. .
BUCHstäblich NEU
Sie sind hier:

Der Alpendiktator und Menschenfreund
Gesellschaftsroman

Der Alpendiktator und Menschenfreund

Autor: Schilcher, Astrid

voraussichtlich lieferbar ab Januar 2020


Produktart: Buch

Seiten: 180

Größe: 19,0x12,0

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862827428

Einband: Paperback

EUR 13,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Florian Steiner, Professor der Politikwissenschaft, ist charismatisch, eloquent und mit einem beachtlichen IQ ausgestattet. Von den untätigen Politikern, dem Populismus und Nationalismus frustriert, gründet er seine eigene Partei und kündigt eine autokratische Herrschaft im Sinne des Gemeinwohls an.
Der Erfolg gibt ihm Recht und den nötigen Aufwind, die extremen Forderungen nach verpflichtendem Arbeitsdienst, Wählerführerschein und Resozialisierungen in der Alpenrepublik durchzusetzen.
Während der Verführer der Massen an ausgeklügelten Propagandakonzepten feilt und sich sein Aufstieg auf EU-Ebene ausdehnt, wachsen in Steiners Frau die Zweifel an seiner Arbeit.
Provokant, geistreich und erfrischend entwirft Astrid Schilcher, stellvertretend für unsere westlichen Demokratien, das Bild einer österreichischen Zukunftsgesellschaft.
Drei Zeitzeugen (zur PDF-Leseprobe)
Florian Steiner war zum Führen geboren. Meine lebendigste Erinnerung an ihn stammt aus der Volksschulzeit. Wir waren Klassenkameraden. Schon damals wäre es niemandem in den Sinn gekommen, ihn Flo zu nennen. Es war ein sonniger Herbsttag, knapp nach Schulbeginn. Wir waren acht Jungs, Lausbuben, und stritten darüber, ob wir Cowboys und Indianer oder Wer fürchtet sich vorm Schwarzen Mann spielen sollten. An diesem Tag bekamen wir alle von einem Achtjährigen unsere erste Lektion im demokratischen Mehrheitsprinzip.
Florian kletterte kurzerhand auf die Parkbank und verkündete mit einer angeborenen Autorität, die unser wildes Durcheinandergeschrei augenblicklich verstummen ließ: »Hört mal her, es gibt eine ganz einfache Lösung.« Es folgte eine kurze Erklärung der Begriffe Mehrheit und Demokratie mit dem Hinweis, dass wir in einer demokratischen Republik lebten. Wir verstanden höchstens die Hälfte, waren aber zu erstarrt in einer Mischung aus Faszination und Scham über unsere eigene Unwissenheit, um Fragen zu stellen oder gar Widerspruch zu leisten. »Damit eine Einigung zustande kommt und wir endlich spielen können, muss die Minderheit ihren Protest aufgeben und dem Willen der Mehrheit folgen. So ist das in einer Demokratie «, schloss er sein Plädoyer und wir alle nickten betreten.
Die Abstimmung endete 5:3 für Cowboys und Indianer. Dass Florian den begehrten Part des Indianerhäuptlings einnahm, stand außer Frage. Später fragte ich mich manchmal, was geschehen wäre, hätte das Voting 4:4 ergeben. Aber ich bin mir sicher, dass er auch dafür eine Lösung parat gehabt hätte. Wahrscheinlich hätte er uns einen Exkurs über parlamentarische Diskussionsrunden verpasst. Florian war zwar der Kleinste und Schmächtigste von uns, überragte uns aber haushoch in seinen rhetorischen Fähigkeiten. Er hätte es zweifelsohne geschafft, einen aus der Wer fürchtet sich vorm Schwarzen Mann Fraktion zum Überlaufen zu bewegen.
***
Ich unterrichtete Florian Steiner in der Oberstufe des Akademischen Gymnasiums in Physik. Er war der Albtraum für einen noch relativ jungen und unerfahrenen Lehrer wie mich. Nicht etwa, weil er störte oder aufmüpfig war, nein, es waren seine Fragen, die mir den Angstschweiß auf die Stirn trieben, sobald ich ihn brav die Hand heben sah. Dabei ging es ihm keinesfalls darum, uns Lehrer bloßzustellen. Er war einfach unendlich wissbegierig. Aber wie, um Himmels Willen, kam ein Siebzehnjähriger auf derartige Fragestellungen?
»Wenn das Verhalten eines Schwarzen Lochs nach außen hin vollständig durch seine Masse, elektrische Ladung und seinen Drehimpuls bestimmt ist und es außerdem in der Quantenphysik keinen Verlust von Information geben kann, was passiert dann mit der Information der Objekte, die von einem Schwarzen Loch aufgesogen wurden?« Hatte man keine zufriedenstellende Antwort parat, und die hatte natürlich niemand, verlor Florian rasch das Interesse und verabschiedete sich mental vom Unterricht, was ich jedes Mal als persönliche Niederlage empfand. Gegenüber seinen Mitschülern war er durchwegs hilfsbereit, erklärte ihnen geduldig nicht verstandene Teile des Unterrichtsstoffes und gab einigen sogar unentgeltlich Nachhilfeunterricht.
Als ich hoffnungslos daran scheiterte, der Maturaklasse eine Vorstellung von der vierten Dimension zu vermitteln, hob Florian wieder einmal seine gefürchtete Hand: »Darf ich es versuchen?« Ich nickte resigniert und sah mit an, wie er aus einem papierenen zweidimensionalen Würfelnetz einen Würfel formte und diesen dann wieder in die zweite Dimension auffaltete. Danach projizierte er den Schatten eines Würfels auf einen zweidimensionalen Schirm und skizzierte, wie man aus diesem Schatten ein Würfelnetz konstruieren konnte. Daraus folgerte er, dass der Schatten eines Tesserakts in unserer Dimension ein 3D-Würfel sei, aus dem sich ebenfalls ein Tesseraktnetz ableiten
ließ, welches zusammengefaltet schlussendlich einen Hyperwürfel ergäbe. »Keiner von uns kann sich die vierte Dimension wirklich vorstellen, aber ich denke, so bekommen wir zumindest eine brauchbare Näherung «, schloss er seine Darbietung.
Ich hätte froh sein sollen, solch einen begabten Jungen in meiner Klasse zu haben. Stattdessen verspürte ich in meiner jugendlichen Unsicherheit, ich war damals gerade sechsundzwanzig, nur Irritation gepaart mit einem Aufflammen kindischer Eifersucht. Es dauerte drei Schuljahre, bis ich Florians Erklärungsmodell in meinen Unterricht übernahm. Heute würde ich viel dafür geben, unter den stumpfsinnigen, bestenfalls unkritischen Schülern einen Florian Steiner zu haben und seine eifrige Hand nach oben schnellen zu sehen.
***
Ich war mit Florian Steiner an der Uni zusammen. In der Masse der überwiegend noch kindischen männlichen Studenten glich er einem 2009er Château Lafite Rothschild unter Heurigenweinen. Wir studierten beide Volkswirtschaftslehre und waren für zehn Monate ein Paar. Florian war hochintelligent, hatte tadellose Manieren und wusste genau, was er wollte. Diese Mischung wirkte anziehend auf mich, gab mir Sicherheit. Auch optisch war er durchaus herzeigbar, wenn auch mit 1,72 Meter etwas klein für einen Mann. Mein Spitzname für ihn war Spock. Immerzu logisch und besonnen, ließ er Gefühle nur kontrolliert zu, weshalb ich letztlich mit ihm Schluss machte.
Rhetorisch beherrschte er alle Finessen, was mir bei Streitigkeiten stets das Gefühl gab, manipuliert zu werden. Seit Florian reagiere ich allergisch auf Gewaltfreie Kommunikation, Metakommunikation, NLP und sonstigen Rhetorik-Trainer-Scheiß.
»Du verstehst mich einfach nicht.«
»Ich höre, dass du frustriert bist, weil ich deine Erwartungen nicht erfülle. Das tut mir leid. Hilf mir bitte und sag mir, was du willst.«
»Verdammt, Florian, ich will dir keine Gebrauchsanweisung liefern müssen. Ich will, dass du mich
verstehst!«
»Anna, diese Erwartung ist nicht nur unlogisch, sondern auch unfair; und das weißt du auch. Du bist
eine intelligente Frau, sei bitte nicht so irrational!«
Am Ende dieser Szene packte ich meine Koffer und verließ ihn. Die Trennung verlief, in typischer Spock-Manier, unaufgeregt. Da Florian mir im Studium voraus war, kreuzten sich unsere Wege auch nicht mehr. Von gemeinsamen Bekannten hörte ich, dass er ein Jahr in Paris verbrachte, weil er zu schnell studiert hatte und nun seine Zulassung zur zweiten Diplomprüfung abwarten musste. Angeblich absolvierte er in dieser Zeit ein Praktikum beim Institut der Europäischen Union für Sicherheitsstudien und beschäftigte sich mit Integrationsstrategien für die Sicherheits- und Entwicklungspolitik in der EU. Ich nehme an, das motivierte ihn, ein Doktorat in Politikwissenschaft anzuhängen. Soweit ich weiß, hat er in Paris auch seine Frau kennengelernt

Florian Steiner und die Lage der Welt

Sonntagmorgen. Da Camille an den Wochenenden gerne ihrem Langschläfer-Gen huldigt, widme ich mich der Frühstücksvorbereitung. Bevor ich meine Frau wecke, lasse ich den Blick ein letztes Mal über den Tisch gleiten, stelle sicher, dass alles da ist, was ihr Herz begehrt: eine Schraubkanne für vier Portionen Kaffee, eine Karaffe Orangensaft, zwei weichgekochte Eier, ein Korb mit Dinkel-Vollkornbrot, Butter, Himbeer- Rhabarber-Marmelade, verschiedene Käsesorten, Radieschen, zwei Schalen mit frischen Erdbeeren und Joghurt, Die Zeit und Le Monde. Früher lasen wir auch noch die New York Times, aber seit acht Jahre Trump und mehr als eine Dekade Republican Party die USA an den Rand des Bürgerkrieges und in die weltpolitische Bedeutungslosigkeit geführt haben, sparen wir uns die Lektüre.
Camille und ich zelebrieren unser Sonntagsfrühstück- Ritual. Sie ist eine brillante Juristin und wir diskutieren mit Vergnügen das aktuelle Weltgeschehen über unserem Dejeuner. Das Weltgeschehen – beim Umblättern entfährt mir ein gequälter Seufzer.
»Na, die Zeitungsmeldungen verderben dir auch immer öfter die Laune, chéri«, stellt meine Angetraute treffend fest.
»Kein Wunder, bei solchen Nachrichten! Überfällige Reformen, die von feigen Politikern nicht angegriffen werden. Wahlen, die zur Zitterpartie werden, dass die rechtspopulistischen Demagogen die Mehrheit davontragen. Immer die gleiche Leier. Das alles steht mir bis hier.« Zur Verdeutlichung führe ich meine ausgestreckten Finger mit einer schnittigen Bewegung unter meiner Unterlippe vorbei.
Meine Frau schmunzelt. Sie weiß, wie sehr ich das westliche Europa liebe und wie tief es mich schmerzt, dass dieses seiner Probleme nicht Herr wird, sein Potenzial nicht ausschöpft.
»Mit den USA am Boden gibt es keinen Grund, warum Europa nicht die Vormachtstellung einnehmen und florieren könnte. Das einzige Hindernis sind wir selbst«, alteriere ich mich weiter. »Was willst du dagegen tun?«, fordert Camille mich heraus.
Normalerweise kapituliere ich an dieser Stelle, aber nicht heute. Volksabstimmung über Kopftuchverbot in Kindergärten und im öffentlichen Dienst. Volksabstimmung über Mitspracherecht von Eltern und Schülern bei Lehrstoff und Notengebung. Steigende Arbeitslosenzahlen und dem gegenüber Betriebe, die händeringend nach Arbeitskräften suchen. Welche Meldung auch immer der Auslöser war, für mich ist eine Grenze überschritten.
»Da, hör dir das an: Neo-Faschisten in Italien wollen nach Wahlsieg Volksabstimmung über EU-Austritt einberufen. Aus Brüssel kommt bis jetzt nur geschocktes Schweigen. Die Demokratie versagt an allen Ecken und Enden. Das Volk entscheidet über Dinge, von denen es keinen blassen Schimmer hat, manipuliert von Propagandabombardement, Alternative Facts und picksüßen Wahlzuckerln. Wie lange wollen wir noch zuschauen, wie Zukunftsperspektiven und Gemeinwohl unter der Diktatur ignoranter Wutbürger geopfert werden?«
Le Monde senkt sich und Camilles grüne Bergsee-Augen blicken mir fragend entgegen. »Höchste Zeit, dass irgendwer den Mumm aufbringt, offen über eine nötige Reform unseres demokratischen Systems nachzudenken.«

Über den Autor

Schilcher, Astrid

Schilcher, Astrid

Astrid Schilcher wurde in Graz geboren, wo sie seit 2016 auch wieder lebt. Sie studierte Kunstgeschichte, Dolmetsch und hat ein abgeschlossenes Volkswirtschaftsstudium. Gemeinsam mit ihrem Mann führt sie ein Consulting Unternehmen und ist Lektorin an zwei Fachhochschulen. Privat schon immer... mehr über den Autor

Bewerten und Kommentieren

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.

 
Design by MKD Mediengestaltung