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Die wundersame Erkundung der Farbe Moll
Roman

Die wundersame Erkundung der Farbe Moll

Autor: Grau, Esther

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 144

Größe: 19,0 x 12,5 cm

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862825936

Einband: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

EUR 18,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
„Hatte sie sich verrannt? Das Fatale an Holzwegen war ja, dass sie lange nach Wald und Spaziergang aussahen – bis sie mit einem Mal im Nichts endeten.“
In einer schlaflosen Nacht begegnen sich in München zwei ratlose Berater. Mona steckt als Berufsberaterin in einer Sackgasse und Consultant Ben droht ein Burn-out. Seltsame Träume erleben beide. Zusammen folgen sie den Zeichen, die sie quer durch die Schweiz führen. Auf den Spuren ihrer Träume, alter Wunden und der Gemälde Ferdinand Hodlers suchen sie, was wirklich für sie zählt.
Ein Roman über den Mut zum Aufbruch, den Zauber der Kunst und die Magie neuer Wege.

Leseprobe aus "Die wundersame Erkundung der Farbe Moll" (zur PDF-Leseprobe)


Das Nachtgespinst hing zerrissen zwischen den Windungen ihrer Erinnerung. Mona massierte sich die Schläfen. Der Traum lag ihr auf der Zunge, noch nicht ganz vom Vergessen verschluckt. Ein dunkelgelockter Mann … eine offene Tür … eindringliche Augen … Er stand da und sah ihr beim Vergessen zu. 
Mit Daumen und Zeigefinger kniff sich Mona in die Nasenwurzel, um den Druck dahinter zu lösen, den sie dem geizigen Sandmann verdankte. Gestern wartete sie lange, bis er endlich mit ihr ins Bett ging und seine nächtlichen Pflichten erfüllte.
Müde sah Mona aus dem Fenster ihres Büros. Ihr Blick dümpelte draußen im Regen. Die Tropfen trommelten den Grundton des Sommers in Münchner Pfützen. Drinnen immerhin wohltemperiertes Klima, im Flur der Klang geschäftiger Schritte und eiliger Vorgänge. Kollegen rauschten an immer offenen Türen vorbei.
Mona machte einen guten Job. Sie war Herrin über ein Heer von Broschüren, die sie jedem mit auf den Weg gab, der sie um Rat anging, um beruflich voranzukommen. Die Büros ergaben ein Quadrat auf drei Etagen. Alle schauten einander in die Fenster. Innen bedeckten die Trennwände kaum die Scham, ab Hüfthöhe waren sie Glas. Im Stehen übersah Mona die Büroflucht ihrer ganzen Etage. 
Gerade kam ein besonders blasses Mädchen auf Mona zu. Stumm setzte sie sich ihr gegenüber und sah Mona aus großen Augen an.
„Hallo, wie kann ich helfen?“, fragte Mona. Sie vermied das Sie, denn das Mädchen wirkte jung. Vielleicht halb so alt wie sie – und halb so schmal. 
„Ich möchte studieren“, erklärte die Blasse zögernd, „aber ich weiß nicht was.“
„Für Berufsberatung sind wir da“, sagte Mona munter, obwohl ihr schwante, dass sie einen der schweren Fälle vor sich hatte: eine ganz und gar Ahnungslose, ohne eine Idee von sich. „In welche Richtung gehen deine Interessen?“
„Sie sind vielseitig“, sagte das Mädchen vage. „Ich kann mir eine Menge vorstellen.“
„Gut, dann erst einmal einen Überblick.“
Mona spulte die eingeübte Rede ab. Sie sprach über Aus- und Fortbildung, Chancen und Perspektiven. Dabei behielt sie das Mädchen scharf im Auge, doch das blasse Gesicht blieb verschlossen. Mona schwenkte den Bauchladen der Berufe, in dem sie Leckerbissen offerierte, Sahneschnitten anpries und von großen Torten sprach. Abends würde ihr wieder übel sein. Vielleicht, weil sie etwas ahnte, was die angehende Studentin noch nicht wusste: dass sie bald in ihrem Beruf aufgehen würde – und dass das nicht nur etwas Gutes war. 
Mona stockte.
Ausgerechnet die Sprechpause gewann die Aufmerksamkeit der Blassen. Ihr Oberkörper bog sich leicht nach vorn. 
„Was spricht dich an?“, hakte Mona nach.
„Ich weiß nicht. Das ist so viel. Was kann man denn damit machen?“
Mona wiederholte die Möglichkeiten. „Du musst nur wissen, wer du sein willst“, schloss sie leichthin. 
Der Blick der Blassen wurde leer. 
„Das wusste ich nicht, dass man die schwerste Frage gleich am Anfang beantworten muss.“
Das blasse Mädchen verabschiedete sich mit laschem Händedruck und verließ Monas Büro, ohne eine der Broschüren mitzunehmen. Mona schob die Hochglanzprospekte mit den schwer bearbeiteten Bildern fröhlicher Zukünfte auf ihrem Schreibtisch zusammen. Glatte Gesichter strahlten sie mit blendend weißen Zähnen an. Den unberührten Broschüren entströmte ein druckfrischer Duft, der sich erst nach einer Weile im neutralen Geruch des Büros verlieren würde. Beim Sortieren wog der Stapel schwer in Monas Hand. Sie legte ihn beiseite. Doch fing er auch auf der hintersten Kante des Aktenschranks ihren Blick immer wieder ein. Die eigenen Worte hallten in ihr wie ein Echo nach: Du musst nur wissen, wer du sein willst. 
Monas Stirn glühte und kündigte einen drückenden Kopfschmerz an. Womöglich hatte sie sich bei dieser Blassen etwas eingefangen. Sie versuchte sich Linderung mit dem Gedanken zu verschaffen, heute früher nach Hause zu gehen. Noch während sie auf die Wirksamkeit dieser Idee wartete, verlängerte sich ihr Arbeitstag auf unvorhergesehene Weise. Miriam, ihre Chefin mit den tiefen Stirnfalten, kam herein und stapelte ihr Beratungsanfragen und Protokollbögen auf den Tisch. 
„Bis morgen, ja?“, sagte sie lapidar.
  Mona füllte die Aufgaben aus, die sie viel länger als sonst im Büro hielten. Als sie endlich ihre Sachen am Schreibtisch zusammenraffte, verfolgte sie das Gefühl, dass etwas fehlte. Sie sah in ihrer Tasche nach, packte sie aus und wieder ein, wühlte in den Schubladen. Doch das Gefühl blieb, auch als Mona das Büro schon lange verlassen hatte. Den ganzen Abend und noch zwischen ihren Träumen nagte die Frage an ihr, was sie übersehen hatte. Nicht einmal am Morgen ließ sie sie los. Erst als Mona den nächsten Beratungstermin auf sich zukommen sah, fiel ihr endlich ein, was sie vergessen hatte: Ihr fehlte die Antwort auf die Frage, ob sie selbst geworden war, wer sie hatte sein wollen.
Nach der Arbeit schlich Mona durch die Maximilianstraße, die ihr grelle Angebote in den Weg warf. Mona ließ sie links liegen. Nur einmal sah sie aus den Augenwinkeln, dass das Fenster eines Bekleidungsgeschäftes neu dekoriert wurde. Die Mitarbeiterin zupfte und turnte unter ulkigen Verrenkungen durch die Auslage, um die Schaufensterpuppen richtig zu inszenieren. Dann aber verschwand die Frau im Laden und ließ Mona vor dem unfertigen Fenster zurück. Auf einmal war es Mona unangenehm, wie die nackten Puppen sie aus leeren Ovalen anstarrten. Ihr schwindelte. Sie tastete an der Schaufensterscheibe nach Halt. Erst nach einigen Sekunden wankte sie weiter. Auf dem Glas blieb ein schmieriger Abdruck zurück.  
Mona kehrte in ihre Lieblingsbuchhandlung ein wie andere in die Stammkneipe. Sie stöberte durch die Titel und Anfänge neuer Geschichten. Heute sprach sie keine an. Suchend sah sie sich um, denn es fühlte sich falsch an, den Laden zum ersten Mal mit leeren Händen zu verlassen. Da blieb ihr Blick an dem Postkartenständer hängen. Langsam drehte ihn Mona, bis ihr eine Kunstpostkarte auffiel, auf der ein Mädchen mit langen roten Haaren in einer Mohnblumenwiese kniete. Mona mochte die Karte und zog sie aus dem Ständer. Da sah sie, dass das Bild noch nicht zu Ende war. Im unteren Viertel lag ein nackter, milchweißer Mann schlafend auf dem Rücken. An der Kasse drehte Mona die Karte um und las den Titel: Der Traum von Ferdinand Hodler.
Ein wenig neben sich verließ Mona die Buchhandlung. Draußen griff der Wind tief in ihren Mantel und zerrte daran wie ein ungeduldiges Kind. Sie ging schneller.
Zuhause riss sie die Balkontür auf. Das dunkle Rauschen der Tannen davor lockte Mona auf die Balkonplattform. Sie hing in der Luft wie mit Wächtern umstellt. Tannen wenigstens hatten keine Gesichter, dachte Mona, nur Köpfe, die ihr im Wind zunickten wie früher im bayrischen Dorf, wo sie aufgewachsen war. Dort sah sie in die Tannenkronen, als der Krebs die Mutter fraß und der Vater im Auto aus der Kurve flog. Die Tannen breiteten den Mantel ihres Schweigens über Mona aus, hüllten sie in den tröstenden Duft ihrer Nadeln und standen ihr bei, als sie die Zeit bis zum Abitur auf der Ausziehcouch der Tante absaß. Kaum groß geworden, wurde Mona das Dorf zu klein. Sie ging nach München und verlor den Nadelduft solange aus der Nase, bis sie diese Wohnung fand. Sie mietete sie sofort.
Mona drehte sich um und sah durch die Balkontür von außen in das erleuchtete Wohnzimmer. Da stand der vertraute graue Sessel vor den hohen Bücherregalen mit all den Geschichten, die sie liebte. Buchrücken wuchsen an allen Wänden empor, sie liefen quer über die Türrahmen und schwangen sich sogar bis zu den sichtbaren Dachbalken hinauf, die Mona mit Brettern verbreitert und so zu weiteren Geschichtenträgern gestaltet hatte. Die Bücher sahen einladend aus und doch änderte die Glastür alles. Sie kamen Mona auf einmal fremd vor. Nichts rief in ihr „daheim“ und „zu Haus“, als sie so in ihre Wohnung sah. Nur ein Gefühl unerklärlichen Verlustes breitete sich in ihr aus.
Die Unruhe hielt Mona lange wach. Noch tief in dieser Nacht lag sie schlaflos. Schließlich stand sie wieder auf und wanderte durch die nächtliche Wohnung. Sie machte kein Licht, um nicht gänzlich aus dem Dunstkreis des Schlafes zu treten.

Über den Autor

Grau, Esther

Grau, Esther

Esther Grau, Germanistin und Diplom-Psychologin, wuchs in der Nähe von Münster in Westfalen auf. Nach dem Studium siegte die Liebe zur Sprache – seitdem arbeitet sie als Autorin und freie Texterin. Nach Stationen in Freiburg/Breisgau und Leipzig lebt Esther Grau heute in Heidelberg.... mehr über den Autor

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