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364 Tage
Roman

364 Tage

Autor: Reichel, Sonja

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 312

Größe: 21,0x13,3

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862827480

Einband: Paperback

EUR 12,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe

Ein zufälliges Treffen auf der Straße. Der erste Kuss in einer Frühsommernacht. Arvid ist attraktiv, stilsicher und wortgewandt, aber auch kantig, verschroben. Trotz Zweifeln lässt Sofie sich auf ihn ein. Weil sie sich nach ihrer letzten Liebe danach sehnt, wieder Feuer zu fangen für jemanden. 364 Tage hält die Beziehung zu Arvid. 364 Tage, in denen ihre Leben sich zögernd annähern, in denen die Fehler und Eigenarten des anderen sichtbar werden. Mit jedem Tag wird Sofie klarer, was sie von Anfang an ahnte – dass er ihr nicht reichen wird. Kurz vor ihrem Jahrestag zieht sie schließlich den Schlussstrich.

Warum aber beschleicht sie diese Sehnsucht nach ihm, als sie später durch Myanmar und Thailand reist und ihn in Gedanken an all die Orte stellt, die er nie betreten hat?

Eine berührende Liebesgeschichte unserer Zeit, feinsinnig und poetisch, aber auch ein Großstadtroman über die Generation Beziehungsunfähig.

[...] (zur PDF-Leseprobe)
Als sie schließlich das Wohnzimmer betrat, fühlte sie sich an ein Kammerspiel erinnert. Die Szenerie hatte eher etwas von einer in der Zersetzung begriffenen Krabbelgruppe als von einem Geburtstag. Ein Kind, das wie eine Schildkröte aussah, robbte ihr entgegen, einen Speichelfaden am Kinn. Um den Tisch herum saßen diese Mütter-Mütter, die nicht mehr waren als das. Mütter. Ausschließlich. Dieser Kuhtyp Frau: behäbig, rundlich, bodenständig. Meine vier Wände, mein Kind, sein Erzeuger. Sie, die gebärenden Weiber. Gebär-Mütter. Nicht mehr und nicht weniger. Sie bedankte sich im Stillen bei ihren Freundinnen, die bereits Mütter waren und darüber hinaus.
Jemand bot ihr einen Hotdog an, und sie entdeckte zwei Bekannte, mit denen sie wortlos beschloss, etwas zu trinken. Wodka und irgendwas. Ihre Stimmung erreichte etwas Hysterisches. Der Senf brannte in ihrem Mund. Draußen schöpfte der Gastgeber Wasser vom Balkon.
War sie nicht auch eine Tastende in Sachen Liebe? Seit sie Lars als ihren Kompass verloren hatte, war ihr manchmal, als könnte man es verlernen, das Lieben. Als könnte man auch die Durchlässigkeit verlieren, derer es bedurfte, wenn es galt, Feuer zu fangen für jemanden. Und wer sie verlor, legte nur einen Schwelbrand nach dem anderen, anfällig für jede sich ändernde Windrichtung.
Mathias hatte sich bei ihr untergehakt und wollte wissen: »Was bist du so abwesend? Hast du nicht gleich ein Date?«
»Ja.«
Er lachte ob ihrer Einsilbigkeit, die, wie er fand, so gar nicht zu ihr passte.
»Was ist los?«, und boxte ihr in die Seite.
Sofie erklärte, dass sie nicht wisse, Arvid etwas skurril sei.
»Skurril muss nichts Schlechtes sein. Wo hast du ihn denn her?«
»Von der Straße, gewissermaßen haben wir uns auf der Straße aufgelesen, als wir beide auf jemanden gewartet haben.«
»Ein guter Anfang.«
»Ohne ihn hätte ich wahrscheinlich schon alles in Stücke geschlagen.«
»Du bist im Vermeiden ja schon so gut wie ich«, kommentierte er.
»Leider. Ich dachte, ihr Männer wärt ständig damit beschäftigt, den Kopf aus irgendwelchen Schlingen zu ziehen. Müssen wir derart emanzipiert sein und euch alles nachmachen? Ich klage an: In dem Punkt ist die Frauenbewegung nach hinten losgegangen. Wenn jetzt beide Seiten zaudern, wird das nichts mehr.«
»Sei einfach nicht so streng mit ihm.«
»Rate ich das sonst nicht immer dir?«
Jedenfalls war es ein gutes Stichwort. Sofie beschloss, alles auf sich zukommen zu lassen, Arvid auf sich zukommen zu lassen.

Wieder war sie draußen mit ihm verabredet, unter einem Torbogen. Sie hatte mit allem gerechnet bei ihrer Begegnung, nur nicht damit, ihn spontan umarmen zu wollen. Doch wie er da stand, mit seiner Mütze und seinem grau melierten Mantel, seine dunkelbraunen Augen auf sie gerichtet, war sämtliche Abwehr, ob natürlich oder künstlich gezüchtet, in sich zusammengefallen. Sie küssten sich auf die Mundwinkel. Ein Kuss auf den Mund wäre nach der Woche, in der sie Distanz geschaffen hatte, zu selbstverständlich gewesen.
»Hallo.«
Seine Zerstreutheit von Montag war wie weggeblasen, wie feiner Sand vom Wind weggetragen, und er wusste genau wohin. Es gab da diesen gläsernen Kunstpavillon im Park, den er ihr zeigen wollte. Einen schlichten Kubus mit einer langen Bar unter hohen Decken, die abzuheben schienen. Dazu Lounge- Ecken und elektronische Musik, die trotz fehlenden Gesangs nicht anstrengend war, sondern sich in den Raum ergoss wie in ein großes Auffangbecken. Wir schwimmen im Klang. Von außen drückten Büsche gegen die Glasfront, und Sofie meinte, das Schaben der dünnen Äste an den Scheiben zu hören, als sie mit Arvid an der Theke stand, um zu bestellen. Die Flaschen waren vor einer orange-goldenen Lichtwand arrangiert. Vielleicht lag es an dieser optischen Suggestion, dass sie Campari bestellten. Arvid hatte sie schon die ganze Zeit im Arm und offenbar beschlossen, sie nicht mehr loszulassen.
In der Ecke am Fenster, in die sie sich zurückzogen, war da sofort wieder dieses wortlose Sprechen mit Mund, Lippen und Zungen, mit Händen im Haar. Dort, auf diesen sofaähnlichen Sitzgelegenheiten war zwischen ihnen ein Flüstern der Körper, mehr brauchten sie in diesem Moment nicht. Die Getränke stellten sie ab und vergaßen sie. Stattdessen sahen sie sich dabei zu, wie ihre Münder vom Küssen immer röter wurden, röter auch die Wangen, und sie fanden sich sehr schön so.
Könnte man die Zeit doch anhalten. Dann bitte jetzt. Stopp. Der Abend bescherte ihnen noch viele Stoppmomente, als sie durch den leichten Nieselregen nach Hause schlenderten, nach Hause, in die gleiche Richtung, denn sie wohnten nicht weit voneinander. Ihre Körper verfielen in Gleichschritt, Sofie lehnte beim Gehen ihren Kopf an seine Schulter – seine Arme, ihre Hände, ein Geflecht. Die Stadt leuchtete mit ihren nassen, menschenleeren Straßen in einem ganz besonderen Licht. Es war, als wäre jeder Neonschriftzug nur für sie entzündet, nur für sie in die Pfützen gefallen. Überall lagen gelbe, blaue und rosafarbene Wasserflächen herum.
»Wenn ich könnte, würde ich dir eine Pfütze pflücken«, sagte er.
»Hör auf, das Kind in mir um den Finger zu wickeln.«
»Wenn es mir gelingt, das Kind für mich einzunehmen, dann ja vielleicht auch das Mädchen und die Frau.«
Und er lag richtig damit – sich zu verlieben bedeutete immer auch, das Kind in sich zu wecken, das Staunen, die Neugier. Wann sonst hatten Menschen ein so starkes Bedürfnis danach, dem Gegenüber die eigene Vergangenheit zu erzählen?
Ich bin die Summe all dieser Jahre. Ohne sie gäbe es mich nicht. Und ich will, dass du den Rechenweg verstehst. Jedes Minus und jedes Plus. Findest du nicht auch, dass damals schon erkennbar war, wie ich später sein würde? Und ist diese Geschichte und jene Angewohnheit nicht ein erster Beweis dafür? Wie ein urzeitliches Fossil, über das man beim Erzählen stolpert. Deine Fragen dabei wie ein Pinsel, der den Staub beseitigt. Alles auf Anfang. Weil du neu bist. Weil ich neu bin für dich.
Und während sich in einer stillen Seitenstraße der Fernsehturm wie ein beruhigender Wächter über der Stadt erhob, vertrauten sie sich einige ihrer Eigenheiten an, die sie beim anderen wie ein Pfand hinterlegten. In ihrem Fall waren es Weigerungen. Sofies Weigerung als Kind, Eiweiß zu essen, weil für sie etwas mit der Konsistenz nicht stimmte; Arvids Weigerung, den Buchstaben G zu schreiben, weil er ihn hässlich fand, unausgegoren. Das Lächeln auf beiden Seiten, das Partei ergreifen für die jeweilige Vergangenheit: Du hattest ein frühes Verlangen nach dem Gelben vom Ei. Und du, du warst schon früh ein Ästhet.
Da sie ihren Blick nach hinten gerichtet hatten, in die Jahre sahen, die entfernt lagen wie ein Land, das hinter Meeren und Bergketten verborgen war, hakte Sofie ein in diese Vorzeit, hakte nach, was er mit der Kaninchengeschichte habe bezwecken wollen. Den toten Kaninchen.
»Ich wollte ein Symptom erklären.«
»Was für ein Symptom?«
»Dass in meiner Nähe Lebewesen kaputtgehen, nicht nur Tiere.« Jetzt klang es nicht, als wollte er um Aufmerksamkeit heischen. Bedauern lag in seiner Stimme.
»Wer ist unter deinen Händen kaputtgegangen?«
»Meine Mutter.« Er hielt den Blick geradeaus auf die Straße gerichtet, als er erzählte. Von dem Mann, den sie nach der Trennung von seinem Vater zu lieben wagte, dem Mann, den er in die Flucht geschlagen hatte. Mit der Weigerung, etwas aus seinem Leben zu machen. Mit seinen Szenen und Wutanfällen, mit zerschmissenem Geschirr, das ihr Angst einjagte. Solche Angst, dass sie sich auf die falsche Seite schlug. Auf seine. Nicht auf die des neuen Mannes, der nicht ankam gegen dieses Vorrecht an Besitz, das der jugendliche Arvid wie ein sturer Herrscher für sich reklamierte. Erst später, als Arvid ausgezogen war, war sie wieder eine Beziehung eingegangen, aber es fehlten die echten Gefühle, der Mann übernahm eine Alibifunktion, dass jetzt alles gut sei. In ihrem Leben, zwischen ihr und ihrem Sohn.
»Nichts ist gut, obwohl sie es immer wieder beteuert«, Arvids Finger krampften. Die Schuldgefühle saßen überall, auch in den Fingerspitzen.
»Aber du warst doch fast noch ein Kind. Gib nicht dir die Schuld.«
»Du warst nicht dabei«, seine Augen immer noch unzugänglich, eine Wand. Er schüttelte sich. »Ich will nicht darüber reden. Ich kann es auch nicht, okay?«
»Okay.«
Sie liefen eine Weile schweigend, drückten ab und zu ihre Hände, um sich des anderen zu vergewissern.
Die Kindheit als Gefäß. Als Gefäß, in das die Schuld fließt. Von der man glaubt, sie ein Leben lang abarbeiten zu müssen. Der Start in die Erwachsenenwelt mit einem Klotz am Bein, der echtes Wachstum verhindert. Hatte nicht jeder seine Fußfessel? Die warnte, wenn man sich zu weit in die Freiheit wagte, die Freiheit, ohne schlechtes Gewissen zu leben?
»Ich habe uns den Abend versaut«, stellte er fest, als sie die letzte Straßenecke erreichten, an der sie sich verabschiedeten.
»Hast du nicht.«
Er hatte ihm lediglich Substanz, Schwere, etwas Trauer verliehen.
»Leicht kann jeder«, fügte sie hinzu.
Da nahm er ihr Gesicht behutsam in seine Hände und näherte sich ihrem Mund so zeitverzögert, dass sich ihr Inneres vor Lust zusammenzog. Wie konnte es irgendjemand auf der Welt ohne solche Küsse aushalten? Wie hatte sie es so lange? Aber sie war zu vertieft, um den Gedanken weiterzuspinnen.

Über den Autor

Reichel, Sonja

Reichel, Sonja

Sonja Reichel, geboren in Heidelberg. Studierte Kommunikationsdesign und Jura in Bielefeld, Berlin, Montpellier und Potsdam. Längere Auslandsaufenthalte in den USA, Italien und Frankreich. Reisen durch Asien. Lebt und arbeitet als Designerin in Berlin. Ihre Kurzgeschichten sind bereits in... mehr über den Autor

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