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Dorsche haben traurige Augen. Geschichten aus Island

Dorsche haben traurige Augen. Geschichten aus Island

Autor: Bjarnason, Brigitte

Lieferbar in 48 Stunden


Produktart: Buch

Seiten: 140

Größe: 19,0 x 13,0 cm

Sprache: Deutsch

Auflage: 1 Erstauflage

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862820436

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 11,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
  • Rezension
Ich habe so gut wie nichts von dieser Insel im Nordatlantik gewusst. Islandponys waren mir ein Begriff, Vulkane, Geysire, Gletscher. Dieses Klischee vom Land aus Feuer und Eis. Na, und dann brach dieser Vulkan unter dem Gletscher mit dem unaussprechlichen Namen Eyjafjallajökull aus und legte den Flugverkehr in fast ganz Europa lahm. Island – das Land der Märchen und Volkssagen. In 16 Kurzgeschichten lässt die Autorin Islands märchenhafte Landschaft aufleben: einsame Dörfer, von verschneiten Bergen umrahmte Fjorde und moosbedeckte Lavafelder. Vor diesem Hintergrund entfalten sich berührende Geschichten aus dem isländischen Alltag – Momentaufnahmen, die uns Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt der Menschen dort gewähren und zum Nachdenken anregen. Die oft melancholisch anmutenden Geschichten handeln von Liebe, Alltagsflucht, Einsamkeit, Familie und Heimweh, Begegnungen zwischen Deutschen und Isländern oder solchen, die sich als ein bisschen von beidem verstehen.

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Die Lawine: Der frischgefallene Schnee knirscht wie Pappe unter meinen Schneestiefeln. Nach dem Schneesturm, bei dem man gestern nicht einmal einen Hund nach draußen getrieben hätte, herrscht heute Abend eine fast beunruhigende Windstille. Der Schnee dämpft die Geräusche aus dem Ort, sodass es ungewöhnlich friedlich auf der Zufahrtstraße ist. Ich hielt es nicht mehr aus in meinem beengten Hotelzimmer, musste mich bewegen und frische Luft atmen. Es hat mich beruflich nach Neskaupstad verschlagen, denn seit ein paar Monaten arbeite ich als Vertreter für Elektrogeräte. Meine Firma wollte, dass ich dem Inhaber des kleinen Elektrogeschäftes vor Ort unsere Artikel vorstelle. Dass ich ausgerechnet Anfang Dezember hierher geschickt wurde, gefiel mir gar nicht. Die Straße ist leer. Ich bin allein unterwegs. Von Weitem sehe ich die Lichter der Häuser und Straßenlaternen. Die meisten der knapp 1400 Einwohner haben schon ihre bunten Weihnachtslichterketten draußen in den Gärten oder drinnen in den Fenstern aufgehängt, um die Dunkelheit der Winters erträglicher zu machen. Hier auf der Straße hellt nur der Schnee notdürftig die Schwärze der einbrechenden Nacht auf. Ich bleibe stehen. Über mir tanzt das Nordlicht in seinem Regenbogenkleid einen wilden Tanz. Dieses Spiel der Lichterstreifen nimmt mich auf magische Weise gefangen. In eleganten Bewegungen und mit leisem Zischen schwirrt es über den rabenschwarzen Nachthimmel. Außerhalb des Lichtermeeres der Stadt, kann man das Nordlicht besonders gut beobachten. Ja, jetzt hätten sich die Touristen gefreut, die für viel Geld eine Nordlichtreise gebucht haben. Da sich aber nicht einmal im Sommer Urlauber in diesen abgelegenen Ort verirren, ist es unwahrscheinlich, heute hier einen Ausländer zu treffen. Die Touristen hätten sowieso ein falsches Bild zu sehen bekommen. Sie würden denken, dass es immer so still und friedlich an diesem Fjord im Osten ist: Nordlicht, Schnee, ein klarer Sternenhimmel und Berge, die sich idyllisch im Mondlicht auf der Wasseroberfläche spiegeln. Ich aber weiß es besser. Ich bin in Neskaupstad aufgewachsen und kenne die Gnadenlosigkeit der isländischen Natur. Es war der 20. Dezember 1974. Ein Tag wie jeder andere. In der Fischfabrik war gegen Mittag der letzte Fisch verarbeitet worden. Die Angestellten, die an den Fließbändern die Filets nach Würmern durchleuchteten oder, wie ich, Dorschen und Kabeljau den Bauch aufschlitzten und sie von ihren Innereien befreiten, wurden nach Hause geschickt. Es lag Schnee. Viel Schnee. Seit Tagen hatte es geschneit. In der Nacht zuvor tobte ein schwerer Schneesturm. Ich hatte mich, nachdem ich von der Arbeit gekommen war, nach dem Mittagessen kurz hingelegt. Als ich aufstand und aus dem Fenster schaute, hatte das Leben der Menschen in dem sonst eher ereignislosen Neskaupstad eine Kehrtwendung genommen. Panikartig liefen Erwachsene und Jugendliche mit Schaufeln bewaffnet in Richtung Fischfabrik, die ein Stück außerhalb des Ortskernes lag. Ich spürte plötzlich ein Unwohlsein in der Magengegend und schaltete das Radio ein. Zwei Lawinen waren kurz hintereinander den Berg hinuntergestürzt. Die erste hatte die Fischfabrik erwischt, die zweite hatte ein Wohnhaus getroffen und es in das Meer gefegt. 800 bis 900 Meter soll die Lawine breit gewesen sein. Ein Augenzeuge berichtete, dass es aussah, als ob ein Teil der Bergkette in den Fjord gerutscht wäre. Kurz darauf fiel der Strom aus. Meine Mutter und ich waren wie gelähmt, während wir stundenlang auf Nachricht von meinem Vater warteten. Er arbeitete in der Autowerkstatt dicht bei der Fischfabrik. Erst gegen Abend rief das Krankenhaus an. Er war am Leben. Sein Kollege hatte ihn kurz nach der ersten Lawine warnen können. In dem Moment, wo er die Werkstatt verließ, zerstörten die heranstürzenden Schneemassen das Haus. Er selbst wurde mitgerissen, konnte sich aber, nachdem die Lawine stoppte, selbst aus dem Schnee graben. Mein Cousin wurde erst zwanzig Stunden später geborgen. Er war mit Aufräumarbeiten in der Fischmehlfabrik beschäftigt gewesen, die, wie die Fischfabrik, in nur einem Augenblick dem Erdboden gleich gemacht wurde. Das kurz darauffolgende Weihnachtsfest war überschattet von der Trauer um die Verstorbenen und dem Schock über die Katastrophe. Der Ort war tagelang über den Landweg von der Außenwelt abgeschnitten. Per Schiff kamen die Rettungs- und Aufräummannschaften, denn noch immer wurde nach Vermissten gesucht. Die anhaltenden Schneefälle erschwerten die Bergungsarbeiten. Für insgesamt zwölf Menschen kam jedoch die Rettung zu spät. Einen Tag vor Silvester wurden die Toten beerdigt. Fast alle Einwohner nahmen an der Trauerfeier teil, die anstatt wie üblich in der Kirche, im Festsaal des Versammlungshauses stattfand. Bis Ostern lag die so unschuldig wirkende weiße Pracht wie eine schwere Decke über dem Ort, drohte das Leben unter ihr zu ersticken, raubte den Menschen den Schlaf. Die Berge, an deren Füßen die Häuser klebten, waren plötzlich zu einer Bedrohung geworden. Der Stolz und die Bewunderung der Schönheit dieser imponierenden Landschaft verwandelten sich in Hass und Angst. Nach dem Unglück schauten die Menschen jeden Herbst bei den ersten Schneefällen mit Sorge hinauf in das mit Schluchten und Spalten durchzogene Felsmassiv, in dem sich zuerst der Schnee sammelte. Der Berg war ihr Feind geworden. Zwei Jahre nach der Lawinenkatastrophe zogen meine Eltern mit mir nach Reykjavík. Viele waren geblieben, versuchten mit der Angst zu leben, sie zu verdrängen. An der Oberfläche schien das Unglück mit der Zeit vergessen, doch die Erinnerung blieb wie ein schmerzender Splitter in den Herzen der Menschen stecken. Vor fünf Jahren machte ich auf einer Reise durch das Land mit meiner Frau und den Kindern einen Abstecher nach Neskaupstad. Es war Sommer. Nachdem wir den in groben Fels gehauenen Tunnel durch den Berg passiert hatten, lag eine atemberaubende Aussicht vor uns. Die Sonne tauchte den Fjord und die umliegenden Berge in ein warmes Licht. Neben der Straße grasten einträchtig Schafe und Pferde. Ich spürte Heimweh, als ich an die Sommer meiner Kindheit dachte, in denen ich die Tage bis spät in den hellen Abend draußen in den Bergen verbracht, das frische Wasser der Gebirgsbäche getrunken hatte und durch Wiesen und Weiden gestreunt war . Auch das Haus meiner Eltern stand noch auf seinem Platz. Die Fischfabrik war wieder aufgebaut worden. In der Cafeteria der Tankstelle traf ich meinen ehemaligen Vorarbeiter. Er erkannte mich sofort und setzte sich zu uns. Von draußen hörte man in regelmäßigen Abständen das Geräusch eines Hubschraubers. Die bauen jetzt da oben einen Lawinenschutzwall. Wurde auch Zeit”, fügte er hinzu. Dann erzählte er uns, wie er von der Lawine verschüttet und ins Meer gefegt worden war. Er hatte sich aus eigener Kraft retten können und hatte keine körperlichen Verletzungen davongetragen. Doch ich wusste und sah es in seinen Augen, dass seine Seele den Schock nie überwinden würde. Meine Kinder fanden die Geschichte natürlich spannend und fragten mich danach stundenlang aus. Meine Antworten blieben knapp. Ich wollte nicht über das Lawinenunglück reden. Jetzt bin ich wieder hier und es liegt Schnee. Für Morgen hat der Wetterbericht erneut Schneefall angesagt. Ich weiß, es hat sich viel geändert seit der Zeit. Nur selten kommt es vor, dass die Straße zum Pass unbefahrbar ist. Auch wird seit der Katastrophe der Berg im Winter ständig beobachtet. Der Lawinenschutzwall oberhalb des Ortskernes ist fertig. Dennoch steht ein Großteil der Häuser auf lawinengefährdetem Gebiet. Theoretisch kann auch heute noch überall in und außerhalb des Ortes eine Lawine heruntergehen. Ich will nicht daran denken und beschleunige mein Tempo. Der Frost beißt mir ins Gesicht, meine Hände und Füße sind klamm vor Kälte. Als ich an der Fischfabrik vorbeikomme, schaue ich kurz hinauf auf den Berg. Ein dunkler Schatten hebt sich bedrohlich vom sternenhellen Nachthimmel ab.

Auf Querblatt.com, von Thomas Lawall (September 2011)


Nun ja, die erste Geschichte "Richtung Norden" kann mich (auf den ersten Blick) wenig begeistern. Sabine aus Berlin begegnet als Anhalterin dem LKW-Fahrer Sverrir, der in Island seit fünf Jahren zwischen Reykjavik und Akureyri hin und her pendelt. Sabine möchte nach Akureyri zu ihrer Freundin Ingibjörg und sie hat Glück, dass Sverrir gerade auf dem Weg dorthin ist. Eine weitere Konversation zwischen den beiden ist nicht möglich, da Sverrir weder Deutsch noch Englisch und Sabine kein Isländisch spricht. Die Geschichte endet gleichermaßen abrupt und banal. Man fragt sich als Leser: Ja und, wie geht es weiter? Interessant ist lediglich die wechselnde Erzählperspektive. Sverrir und Sabine kommentieren den Verlauf der Begegnung jeweils aus ihrer Sicht, ohne dass sie auf der langen Fahrt eine Konversation auch nur im Ansatz herstellen können. Was bleibt, ist eine flüchtige Begegnung zweier Menschen, die nicht mehr vom anderen kennengelernt haben als den Namen und die sich niemals wieder begegnen werden.

Weitaus dramatischer gestalten sich die Ereignisse in der zweiten Geschichte "Der Unfall", die sich jedoch etwas diffus gestaltet. Alexandra kommt mit ihrem Sohn Nonni (weshalb auch immer) in ein kleines isländisches Dorf. Sie bleibt eine Fremde, auch als sie Sveinn Sigurdsson, einen Einheimischen, heiratet. Eines Tages wird ihre Arbeitskollegin in einen schweren Unfall mit dem Sohn ihrer Nachbarin verwickelt. Auf nur wenigen Seiten wird die Situation abgehandelt und zwei Konflikte werden konstruiert. Alexandra stürzt sich in die Vorstellung, was wohl passiert wäre, wenn es ihren eigenen Sohn getroffen hätte. Auf der anderen Seite weiß sie nicht, wie sie sich ihrer Nachbarin gegenüber verhalten soll. Am Ende ist ganz plötzlich die Lösung erzählt und selbst die Unfallgegner sind und bleiben gute Freunde ...

Anders bei der dritten Geschichte. "Lawine" kann mich überzeugen. Vom Anfang bis zum Ende. Deshalb verrate ich auch nichts. Nur eines: Auch hier bleibt zwar einiges offen, doch am Ende schließt sich ein Kreis, und wer weiß schon genau, was die Zukunft (wann) bringt. "Ein weiter Weg" und "Blaue Lupinen" gehören ebenfalls zu meinen Favoriten. Beide Geschichten berichten von Menschen, die am Ende ähnliche Konsequenzen ziehen! Auf einen ganz besonderen Dialog kann man sich in in "Sind sie es, Herr Kafka?" freuen. Die zehnte Geschichte bewegt sich durchaus auf einem ganz anderen Niveau. Davon in Zukunft bitte gerne mehr!

Viele Geschichten hinterlassen leider einen recht halbfertigen Eindruck. Etwas "Feintuning" hätte den Geschichten sicherlich gut getan. Viel zu oft frage ich mich am Ende: Wie jetzt - war's das schon? Da fehlt doch etwas! Meine Zeilen erheben aber insofern keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, da jeder Leser seine eigenen Standpunkte finden mag. In einer Sammlung mit Kurzgeschichten ticken die Uhren sowieso anders, und ich bin mir deshalb fast sicher, dass in dieser Fundgrube für jeden etwas dabei ist.

Vor dem Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull habe ich mich wenig mit Island beschäftigt. Nach der Lektüre weiß ich keinesfalls alles über das Land der Märchen und Volkssagen. Aber ich weiß immerhin ein bisschen mehr und das ist schließlich auch etwas wert.

Online: http://home.arcor.de/tomary/Literatur/Dorsche_haben_traur_Augen/dorsche_haben_traur_augen.html



Über den Autor

Bjarnason, Brigitte

Bjarnason, Brigitte

Brigitte Bjarnason (geb. 1959) wuchs in Hamburg auf und machte dort eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. Während eines Austauschjahres 1982/83 lernte sie ihren Mann in Island kennen. Seit 1992 lebt sie auf der Insel, davon mehrere Jahre in den Ostfjorden. In Borgarfjördur eystri,... mehr über den Autor

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