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All die ungelebten Leben
Roman

All die ungelebten Leben

Autor: Abresch, Michaela


lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 600

Größe: 21,0 x 13,3 cm

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Original

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862827336

Einband: Paperback

EUR 18,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Als Kind war ich davon überzeugt, von uns dreien die unwichtigste, die nutzloseste, die wertloseste Tochter zu sein. Warum sonst durftet ihr bleiben, während er mich fortgab?

Janes Krankheit zwingt sie dazu, ihre Arbeit für ein humanitäres Hilfsprojekt im Südsudan zu beenden. Die Angst davor, nach ihrem Tod in Vergessenheit zu geraten, weckt in ihr den Wunsch, nach zwanzig Jahren des Schweigens Kontakt zu ihren beiden Schwestern aufzunehmen. Sie lädt sie nach Rømø ein, auf die dänische Insel, wo sie als Kinder unbeschwerte Ferien verbrachten. Notdürftig knüpfen die Schwestern das einst zerrissene Band zusammen, um Antworten auf Fragen zu finden, die in der Familie nie gestellt werden durften. Die eigenwillige Selma vermeidet alles, was alte Wunden aufreißen könnte. Mascha sieht sich unvorbereitet mit einer Schuld konfrontiert, die sie zutiefst erschüttert. Und Janes Zustand verschlechtert sich Tag für Tag.

Michaela Abresch erzählt die berührende Geschichte einer Familie, die geübt darin ist, den Mantel des Schweigens über störende Risse im Familiengefüge zu breiten – ohne zu merken, dass die verschwiegenen Wahrheiten sie alle an einem erfüllten Leben hindern.

Mascha (zur PDF-Leseprobe)

»Herzlich willkommen!« Jane stieß sich leicht von der Wand ab. Es war, als schwebe sie zu Mascha herüber. Sie strahlte immer noch. Maschas Mund fühlte sich staubtrocken an. Ihr Herzschlag dröhnte bis in die Schläfen. Wohin war die Vorfreude entschwunden, die sie während der ganzen Fahrt von Fürstenried bis hierher verspürt hatte? Warum kam ihr das tausendmal in ihrer Vorstellung ausgesprochene Wie ich mich freue, dich zu sehen! nicht über die Lippen? Es war, als habe ihr jemand eine Spritze verabreicht, die jede Form von Bewegung und Regung einfror, sogar jedes Wort, das sie hatte aussprechen wollen. Sie ist krank.
Jane stand jetzt so nah vor ihr, dass Mascha nur die Hand auszustrecken brauchte, um sie zu berühren. Sie waren fast gleich groß, aber aus der Nähe wirkte Jane noch zarter. Hohlwangig, mager. Wie ein Kind, das man in die Arme nehmen und nicht mehr loslassen wollte. Das Strahlen in Janes Augen verflüchtigte sich.
»Du konntest damit nicht rechnen«, sagte sie jetzt. Ihre Stimme klang vertraut in Maschas Ohren. »Es tut mir leid, wenn dich mein Anblick erschreckt.«
Beschämt senkte Mascha den Kopf. O nein, Jane, bitte sag das nicht! Ihre Arme hoben sich, ohne dass sie etwas dafür tun musste. Ihre Füße machten einen kleinen Schritt. Ihre Hände legten sich sanft auf Janes Schultern, die sich knochig anfühlten unter dem Pulli, wie zwei Stücke Holz. Sie spürte Janes Arme, als sie ihren dürren Körper an sich zog, und den glatten Stoff des Kopftuchs unter ihrem Kinn. Keine von ihnen sagte etwas, sie standen nur da, dicht beieinander, und hielten sich in den Armen. Durch die geöffnete Verandatür drang das Tschilpen der Vögel zu ihnen herein. Maschas Blick fiel auf den Tisch draußen auf der Veranda. In ihrer Vorstellung sah sie ihn bedeckt mit Muscheln, die zum Trocknen in der Sonne ausgelegt worden waren, hübsche kleine Gitterschnecken, Purpurschnecken, so groß wie ein 50-Oere-Stück, Stabmuscheln ohne Zahl, die vielfarbigen Mondschnecken, Pelikanfüße, die so selten zu finden waren, dass sie jedes Mal ein Fest gefeiert hatten, wenn eine von ihnen einen nach der Flut angeschwemmt im Sand entdeckt hatte. Es ist wie früher, dachte sie, und dann trat Miquel in ihre Gedanken, ohne dass sie ihn gerufen hatte. Barfuß, in Jeans und mit aufgekrempelten Hemdsärmeln, so wie sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. In seinem Blick lag diese Art von Ermutigung, mit der er jeden Ansatz eines Zweifels ersticken konnte. »Zeichne, was du fühlst«, hörte sie seine Stimme, und die Sehnsucht, die keine Daseinsberechtigung haben durfte, grub sich tief in ihr Herz. Zur gleichen Zeit hoben sie die Köpfe.
»Komm«, sagte Jane, nahm Maschas Hand und zog sie mit sich nach draußen. Sie setzten sich einander gegenüber an den Muscheltisch. Mascha hängte ihren Rucksack an die Stuhllehne. Eine Weile sahen sie sich an.
»Krebs«, sagte Jane. Sie zupfte an einem feinen Faden, der sich vom Saum ihres Ärmels gelöst hatte.
»Seit wann?« Mascha räusperte sich. Mit allem hatte sie gerechnet, aber nicht, dass dies die ersten Worte sein könnten, die sie an ihre Schwester richten würde.
»Erstdiagnose vor fünf Jahren. Das Rezidiv kam vor zwei Jahren, die Metastasen in der Lunge auch. Kurz danach Knochenbefall. Drei Wirbelkörper. Außerdem sammelt sich Flüssigkeit zwischen Lunge und Rippenfell.«
Noch während Jane wie ein routinierter Mediziner all die Bösartigkeiten benannte, schlug Mascha eine Hand vors Gesicht. Nur die Augen blieben frei, und sie schloss die Lider, weil es darunter zu brennen begann. Warum sie die Tränen zu unterdrücken versuchte, wusste sie nicht. Vielleicht wegen der Beherrschtheit, mit der Jane über die heimtückischen Baustellen in ihrem Körper sprach und die Mascha deshalb nicht mit der Schwere der Erkrankung in Einklang bringen konnte. Vielleicht wollte sie ebenso stark sein, wie Jane es zu sein schien.
»Mein Gott, Jane …«, stotterte sie. Sie schlug die Augen auf, die feucht waren und Jane hinter einem Tränenschleier verschwimmen ließen. »Warum hast du nicht früher … Ich meine … Wie geht’s dir, darf ich das fragen? Bekommst du … Chemo oder sowas?«
Mascha fragte sich, ob es oft vorkam, dass jemand in Gegenwart ihrer Schwester und angesichts ihrer Offenbarungen die Fassung verlor. Warum sagte sie nichts? Mascha fürchtete, mit ihrer Frage oder der Art, wie sie sie hervorgebracht hatte, könne sie Jane verletzt haben. »Ich hab doch keine Ahnung, Jane, du bist die Krankenschwester …«, fügte sie eilig hinzu, weil sie das Bedürfnis hatte, sich für ihr Gestammel rechtfertigen zu müssen. Ungeduldig zerrte sie an einem Zipfel ihres Halstuchs und rieb sich damit hektisch über beide Augen. »Sicher tust du alles, was nötig ist.«
Voller Ruhe griff Jane in den Leinenbeutel an ihrem Stuhl und beförderte ein Päckchen Papiertaschentücher zutage. Mit einer Hand und ohne ein Wort schob sie es über den Tisch.
»Danke.« Mascha zog ein Taschentuch heraus, wischte damit am unteren Wimpernrand beider Augen entlang und putzte sich anschließend die Nase.
»Ja, stimmt, ich tue alles, was nötig ist«, wiederholte Jane.
Mascha knäulte das Taschentuch zusammen und verbarg es in ihrer Faust. Im Haus wurde eine Tür geöffnet und wieder geschlossen. Warum sie? Warum die Jüngste? Oh Gott, was, wenn ich …?
»Schönes Halstuch«, sagte Jane unvermittelt. Eine angedeutete Kopfbewegung wies auf die orangegelben Sonnen. »Ich hatte befürchtet, dass du immer noch eine schwarze Schwester bist.«
Ihr Grinsen ermutigte Mascha, sich ebenfalls an einem Lächeln zu versuchen. Aber es fühlte sich künstlich an und verließ ihre Lippen, kaum dass es sich darauf niedergelassen hatte.
»Schwarz steht mir nicht«, sagte sie. Obwohl Janes Offenbarung sie tief getroffen hatte und ihr der Sinn daher nicht nach banaler Plauderei stand, ließ sie sich darauf ein. Der Themenwechsel war wohltuend, wie sie mit Erleichterung feststellte, er milderte die Spannung der letzten Augenblicke.
»Den Eindruck hatte ich immer«, erwiderte Jane.
»Deins ist auch schick«, sagte Mascha. »Wie du es bindest. Sieht gut aus.« Sie meinte es ehrlich, es war keine Floskel aus Gründen der Verpflichtung, weil es sich gehörte, ihrer todkranken Schwester etwas Freundliches zu sagen.
»Ja, ich übe schon ein paar Jahre.«
Janes eigenartiger Humor verstörte Mascha. Seit Jahren kämpfte ihre Schwester gegen den Krebs, und wahrscheinlich experimentierte sie bereits ebenso lange mit verschiedenen Bewältigungsstrategien herum. Angesichts der grausamen Wahrheit, die Jane enthüllt hatte, sah Mascha sich jedoch außerstande, auch nur im Ansatz daran zu denken, ihr mit Humor zu begegnen. Sie wünschte sich fort, ins Innere einer leergespülten Schneckenmuschel, in der sie sich zusammenrollen und in der sie den Schmerz der Traurigkeit aus sich heraus weinen könnte.
Sag doch was!, flehte sie ihre Schwester stumm an. Irgendwas. Ihr Unvermögen, Worte zu finden, mit deren Hilfe sie in der Lage war, die unerträgliche Stille zu füllen, machte sie nervös. Unentwegt zupfte sie an den Fransen ihres Schals.
»Ist viel Zeit vergangen«, hörte sie sich sagen. So ein Unsinn! Sie sah Jane nicken und biss sich auf die Lippen. Warum verlor sie sich in Phrasen, anstatt auszusprechen, was sie bewegte?
Was ist passiert in dieser Zeit, Jane? Wie war sie, diese Zeit, in der wir getrennt voneinander aufgewachsen sind? Wie hast du sie verbracht, was hast du erlebt, was hat dich zu der Frau werden lassen, die du heute bist? Nie hatten sich die Fragen quälender angefühlt als jetzt, da Mascha ihrer Schwester gegenübersaß, ihr in das blasse, spitze Porzellangesicht blickte und sich bewusst machte, wie wenig sie über sie wusste.

Über den Autor

Abresch, Michaela

Abresch, Michaela

Michaela Abresch, Jahrgang 1965, lebt mit ihrer Familie in einer Kleinstadt im Westerwald. Sie ist tätig in pflegerisch-beratender Funktion innerhalb einer Einrichtung für Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen. Verschiedenen Veröffentlichungen in Anthologien und ihrem 2012... mehr über den Autor

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