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Die Abendgesellschaft der Quartiersleute - Hardcover-Sonderausgabe
Hamburger Generationenroman

Die Abendgesellschaft der Quartiersleute - Hardcover-Sonderausgabe

Autor: Christen, Thomas

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 360

Größe: 21,0 x 13,8 cm

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Sonderausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862823857

Einband: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

zum eBook

EUR 23,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
  • Rezension
Hamburg, 2013. Wiebke Andresen, Tochter des seinem siebzigsten Geburtstag entgegensehenden Familienpatriarchen Hans-Peter Boettiger steckt mitten in den Vorbereitungen eines Festes für ihren Vater, zu dem die ganze Familie anreisen wird. Ein Eklat scheint vorprogrammiert, denn hinter der Fassade aus Bürgerlichkeit und hochgehaltener Tradition zeigen sich Risse, und vor dem Spiegel der Vergangenheit verblassen noch immer klar umrissen geglaubte Familienbilder.

England 1896. In Südwales ereignet sich eines der unzähligen Bergwerksunglücke jener Zeit. Die Katastrophe wird zur Geburtsstunde eines bis in die heutige Zeit überdauernden Hamburger Familienunternehmens, den Quartiersleuten Boettiger & Consorten.
Der Bergarbeiter John Buttger konnte nicht ahnen, dass eher die Wirren der Zeit und ein äußerst obskurer Vorfall ihn zum Gründervater einer Hamburger Firma machen würden. Er und sein Sohn Oskar kämpfen mit ihren Familien vor allem gegen die Verwerfungen zweier Kriege und die Schwierigkeiten wirtschaftlich und politisch chaotischer Zeiten. Oskar wird seine beiden Frauen und Eltern verlieren und nach dem Krieg mit drei kleinen Kindern von vorne anfangen: Hans-Peter, Lisbeth und Bernhard. Lisbeth, die unermüdlich versucht, das Gestern mit dem Heute zu verbinden und Bernhard, genannt Fletch, der nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges als Erster mit der Tradition bricht und Kapitän zur See wird. Da sind Hans-Peters grundverschiedene Töchter Wiebke und Lilly und ihre Familien. Wiebke, die mit einer nicht immer beherrschbaren Eifersucht auf die Schwester und der Herkunft ihres ersten Sohnes kämpft und Lilly, die mit dem Zerbrechen ihrer Ehe ringt. Und nicht zuletzt ist da Malte, der Enkel Hans-Peters, der ganz andere Pläne hat als sein Großvater.

„Die Abendgesellschaft der Quartiersleute“ ist ein Tableau miteinander verwobener Biographien und eines außergewöhnlichen und in der ursprünglichen Form ausgestorbenen Berufsstandes vor dem Hintergrund die Stadt Hamburg prägender Geschichte.
Tylorstown, Rhondda Fach, Wales, 1896
John & Rufus
 
Die Explosion zerriss den schiefergrauen Morgenhimmel, fraß sich hinauf durch die dunklen Wolkenfetzen und fegte ihr Echo wie eine Lawine aus zerreißenden Felsbrocken das Tal herunter. John Buttger blieb wie angewurzelt stehen. Sekundenlang war er sich nicht sicher, ob er die Geräusche wirklich gehört hatte oder ob sie nur einer inneren, satanisch heimtückischen Einbildung entsprungen waren. Als habe ein unterirdischer Dämon seine Ketten gesprengt, donnerten das zischende Kreischen auseinanderbrechenden Holzes und ein abgrundtiefes Grollen zerberstenden Gesteins vor ihm durch die Schatten. Er starrte an den flackernden Petroleumlampen vorbei den Weg hinauf und versuchte etwas zu erkennen. Eine fenstergroße Fläche des Weges war abgesackt und hatte sich vor ihm in den Schatten in eine rissige Mulde verwandelt. Er hörte den schwer gehenden Atem der beiden Wilson-Brüder hinter sich und einen Herzschlag später das einsetzende Wimmern des jungen Milton. Das dunkle Rauschen, das folgte, war mitleidlos real. Ein langes, grausam unmenschliches Fauchen stob aus den beiden Schächten oben auf dem Hügel, und dann löste sich quietschend die Eisenverkleidung des Lüftungsrades vom Gestänge neben Schacht 6, zerschnitt surrend die Luft und landete mit einem ohrenbetäubenden Scheppern irgendwo in den Schattenrissen der brechenden Äste. Für ein paar Sekunden herrschte Totenstille, und nur das beängstigende Zischen und Brausen des schwarzen Qualms war zu hören, der pfeifend aus den beiden Öffnungen des Berges in den düsteren Himmel fuhr.
John Buttger drehte sich langsam um und blickte sprachlos in die Gesichter der zwölf weiteren Männer, die mit aufgerissenen Augen den Weg hinaufstarrten. Keiner sagte ein Wort. Samuel Jenkins kniete auf dem Weg und hielt sich die Hände vor das Gesicht. Der alte Olding zitterte, als habe man ihn an diesem Februarmorgen mit einem Eimer Eiswasser geweckt, und Milton rannen die Tränen in Strömen über die Wangen. Er hatte nicht darauf geachtet, dass die Männer hinter ihm stehen geblieben waren. Wenn sie frühmorgens ihre Schicht antraten, hingen die meisten von ihnen ihren Gedanken nach. Sie sprachen nicht viel, hielten es für sinnvoller, ihre Kraft nicht mit unnötigem Geschwätz auf dem Weg hinauf zu den Einstiegen zu verschwenden, die Jüngeren verschämt gähnend und die Alten ihre Müdigkeit in Mienen vergrabend, die so versteinert wirkten wie die Wände der Stollen, in die sie für die nächsten Stunden hinabfahren würden. Heute war er ein wenig früher als die anderen aufgewacht, hatte sich angezogen, seinen Beutel gepackt und sich langsam auf den Weg gemacht. Jetzt schaute er über die Köpfe der Männer hinunter ins Tal und sah die anderen Kumpel weiter unterhalb im Morgendunst stehen, fassungslos heraufstarrend.
Ein weiteres leiseres, tiefes Dröhnen rollte ihnen entgegen und ihre Augen blickten unwillkürlich das Tal hinauf, suchten ängstlich die Baumwipfel ab, von wo sie wussten, dass hinter ihnen der Einstieg zum Cynllwyndu, Schacht 8, lag. Eine riesige, wabernde Rauchwolke schwärzte die Dämmerung und ließ den Tag über dem Schacht wieder Nacht werden. John Buttger streckte zögernd die Hand aus. Schwarze Flocken schwebten durch seine Finger und rieselten zu Boden. Von weiter oben ertönten Schreie. Stimmen riefen durcheinander und eine Minute später kamen zwei Kumpel mit Fackeln den Weg heruntergelaufen. Als sie die Männer erreichten, gaben sie die Fackeln für einen Augenblick weiter, stützten ihre Hände auf die Knie und rangen keuchend nach Luft.
„Ein paar kommen bitte mit uns. Die anderen laufen nach Tylorstown zurück und holen Hilfe. Schnell! Wir müssen irgendwie da runter und schauen, ob …“
Der Mann begann zu husten und die anderen schauten sich schweigend und ratlos an. Von den Kumpel weiter unterhalb hatten sich Sam Dickens und zwei andere gelöst und liefen in Richtung Dorf. Der Rest der Gruppe kam langsam den Weg hinauf. Der alte Olding hatte sich erhoben, wild in seinem Beutel herumgekramt und eine Rolle Zündschnur sowie eine Metallschachtel hervorgezerrt. Sein Gesicht war eine Maske aus Verzweiflung und Zorn. Immer wieder wischte er sich die Tränen mit dem Oberarm vom Gesicht und seine zuckenden Wangen ließen erkennen, dass er unentwegt die Zähne aufeinander biss. John Buttger musterte ihn und legte die Stirn in Falten. Als Olding mit zitternden Fingern versuchte, das Ende der Zündschnur zwischen Deckel und Dose zu klemmen und zwei Schritte den Weg hinunter machte, ging Buttger ihm nach und hielt ihn am Arm fest. Die Dose fiel zu Boden und der Bellitstaub ergoss sich auf das niedergetretene Gras.
John Buttger schüttelte langsam den Kopf und flüsterte:„Mach dich nicht unglücklich, alter Mann! Du kommst jetzt mit mir. Wir gehen nach oben und schauen, was wir machen können. Hast du mich verstanden? Du gehst jetzt nicht ins Dorf zurück.“
Olding schenkte ihm einen hasserfüllten Blick und seine Hand legte sich auf sein im Gürtel steckendes Bergeisen.
„Wie ich sagte – mach dich nicht unglücklich, Olding!“
Olding presste die Lippen aufeinander, kniff die Augen zusammen und begann, am ganzen Körper zu zittern. Als er sie wieder öffnete, quoll ein Schwall Tränen hervor und er nickte in Richtung der beiden Schächte. Immer noch regneten vereinzelt schwarze Ascheflocken aus dem mausgrauen Morgenhimmel.
„Unglücklich?“, flüsterte er und verzog das Gesicht zu einer Fratze.
„Mein Sohn … ! Mein Sohn hatte die Nachtschicht, Buttger. Er hat mit mir getauscht!“ Den letzten Satz schrie Olding. „Ich solle mich etwas ausruhen, hat er gesagt. Schlafen … Er wollte mit dem Reparaturtrupp heute Nacht die Lampen und Seile kontrollieren. Mein Sohn, Buttger ! Er … er ist da unten …“
Olding schluckte und seine Hand umklammerte das Eisen am Gürtel. Die Männer schauten herüber und regten sich nicht. Milton war verschwunden.
„Es hat ihn nicht erwischt! Es hat ihn nicht erwischt, Olding! Es hat – ihn – nicht – erwischt. Er lebt noch!“
John Buttger wusste nicht, was er anderes sagen sollte und zog den Mann vorsichtig den Hang hinauf. Olding riss sich los, drehte grimmig den Kopf ins Tal und folgte dann Buttger und den Kumpeln. 
 
 
 
Hamburg, 1896 - 1900
John & Rufus
 
John Buttger und Olding hatten den Rat Kapitän Hofmeisters befolgt und waren kurz nach ihrer Ankunft im September zu Jost Dyckmann in das Schuberhaus gegangen. Hätte jemand Buttger gefragt, warum er einen Seebären mit Bauch und Vollbart erwartet hatte, hätte er keine Antwort gewusst.
Dyckmann war hager und blass, trug eine runde Nickelbrille mit dicken Gläsern und ähnelte eher einem jener missmutigen Wesen, die ihr ganzes Leben hinter dem Schreibtisch eines schlecht beleuchteten Kontors verbracht hatten. Auf seiner Schläfe prangte ein dunkelbraunes, daumennagelgroßes Muttermal. Aber dass der Mann ihnen, nachdem der Name Hofmeister einige Male gefallen war, ohne allzu große Fragerei ab dem darauffolgenden Abend ein Zimmer anbot und ihnen sagte, sie sollten sich am nächsten Morgen möglichst früh am Sandtorquai bei den Pansenkloppern melden, hatte ihn sympathischer gemacht, als er auf den ersten Blick gewirkt hatte. Das Zimmer wäre allerdings eine Woche im Voraus zu bezahlen, hatte Dyckmann klargestellt, und Buttger hatte sich ein weiteres Mal dagegen wehren müssen, dass Olding seinen Anteil übernahm. Immerhin gäbe es fünfzehn Prozent Schietgeldzulage, hatte Jost Dyckmann gesagt, als sie gezahlt hatten, ohne dass seine Miene mit irgendetwas verraten hätte, was er damit meinte.
Den Abend verbrachten sie bis kurz nach Mitternacht in einer Kneipe, Olding trank zu viel und stierte den Frauen nach und dann streiften sie bis gegen halb vier Uhr morgens ziellos durch die Stadt, dösten eine halbe Stunde auf einer Bank an der Alster wortlos vor sich hin und schlenderten gegen vier Uhr durchgefroren und hundemüde zum Hafen zurück.
Rosshäute, Ochsenhäute, Kalbsfelle, was auch immer, die besten aus Argentinien, hatten ihnen die Arbeiter erklärt und es hatte wieder eine Weile gedauert, bis sie alles verstanden hatten. Sie nickten.
„Die Häute werden gegen die Roste geschlagen, immer wieder, damit das Salz abfällt. Habt ihr das verstanden? Gruppen à vier Mann. Wenn ihr wollt, zieht euch Handschuhe an. Ganzkörperanzüge gibt es nicht.“
Die umstehenden Männer hatten schallend gelacht.
„Fünfundzwanzig Felle zu einer Talje. Wascht euch am Ende sorgfältig, dann hat der Milzbrand keine Chance.“
Wieder lachten einige der Männer. Dann hatte einer der Arbeiter laut gerufen:
„Veer man t’on Pansenkloppe !“
Buttger und Olding hatten gar nicht erst versucht, den Satz zu verstehen. Die Männer hatten angefangen zu singen:

Een – Nu hebbt wie een op net
Twee – ta – wee kompleet
Dree – see hett de Diaree
Veer – toom veerten mool
Fief – Schoun sind de Lütten to fief
Soss – Stücker soss dorvon in Lief.


Der Gestank war bestialisch. Niemals in seinem Leben hatte John Buttger so etwas gerochen. Er versuchte, so wenig wie möglich zu atmen und gleichzeitig nicht aus dem Rhythmus zu kommen. Oldings Lippen waren nur noch zwei dünne Striche und auf seinem Gesicht lag die Fratze eines Mannes, der vergeblich versuchte, ein zu schweres Gewicht zu stemmen.

Ölben – Mien Hamburg an dee Elbestrand
Twölf – Wie liegst du tief im Tal
Dörtein – du bist nicht mehr datselbe Land
Veertein – wie Anno dazumal
Fofftein – Fofftein een Drinker
Sosstein – bi soostein geiht dat flinker
Söbentein – Söben un de Tein
Achtein – na, dan goode Nacht min Hein!


Buttger kämpfte gegen den zunehmenden Schwindel an. Das herumfliegende Salz und der unbeschreibliche Gestank wurden unerträglich. Als sie die dritte Talje begannen, kam er bereits bei fünf aus dem Schlagrhythmus, ihre Gruppe musste kurz aufhören und die beiden anderen Arbeiter sahen sie grinsend an.
Mit angewidertem, versteinertem Gesicht starrte Rufus Olding auf den Rost. Dann klopfte ihre Gruppe das Kontingent Felle im Rhythmus der anderen ohne mitzusingen aus, griff sich am Ende eine nächste erste Haut und fiel erneut in den Gesang ein.
Dieses Buch ist mit einem praktischen Lesebändchen versehen und beginnt schon sehr vielversprechend: "Fährmann? Fährmann! Ist er der Fährmann? Die Stimme kommt von oberhalb der kleinen grasbewachsenen Erhebung, hinter der der Fluss verläuft, bevor er weiter unten ins Meer mündet." Man reist zurück in eine vergange Zeit, die mit diesen imposanten Texten wieder lebendig wird. Es ist fast so, als wäre man hautnah dabei und taucht ein in das Hamburger Milieu, das man hier so gut kennenlernt. Die Geschichte reicht von 1896 bis in die heutige Zeit und spielt sich in mehreren Generationen ab. Es geht um das Dasein eines Unternehmens und doch gleichzeitig um die Familie dahinter. Dies ist eine Erzählung im Wandel der Zeiten, die den Leser sogleich magisch anzieht. "Die Abendgesellschaft der Quartiersleute" ist im Verlag ebenfalls als Paperback-Ausgabe erhältlich und im Buch enthalten ist auch der Stammbaum der Familie Boettiger.

Düsseldorfer Lesefreunde
Anna-Christina Lanari

http://lesefreunde24.npage.de/weitere-neuerscheinungen/historische-neuigkeiten.html



Über den Autor

Christen, Thomas

Christen, Thomas

Thomas Christen, Jahrgang 1955, lebt in Düsseldorf und studierte Politikwissenschaften, Germanistik und Soziologie an der Universität Trier sowie später Agrarwissenschaften an der Universität Bonn. Nach zwanzig Jahren Tätigkeit in einer Heidelberger Klassikproduktion... mehr über den Autor

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