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Randnotizen - Es ist nie, wie man denkt
Erzählungen. Mit einem Vorwort von Max Schautzer und einem Nachwort von Irene Rindje

Randnotizen - Es ist nie, wie man denkt

Autor: Biakowski, André


lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 132

Größe: 16,3 x 11,4 cm

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Erstauflage

Verlag: ACABUS Verlag

ISBN: 9783862822836

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 11,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Ein obdachloser Gesellschaftsphilosoph, ein verliebter Priester, ein würdevoller Pfandsammler sowie ein Stuttgarter Stricher. Vier Leben, vier Begegnungen – mehr braucht es nicht, um festzustellen, dass es mehr als nur die eine Wahrheit gibt. Direkt und ohne Wertung wird der Leser in andere Lebenswirklichkeiten entführt. Vier Geschichten, die Vorurteile und Wertungen hinterfragen und Seite für Seite erkennen lassen: Es ist nie, wie man denkt.
Einleitung

Ein Mann sitzt auf seinem Schlafsack am Boden. Vor ihm ein Pappbecher. Im Hintergrund der Unterführung in Großbuchstaben der Schriftzug KULTURPLATZ – ein Bild, das per se schon Fragen stellt. Und doch dauerte es einige Zeit, bis ich es auf meinem morgendlichen Weg ins Büro überhaupt wahrnahm. Es als kurze Notiz auf einem Kassenbon aus dem Geldbeutel festhielt. Mit krakeliger Schrift am Rande: Wie viel Kultur steckt in uns, wenn wir an einem Mann auf seinem Schlafsack stupide vorbeirennen? So, als wenn wir ihn nicht sehen würden. Wer ist er? Die Szene brannte sich in meinen Kopf. Der Mann. Hat er Familie? Ich begann ihn jeden Morgen im Vorbeigehen – aus sicherer Entfernung – für einen kurzen Moment zu beobachten, immer einen anderen Aspekt an ihm wahrzunehmen. Seinen müden Augenaufschlag. Vergilbte Finger, die in Zeitlupe versuchten, steif eine Zigarette zu drehen. Ich versuchte Worte für das Gesehene in meinen Notizen zu finden und scheiterte auf meinen Zetteln, weil ich nichts von dem verstand, was ich täglich auf meinem Weg ins Büro sah. Was ist Obdachlosigkeit? Aus dem Bühnenbild unserer Gesellschaft – dem KULTURPLATZ in der Unterführung – schälte sich mehr und mehr ein Mensch, den ich in meinen Aufzeichnungen versuchte zu verstehen. Warum sitzt ein Mensch auf dem kalten Boden? In einer Unterführung? Keiner wird obdachlos geboren. Wählt ein Mensch wirklich die Obdachlosigkeit? Oder bleibt ihm letztlich keine Wahl?

Eines Tages hörte ich ihn auf Polnisch fluchen. Die grauen Krücken neben ihm auf dem Boden. Er hatte getrunken. Ich fasste mir Mut und sprach ihn trotzdem auf Polnisch an. Keiner der Passanten verstand mich, doch er lächelte. Ab diesem Punkt grüßten wir uns jeden Morgen in der Unterführung. Ich überwand die Angst, wie vor einem bissigen Hund. Unterhielten uns kurz, und so erfuhr ich einiges, was ich nicht sah. Nicht wusste. Ich begann seine mir erzählte Geschichte aus den täglichen Notizen niederzuschreiben. Wurde von Tag zu Tag mutiger und unsere Gespräche intensiver. Mehrschichtiger. Im Schreiben, allein mit den Fragen, wurde ich von meinen Gedanken gezwungen, mir meine Vorurteile einzugestehen. Der Mann auf dem Boden begann durch das Schreiben mit mir etwas zu tun zu haben. Versuchte mich in ihn hineinzuversetzen – selbst auf dem Boden zu sitzen – und zeitgleich mich als einen an mir vorbeilaufenden Passanten zu hinterfragen. Ein Experiment.

Eigentlich hatte ich nie vor ein Buch wie das nun vorliegende zu schreiben, doch die Begegnungen mit dem Obdachlosen in der Unterführung rüttelten mich und schärften den Blick auf meine Umgebung. Auf meine eigenen Meinungen. Ich klagte mich an: Wie schnell ich über Menschen Urteile spreche, ohne ihre Lebensgeschichten zu kennen? Ohne wirklich etwas zu wissen? Ich begann zu zuhören. Zu recherchieren. Und plötzlich entstand aus meinen Textfragmenten ein Konzept. Für dieses Buch. Vier in sich abgeschlossene Erzählungen zu den Themen: Obdachlosigkeit, Zölibat, Pfandsammler sowie Straßenstrich. Doch wie schreiben, um diesen Themen – den Menschen mit ihren Lebensrealitäten dahinter – gerecht zu werden? Es ging mir nicht darum, wie ein Sensationsreporter, persönliche Schicksale zu zerpflücken, nur damit der Leser ein schlechtes Gewissen entwickelt. Nein, das war nicht mein Anspruch. Absicht dieses Buches ist es, ein Dahinter des ersten Eindruckes aufzuzeigen. Wissen wir beispielsweise wirklich, was es für einen katholischen Pfarrer bedeutet, im Geheimen zu lieben? Wie es sich für seine Freundin anfühlen muss, nicht öffentlich an seiner Seite leben zu dürfen? Sie sich jedes Wort zu ihm vor anderen überlegen muss? Was es bedeutet, wenn sich ie eigene Ambivalenz zwischen Beruf und Liebe schiebt, die doch eigentlich das Leben bejahen soll? „Das haben doch beide vorher gewusst!“, „Doppelmoral“ oder „Typisch katholische Kirche!“, ist mir als Antwort zu wenig. So leicht dürfen wir es uns nicht machen. Liebe darf nicht sanktioniert werden. Und genau hier beginnt das konstruktive Hinterfragen. Ist das Pflichtzölibat wirklich ein Qualitätskriterium für einen guten und moralisch tragbaren Priester im Tendenzbetrieb Kirche? Oder spaltet es den Menschen? Erzwingt es nicht die Lüge für einen Priester, der Gottes Gegenwart in der partnerschaftlichen Liebe – in einer Beziehung – erfährt? Ist es vielleicht sinnvoll ein freiwilliges Zölibat einzuführen und würde nicht die katholische Kirche, die Gemeinden hinsichtlich immer längerer Vakanzen, davon profitieren, weil der Beruf dadurch für den Priesternachwuchs attraktiver wäre? Wie zeitgemäß ist das Pflichtzölibat heute noch? Was sind die Argumente dafür und welche sprechen dagegen? In meinen Gesprächen mit den Protagonisten der zweiten Erzählung diskutierte ich genau diese Fragen immer aus zwei Perspektiven. Aus seiner als Priester und aus ihrer, die ihn einfach nur lieben dürfen wollte. In jedem ihrer Worte spürte ich den Schmerz und die Sehnsucht, den Wunsch nach einem gemeinsamen ,UNS'. Um beide zu schützen und überhaupt über ihre Lebenssituation schreiben zu können, musste ich den Handlungsort in eine andere Diözese verlegen und die Namen ändern.

Vier Erzählungen. Vier verschiedene Lebensmodelle. Viermal die Frage nach Würde. Ein Mann leuchtet mit seiner kleinen, schwarzen Taschenlampe in einen Mülleimer, beugt sich über die runde Öffnung und zieht eine Plastikflasche heraus. Routiniert lässt er sie in seinem Beutel verschwinden und geht zum nächsten. Pfandsammler, oder wie nennt man einen solchen Mann, ohne ihn zu diskriminieren? Trägt er noch so etwas wie Selbstachtung in sich? Nein! Erschreckend, wie schnell mein vernichtendes Urteil aufgrund des ersten Eindrucks gefällt ist. Mich begann dieser Mann zu beschäftigen. Ehrlich gesagt aus Neugierde. Weil ich mir sein Leben nicht vorstellen konnte. Ich beobachtete ihn oft am Stuttgarter Bahnhof. Notierte Gesehenes. Die Art, wie er eine Flasche kurz nach oben hielt, um zu sehen ob noch ein Schluck drinnen ist. Seine Kleidung gebraucht. Das Gesicht gezeichnet. Ich sprach ihn an. Anfänglich etwas irritiert begann er zu erzählen. Von seiner Frau, dem Sammeln und was für ihn Würde bedeutet. Seine Worte passten nicht zu seinem ersten Eindruck, zu meinem Urteil, und ich begann zu schreiben.

Wenn wir mehr hinter die Kulissen des ersten Eindrucks schauen, hinterfragen würden, so würden wir gewinnen. An Weitsicht. An Menschlichkeit. An Ehrlichkeit uns selbst gegenüber. Ich denke, wir machen es uns zu leicht, wenn wir das Leben der anderen bewerten – auch in dem wir absichtlich wegsehen – und unser eigenes als höchste Maxime für andere nehmen. Die Norm, aus der ein Mensch fallen könnte, gibt es nicht. Wir, die es sich leisten können ,bestimmen' sie leider immer für andere. Was mich am meisten in den vielen Gesprächen und Recherchen zu dem vorliegenden Buch erstaunte, war die Tiefe, mit der die Protagonisten ihr eigenes Leben anschauten. Sich selbst hinterfragten. Es fiel mir oft sehr schwer, das Gehörte niederzuschreiben, weil die Offenheit und Ehrlichkeit ihrer Worte mich fast erdrückten. Ich das alles so nicht wusste: Ein Mann, heute 35 Jahre alt, floh mit seiner Mutter und seinen drei Brüdern aus dem umkämpften Sarajevo. Sein Vater starb bei einem Angriff. 1993. Krieg. In Deutschland angekommen verstand er kein  Wort. Ist plötzlich der Älteste einer bosnischen Familie. Aus einfachen Verhältnissen stammend, will er schnelles, legales Geld verdienen und verkauft letztlich seinen Körper an Männer, ob wohl er damals gerne eine Freundin gehabt hätte. Lässt die Berührungen der Zahlenden über sich ergehen und träumt von seinem Sarajevo. Von einer Rückkehr. Es dauerte eine ganze Weile, bis er mir gegenüber über diese Zeit sprechen konnte und ich versprach ihm, seine Geschichte niederzuschreiben. Mit ihm zusammen.  

Ich danke allen Personen, die mich ermutigt haben, die vier vorliegenden Erzählungen auf Basis meiner persönlichen Randnotizen zu veröffentlichen. Besonderer Dank geht an die Protagonisten meiner Erzählungen, die mir ihr Vertrauen schenkten und sehr persönlich über ihre Lebensrealität sprachen. Mir erlaubten darüber zu schreiben und letztlich damit dieses Buch erst möglich machten. Das ist nicht selbstverständlich. Ich würde mir wünschen, dass dieses Buch mit den vier exemplarischen Erzählungen dazu beitragen kann, dass wir uns nicht vom ersten Eindruck oder einer oberflächlichen Meinung zu einem Urteil über andere verführen lassen, sondern versuchen, den Menschen dahinter zu sehen. Das wir beginnen genauer hinzusehen, zu hinterfragen, um letztlich festzustellen: Es ist nie, wie man denkt.

Über den Autor

Biakowski, André

Biakowski, André

André Biakowski (geb. 1980 in Halberstadt) wuchs in Wernigerode auf und studierte ab 1999 in Nürtingen Malerei und Grafik an der Freien Kunstakademie. Nach einer sich daran anschließenden Ausbildung zum Werbekaufmann und Leitung einiger Kommunikationsprojekte im In- und Ausland... mehr über den Autor

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