner Entdeckung einer verborgenen Stadt und dem Anfang vom Ende der Welt.
[...] (zur PDF-Leseprobe)
In dieser Nacht lag ich wie schon in den Nächten davor lange wach und starrte an die Decke meines Zimmers. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es sein würde, nach Hause zu kommen. Meine Mutter hatte die Hoffnung vermutlich längst aufgegeben. Wie würde sie reagieren, wenn ich zu ihr zurückkehrte? Würde sie mich überhaupt noch erkennen? Ich war nun seit fünf Jahren fort. Die Wahrheit war, dass ich mich selbst kaum an sie erinnerte. Ihr Gesicht war nunmehr ein Schemen in meinem Kopf: die Erinnerung an eine Erinnerung. Und Máedoc? Ob er noch am Leben war? Er hatte stets einen gesunden Eindruck gemacht, doch konnte sich das bei Menschen in seinem Alter schnell ändern. Was war wohl aus all den anderen geworden? Aus Brent, dem Spieler? Aus Una, der Falschen, und Otis, dem Trinker? Die Kinder des Dorfes waren erwachsen. Lugh und der große Pit. Ob er wusste, dass es seine Schuld war, dass ich verschwunden war?
All diese Fragen und die bildliche Vorstellung davon, wie es sein würde, in meine Heimat zurückzukehren – meine Mutter endlich von der Frage zu erlösen, was mit mir geschehen war, und den Hoffnungsfunken in ihrem Herzen, der vermutlich nie ganz verlöschen würde, Wirklichkeit werden zu lassen – hielten mich wach bis spät in die Nacht. Am nächsten Morgen, drei Runde bevor mein Abkommen mit dem Kartell endete, wollte ich Nathair ein Angebot für den Kessel machen. In meiner Heimat würde ich mich der Alchemie widmen, egal, ob Máedoc oder irgendein anderer Druide bereit wäre, meine Ausbildung fortzusetzen.
Der Alchemist des Kartells war jedoch nicht im Labor. Das war ungewöhnlich, war er doch in den Monaten unserer Zusammenarbeit stets pünktlich gewesen. Ich dachte mir nichts weiter dabei und fing ohne ihn an. Während meine Hände wie von selbst arbeiteten, schwelgte ich in Erinnerungen an meine Heimat. Stunden verstrichen, während derer Nathairs rätselhafte Abwesenheit mich völlig ungerührt ließ. Erst gegen Mittag, als ich an einen Punkt gelangte, an dem ich meinen Teil der Arbeit für gewöhnlich mit dem von Nathair zusammenführte, fragte ich mich, wo er steckte. Ich überlegte noch, ihn suchen zu gehen, da ertönte ein Knall. Er musste seinen Ursprung in einem der oberen Stockwerke haben, doch war er so laut gewesen, dass ich einen Augenblick lang glaubte, etwas im Labor sei explodiert. War das ein Schuss gewesen? Hatte jemand eine Waffe an den trüben und doch wachsamen Augen von Perth, dem Türwächter, vorbeigeschmuggelt?
Ich musste nicht lange mit hämmerndem Herzen warten, bis ich eine Antwort erhielt. Es war offenbar nicht nur eine Waffe ins Rathaus gelangt. Wieder gab es einen Knall, gefolgt von den krachenden Schüssen synaígischer Schrotflinten. Stimmen wurden laut: Warnrufe, Wutgebrüll und Schmerzensschreie. Über allem ertönte ein rhythmisches Donnern, das nur von einer Synaígo-Impuls-Repetierkanone stammen konnte: ein tragbares Geschütz mit dreifachem, axial federnd gelagertem und rotierendem Lauf, das sein Patronenlager über einen Mechanismus aus einem Magazin befüllte. Einer der Söldner, die das Kartell anheuerte, hatte mir einmal erklärt, dass man mit dieser Waffe nicht so schnell feuern konnte wie mit einem Revolver. Doch hatte man ein Vielfaches mehr als sechs Schuss, bevor man manuell nachladen musste. Außerdem feuerte dieses Baby, wie der Söldner die Waffe genannt hatte, die er mit einem Gurt dicht an seinem Körper geführt hatte, die Projektile mit einer solchen Durchschlagskraft ab, dass sie Löcher in Wände stanzte.
Eine Zeit lang war ich bewegungsunfähig, während mein Herz so schnell pumpte, dass es sich beinahe überschlug. Mein erster klarer Gedanke war, mich unter einem der Tische zu verstecken. Dann flog die Tür zum Labor auf, und Nathair stürmte herein. Er war verschwitzt, sein Haar zerzaust. Auf seiner Nase fehlte der Zwicker, wodurch sie seltsam nackt wirkte. Er hielt sich den linken Arm. Dunkles Blut rann durch seine Finger.
»Eine Razzia!«, rief er gehetzt. Rotz lief ihm aus der Nase, und er schniefte. »Dieser Hurensohn von einem Lord hat uns hintergangen. Beeilung, Norin. Wir müssen von hier verschwinden, solange wir noch können!« Ehe ich mich rühren konnte, stürmten vier Uniformierte ins Labor und richteten ihre Waffen auf Nathair. Der Alchemist hob die Hände und sah den Männern so reglos entgegen, als wären sie eine scharfe Bombe, die beim leisesten Lufthauch explodierte.
Wenige Sekunden lang herrschte Stille. Selbst die Synaígo- Impuls-Repetierkanone schwieg, als zollte sie diesem Moment des Atemholens ihren Respekt. Dann begannen die Männer zu feuern. Ihre Kugeln schlugen in Nathairs Leib ein, trennten sauber einen Finger von seiner Hand, der durch die Luft segelte und in einem Mörser landete, durschlugen seine rechte Wange und rissen ihm ein Ohr vom Kopf. Die meisten Projektile blieben irgendwo in ihm stecken. Manche traten auf der anderen Seite wieder heraus und zerstörten die Laboreinrichtung, zogen dunkle Blutschlieren hinter sich her und zeichneten auf makabre Weise faszinierende Muster auf Wände, Boden und Decke. Schließlich stürzte der Mann, der in den letzten zwei Jahren mein Partner gewesen war. Die Waffen der Uniformierten verstummten. Eine Blutlache breitete sich schneller unter Nathair aus, als ich zurückweichen konnte, und meine Fußspitzen hinterließen rote Abdrücke auf den weißen Fliesen. Mit starren Augen sah Nathair zur Decke, während ich mich absurderweise fragte, ob sie deshalb so fremd wirkten, weil sie leer waren, oder weil er seinen Zwicker nicht trug.
Im nächsten Moment richteten die Männer ihre Waffen auf mich. Zu geschockt von dem Schauspiel, das sich mir geboten hatte, um Angst zu fühlen, blickte ich ihnen entgegen.
»Mach keinen Scheiß, Junge, oder du wirst genauso enden wie er«, sagte einer der Uniformierten. Er ließ die Waffe sinken und zückte ein Paar eiserne Handschellen. Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich mich nicht wehren können. Ich war nicht einmal sicher, ob ich imstande war, zu laufen, als der Mann mir den Lauf seines Gewehrs in den Rücken bohrte. Irgendwie schaffte ich es doch, und zu fünft – zwei Männer vor mir, zwei hinter mir – verließen wir das Labor.
Die Schießerei war verstummt. Nur vereinzelt ertönten noch Schüsse im Rathaus wie der ausklingende Lärm eines Fests; nur dass dieses keine leeren Weinflaschen, Erbrochenes und die ein oder andere Schnapsleiche hinterlassen hatte, sondern echte Leichen und Blut und Patronenhülsen. Der Gestank des Todes – eine Mischung aus Eisen und den Fäkalien derer, die in den Bauch getroffen oder sich bei Eintritt des Todes beschmutzt hatten – breitete sich genauso schnell im Gebäude aus wie die Stille. Das Kartell war zerschlagen. Seine ganze Macht, die es in den letzten zwei Jahren aufgebaut hatte, war innerhalb von einer Stunde zunichtegemacht worden.
Die Uniformierten führten mich hinauf in den Turm, der das Gebäude mit der obersten Ebene verband, und wir traten ins Freie. Es wehte nur ein leichter Wind, der den Gestank der Straßen kaum zu vertreiben vermochte. Vor dem Eingang fast jeden Hauses brannte Zedernholz in Räucherschalen, und ihr holzig-balsamischer Duft stemmte sich verzweifelt gegen die schlechte Luft von unten.
Erst, nachdem wir mehrere Brücken zwischen uns und das Hauptquartier des Kartells gebracht hatten, fand ich meine Stimme wieder.
»Wohin bringt ihr mich?«, fragte ich.
»Wo du hingehörst, Druide«, knurrte einer der Uniformierten. »In den Kerker.« Seine Worte schnürten mir die Kehle zu. Das durfte nicht wahr sein! In nur drei Runden hätte ich Tabulon für immer verlassen. Und ausgerechnet jetzt beschloss Lord Torquil eine Razzia durchzuführen! Tränen der Wut traten mir in die Augen, und ich blickte gen Himmel. Gab es dort überhaupt jemanden, der über mich wachte? Hatten die Ahnen von Normar mich aus den Augen verloren? Oder wollten sie schlicht nicht, dass ich in meine Heimat zurückkehrte?
Das Gefängnis Tabulons beanspruchte das unterste Stockwerk von Lord Torquils Schloss wie der burgeigene Kerker einer Festung. Als uns nur noch wenige Brücken von dem Prachtbau trennten, betraten wir einen Turm und tauchten über eine Wendeltreppe ins Zwielicht der unterste Ebene ein. Am von Moos und Algen überzogenen Fuß des Schlosses traten wir durch einen Mauerbogen, der geradewegs in den fülligen Leib dieses Ungetüms von einem Bauwerk führte. Ein modriger Geruch stieg mir in die Nase. Ein Wächter reichte den Uniformierten einen synaígischen Scheinwerfer, und sein goldgelbes Licht machte einen Gewölbekomplex sichtbar, der Katakomben ähnelte. Statt Grabkammern hatte man Zellennischen in die Wände gehauen, die jedoch nicht wesentlich mehr Platz boten. Hinter den Gittern rissen ausgehungerte Gestalten die Arme vor die Augen, wenn das Licht der Laterne auf sie fiel: Männer mit langen Bärten und Frauen, deren schmutziges Haar ihnen wie ein Vorhang ins Gesicht fiel. Ich begann, nach Luft zu schnappen, weil ich das Gefühl hatte, jemand lege ein dünnes Seil um meinen Hals und zöge es zusammen. Hier würde ich den Rest meines Lebens verbringen? In einer Zelle, in der man gerade mal liegen und stehen konnte? Da bevorzugte ich es, bei einem Fluchtversuch erschossen zu werden.
Ich holte tief Luft – sammelte Mut, um mein Vorhaben in die Tat umzusetzen –, da ließ mich ein einschneiender Gedanke zögern. Warum hatte man mich überhaupt am Leben gelassen? Diese Männer hatten Nathair mit Kugeln vollgepumpt, obwohler sich ergeben hatte. Sie schienen zu wissen, wer ich war. Hatte mich nicht einer von ihnen Druide genannt?
Es war die leise Hoffnung, dass ich nur aus dem Grund lebte, weil ich noch gebraucht wurde, die mich von dem aussichtslosen Versuch abhielt, davonzurennen. Gegenebenfalls bestand die Möglichkeit zu verhandeln.
Die Uniformierten führten mich tief ins Innere des Verlieses und sperrten mich fern von allen anderen in eine Zelle, die kaum mehr war als eine vergitterte Nische in der Wand. Sie gingen fort und ließen mich mit der Dunkelheit und Stille allein zurück. Ich setzte mich auf den Boden, vergrub das Gesicht in den Händen und schluchzte. War das die Strafe dafür, dass ich das Wissen der Druiden missbraucht hatte? Eine lange Zeit quälte mich diese Frage. Schließlich schloss ich die Augen, weil die Dunkelheit hinter meinen Lidern nicht ganz so erdrückend war wie die, mit der ich den Platz in diesem Verlies teilte. Ich lauschte den Geräuschen, die ab und an durch die Gänge hallten: das Flehen eines Insassen, das Schreien von jemandem, dem die Jahre hier unten den Verstand geraubt hatten, und das Fiepen und Trippeln der Ratten. Wieder und immer wieder musste ich die Vorstellung daran, nach Hause zurückzukehren, aus meinem Kopf vertreiben, der noch nicht begriffen zu haben schien, dass dieser Traum nicht wahr werden würde.
Irgendwann ergriff eine gähnende Leere von mir Besitz, als saugte dieser nasskalte Ort alles aus mir heraus: Hoffnung und Lebenslust genauso sehr wie Kummer und Angst. Ich war ein Narr gewesen, zu glauben, es gäbe einen Grund, aus dem man mich am Leben gelassen hatte. Vermutlich hatte sich bloß niemand dazu überwinden können, jemanden zu erschießen, der noch ein halbes Kind war; obgleich das Schicksal, das man mir stattdessen zugeteilt hatte, ungleich schrecklicher war.

Über den Autor

Wilckens, Carl

Wilckens, Carl

Carl Wilckens, Jahrgang 1990, gehört zu der Generation, die von Fantasy-Literatur geprägt aufgewachsen ist. Zu seinen ersten literarischen Kindheitseindrücken gehören Vorlesestunden, gemeinsam mit seinen fünf Geschwistern, die seine spätere Leidenschaft für das... mehr über den Autor

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