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Allein. Tagebuch eines vernachlässigten Kindes

Allein. Tagebuch eines vernachlässigten Kindes

Autor: Schwägerl, Christa


Lieferbar in 48 Stunden


Produktart: Buch

Seiten: 228

Größe: 19,5 x 13,5 cm

Sprache: Deutsch

Auflage: 1 Erstauflage

Verlag: ACABUS Verlag

ISBN: 9783862821129

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 12,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
  • Rezension
Lena Maria ist fünf und oft mit ihrem kleinen Bruder Maxi allein zu Hause. Lena versucht stets, ihre Mutter Karla nicht zu verärgern. Das klappt nicht immer, vor allem wenn sie müde ist oder mit ihrem Bruder und ihrer Mutter einfach nicht klarkommt. Wie ein Damoklesschwert schwebt ständig die Gefahr über ihr, Mama könnte irgendwann für immer verschwinden. Nur mit ihrem Stoffhasen Kalle kann Lena über ihre Sorgen reden. Hoffnung schöpft sie eines Tages auch durch Hannah, in deren Familie alles in Ordnung zu sein scheint. Hier kann Lena sorglose Stunden und Tage verbringen, fort von der launischen, überarbeiteten Mutter. Und Hannah ist es schließlich auch, die Lena und ihren Bruder aus ihrer gefährlichen Einsamkeit befreit … Ein Roman zum Thema Kindesvernachlässigung, der aufrütteln möchte - seht hin, zeigt Initiative!
Die Sonne scheint. Ich kann nicht mehr schlafen. Meine Beine hüpfen auf und ab und ich sehe den kleinen Staubteilchen zu, wie sie durch die Luft fliegen. Kalle liegt neben mir. Er möchte auch aufstehen. Mama mag das aber nicht. Sie sagt, ich soll warten, bis sie mich weckt. Kalle meint, vielleicht ist Mama auch schon wieder weg. Ich erzähle ihm, dass Mama es mir sagt, wenn sie geht. Ich bin doch schon groß. Ich muss aufpassen, wenn sie nicht da ist. Kalle mag Mama nicht. Einmal habe ich zu Mama gesagt: Kalle kann dich nicht leiden! Da hat sie ihm einen Arm ausgerissen. Ich kann deinen Kalle auch nicht leiden , hat sie gesagt, ganz böse war sie. Seitdem sage ich nichts mehr, passe auf, dass sie ihn nicht sieht. Ich brauche Kalle doch. Wen soll ich denn fragen, wenn er nicht mehr da ist? Früher habe ich manchmal Frau Mainka gefragt, aber das soll ich nicht mehr. Ich soll überhaupt nicht rausgehen, wenn Mama nicht da ist, sonst kommen böse Menschen in die Wohnung. Ich soll warten, bis Mama wiederkommt. Aber irgendjemanden muss ich fragen, wenn ich nicht mehr weiter weiß. Natürlich ist mein Bruder Maxi da, aber er kann noch nicht richtig sprechen. Maxi ist noch klein. Ich bin groß. Vielleicht ist Mama wirklich nicht mehr da. Ich werde nur mal kurz nachsehen. Kalle meint auch, ich solle das tun. Aber ihn werde ich hier lassen. Wenn Mama wütend wird, tut sie ihm vielleicht wieder etwas an. Ich steige aus dem Bett und verstecke Kalle unter der schmutzigen Wäsche. Da schaut Mama bestimmt nicht nach. Ich schleiche an Maxis Bett vorbei. Er schläft noch, obwohl ihm die Sonne auf die Nase scheint. Im Flur steige ich über Mamas Rucksack. Die Tür zu ihrem Zimmer ist nicht ganz zu und ich drücke mein Gesicht durch den Spalt. Sie ist noch da. Mein Herz macht einen Sprung. Sie ist wirklich noch da. Das große, rote Simpsons-Shirt ist über den Po hochgerutscht und sie liegt auf dem Bauch quer über das Bett. Meine Mama. Ich schiebe den Kopf noch ein klein wenig weiter nach vorn. Die Tür gibt nach und quietscht. Oje. Mama bewegt sich. Ich drehe mich um und will zurück in mein Zimmer flüchten. Da höre ich ihre heisere Stimme: Lena Maria? Ich bleibe stehen. Lenchen, komm zu Mami! Ich bewege mich nicht. Gott sei Dank habe ich Kalle versteckt. Na komm, meine Süße. Vielleicht ist sie gut aufgelegt. Gestern, als sie nach Hause kam, war sie furchtbar müde. Sie legte sich sofort schlafen und meinte nur, ich solle Maxi ins Bett stecken. Morgen würde sie etwas zu essen kaufen. Bis dahin möchte sie nichts mehr von uns hören. Langsam drehe ich mich um und gehe auf ihr Zimmer zu. Sie streckt sich und gähnt. Als ich in der Tür stehe, klopft sie auf ihre Bettdecke und lächelt. Ich nehme Anlauf, springe auf das Bett und kuschle mich an sie. Sie drückt mich ganz fest und zieht die Decke über uns. Es ist dunkel dort unten und sie fängt an mich zu kitzeln. Ich muss lachen und versuche sie auch zu kitzeln. Aber es gelingt mir nicht, weil ich meine Arme nicht ausstrecken kann. Ich lache, bis mir der Bauch weh tut. Dann drücke ich meine Nase an ihre Haut und rieche ihren Duft. Meine Mama. Sie küsst mich und sagt: Wir beide, Lena Maria. Du und ich. Wir beide gehören zusammen. Und Maxi? , frage ich. Von Kalle sage ich lieber nichts. Und Maxi, natürlich. Wir gehören zusammen. Aber vor allem du und ich, Lenchen. Du bist meine Große. Maxi versteht ja noch nichts. Ich fühle mich, als könne ich fliegen. Meine Mama und ich, wir gehören zusammen. Ich habe es gewusst. Ich habe es Kalle ja gesagt, aber er wollte mir nicht glauben, der alte Miesepeter. Was weiß ein Hase schon von meiner Mama und mir?! Mama, spielen wir Füßchen? Ja, spielen wir Füßchen. Mama zieht die Bettdecke hoch und streckt die nackten Füße darunter hervor. Sie wackelt mit ihren Zehen und flötet: Wo sind denn meine Freunde, die wilden Zehn? Mein Bauch wird ganz weit vor Freude und ich rutsche nach unten, damit auch meine Füße ins Freie gucken. Hier! , rufe ich, Hier sind die wilden Zehn. Was machen wir heute? Meine Zehen wackeln wie noch nie. Wir spielen bis Maxi zu weinen beginnt. Lea , schreit er. Ich springe sofort aus dem Bett. Er ist gleich wieder ruhig, Mama , rufe ich und laufe so schnell ich kann in unser Zimmer. Er steht in seinem Gitterbett. Matzi Pipi , weint er, als er mich sieht. Ist ja gut, Maxi. Ich helfe dir. Ich lege die Arme um seine Brust und ziehe ihn über das Gitter. Beinahe falle ich mit ihm auf den Boden. Aber wir beide machen das oft. Im letzten Moment stelle ich ihn vor mir ab und wir halten uns aneinander fest. Wir gehen ins Badezimmer und ich helfe Maxi, die Hose herunter zu ziehen. Sonst macht er das schon allein, aber morgens muss es immer schnell gehen. Und er pinkelt auch gleich los. Mama ist immer noch da, Maxi. Er dreht sich zu mir um. Mama? Seine Augen werden groß. Ich ziehe ihm die Hose hoch. Ja, Maxi, Mama ist da. Du musst dir nur die Hände waschen, dann gehen wir zu Mama ins Bett, ja? Möchtest du das? Er nickt glücklich. Aber zuerst muss er seine Hände waschen, da ist Mama ganz streng. Dann nehme ich ihn an der Hand und ziehe ihn in ihr Zimmer. Ich freue mich wahnsinnig darauf, mit Maxi und Mama im Bett zu kuscheln. Aber das Bett ist leer. Mama ist aufgestanden. Maxi schaut die einsame, zerwühlte Bettdecke an. Mama? Ich schlucke den Knödel in meinem Hals runter und sage: Vielleicht macht Mama Frühstück. Da hören wir das Radio aus der Küche. Wir laufen rüber und Mama tanzt. Sie hat immer noch ihr rotes Shirt an und tanzt zur Musik. Die Augen hat sie zu. Mama! Vor Staunen fällt Maxi auf sein Hinterteil und starrt sie mit offenem Mund an. Ist sie nicht schön? , frage ich ihn. Er nickt. Mama söhn. Da öffnet sie die Augen. Sie strahlt. Meine Süßen! Sie küsst mich auf die Stirn und hebt Maxi auf ihre Hüfte. Die beiden drehen sich im Kreis und Maxi quietscht vor Freude. Sprachlos sehe ich zu. Da nimmt Mama meine Hand und schwenkt mich rund herum, bis mir schwindelig ist. Sie fällt auf die Knie und legt die Arme um Maxi und mich. So stehen wir einen Augenblick lang eng umschlungen. Dann schnuppert sie und zieht die Nase in Falten. Ihr beide riecht ja nicht besonders frisch. Auweia. Ich hätte Maxi duschen sollen. Jetzt gibt es bestimmt Ärger. Ich sehe vorsichtig in Mamas Gesicht, aber sie schaut gar nicht böse. Sie springt auf und läuft aus dem Zimmer. Ich lasse Badewasser ein. Wir baden alle zusammen. Maxi plumpst wieder auf seinen Hintern. Matzi nit baden! Matzi will nit! Er schüttelt wild seinen Kopf. Manchmal ist Maxi wirklich dumm. Maxi, mit Mama baden ist doch ganz anders. Das ist nicht wie sonst. Mit Mama baden ist schön. Ich weiß das. Ich habe schon mal mit Mama gebadet. Irgendwann. Ich kann mich nicht genau erinnern. Aber ich weiß noch genau, wie schön es war. Komm Maxi, mit Mama baden wird dir gefallen. Freiwillig kommt er nicht mit. Ich muss ihn auf die Füße ziehen und er sagt immer noch: Matzi nit baden Aber er sagt es ganz leise. Das darfst du nicht sagen, sonst wird Mama böse. Mama söhn. Ja, Mama ist schön. Und mit Mama baden ist auch schön. Noch viel schöner. Ich ziehe ihn ins Badezimmer. Baden söhn? Halb ist er schon überzeugt. Da steht Mama auch schon nackig im Bad. Sie kniet sich vor Maxi auf den Boden und zieht ihm den Schlafanzug über den Kopf. Ja, Maxi, baden ist sehr schön , sagt sie. Maxi kann sie nicht hören, weil der Schlafanzug über seinem Kopf festhängt. Die Arme baumeln nach unten und ich habe Angst, dass er keine Luft bekommt. Aber Mama zieht einfach weiter und Maxis rotes Gesicht kommt unter dem Stoff hervor. Ich ziehe mich auch aus und Mama dreht den Wasserhahn zu. Sie steigt in die Wanne und ich schubse Maxi nach vorne, damit sie ihn über den Rand heben kann. Ich will auch ins Wasser steigen, aber Mama sagt, ich solle zuerst schauen, ob ich leere Shampoo-Flaschen finde. Natürlich finde ich welche. Auf dem Fensterbrett stehen jede Menge leerer Tuben und Flaschen. Ich werfe ihr ein paar zu und steige dann in die Wanne. Wenn wir allein zu Hause sind, baden wir nicht. Einmal ist Maxi mit dem Kopf unter Wasser gekommen. Ich konnte ihn gerade noch hochziehen. Dabei wäre ich beinahe ausgerutscht. Maxi hatte schon Wasser geschluckt und grässlich gehustet. Seitdem baden wir nicht mehr. Ich spritze Maxi nur noch unter der Dusche ab. Das gefällt ihm gar nicht. Und manchmal läuft er mir weg. Aber den vielen Schaum und das warme Wasser findet er herrlich. Er pustet in einen Schaumberg und bläst mir den weißen Schnee ins Gesicht. Ich fülle meine Shampoo-Flasche mit Wasser und spritze ihn damit voll. Er kreischt laut und Mama lacht. Sie füllt ebenfalls zwei Flaschen und drückt Maxi eine davon in die Hand. Wir machen eine richtig schöne Wasserschlacht und haben jede Menge Spaß. Dreimal lassen wir warmes Wasser nach, ehe Maxi und ich aus der Wanne steigen und unsere verschrumpelten Hände begucken. Das sieht ganz schön gruselig aus, wie die Haut der alten Breml. Als Mama mich trocken rubbelt, knurrt mein Magen. Sie gibt mir einen Kuss auf die Nase und sagt: Ihr zieht euch jetzt schön an und ich hole inzwischen etwas Leckeres zum Frühstück. Aber ich will nicht, dass Mama geht. Ich habe keinen Hunger , rufe ich und versuche Maxi zu übertönen, der schreit: Matzi essen! Matzi Bood! Der dumme Kerl weiß ja nicht, was er anrichtet. Mama hört ihn natürlich. Siehst du, Lenchen, Maxi möchte Brot und das werde ich jetzt kaufen. Ich versuche sie festzuhalten. Wir haben doch noch Brot, Mama. Ja, das ist so hart, damit kannst du jemanden erschlagen , sagt Mama. Zieht euch an. Ich bin gleich wieder da. Sie streift sich einen blauen Pulli über und verschwindet aus dem Badezimmer. Ich höre die Wohnungstür zufallen. Jetzt ist sie weg. Am liebsten würde ich Maxi eine kleben. Meine Augen werden nass. Ich laufe in unser Zimmer, ziehe mir einen Pulli und die grüne Jogginghose an, wühle Kalle unter der Wäsche hervor und verkrieche mich im Bett. Ich stecke den Kopf tief unter die Bettdecke und drücke ihn an mich. Bei Kalle macht es nichts, wenn ich weine. Er hält mich nicht für einen Schwächling. Ich kann die Tränen auch gar nicht aufhalten. Sie laufen einfach über meine Backen und ich fange zu schluchzen an. Da zieht mir jemand die Decke weg. Lea? Maxi sieht mich erschrocken an. Lea daulig? Lum? Weil Mama wieder weg ist. Ich brülle ihn an. Sie ist weg! Weg! Weg! Und du hast sie weggeschickt. Maxi verzieht sein Gesicht. Mami weg? Und dann fängt er an zu weinen und nach Mama zu rufen. Er kann nichts dafür. Er ist einfach noch zu klein. Ich ziehe ihn zu mir unter die Decke und halte ihn fest. Er duftet nach Badewasser und seine Haare sind noch feucht. Es hilft, sich an ihm festzuhalten. Er klammert sich auch an mich und langsam hören wir auf zu weinen. Ich steige aus dem Bett und ziehe ihn hinter mir her. Komm, wir suchen etwas zu essen.

Auf buchwelten.wordpress.com, von Marion Gallus (03.10.2012)


Die kleine Lena Maria ist 5 Jahre alt, ihr kleiner Bruder Maximilian (Maxi) knapp über 2 Jahre. Gemeinsam mit ihrer Mutter Karla leben sie in einem Mietshaus und erleben leider nicht die typische Kindheit. Besuche im Kindergarten oder das gemeinsame spielen mit gleichaltrigen Kindern kennt Lena Maria nicht.

Denn sie muss sich um ihren kleinen Bruder kümmern, wenn Mama sie mal wieder allein lässt. Oft ist das der Fall, wenn sie mit Freundinnen oder einem Mann ausgeht und dann am frühen Morgen erst wieder kommt und dann bis spät in den Tag hinein schläft.
Nun wird Lena Maria wieder eine schwere Bürde auferlegt. Ihre Mutter will einen Job annehmen, sie beginnt zu kellnern. Das Problem ist nur, dass sich niemand findet, der auf die Kinder aufpassen will. Die Großmutter hat den Namen eigentlich nicht verdient, denn sie interessiert sich nicht für ihre Enkelkinder. Karlas Freundin will mit Kindern nichts zu tun haben und sagt auch umgehend ab, auf die Kinder zu achten.

Also macht Karla zunächst mit den Kindern einen Ausflug um ihnen dann mitzuteilen, dass sie Abends weggeht um zu Arbeiten. Lena Maria bekommt wieder einmal die Aufsichtspflicht für ihren kleinen Bruder Maxi übertragen.

Doch Lea (wie sie von Maxi liebevoll gerufen wird) fühlt sich dieser Situation nicht gewachsen, sie hat selber Angst alleine in der Wohnung, sie bekommt Maxi nur sehr schwer über die Gitterstäbe des Bettchens gehoben, wenn er mal Pipi muss. Doch all dies spielt für die Mutter keine Rolle, sie ist der Meinung Lena Maria ist alt genug und somit hat Lea keine Wahl.

Sie möchte es ihrer Mama ja auch Recht machen, denn so sehr wünscht sie sich, dass sie liebgehabt wird und ihre Mutter so alltägliche Dinge mit ihnen tut wie frühstücken oder ein Buch vorzulesen. Oft beginnen Lena Marias Tage ganz gut, doch dann wechselt die Stimmung weil Lena Maria in den Augen ihrer Mutter wieder einmal etwas falsch gemacht hat und sie die Schuld bekommt. Natürlich nimmt Lea an, dass dies stimmt. Wie soll sie in ihrem Alter auch wissen, dass es nicht normal ist, dass SIE sich um den kleinen Bruder zu kümmern hat.

Als Karla ihre Kinder für einen Tag zur Schwester ihres neuen Freundes bringt, erleben die beiden einige Stunden in einer normalen, intakten Familie. Hannah (10 Jahre) und Felix (7 Jahre) verstehen sich gut mit den beiden, auch wenn sie sich wundern, dass sie über einige Dinge nur staunen, die für sie doch alltäglich und normal sind. Lena Maria und Maxi genießen diesen Tag in vollen Zügen und freuen sich beide auf die Tage, die sie dort verbringen sollen. Denn wenn ihre Mutter gemeinsam mit ihrem Freund für 5 Tage nach Mallorca fliegt, sollen die Geschwister dort wohnen.

Doch leider bekommt Nina (das ist die Schwester des Freundes) vorzeitige Wehen in ihrer Schwangerschaft und muss ins Krankenhaus. Somit können Lena Maria und Maxi nicht dorthin.

Und ihre Mutter denkt nicht einmal im Traum daran, auf den Urlaub zu verzichten. Sie kauft einige Lebensmittel ein und teilt ihrer Tochter mit, dass sie schließlich in einigen Tagen schon wieder zurück sei …

Dieser Roman hat mich zutiefst erschüttert. Solch ein Auf und Ab, erzählt aus der Sicht der 5-jährigen Lena Maria, dass hat mich wirklich mitgenommen.

Der Roman ist aufgebaut wie eine Tagebucherzählung oder ein Tatsachenbericht.

Kapitel gibt es keine, die Handlung begleitet Lena Maria und ihren Bruder Maxi für einige Tage und ist nur durch Absätze unterteilt.

Die Autorin sagt im Anhang, dass sie selber keinerlei dieser Erfahrungen gemacht hat, sondern die Idee zu dieser Geschichte dadurch entstanden ist, weil es sie selber immer wieder erschüttert, wenn die Medien von verwahrlosten oder halb verhungerten Kindern berichten, die in irgendwelchen Wohnungen aufgefunden wurden.

Umso erstaunlicher wie die Autorin es geschafft hat, diese Gefühlswelt und Eindrücke der Kinder zu Papier zu bringen. Sie hat in einem recht einfachen Stil geschrieben, denn es sind ja die Erinnerungen einer 5-jährigen, die wir lesen.

Lea hat niemanden mit dem sie sprechen kann, außer ihrem Stoffhasen Kalle und ihrem kleinen Bruder Maxi, doch der ist eben zu klein und versteht noch nicht viel. Die Kindersprache des kleinen Maxi ist absolut echt und keinesfalls gekünstelt. Die Autorin hat die Sätze, die Maxi spricht einfach in einer Art Lautschrift zu Papier gebracht, die absolut authentisch ist.
Ich bin ja selber Mutter und konnte alles was Maxi sagt, sofort verstehen und in wie vielen Wortwechseln zwischen den beiden hat sich mir ein Kloß im Hals gebildet.

Immer wieder hat Lea versucht ihrem kleinen Bruder zu helfen, natürlich hat das nicht immer funktioniert. Wie soll auch ein 5-jähriges Mädchen mit einem fiebernden, hustenden Kind umgehen, dass dann auch noch an Magen-Darm erkrankt?

Diese innige Beziehung zwischen den Geschwistern war schon eine extreme. Natürlich war Lea auch genervt von ihrem kleinen Bruder oder wütend auf ihn und sie haben sich gestritten. Doch es lief immer wieder darauf hinaus, dass die beiden nur sich selbst, Kalle und Bää (Maxis Bären) haben. Wenn Maxi dann seine Schwester aus dunklen Kulleraugen anschaut und sagt „Lea lieb“, spätestens dann ist alles wieder gut und Lea überkommt die Schwesternliebe.

Sehr gut war auch beschrieben, wie die Mitmenschen in der nahen Umgebung auf diese Situationen reagieren. Die ständig neugierige Nachbarin, die offensichtlich nie etwas anderes zu tun hat, als aus dem Fenster zu sehen. Genau die spielt dann eine wichtige Rolle, weil sie sich offenbar Gedanken macht und ein Bauchgefühl hat, dass dort in der Nachbarwohnung etwas nicht stimmt.

Dieser Roman ist sehr dramatisch und erschreckend real, doch es gibt auch immer mal wieder schöne und sogar lustige Momente. Das sind dann einige der wenigen guten Stunden, die die Geschwister erleben durften.

Das Ende des Romans hat mir die Tränen in die Augen getrieben und als ich das Buch dann beendet hatte, musste ich mich erst einmal sammeln und runterkommen.

Das Cover ist schlicht, dunkel und zeigt einen einzelnen Babyschuh. Ich finde es sehr gut gelungen, mehr braucht es nicht um den Einband als Hingucker zu gestalten.

Mein Fazit: 5 von 5 Sternen für einen erschreckenden Roman, der sehr real geschrieben ist und die Gefühlswelt von Kindern wunderbar wiedergibt. Eine Geschichte die traurig und wütend macht, den Leser/die Leserin den Kopf schütteln lässt und zu Tränen rührt. Nicht nur für Eltern ein empfehlenswertes Buch, denn waren wir nicht alle mal Kinder?

Online: http://buchwelten.wordpress.com/2012/10/03/allein-tagebuch-eines-vernachlassigten-kindes-von-christa-schwagerl-55/

Auf querblatt.com, von Thomas Lawall (Juli 2012)


Lena Maria hält es mit ihrem kleinen Bruder unter der Bettdecke nicht mehr aus. Schließlich ist sie schon fünf Jahre alt. Maxi hat Fieber und hustet pausenlos. Sie macht Licht und gibt ihm vorsichtig etwas Wasser aus einer Flasche. Dauernd weckt er sie und langsam kann sie nicht mehr.

Und wieder ein Hustenanfall. Lena Maria überlegt, ob sie ihrem Bruder etwas Medizin geben sollte. Der Zweijährige bellt wie ein riesiger Hund, während sie vergeblich versucht, die Medizin zu öffnen. Die Kindersicherung der kleinen Flasche stellt für sie aber ein unüberwindliches Hindernis dar. Verzweifelt gibt sie auf und flüchtet sich in Mamas Schlafzimmer. Ganz kurz nur, denn wenn Maxi endlich Ruhe gibt, will sie wieder zurückkommen. Mamas Bett ist eiskalt und sie klappert mit den Zähnen, was sie lustig findet. Schließlich schläft sie ein ... und das ist ihr nächster Fehler.

Von Licht und Stimmen wird sie mitten in der Nacht geweckt. Mama kommt endlich heim, und sie liegt noch in ihrem Bett. Das wird wieder Ärger geben, befürchtet sie, und sie hat recht. "Was zum Teufel, willst du in meinem Bett?" will sie wissen und Lena erzählt ihr von dem störenden Dauerhusten. "Und dann hast du ihn allein gelassen? Solltest du nicht auf ihn aufpassen?"

Lena fängt an zu weinen, denn schließlich ist es ja "ihre Schuld", dass Maxi überhaupt krank wurde. Jetzt hat sie auch noch versagt, indem sie nicht auf ihn aufgepasst und auch noch versäumt hatte, ihm seine Medizin zu geben. Peter, Mamas Freund, ist auch schon ziemlich sauer. Irgendetwas scheinen sie noch vorzuhaben. Schließlich flüchtet sie ins Kinderzimmer, wirft die Tür hinter sich zu, springt zu Maxi ins Bett und zieht die Decke über ihren Kopf.

Maxi schläft jetzt endlich, aber Ruhe ist noch immer nicht in der Wohnung. Mama "jammert und stöhnt". Das muss wohl Peter sein, der jetzt seine Wut an Mama auslässt. Lena weiß, dass sie an allem schuld ist. Maxis Krankheit hat sie zu verantworten, "dass Peter mit Mama etwas Fürchterliches anstellt" und überhaupt alles, was schiefläuft. Ob sie Mama wohl helfen soll, denn jetzt schreit sie auch noch ...

Lena Maria ist mit der Verantwortung, die ihr ihre Mutter übertragen hat, völlig überfordert. Als Fünfjährige ist es ihr nicht vergönnt, eine Kindheit in einem behüteten Rahmen zu verbringen. Immer und zu jeder Zeit hat sie auf ihren kleinen Bruder aufzupassen. Wenn Dinge nicht so laufen, wie sie laufen sollen, ist stets sie verantwortlich, selbst wenn ihre Mutter einmal zufällig dabei ist.

Schläge hat sie schon oft genug dafür eingesteckt, doch ihre Mutter nimmt sie trotzdem in Schutz. Auch wenn sie sich manchmal fragt, ob diese Person, die gerade wieder so unerklärliche Dinge tut, überhaupt ihre Mutter ist, denn "vielleicht ist ein böser Geist in sie gefahren?" Schnell ändert sie ihre Meinung aber wieder, denn nur sie allein ist ja an allem schuld, und sie muss sich endlich bemühen, nichts mehr falsch zu machen. Dann ist die Mama vielleicht auch wieder öfter zu Hause. Leider ist das ein Irrtum, denn es sollte noch viel schlimmer kommen!

"Allein" erzählt eine Woche aus Lena Marias Kindheit. In Rückblenden erinnert sie sich an jene Tage, die eigentlich nicht schlecht begonnen hatten. Mama will alles ändern ...

Einen authentischen Hintergrund gibt es nicht, wie die Autorin in einem Interview versichert. Umso erstaunlicher ist es, mit welch unglaublichem Einfühlungsvermögen es Christa Schwägerl versteht, sich in die Situation der fünfjährigen Lena-Maria zu versetzen! Man muss schon sehr viel von den Gefühlswelten verstehen, in denen sich Kinder in diesem Alter befinden, um ein derart realistisches Szenario zu schaffen. "Erfinden" kann man so etwas eigentlich nicht - höchstens "erfühlen" vielleicht oder aus dem Verhalten der eigenen Kinder ableiten. Jedenfalls kann man die emotionale Zwickmühle, in welcher sich die kleine Lena-Maria befindet, und die sich anbahnende Eskalation der Zustände realistischer nicht beschreiben.

Ausgefeilt bis ins Detail sind die Dialoge der Kleinen. Auch für den Einbau von Maxis Kindersprache hat sich die Autorin viel Zeit genommen. Sätze wie "Lea sau, Matzi Deilad" (Lea schau her, Maxi fährt Dreirad) wirken nicht gekünstelt, denn sie sind echt. Nur wer selbst Kinder hat, kann so schreiben!

Neben Maxis vergnüglichen Wortreduktionen finden wir auch die typische Synthese aus kindlicher Phantasie und Realität, eindrucksvoll beschrieben, als Prinzessin Lena Maria duscht und von bösen Piraten angegriffen wird! Für das eine oder andere Schmunzeln sorgen auch Leas kindliche Logik, indem sie sich zum Beispiel Gedanken macht, weshalb Simone, Mamas Freundin, die sie in einem Café treffen, so kurze Haare hat: "Vielleicht hat sie Kaugummi in die Haare geklebt und musste sie abschneiden." Zudem schließt sie von der Größe der von Simone bestellten Espressotasse sowie dem kleinen Löffelchen, auf das ihr zur Verfügung stehende Einkommen. "Sie muss noch weniger Geld haben als wir." Selbst ihre Augenbrauen sind ganz dünn und lediglich aufgemalt! Auch ein Doppeldeckerbus regt ihre Phantasie an: "Wenn man zwei Decks hat, braucht man sicher auch zwei Busfahrer."

In Fachbüchern finden wir Leben und Verhalten von Kindern wie der jungen Lena Maria belegt. Ebenfalls den in "Allein" skizzierten Ausweg als einem von vielen, den ich hier insofern vorweg nehmen darf, als die Autorin in besagtem Interview bereits verraten hat, dass die Geschichte gut ausgeht. Im wahren Leben gelingt das leider nicht immer, was Medienberichte immer wieder bestätigen. Diese wiederum berichten andererseits in weitaus geringerem Maße darüber, dass es zahlreichen Kindern gelingt, dank aktiver Hilfe von befreundeten Familien, Verwandtschaft, Pflegefamilien, Jugendorganisationen und -ämtern, ein völlig neues Leben zu beginnen. Ein Happy End gibt es also auch in der Realität gar nicht mal so selten.

Es bleibt dennoch wirklich zu hoffen, dass diese Veröffentlichung die "richtigen" Leute aufrüttelt und nicht wieder nur jene, die sich der ganzen Problematik rund um vernachlässigte Kinder sowieso längst bewusst sind. Jedes gute Buch sollte Erfolg haben, aber diesem Buch wünsche ich, im Sinne der vielen kleinen Anna Lenas, die tagtäglich einem ähnlichen Schicksal ausgeliefert sind, einen ganz besonderen!

Online: http://home.arcor.de/tomary/Literatur/Allein/allein.html

In der Mittelbayerischen Zeitung, von Harald Kuchler (06.04.2012)


Nur Gummibärchen bleiben von Mama
Die Burglengenfelderin Christa Schwägerl, Jahrgang 1964, hat einen Roman über Kindesvernachlässigung geschrieben.

Burglengenfeld. „Wir haben gegessen und gebadet. Ich gehe zum Fenster. Es sieht nicht so aus, als würde die Sonne bald untergehen. Der erste Tag ist noch nicht herum. Fünf Tage hat sie gesagt. Was sollen wir nur fünf Tage lang machen?“

Zwei Kinder, die fünfjährige Lena Maria und der zweijährige Maxi, sind allein in einer Wohnung. Ihre Mama ist für eine Woche mit ihrem Freund in den Urlaub gefahren. Zuvor hat sie noch den Kühlschrank mit Wurst und Käse bestückt. Gummibärchen und Schokolade gibt es auch. Ansonsten sind die Kinder sich selbst überlassen. Niemand schaut nach ihnen. Die Lage spitzt sich zu, als Maxi zu husten anfängt und krank wird...

Die Urangst eines kleinen Kindes, verlassen und ausgesetzt zu sein, hat die gebürtige Burglengenfelderin Christa Schwägerl in ihrem Roman „Allein. Tagebuch eines vernachlässigten Kindes“ in bedrückende Szenen gefasst. Szenen, die den Leser die Gefühlswelt der Kinder zwischen Hoffen, Unverständnis und Verzweiflung nacherleben lassen.

„In dem Buch schildere ich ein fiktives Schicksal“, betont Schwägerl im Gespräch mit der MZ. In ihrem persönlichen Umfeld habe sie so etwas noch nicht erlebt. Berichte in den Medien hätten sie aber auf das Thema Kindesvernachlässigung gestoßen. „Als Mutter dreier Kinder hat das eine Flut von Gefühlen in mir hervorgerufen, die ich mit dem Schreiben dieser Geschichte zu verarbeiten suchte.“

Da sie das Geschehen vor allem aus der Sicht der Kinder aufrollen wollte, erschien ihr die Ich-Perspektive am sinnvollsten. Die kleine Lena Maria kann nicht begreifen, warum ihre Mutter ihr das antut, sie kann nur beobachten und ihre Gefühle wiedergeben. Und sie hat eine Ahnung, dass sie so etwas wie Verantwortung tragen soll für ihren Bruder, eine Bürde, die ihr natürlich viel zu schwer ist und zu Schuldgefühlen führt.

Online: http://www.mittelbayerische.de/index.cfm?pid=10073&pk=774501&p=1

Über den Autor

Schwägerl, Christa

Schwägerl, Christa

Christa Schwägerl wurde 1964 in Burglengenfeld geboren und wuchs in der beschaulichen Oberpfalz auf. Nach einem kurzen Abstecher nach Sulzbach-Rosenberg kam sie in ihre Heimat zurück und gründete dort eine Familie. Heute lebt Christa Schwägerl in Höchstadt in Mittelfranken... mehr über den Autor

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