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Wintermädchen. Der Fremde zwischen zwei Welten

Wintermädchen. Der Fremde zwischen zwei Welten

Autor: Demirtas, Ipek

Lieferbar in 48 Stunden


Produktart: Buch

Seiten: 360

Größe: 21,0 x 14,5 cm

Sprache: Deutsch

Auflage: 1 Erstauflage

Verlag: ACABUS Verlag

ISBN: 9783862820610

Einband: gebunden

zum eBook

EUR 24,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
'Er hatte sich auf den Weg zwischen zwei Distanzen begeben und war irgendwo dazwischen geblieben. Ohne je wirklich anzukommen.' Harun Kara, Ende Dreißig, gebürtiger Türke mit deutschem Pass, erscheint mustergültig integriert. Als arrivierter Manager und anerkannte Koryphäe auf seinem Gebiet ist er erfolgreich und beruflich weltweit auf Reisen. In jedem Hotel zu Hause, aber eigentlich nirgendwo daheim. Der plötzliche Anruf seines jüngeren Bruders reißt Harun aus dieser hochbetriebsamen Einsamkeit und katapultiert ihn weit in seine Vergangenheit zurück: Der Vater liegt im Sterben. Ohne zu zögern, nimmt Harun das nächste Flugzeug nach Istanbul, um seine Familie das erste Mal nach 17 Jahren wiederzusehen. Hier, in der Stadt zwischen den Kontinenten, beginnt die verborgene Geschichte eines tief Entwurzelten sichtbar zu werden, eines Fremdbleibenden, der doch längst neue Wurzeln geschlagen zu haben scheint. Und dabei in Wahrheit immer noch die Flucht eines kleinen Jungen vor sich selbst und seinen Erinnerungen fortsetzt. Erinnerungen an ein lange versunkenes Leben in der abgeschiedenen Bergwelt Ostanatoliens und Erinnerungen an das 'Wintermädchen', dessen Geheimnis sich nun enthüllt. 'Wintermädchen' erzählt die Geschichte eines dieser zwischen den Welten Verpflanzten, deren Weg von der Kindheit ins Erwachsenenalter über die Grenzen von Ländern und Kulturen hinweg verläuft. Die sich in einer Welt, die weit jenseits ihrer Herkunft und Sprache liegt, neu erfinden müssen. Und im Falle entscheiden, was oder wer sie künftig sein wollen. Was spielt sich im Inneren dieser Entwurzelten ab? Sterben einmal ausgerissene Wurzeln ab oder bleibt immer eine Art Phantomschmerz? Zwischen zwei Heimaten: Wer ist man wirklich und wo ist man wer? Heimisch in der Fremde, fremd in der Heimat? Es die Geschichte von Brüchen und Verwerfungen in der Existenz, von Wunden und Narben in Bewusstsein und Seele, fern von dem, was politisch oder gesellschaftlich im Kontext von 'Integration' oder 'Diskriminierung' diskutiert wird. Und es ist die Geschichte einer doppelten 'Entfremdung': Einer ersten im herkömmlichen Wortsinn und einer zweiten, die das Wort wörtlich nimmt - Entfremdung als Aufheben des Fremdseins in der Versöhnung mit den eigenen Wurzeln.
Nach dem Lärm der vergangenen Tage nun Stille. Obwohl Lärm ein unangemessenes Wort dafür war. Aber jetzt, in dieser plötzlichen Stille, kam es ihm so vor. Oder schien es ihm jetzt nur so still, weil vorher soviel – Lärm gewesen war? Seine Familie, seine Eltern, sein Land. Er war müde, erschöpft. Und erleichtert, hier zu sitzen. Weg vom … Von alldem. Harun lehnte seinen Kopf an den Rand des ovalen Kabinenfensters. Er hatte das Schutzrollo halb heruntergezogen. Aus der unteren Fensterhälfte drang die gleißende Helligkeit, rief ihm die hier drinnen nicht mehr fühlbare Hitze von draußen zu. […] Vielleicht kam der nachhallende Lärm dieser vergangenen Tage auch gar nicht von ihnen, den Tagen, sondern aus ihm selbst? Als Nachhall der Begegnung, der Konfrontation? Waren es nicht seine eigenen Gedanken, Gefühle, die in ihm unhörbar lärmend übereinander stürzten? Unwirklich kam ihm alles vor, das ganze, zu äußerster Wirklichkeit geballte Zeitstück, das jetzt hinter ihm lag. Mit seinen so anderen, so fremden und doch nicht fremden Kulissen, Lauten, Gerüchen. Mit den so fremden und doch nicht fremden Menschen, ihren Bewegungen, ihren Gesten und Worten. Gerade den Menschen, die seine Familie waren. Seine vergessene und doch nie vergessene Familie. Und plötzlich alles so nah, so laut. So bedrängend, fordernd. Fremd und vertraut. Unerreichbar vertraut. Zerrissen jetzt der Schleier des Fast-Vergessens. Alles wieder gegenwärtig. Kam daher der Lärm in ihm? Hätte er das alles vermeiden können? Hätte er es überhaupt vermeiden wollen? Diese Frage war immer wieder in ihm an die Oberfläche gebrochen. Mit den Jahren flüchtiger, aber doch so, dass er sie bemerken musste. Irgendwo tief unten, wohin er alle Gedanken daran verbannt hatte. An seine Familie. An sein Woher. Ohne dass er all das je ganz hatte bannen können. Das war die nie ausgesprochene, kaum gedachte, nur immer wieder gefühlte Frage gewesen. Was also sollte, was würde er tun, wenn sein Vater oder seine Mutter im Sterben lägen oder dem Tode nahe erkrankten? Die einzig verbliebene Vorstellung, sich ihnen doch noch einmal zu nähern. Vielleicht würde man ihn auch gar nicht benachrichtigen. Oder erst, wenn es zu spät wäre. Zu spät für eine Begegnung noch im Leben. Aber Harun hatte gewusst, geahnt, dass man ihn benachrichtigen würde. Trotz allem. Eines Tages. Irgendwann. Vorher. Und so hatte sein kleiner Bruder, der längst nicht mehr klein, sondern ein erwachsener Mann geworden war, ihn dann benachrichtigt. An einem frühen Sonntagnachmittag. Harun hatte das Telefon lange klingeln lassen, gedacht, es wäre Ines, war unschlüssig gewesen, ob er abheben sollte. Wie er oft unschlüssig war. Und dann … dann eine fremde Stimme, eine lang fremd gewordene Sprache. Und doch hatte Harun sofort gewusst, wer da am anderen Ende der Leitung gewesen war. Noch bevor der Name des Anrufers fiel. Hallo … Bist du das, Harun …? Ja, er ist es, Harun. Als ob plötzlich die Zeit erstarrt wäre. Nein, nicht bloß erstarrt. Als ob sie in ihrer Erstarrung zugleich begonnen hätte, rückwärts zu laufen. Rasend schnell. Jahre wie Sekunden. Zeit und Raum aufgehoben. Ich bin es … Ibrahim. Ja, es ist Ibrahim, sein kleiner Bruder. Nur stimmt das Bild, das er von Ibrahim noch in sich trägt, nicht mit der tiefen, ernsten Stimme des Mannes am Telefon überein. Wie alt ist Ibrahim damals gewesen, als er ihn das letzte Mal gesehen hatte? Acht, ja, acht Jahre alt, ein Kind. Ein Kind, das nicht verstehen konnte, dass sein älterer Bruder von ihnen weggehen würde. Von ihm und Papa und Mama. Von den Eltern, der Familie. Aber der, der ihn da am vergangenen Sonntagnachmittag angerufen hatte, war längst kein Kind mehr. Und der Mann, der Ibrahim war, hatte ihm mitgeteilt, dass … Vater krank sei, sehr krank. Sie hatten sonst nicht viel gesprochen. Keine Fragen gestellt, um die Zeit, die Ewigkeit, die zwischen ihnen gewachsen war wie eine unübersehbare Fläche wilden, brachen Landes zu durchdringen. Wie hätte das auch mit nur ein paar Fragen und Antworten möglich sein sollen? Es war nur die Nachricht: Der Mann, der sein Vater war, lag sterbenskrank zu Hause. Es war also soweit. Und Harun würde kommen. Natürlich würde er kommen. Endlich würde er kommen. Ibrahim hatte ihm die Adresse genannt. Dann hatten sie aufgelegt. Harun würde kommen. Zu dem Haus, in dem sie lebten, all die Jahre über gelebt hatten. Ohne ihn. Und er hier, weit von ihnen, ohne sie. So viele Fragen, die sich plötzlich auftreibend gestaut hatten, gestaut zu einer nebelnden Leere und Schwere. Und trotzdem, es war seltsam: Harun hatte, ohne es recht fassen zu können, sofort eine Nähe zu dieser fremden Stimme am Telefon empfunden. Zur Stimme, die von zweitausend Kilometern und 17 Jahren her plötzlich zu ihm herüber geklungen war. In einer fremd vertrauten Sprache. Der Stimme des Mannes, der einmal sein kleiner Bruder gewesen war. Wer war er heute? Doch immer noch sein Bruder. Sein ferner, fremder Bruder. Dessen Stimme ihn berührt hatte. Etwas Fernes und Fremdes tief in ihm. Ganz nah. Es war so. Und wenn er es nicht immer gewusst hätte, wäre es ihm spätestens jetzt gewiss geworden: Wurzeln zu haben, sie zu fühlen, tief in sich, es konnte nicht weniger schmerzhaft sein, als wenn man keine Wurzeln hätte, es stattdessen nur eine Leere gäbe. Dann wäre der Schmerz Sehnsucht, Sehnsucht nach etwas, das die Leere füllte. Bei ihm war keine Leere, aber doch ein Schmerz. Der Schmerz, der von den Wurzeln kam, von denen er gerissen war, ohne von ihnen gelöst zu sein. Der Schmerz, der ihn jetzt aufstörte wie nie, ihn mit Fragen verfolgte, die er sich nicht stellen wollte. Weil es keine Antworten darauf gab. Nur den Schmerz. Weg von dort, wo die Wurzelenden nicht nur in die Erde reichten. Endlich, nach diesen aufgeladenen und zugleich entrückten Tagen, saß Harun wieder hier im Flugzeug. Damit schon fast wieder in seiner Welt, die so weit entfernt lag von dieser Welt da draußen, der Welt seiner Wurzeln, der er nun wieder begegnet war. So plötzlich und so nah, so unerträglich nah. Die Nähe fühlte sich viel schmerzhafter an als es die Ferne ihm längst geworden war. Gewohnter Schmerz, vergessener Schmerz. Draußen immer noch das Land, die schwere, heiße Luft, in ihr die Farben und Düfte, die Klänge und Laute seiner Heimat, getrennt von ihm nur durch die dünne Kabinenwand. Und durch all die Zeit. Durch das, was geschehen war in dieser Zeit. Und vor ihr. Getrennt durch den, der er geworden war. Fern seiner Wurzeln. Aber nicht geschützt vor ihnen. Harun ließ die Augen geschlossen. Es lag hinter ihm. Die Begegnung, die Blicke, die Worte. Und das Schweigen. Das Schweigen im Angesicht der Gegenwart, der Vergangenheit. Und auch die Fragen, das Fordern, das ständige und beengende Umgebensein von forschenden Augen, sprechenden Mündern, berührenden Händen. So viele Stunden. Wie hatte er es ausgehalten? Allein, dass er jetzt hier wieder für sich sein, einfach sitzen konnte, ohne dass irgendetwas von ihm erwartet wurde, erleichterte ihn. Und Flugzeugkabinen waren ihm vertraut. Vertrauter als seine Heimat. Denn er saß viel in Flugzeugen, wechselte mit ihnen zwischen Städten, Hotels, Büros, Konferenzsälen. Unterwegs heimisch sein. Heimisch in der Bewegung. Aber jetzt flogen, nein flohen seine Gedanken der Maschine voraus und hin zu dem Ort, von dem aus er jedes Mal zu seinen kurzen, schnellen Reisen aufbrach. Seinem Zuhause. Harun sehnte sich jetzt danach, zu Hause zu sein. Weg von seiner fremden Heimat, die ihn verwirrte, bedrängte, traurig machte. Wie seine Familie. Es machte ihn traurig, dass er sich wieder ein Stück mehr befreit fühlte, jetzt, beim Anfahren der Maschine, der langsamen Bewegung zum Rollfeld hin. Immer mehr Erleichterung und Traurigkeit je schneller die Fahrt dann endlich über die Startbahn ging, die unter glühender Sonne lag wie das Land, das endlich hinter ihm, unter ihm zurückblieb. Sein Land, seine Wurzeln und irgendwo da unten seine Familie. Aber jetzt ging es nach Hause. Woanders hin. Tausende Kilometer von hier, weit weg, zurück in seine Welt. Fern der Heimat. Und seiner Familie. Seine Familie. Wiedersehen nach 17 Jahren Schweigen, Verdrängen. Was hatte er empfunden, was empfand er?

Über den Autor

Demirtas, Ipek

Demirtas, Ipek

Die Autorin kam 1967 im kurdischen Bergland Ostanatoliens zur Welt, verbrachte die ersten sieben Lebensjahre dort bei Verwandten der Eltern in einem kleinen Dorf, bevor sie dann von ihren Eltern in die Bundesrepublik nachgeholt und hier im einfachen Gastarbeitermilieu groß wurde. Erst im... mehr über den Autor

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