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Die neun Tage des Ekels. Der Hamburger Sülze-Aufstand 1919 und wie Elfriede Schwerdtfeger ihn von ihrem Fenster aus erlebte
Eine Novelle

Die neun Tage des Ekels. Der Hamburger Sülze-Aufstand 1919 und wie Elfriede Schwerdtfeger ihn von ihrem Fenster aus erlebte

Autor: Flohr, Karsten

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 72

Größe: 19,0 x 12,5 cm

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862826292

Einband: Paperback

EUR 11,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Hamburg am Rande des Abgrunds:
Der erste Roman über die dramatischen
„Sülze-Unruhen“ im Juni 1919
 
Ein skrupelloser Fleisch-Fabrikant versorgt die hungernde Hamburger Bevölkerung mit „Delikatess-Sülze“ – bis eines Tages eines seiner Pferdefuhrwerke umkippt und Abscheuliches ans Licht kommt ...
 
Die Tagebücher der Kriegerwitwe Elfriede Schwerdtfeger erzählen von den folgenden „Sülze-Unruhen“ – Höhepunkt und Schlussakt der Revolution von 1918/19. Nach neun Tagen wurden die Unruhen von der Reichswehr brutal niedergeschlagen und führten zur Besetzung Hamburgs durch den berüchtigten „Afrika-General“ Lettow-Vorbeck.
 
Elfriede Schwerdtfeger, die von ihrer Wohnung gegenüber der Sülze-Fabrik dem Treiben auf der Straße zusieht, wird am Morgen des
23. Juni 1919 Zeugin von etwas Ungeheuerlichem: Der Beginn des großen Hunger-Aufstands. In ihren Tagebüchern beschreibt sie hautnah den Weg Hamburgs an den Rand des Abgrunds.
 
Eine Novelle über einen fast vergessenen Abschnitt
deutscher Geschichte!

Leseprobe aus "Die neun Tage des Ekels" (zur PDF-Leseprobe)


Montag, 23. Juni 1919

Arthur, du weißt ja, dass ich oft schlecht träum und dass ich dann davon aufwach. Von dem Lärm in meinem Kopf. Der Lärm, von dem du mir bei deinem letzten Front­urlaub erzählt hast, der Kanonendonner und all das. Das Geschrei von den Verletzten, das Heulen von Granaten und so. Und wenn die Schützengräben einstürzen und die Männer unter sich begraben. Aber ich weiß, dass du da heil rausgekommen bist, mein Arthur, auch wenn sie mir das Gegenteil mitgeteilt haben in diesem Brief, diesem unseligen, in dem der Kaiser seine Trauer ausgedrückt hat, dieser schreckliche Kerl. »Ihr Sohn – heldenhaft – auf dem Feld der Ehre – Vaterland« und all so’n Tüdelüt. Ich weiß, dass du eines Tages vor meiner Wohnungstür stehst und mich fragst, ob die Suppe schon fertig ist. Wie du halt so bist, immer hungrig. So warst du schon als lütter Bengel. Genau wie dein Vater, Gott hab ihn selig. Oder auch nicht. Der Fresssack. Wenn er nicht so viel gefuttert hätte, wäre er jetzt vielleicht noch da. Dann hätte ich mehr als die dreißig Mark Witwenrente. Heute hätte er leben sollen, jetzt, wo’s nix zu futtern gibt! Das wär gesünder gewesen für ihn. Naja, hilft nix. Alle müssen sehen, wie sie über die Runden kommen.
Aber heute Morgen hab ich den Lärm nicht geträumt. Der Radau, von dem ich aufgewacht bin, war wirklich da. Erst dachte ich, ich dreh mich nochmal um und dann hört es auf. Hat es aber nicht. Das Geschrei war direkt vorm Haus, Fritzi saß schon auf der Fensterbank und hat rausgeguckt. Was schaust du denn da, hab ich gesagt, hast doch noch gar kein Futter gehabt. Aber sie hat sich nicht zu mir umgedreht, hat nur miaut und mit dem Schwanz hin und her geschlagen. Da muss was los sein vor der Tür, hab ich gedacht und bin raus aus dem Bett, barfuß. Du weißt ja, dass ich das gar nicht gerne mach, wegen den Splittern im Holz. Aber ich war neugierig und die Pantoffeln nirgends zu sehen. Fritzi schleppt sie nachts immer irgendwo hin und versteckt sie. Denkt wohl, das sind ihre Jungen.
Ich also zum Fenster, aufgemacht und rausgeguckt. Du glaubst es nicht: Da schrien mindestens hundert Leute auf der Straße rum und warfen Sachen gegen die Fabrik auf der anderen Straßenseite! Kleine Reichenstraße 15, weißt ja noch, dass da die Gerberei war, von dem Heil, dem Fabrikanten, der von gegenüber. Jacob Heil. Netter Mann. Jetzt, wo er Sülze herstellt, kriegen die Anwohner in den Nachbarhäusern umsonst was von ihm, wegen dem Gestank, als Entschädigung sozusagen. Ich auch. Kostenlose Sülze. Ich glaub, das macht er, weil welche sich beschwert haben. Es stinkt wirklich übel, muss man schon sagen, nicht immer, aber ein paarmal am Tag, wenn sie die Schlote anschmeißen. Wenn ich die Sülze nicht hätte, wüsste ich nicht, wie ich über die Runden käme. Aber egal. Jetzt schrien sie da unten: Heil du Schwein, komm raus!
Ich wusste natürlich nicht, was los war. Die Schümann von nebenan hat es mir dann später erzählt, die arbeitet ja da in der Buchhaltung. Um kurz vor sieben ist da ein Pferdefuhrwerk umgekippt, sagt sie, das bei Heil rauskam, aus seiner »Delikatess Fabrik«, und Fässer auf der Ladefläche hatte. Eins ist zerbrochen, und da sind lauter Kadaver rausgeschwappt. Ratten, Hunde und Katzen. Ganz schleimig und grün vergammelt. Und außerdem so ekelhaftes Zeug von Schweinen und Pferden. Schnauzen und Augen und sogar Geschlechtsteile, hat die Schümann gesagt. Musst du dir mal vorstellen! Also, das haben die Arbeiter gesehen, die gerade die Straße langgingen auf dem Weg zum Freihafen. Und im Nu waren ganz viele Leute da und haben dieses Geschrei gemacht. Ich muss mal eben kurz aufhören, da wird an der Tür geklopft.
 

Über den Autor

Flohr, Karsten

Flohr, Karsten

Karsten Flohr arbeitete zehn Jahre lang als Tageszeitungsredakteur beim Hamburger Abendblatt, bevor er für verschiedene Zeitschriften tätig wurde. 2012 erschien sein erster Roman „Zeiten der Hoffnung“ über den Zerfall des deutschen Großbürgertums im Ersten... mehr über den Autor

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