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Schürfwunden
Ein Tagebau-Roman

Schürfwunden

Autor: Wedershoven, Anja

Lieferbar in 48 Stunden


Produktart: Buch

Seiten: 260

Größe: 20,5 x 14,5 cm

Abbildungen: 1

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Erstausgabe

Verlag: ACABUS Verlag

ISBN: 9783862821587

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 13,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Wo bin ich zu Hause? An einem Ort? Bei den Menschen, die ich liebe? Was passiert, wenn ich beides verliere?

Drei Kinder, eine Halbtagsstelle und die tyrannische Schwiegermutter im Haus. Nicht, dass Katja nicht schon genug Stress hätte. Doch als sie sich in den jungen Jens verliebt, gerät ihr Leben endgültig aus den Fugen. Unterstützung findet Katja bei ihrer hinfälligen, aber eigensinnigen Großmutter Charlotte. Diese kämpft seit Jahren gegen den Verlust ihres Hauses durch den Tagebau. Jetzt droht ihr die Enteignung. In der Krise entwickelt sich zwischen den so unterschiedlichen Frauen eine ungewöhnliche Freundschaft.

„Jedes Mal, wenn ich das Haus meiner Großmutter betrete, überfällt mich sein Geruch schon im Flur. Ein Geruch nach feuchtem Gemäuer, staubgetränkter Luft und Kölnisch Wasser. Nach Filterkaffee, nach Lavendelsäckchen, nach Alter. Der Geruch meiner Großmutter.“
Aus Kapitel 1:

Je weiter Katja ins Tagebaugebiet fuhr, desto staubiger wurden die Straßen. Seit Wochen kaum Regen. Nur kurze Gewittergüsse, die verdunstet waren, noch bevor sich die Wolken verzogen hatten. Sie kurbelte ihr Autofenster wieder hoch, obwohl die Septembersonne den Wagen aufgeheizt hatte. Keine gute Idee, mit ihrer Großmutter zum Abriss der Kirche zu gehen. In den letzten Monaten war Charlotte immer magerer und gebrechlicher geworden. Wie ein aus dem Nest gefallenes Vogeljunges, dachte Katja.
Die körperliche Schwäche hatte die Sturheit ihrer Großmutter nicht gemildert. Dass sie ihr Haus nicht verlassen wollte, obwohl alle anderen weggezogen waren, war typisch für sie. Dabei wurde ihr Husten durch den Kohlestaub mit jedem Tag schlimmer.
„Irgendwann werden sie enteignen“, hatte Katjas Mann über die allmählich zu Neige gehende Geduld der Braunkohlegesellschaft gesagt. Damit hatte Robert wohl recht. Robert hatte meistens recht. Seit er Richter am Oberlandesgericht geworden war, hatte er noch häufiger recht. Katja verscheuchte den Gedanken und schaltete das Autoradio ein. Eigensinnige Frauen waren halt nicht Roberts Ding. Er mochte Charlotte noch nie.
Die Landstraße wurde in diesem Gebiet kaum noch befahren. Nur Schaulustige und ehemalige Bewohner der verlassenen Dörfer verirrten sich hierher. Bröckelnder Asphalt. Von Unkraut überwucherte Leitplanken. Der Renault ruckelte über einige Haufen Schotter, die ein Lastwagen verloren haben musste. Hinter der Kurve kam Katja ein Radfahrer entgegen. Sie schaltete einen Gang herunter und fuhr mit größtmöglichem Abstand an dem alten Mann mit Schirmmütze vorbei. Dennoch hüllte ihn eine Staubwolke ein. Im Rückspiegel sah sie, dass er abgestiegen war und wild gestikulierte.
„Tut mir leid“, murmelte sie und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Unter den Song im Radio mischte sich der Klingelton ihres Handys. Charlotte. Sie wartete vermutlich schon.
„Hallo Omi, ich bin in fünf Minuten bei dir. Geht’s dir gut?“
„Mir geht et immer gut.“ Im Innenraum des Wagens klang das Brüchige in ihrer Stimme noch besorgniserregender, als wenn man ihr gegenübersaß.
„Sicher?“
„Sicher.“ Charlotte hustete.
„Hast du genug getrunken? Es ist schwül heute, du musst viel trinken.“
„Liebet Kind, ich bin zwar alt, aber noch nich’ senil.“
„Das habe ich ja auch nicht behauptet. Aber es wäre vernünftiger, du würdest zu Hause bleiben. Wir könnten zusammen Patiencen legen.“
„Du glaubst, ich leg hier seelenruhig Patiencen, während dat Gesocks unsre Kirche abreißt?“
Katja musste grinsen. „Nein. Nicht wirklich. Aber es wird nichts ändern, ob du protestierst oder nicht. Ob du dein Plakat in die Luft hältst oder nicht.“
Charlotte schwieg.
„Bist du noch dran, Omi?“
Ein Räuspern antwortete ihr. „Aber ich will mein Plakat inne Luft halten.“ Dann legte ihre Großmutter auf.

*

Charlotte legte das Telefon auf den Wohnzimmertisch und lehnte sich im Sessel zurück. Diese ewige Müdigkeit! Seit gut zwei Jahren kämpfte sie nun schon dagegen an. Sie strich die Bluse glatt, die um ihren Oberkörper schlabberte. Ein Gürtel. Sie wollte doch noch einen Gürtel raussuchen.
Am Morgen hatte sie sich vor dem improvisierten Spiegel in der Küche ihre von Natur aus wild abstehenden grauen Locken noch weiter hochtoupiert und ein rotes Band hineingebunden. Dazu die rote Bluse angezogen, die sie immer trug, wenn sie gegen die Umsiedlung ihrer Dörfer protestierte. Vor zwei Jahren hatte die noch tadellos gesessen. Aber jetzt … Auch ihre Büstenhalter waren viel zu weit geworden und Charlotte hatte sich angewöhnt, eine elastische Binde über ihren Brustkorb zu streifen, wenn sie außer Haus musste. Damit sah sie fast wie ein Knabe aus. „Mach mir keine Sperenzkes mit die jungen Mädels“, hatte sie zu ihrem Spiegelbild gesagt und gekichert.
Mehr trinken? Ihre Enkeltochter hatte ja recht. Außer einer Tasse Kaffee am frühen Morgen hatte Charlotte tatsächlich noch nichts getrunken. Sie streichelte langsam über den weichen Pelz des Katers, der sich neben ihr auf dem breiten Ohrensessel eingerollt hatte und schlief. Jeshim schnurrte leise.
„Tja, wir werden alt. Tun ’ner Katze eigentlich auch manchmal die Knochen weh?“ Sie griff nach ihrem Stock. „Aber wenn ich seh, wat du gestern wieder für ’nen Schlamassel angerichtet hast …“ Auf der großen Pappe, die an einen Besenstiel genagelt in der Ecke neben der Anrichte stand, prangten zwischen den Buchstaben Abdrücke von Katzenpfoten. Jeshim war mit einem eleganten Sprung auf den Tisch gelangt, um nach ihrem Pinsel zu jagen, und sie hatte ihren Protestspruch nicht rechtzeitig vor seinen flinken Bewegungen retten können.
„Da sind deine Fußabdrücke drauf, die Polizei kann dich jederzeit finden.“ Mit einem zufriedenen Blick auf das gemeinschaftliche Kunstwerk stand Charlotte auf. Der Schmerz zog durch ihre Beine bis ins Kreuz. Sie kämpfte um ihr Gleichgewicht. Und gewann. Auch dieses Mal wieder. Also alles in Ordnung. Mit kleinen Schritten machte sie sich auf den Weg in die Küche. Warum war ihr schon wieder schwindelig? Nicht über den Teppich fallen! Ludwig hatte ihn ihr zum 68. Geburtstag geschenkt. Sie erinnerte sich so genau daran, weil er zwei Monate später gestorben war. Ein Schlaganfall. Während Charlotte noch auf dem Weg zum Kühlschrank war, hörte sie, dass die Haustür aufgeschlossen wurde.
„Bist du das?“, rief sie Richtung Flur.

*

Jedes Mal, wenn ich das Haus meiner Großmutter betrete, überfällt mich sein Geruch schon im Flur. Ein Geruch nach feuchtem Gemäuer, staubgetränkter Luft und Kölnisch Wasser. Nach Filterkaffee, nach Lavendelsäckchen, nach Alter. Der Geruch meiner Großmutter. Wenn ich ihr nahe komme, um ihr in der Küche zu helfen oder sie über den Rand der Duschwanne auf den Kunst-stoffhocker zu setzen, scheint mir, dass ihr Körper und der betagte Bauernhof denselben Geruch angenommen haben. Dass weder der Duft von Seife noch der von frisch gewaschener Kleidung das überdecken kann. Charlotte riecht wie ihr Haus. Ihr Haus riecht wie Charlotte.
Manchmal gehe ich als Erstes ins Wohnzimmer, reiße die Fenster auf und ermahne sie, regelmäßig zu lüften. Als ob das etwas ändern würde. Als ob in diesem Haus Platz für etwas Neues, etwas Frisches wäre.
Nein, da ist kein Raum. Die Zimmer quellen über von den Lebensgeschichten vieler Generationen, das Mauerwerk ist getränkt mit Erinnerungen, und im Knarzen der Bodendielen höre ich die Stimmen all der Menschen, die hier gewohnt haben. Unzählige Vergangenheiten leben im Haus meiner Großmutter.
Und Charlotte lebt in der Vergangenheit. Ich kann sie mir ebenso wenig wie die Generationen vor ihr ohne diese Mauern denken. Als würde sie sich auflösen und verschwinden, wenn man sie aus ihrem Haus herausnähme. Als würde man mit dem Gebäude ihre Lebensgeschichte auslöschen. Und meine Großmutter klammert sich mit aller ihr verbleibenden Kraft an den alten Bauernhof, obwohl die Bagger unaufhaltsam näher kommen. Obwohl es hier nur Vergangenheit, kaum Gegenwart und keine Zukunft gibt.
Jedes Mal, wenn ich das Haus meiner Großmutter betrete, höre ich ihre Stimme. Sie ruft: Bist du das? Ich lausche, ob sie kräftig klingt oder schwach, ob sie von Husten unterbrochen wird oder ob es Charlotte an diesem Tag gut geht. Bist du das?
Ja!, antworte ich dann, bevor ich ins Wohnzimmer gehe. Ja, ich bin’s.
Jedes Mal, wenn ich das Haus meiner Großmutter betrete, sehe ich den Verfall aller Dinge. Die Trockenblumensträuße sind von Spinnweben überzogen, der Schimmel arbeitet sich vom Gewölbekeller, wo er seit Jahrzehnten schon wohnt, über die Außenmauern nach innen vor, und die alten Sektkelche und Kristallglaskaraffen im Wohnzimmer sind seit Jahren erblindet. Der Kampf, den meine Großmutter gegen den Verfall des Hauses und ihren eigenen führt, ist vergeblich. Aber sie führt ihn mit Mut und Entschlossenheit. Wird ihn bis zum Schluss führen. Bis zu ihrem Ende, das schneller kommen wird, als ich wahrhaben will. Bis zu einem Tag im Mai, an dem niemand mehr rufen wird:
Bist du das?


*

Ralf Hilbersen stolperte fast über die niedrige Stufe im Eingang der GBA, der Gesellschaft für Braunkohle. Er war spät dran. Vor dem Spiegel im Fahrstuhl rückte er seine Krawatte gerade und entdeckte dabei die eingetrocknete Tomatensauce auf dem Kragen seines Jacketts. Verdammt! Ausgerechnet heute! Die Kirche in Lossweiler sollte abgerissen werden. Als Leiter der Umsied-lungsabteilung konnte er sich vor einem solchen Termin nicht drücken. Hätte ihm der Fleck nicht früher auffallen können? Er kratzte mit dem Fingernagel daran herum. Evelyn hätte ihn niemals so aus dem Haus gehen lassen. Hilbersen fluchte.
Als der Aufzug im achten und damit obersten Stockwerk ankam, empfing ihn stickige Luft. Es war ungewöhnlich warm für einen Septembertag. Vielleicht könnte er sich erlauben, das Sakko abzulegen. Er war sowieso nicht sicher, ob die rostrote Krawatte zum Anzug und zum Anlass passte. Im Vorzimmer fuchtelte die neue Sekretärin ungeduldig mit den Händen:
„Dr. Wienands wartet in Ihrem Büro. Er hätte bereits vor einer halben Stunde einen Termin mit Ihnen gehabt! Auf Ihrem Handy konnte ich Sie auch nicht erreichen.“
Hilbersen zuckte zusammen. Der Rechtsanwalt! Wie hatte er das vergessen können? Aber seit seine Frau ihn vor acht Wochen vor die Tür gesetzt hatte, weil sie seine unglaubliche Passivität und sein provozierendes Desinteresse an ihr und seiner Karriere nicht mehr ausgehalten hatte, unterliefen ihm ständig Fehler. Er war zerstreut und unkonzentriert.
„Könnten Sie uns einen Kaffee … einen Cappuccino, also zwei Cappuccino reinbringen, Frau Brunowski?“
Die junge, strebsame Sekretärin sah ihn ungeduldig an. „Das habe ich längst gemacht. Ich wollte Dr. Wienands nicht ohne einen Kaffee warten lassen.“
„Danke. Sie denken wirklich an alles.“ Während er seine Aktentasche auf ihrem Schreibtisch öffnete und dabei einen Stapel von Dokumenten zu Fall brachte, überlegte Hilbersen, wie er dem Anwalt der Tagebaugesellschaft seine Verspätung erklären sollte.
„Können Sie nicht aufpassen!“ Frau Brunowski beugte sich zu den Akten hinunter und blieb dabei mit ihrem Blick an seinem Jackettaufschlag hängen.
„Ach ja, der Fleck.“ Er legte das Sakko ab und hielt es ihr hin. „Meinen Sie, Sie könnten versuchen …? Ich muss nachher in Lossweiler vor die Presse treten.“
Die Sekretärin schüttelte missbilligend den Kopf und zog ihre blütenweiße Bluse glatt, bevor sie mit spitzen Fingern nach dem Jackett griff.
„Ihre Gattin hat wohl bislang die Sachen für Sie in die Reinigung gebracht!“
„Ja.“ Er strich über seine Krawatte. „Ja, in der Tat.“
„Ich kann Ihnen gerne eine gute Reinigung empfehlen.“
Hilbersen zögerte. Ihr Tonfall ärgerte ihn. Andererseits war er gerade heute auf ihre Hilfe angewiesen. Er beschloss, diplomatisch zu bleiben.
„Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie meinen Fauxpas ausnahmsweise ausbügeln könnten.“ Damit drückte er auf die Klinke seiner Bürotür und öffnete sie betont schwungvoll. „Und bringen Sie mir bitte auch einen Cappuccino.“

Dr. Wienands stand am Fenster und beobachtete das Treiben auf dem Marktplatz, wo wie jeden Freitag der Wochenmarkt stattfand.
„Entschuldigen Sie meine Verspätung! Ich bin aufgehalten worden. Ein Bewohner von Neu-Lossweiler, der eine Reklamation hatte.“ Hilbersen eilte hinter seinen Schreibtisch und ließ sich auf den gepolsterten Ledersessel fallen. Wienands knurrte leise. Signalisierte das jetzt Zustimmung oder Unwillen?
„Ich werde es kurz machen.“ Der Anwalt nahm ihm gegenüber an dem schweren Holztisch Platz und rührte heftig in seiner nur noch halb gefüllten Tasse. Der Kaffee schwappte über und durchtränkte die beiden Amaretto-Makrönchen, die Frau Brunowski auf den Rand der Untertasse gelegt hatte.
„Wir müssen den Antrag auf Enteignung für Lossweiler auf den Weg bringen. Oder haben die beiden Herrschaften es sich inzwischen anders überlegt?“
Hilbersen sah sehnsüchtig auf die Makrönchen. Er hatte kein Frühstück gehabt.
„Leider nein. Ich fürchte …“, er dachte an die alte Frau, die ihm vor mehr als zehn Jahren den Krieg erklärt hatte und mit einer unglaublichen Zähigkeit an ihrer Weigerung festhielt, „… uns bleibt nichts anderes übrig als die Behörde einzuschalten.“
„Dann ist das richtig, dass ich in Sachen Frau Charlotte Rinke, geboren am 26.04.1921, wohnhaft Nelkenweg 68 und Herrn Josef Radek, geboren am 27.12.1939, wohnhaft Nelkenweg 70, einen Antrag auf Enteignung stelle?“
Hilbersen zögerte. Obwohl ihm klar war, dass er um ein Verfahren nicht herumkam, fühlte er sich unbehaglich.
„Wir müssen den Antrag jetzt stellen“, insistierte der Anwalt. „Also in meinen Augen ist das einfach nur Altersstarrsinn. Warum bleibt eine 86-Jährige in diesem Geister-Dorf wohnen, bis wir sie rausklagen müssen?“ Er schüttelte verständnislos den Kopf. „In einem schönen Altersheim hätte sie es viel besser: Nette Gesellschaft, geregelte Mahlzeiten …“
„Frau Rinke hängt an ihrem Haus.“ Hilbersen fühlte sich genervt durch die Allgemeinplätze des Anwalts.
„Wer von uns hängt nicht an irgendwas. Aber es gibt doch einen Punkt, an dem der Verstand einem sagt, dass Schluss ist.“
Hilbersen schwieg und starrte auf die Amarettini, die sich immer mehr aufzulösen schienen.
„Aber die Ratio scheint bei den Herrschaften schon ins Grab vorangegangen zu sein.“ Wienands hatte die Fingerspitzen aneinandergelegt und sah sehr zufrieden mit sich aus.
Hilbersen blickte missmutig auf die Seidenkrawatte des Anwalts. Einen Versuch könnte er ja …
„Warten Sie noch eine Woche mit dem Antrag! Ich werde Frau Rinke und Herrn Radek ein letztes Angebot unterbreiten.“
Der Anwalt zuckte mit den Schultern. „Wenn Sie mich fragen, ist das völlig sinnlos. Aber des Menschen Wille … Wie oft haben Sie eigentlich schon mit denen geredet? Um Geld geht es ja wohl nicht dabei. Herr Radek mit seinem Anwesen wäre doch regelrecht reich geworden.“
„Um ihn mache ich mir auch keine Sorgen. Der ist einem Enteignungsverfahren gewachsen. Ein zäher Knochen. Ein alter Sturkopf. Aber Frau Rinke … Haben Sie sie mal kennengelernt?“
„Gott bewahre, nein! Eine gesunde Distanz zu persönlichen Schicksalen sollte man in unserem Beruf schon haben.“
„Natürlich.“ Hilbersen lockerte seine Krawatte. Gesunde Distanz. Evelyn hatte ihm oft fehlende Durchsetzungskraft vorgeworfen. Aber so berechnend und kalt wie Wienands hätte er auch nicht sein mögen. Der Rechtsanwalt war mit allen Wassern seines Berufsstandes gewaschen.
„Anders als Sie lerne ich die Bewohner der Dörfer zwangsläufig kennen. Frau Rinke schon vor zwölf Jahren. Ich bin ihr auf so vielen Versammlungen und Protestkundgebungen …“ Er hielt inne, da ihm auffiel, dass Frau Brunowski immer noch nicht mit seinem Cappuccino erschienen war. Sein Verlangen nach einer Tasse Kaffee war groß. Der morgendliche Filterkaffee aus einer beim Auszug auf die Schnelle mitgenommenen, altersschwachen Kaffeemaschine war dünn ausgefallen. Andererseits war sie vielleicht gerade damit beschäftigt, den Fleck aus seinem Jackett zu entfernen. Der Anwalt trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte.
„Eine solche Diskrepanz zwischen körperlicher Gebrechlichkeit und Willensstärke ist mir noch nie begegnet, Dr. Wienands. Frau Rinke ist eine beeindruckende alte Dame. Viel zu selbstständig für ein Altenheim.“
„Hat sie keine Familie, zu der sie ziehen könnte?“ Das Trommeln hatte aufgehört.
„Ihre Kinder leben im Ausland, wenn ich richtig informiert bin. Es gibt eine Enkeltochter hier, aber …“
„Na, wer weiß, wie wir im Alter sein werden! Vielleicht sind wir in dreißig Jahren genauso halsstarrig.“ Wienands schien die Diskussion abkürzen zu wollen. Er schaute auf seine Uhr. „Ich muss gleich weiter. Also … warte ich bis Ende nächster Woche mit dem Antrag? Ihre Entscheidung.“
„Ja, warten Sie noch die paar Tage.“
„Gut. Aber danach ist Schluss. Wenn die beiden Herrschaften Rechtsmittel einlegen … wie die Naturschützer … Sie wissen, wie lange sich das hinziehen kann. Ich muss übrigens eine vorzeitige Besitzeinweisung gegen diese Hippies beantragen. Die werden wir jetzt von ihrer Wiesenschaumkrautidylle verjagen. In drei Wochen soll der Bagger …“
„Ja, natürlich, machen Sie das. Stellen Sie meiner Sekretärin einfach die Kopien zu.“ Hilbersen stand auf.
„Mach ich.“ Der Anwalt schlürfte hastig den letzten Schluck Kaffee und erhob sich ebenfalls. Seine kleine, schmächtige Gestalt reichte Hilbersen gerade bis zur Nasenspitze. „Auf Wiedersehen und viel Glück für Ihre …“, er lachte kurz auf und fügte mit sarkastischem Unterton hinzu, „Verhandlungen.“
„Ebenso.“
„Und ein schönes Wochenende.“ Die Schritte des Anwalts wurden von dem weichen Teppich verschluckt, dann schlug die Bürotür hinter ihm zu.
„Ein schönes Wochenende“, murmelte Ralf Hilbersen vor sich hin. Die Makrönchen waren zu einem dunklen Brei aufgeweicht. Mit dem Brieföffner trennte er eine Portion des Keks-Kaffee-Gemisches ab und probierte. Er konnte nicht sagen, was ihn mehr ekelte: Die Konsistenz oder die Tatsache, dass er sich an den von Wienands verschmähten Makrönchen vergriff. So oder so. Er brauchte dringend etwas zu essen. Hilbersen schob die Tasse zur äußersten Ecke des Schreibtischs und öffnete das Fenster zum Marktplatz.
Enteignungsverfahren. Gegen die Naturschützer lief es schon seit zwei Jahren. Aber die hatten die Obstbaumwiesen ganz gezielt gekauft, um Ärger zu machen. Überzeugungstäter. Protest-Profis. Wenn die Polizei sie irgendwann endlich von den Bäumen losgesägt und weggetragen hatte, gingen sie nach Hause zu ihren Familien. Bei Frau Rinke und Herrn Radek war das anders.
Die Kirchturmuhr schlug zwei Mal. Schon halb elf. Immer noch kein Cappuccino. Hilbersen musste los. „Zeigen Sie sich solidarisch“, hatte sein Chef ihm aufgetragen. „Solidarisch, aber sachlich. Das wird auch bei der Presse einen guten Eindruck machen.“ Er beschloss, sich unterwegs ein Brötchen und einen Kaffee zu kaufen.

Anja Wedershoven im Gespräch bei "Profile" auf NIERSRADIO (10.03.2013):


  • Zu den Hauptfiguren (2:25)
  • Thema Braunkohle-Umsiedlungen (1:55)
  • Thema Liebe (1:15)
  • Autorin und Entstehung des Buchs (2:10)
  • Neues, Lesungen und Website (2:30)

online: http://www.niersradio.de/podcasts.html

Über den Autor

Wedershoven, Anja

Wedershoven, Anja

Anja Wedershoven, Jahrgang 1968, lebt und arbeitet am Niederrhein. Neben ihrer journalistischen Arbeit schreibt sie - 'seit ich schreiben kann' - eigene Texte. Dabei sind ihr Figuren und Sprache besonders wichtig. Und die Erkenntnis, dass sich auch das eigene Schreiben immer wieder... mehr über den Autor

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