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Katharsis
Drama einer Familie

Katharsis

Autor: Reh, Michael


lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 400

Größe: 21,0x13,3

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862827459

Einband: Paperback

EUR 15,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Max führt ein exzessives, schillerndes Leben als erfolgreicher Fotograf in New York – bis er einen Anruf von seiner Schwester erhält. Sein Zwillingsbruder Nikolas hat einen Doppelmord innerhalb der Familie begangen. Die Suche nach dem Motiv führt Max zurück in sein Heimatdorf im Ruhrgebiet. Dort trifft er nicht nur auf seine entfremdete Familie, sondern auch auf eine unsagbare Vergangenheit. Die Wahrheit, die jahrzehntelang verschwiegen wurde, bringt Max nun ans Licht: Kleine Jungen wurden von erwachsenen Frauen missbraucht. Und dort endet das Geflecht aus Geheimnissen und verdrängten Traumata noch lange nicht.
Ein intimer und schonungsloser Blick auf Familien- und Missbrauchsstrukturen.
Der international bekannte Werbe- und Modefotograf Michael Reh, unter anderem durch seine Arbeit für Prominente, Lambertz , GNTM, Armani sowie seine Ausstellung „Traffic“ bekannt, verarbeitet in diesem auf autobiografischen Elementen basierenden Roman seine persönlichen Erlebnisse.
Prolog (zur PDF-Leseprobe)
Es war zu kalt für die Jahreszeit, zu kalt für den 11. Juni. Der Himmel war so bleiern wie der Geschmack auf seiner Zunge. Er stand in dem Zimmer unter dem Dach des roten Hauses, in dem er aufgewachsen war und hielt eine Kopie des Briefes in der Hand. Er kannte ihn auswendig, so oft hatte er ihn in den letzten Tagen gelesen.
Es war so weit. Er zog das weiße Hemd an, wickelte die Eisenstange in seine graue Windjacke und legte den Brief in eine alte Zigarrenschachtel, die er in das Versteck hinter die Wandverkleidung aus Eichenimitat packte. Leise ging er die Treppen herunter und verschloss vorsichtig die Haustür. Kein Mensch war auf der Straße. Die Luft stand, alles schien in Watte gepackt. Rasch ging er die paar Schritte ins Dorf.
Neben der Brücke lag gleich das alte Haus des Arztes, der ihn damals wegen einer Blinddarmoperation ins Krankenhaus geschickt hatte. Aber da war noch etwas anderes, das hatte er genau gespürt. »Sie werden dir nur ein paar Fragen stellen und ich werde mitkommen«, hatte seine Mutter gesagt. Aber dann war sie im Vorzimmer sitzen geblieben und er musste mit dem Arzt, der graue Haare und gelbe Fingernägel hatte und nach Eukalyptusbonbons roch, alleine in das Behandlungszimmer.
Der Arzt drückte auf seinem Bauch herum, um zu sehen, wie entzündet der Blinddarm war, und stellte furchtbare Fragen, die er nicht verstand. Er schämte sich, aber die Wut, dass seine Mutter ihn alleine gelassen hatte, war größer als die Scham und hatte ihn seit diesem Tag nie ganz verlassen.
Wie eine alte Freundin war die Wut seitdem immer für ihn da gewesen. Manchmal konnte er sie nicht kontrollieren, weil sie stärker war als er, aber er mochte sie. Jetzt meldete sie sich mit aller Kraft.
Das Dorf hatte sich in den letzten Jahren verändert. Früher hatte er viele Leute gekannt, die meisten hatten ihm freundlich zugelächelt und ihm durch die Locken gestrichen. Er war ein ganz außergewöhnlicher Junge gewesen und nie allein.
Jetzt ging er an diesem grauen Frühsommerabend durchs Dorf, die Geschäfte hatten schon geschlossen, denn ab 18 Uhr kaufte hier keiner mehr ein. Ein paar der alten Häuser aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg standen noch. Sie waren die Zeugen eines Dorfes, dessen bessere Zeiten schon lange vorbei waren. Man hatte viele der alten Gebäude während des Baubooms der siebziger Jahre abgerissen und durch hässliche Betonklötze ersetzt.
Er erinnerte sich an ein altes Fachwerkhaus mit Biergarten an der Hauptkreuzung des Dorfes. Als er ein kleiner Junge war, hatte eine junge Sängerin dort einen Auftritt, mit einem Anti- Drogen-Lied, das zum Riesenhit wurde.
Es erschien ihm, als ob die große Welt ins Dorf gekommen wäre. Sie hatten gewartet und ein Autogramm von der rothaarigen Sängerin mit dem Mittelscheitel bekommen. Sie hatte ihn gedrückt, ihm gesagt, was für ein hübscher Junge er sei. Sie kam ihm so erwachsen vor und war doch selbst noch fast ein Mädchen, gerade mal 15 geworden. Zwei Monate später hatte man das Gebäude plattgewalzt. Die Sängerin trat heute manchmal in den alten Hit-Revivalshows der siebziger Jahre im Fernsehen auf.
Er hatte sie neulich gesehen. Sie hatte noch den Mittelscheitel, war jetzt wohl Anfang fünfzig und sang immer noch das Lied des Jungen, der stirbt.
Der Gedanke verflog so schnell, wie er gekommen war.
Er ging die Hauptstraße weiter Richtung Kirche, vorbei am Telefunkenhändler, dem Spielwarengeschäft, dem Zeitungsgeschäft und der Kneipe, in der sich sein Vater regelmäßig betrank.
Er sah das Haus auf der anderen Straßenseite. Seelenlos, grau gestrichen und mit einem asphaltierten großen Hof, an den vier Garagen grenzten. Auf der rechten Seite war eine zwei Meter hohe Betonwand, auf der linken Seite begrenzten der Schulhof und das Gebäude der ehemaligen Sonderschule das Grundstück. Das angrenzende Hinterhaus war seit Jahren unbewohnt.
Er ging durch die vergitterte Hoftür, die nie verschlossen war, bog nach links ab und öffnete die Haustür.
Der Fleischer wohnte seit über dreißig Jahren im Haus und darüber, im ersten Stock, wohnten die beiden. Die Angst legte sich wie ein eisiger Ring um seinen Hals, kleine Schweißperlen bildeten sich auf seinem Gesicht, doch er nahm sie nicht wahr. »Es muss Schluss sein«, dachte er, »ein für alle Mal.« Die Wut war stärker als die Furcht.
Seine Hand zitterte leicht, als er die Haustür öffnete, und er hatte Angst, sich erbrechen zu müssen. Er nahm all seinen Mut zusammen und ging die Treppe zum ersten Stock hinauf, schlug ohne zu zögern mit dem großen Eisenhaken, den er vor Jahren auf den alten Gleisen gefunden hatte, den verglasten Teil der Wohnungstür auf.
Jetzt hörte er einen Schrei und sah die alte Frau mit Lockenwicklern aus dem Bad kommen. Als sie ihn sah, lachte sie, dann wurde sie wütend. Im Hintergrund lief der Fernseher.
Sie glich einer kläffenden, bösen Hündin, die ihn anschrie, bespuckte und versuchte, ihn mit Fußtritten an die Tür zu drängen. Sie war, das wusste er, 78 Jahre alt, doch der Hass und die Wut gaben ihr eine dämonische Kraft.
Er drängte sie mit aller Macht durch die Wohnküche in Richtung Badezimmer. Sie stieß mit dem Becken gegen den Küchentisch und eine Handvoll CDs flog auf den Boden. Der altersschwache Computer wackelte bedrohlich.
»Seltsam, dass sie einen Computer hat, in ihrem Alter«, dachte er. Nur ein flüchtiger Gedanke, der sein Unterbewusstsein streifte wie der Flügel eines Vogels.
Als sie die drei Stufen rückwärts in das tiefergelegene Badezimmer stolperte, schien ihr klar zu sein, was er vorhatte. Sie fiel hin und stürzte gegen den Rand der alten Badewanne. Mit einem Schlag holte er aus und die Wucht der Eisenstange spaltete ihren alten Schädel. Sofort waren die Lockenwickler und die blauen Kacheln voller Blut. Ihre Augen blickten ihn entsetzt an und erloschen.
Den alten Mann hinter ihm hatte er nicht gleich bemerkt.
»Was machst du denn da, bist du verrückt worden?«, krächzte der Greis.
Ohne zu zögern drehte er sich um und hieb die Eisenstange mit voller Wucht gegen den Hals des alten Mannes. Mit einem unangenehm klingenden Knacken brachen die Halswirbel. Der Alte röchelte kurz und sank an dem Einbauschrank des Badezimmers in sich zusammen.
»So ist es gut«, sagte er zu sich selbst. Dann wusch er das Blut von der Eisenstange, verließ das Badezimmer und ging durch die Küche in den Flur. Der Fernseher im Wohnzimmer plärrte immer noch vor sich hin. Ohne zu zögern griff er zu dem altmodischen Telefon. Festanschluss! Erneut ein Gedanke wie ein Vogelflügel, so zart, so leicht und schon wieder vorbei. Er wählte 110 und sagte der Frau, die sich meldete, dass in der Hauptstraße 66 ein Mord begangen worden war und er auf sie warten würde. Er blieb ruhig auf dem Sofa sitzen, die Polizei würde bald eintreffen.
Der Ring aus Angst und Wut um seinen Hals, ein Leben lang gefühlt, lockerte sich. Endlich!
Er sah aus dem Fenster. Zum ersten Mal, seitdem die beiden den Bann um ihn und seine Sinne gelegt hatten, konnte er die Welt wieder klar wahrnehmen.
Er öffnete das Küchenfenster, das auf den betonierten Hof hinausging. Die Schwüle hatte abgenommen und ein frischer Luftzug strömte ihm entgegen. Gierig sog er ihn auf.
Die Sirenen der Einsatzfahrzeuge kamen näher.

1 – Freitagnachmittag in Psychopolis
Freitag, der 11. Juni, schien ein Tag wie viele andere im Leben von Max Remark. Aber es war der Freitag, an dem sich alles ändern sollte.
Er erwachte aus dem Delirium der letzten Drogennacht mit einem zentnerschweren Kopf und einer ebenso schweren Zunge. Eine Handvoll Aspirin, literweise Espresso und viel Zucker halfen ihm meist über die erste Depression hinweg. So auch an diesem Morgen. Es gehörte zum guten Ton, sich koksend die Nächte um die Ohren zu schlagen, ohne an den Morgen danach zu denken. Zumindest in seiner Welt.
Alle taten es und in der Modeszene kamen die Dealer ins Studio, man musste keine Drogen auf der Straße kaufen oder sich in irgendwelchen dunklen Ecken schlechtes Zeug andrehen lassen. Jeder zog seine Lines, ohne sich um Geheimniskrämerei zu scheren. Irgendwann erwischte es im Laufe der Zeit jeden und obwohl Max über die Jahre viele Talente vor die Hunde gehen sah, zog es ihn immer wieder in den Strudel des anfänglichen Verzückens, des hemmungslosen Sex und der Gier nach mehr.
Ab einem gewissen Moment machten ihn die ständig gezogenen Lines zwar völlig verrückt, aber Pillen, Alkohol und ein dicker Joint holten ihn runter und irgendwann ebbte der Rausch und später auch die Depression ab. Es war alles eine Frage der Zeit.
Irgendjemand hatte ihm vor ein paar Jahren Koks auf einer Party angeboten. Zuerst nahm er die Droge nur ab und zu. Dann jedes Wochenende, kurz darauf hatte er ein, zwei oder drei Nummern von Dealern. Sein Dealer fuhr einen Porsche.
Er ließ sich immer wieder verführen, so wie all die anderen funktionierenden und nicht funktionierenden Junkies in New York. Diesem großen, wurmstichigen Apfel, der schon lange an keinem Ast mehr Halt gefunden hatte und am Boden liegend vor sich hin rottete.
Max lebte seit fast zwanzig Jahren in New York, jenem Apfel, den Eva angeblich Adam hingehalten hatte und den dieser voller Zorn auf den Boden hätte schmeißen sollen. Aber der Dummkopf nahm erst einen Bissen, ließ ihn fallen und schickte dann die Menschheit in das faulende Verderben.
Max und seine Freunde waren der festen Überzeugung, dass der Cocktail aus Uppers und Downers, schnellem Sex, Diätpillen, ADS-Syndromen, fettfreien Diäten, Botox und Cosmopolitans ungefährlich sei, dazu noch chic und ewig dauernd. Der Drahtseilakt namens New York Life forderte ständige Bereitschaft.
Der Tod ist ein langsamer Tänzer und Max stürzte sich ins Leben, aus Angst, etwas zu verpassen, oder, was viel schlimmer gewesen wäre, nicht mehr hip zu sein. Denn das wäre der wahre Tod eines jeden Bewohners von Manhattan.
Träume hatte er keine, die Suche nach Liebe abgeschlossen. Liebe war nur eine Erfindung der Literaten und von Hollywood, denn die machten Geld damit.
Mit Mitte zwanzig war Max von Paris nach New York gezogen, hoffnungsvoll seinem neuen Leben entgegen, unwissend um die Ereignisse, die in seiner Vergangenheit stattgefunden hatten. Er hatte seine Vergangenheit so erfolgreich verdrängt, dass sie keine Chance hatte, aus den Tiefen seines Unterbewusstseins hervorzukriechen und sich ihm zu offenbaren.
Er wurde Fotograf, war talentiert, hatte ein gutes Auge für die Schönheit der anderen. Er war erfolgreich, die Modeszene mochte seinen Blick auf die Dinge des Lebens. Und obwohl er oft erst mittags wieder nüchtern war und den Kopf nicht mehr zwischen den Schenkeln irgendeiner Unbekannten hatte, verzieh man es ihm. Meistens.
Kreative dürfen, ja müssen anders sein als der Rest der Welt. Zauberkinder, Wunderkinder, Exoten. Zumindest solange sie das gewünschte Ergebnis erzielen und gut verkaufen. Geht der Verkauf zurück, heißt es: »Hasta la vista, Baby«, und eine ganze Armee von Nachfolgern steht auf der Matte, um einen ins Tal der Versenkung zu stoßen. Von da gibt es keinen Aufstieg mehr, außer man inszenierte seine Auf- und Abstiege so gekonnt wie Cher.

Über den Autor

Reh, Michael

Reh, Michael

Nach seinem Studium der Medien- und Sprachwissenschaften in Hamburg und Paris zog Michael Reh nach New York. Dort begann er Ende der neunziger Jahre als Fotograf zu arbeiten, wobei er sich auf Werbe- und Modefotografie spezialisierte. Seine Fotos sind unter anderem in internationalen Magazinen... mehr über den Autor

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