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Die Welt so stille
Historischer Roman aus dem Deutsch-Dänischen Krieg

Die Welt so stille

Autor: Weber, Jessica

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 328

Größe: 21,0 x 13,3 cm

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862826322

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 16,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Mitten im Grauen des Deutsch-Dänischen Krieges erwächst eine zarte Freundschaft zwischen einem dänischen Soldaten und einem kleinen deutschen Mädchen.


Herzogtum Schleswig, 1864: Die zehnjährige Line reißt von zu Hause aus, wo sie von ihrer alleinstehenden Mutter drangsaliert wird. Sie gerät in einen Proviantwagen der preußischen Armee und die Irrfahrt durch die Wirren des Deutsch-Dänischen Krieges beginnt.
Der Däne Mads zieht in den Krieg, um eine alte Schuld zu sühnen. Seine geliebte Frau Bodil muss er allein zurücklassen. Doch schon bei den ersten Gefechten wird er verletzt und verliert den Anschluss an seine Truppe.
Line wird zufällig zur Lebensretterin für Mads. Es beginnt eine ungewöhnliche Freundschaft, die sich in den darauffolgenden Monaten ein ums andere Mal beweisen muss. Mit dem Kampf um die Düppeler Schanzen entscheidet sich nicht nur der Ausgang des Krieges, sondern auch ihrer beider Schicksal …

Kapitel 10 (zur PDF-Leseprobe)


[…]
»Der Tod ist also nicht so schlimm, ja?«
»Wieso der Tod?«
»Weil bei der Wunde vom Johann nach ein paar Tagen drum herum alles hart wurde und sie schließlich aufging und ekliger weißer Schleim herauslief. Der Johann bekam Fieber, und der Arzt konnte nichts mehr für ihn tun. Er ist gestorben. So weit ist es bei dir noch nicht, aber die Kugel muss da raus.«
»Ich komme nicht dran, sonst hätte ich mir die Stelle doch selbst angesehen und es nicht den Ferdinand machen lassen.« Mads stieß einen Fluch aus, der Line nur allzu bekannt vorkam, und murmelte: »Wenn ich gewusst hätte, dass eine Kugel drinsteckt, hätte ich mich sehr wohl vom Sanitäter behandeln lassen. Verdammt sei meine Nachlässigkeit!«
»Aber ich komme dran«, unterbrach Line Mads’ Selbstvorwürfe. Was meinte dieser seltsame Mann, was solche Gedanken ihm jetzt nützten? Sie mussten eine Lösung finden! »Hast du ein Rasiermesser dabei?«
»Natürlich, das haben wir alle in unseren Tornistern. Stell dir vor, wie wir Soldaten aussähen, wenn wir uns nicht rasieren könnten.«
Line öffnete die Schnallen des Rucksacks, durchsuchte ihn und fand das Messer. »Jetzt leg dich auf den Bauch.«
»Du kleines Mädchen willst wirklich an mir herumschneiden?«
»Natürlich. Ich hab schon in ganz anderen Sachen herumgeschnitten. Ich hab Hühner geschlachtet und Lämmer aus dem Bauch der Mutter gezogen und geholfen, als meine jüngste Schwester zur Welt kam. Und ich sehe zu und helfe, wenn der Arzt auf den Hof kommt und jemanden behandelt. Ich hab auch schon Wunden zugenäht.«
»Aber an dem Johann hast du dich nicht zufällig versucht?«
»Nein!« Empört zog Line die Stirn in Falten. Was dachte der Kerl denn von ihr? »Da wusste ich ja noch nicht, wie schlimm so ein Splitter werden kann, sonst hätte ich es bestimmt getan. Und jetzt lieg still und lass mich machen, bevor uns noch die Preußen entdecken.«
Mads legte sich auf den Boden und sagte: »Die Preußen? Das hört sich an, als ob du Dänin wärst. Dabei bist du eine von ihnen.«
»Ich bin doch keine Preußin!«
»Aber eine Deutsche. Und bald wird das dasselbe sein.«
»Ich bin auch keine Deutsche. Ich bin Schleswigerin!«
Mads lachte, doch es klang traurig. »Das sagt meine Bodil auch immer.«
»Denk jetzt ganz fest an deine Frau, Mads.«
»Warum?«
»Darum!«
Line biss sich auf die Unterlippe, straffte die Haut um die Wunde herum mit Daumen und Zeigefinger und stieß das Messer hinein. Blut quoll augenblicklich hervor. Der Soldat stöhnte auf, hielt jedoch still. Line musste gegen die aufwallende Übelkeit ankämpfen. Hatte sie sich zu viel vorgenommen?
Nein! Sie war Line und zu vielem in der Lage!
Schnell begann sie, ihr Lied zu summen, und sofort ließ das Zittern ihrer Hände nach. Sie führte einen tiefen, geraden Schnitt quer über die Wunde aus, dabei fühlte sie, wie die Klinge über das Metall der Kugel kratzte. Dann zog sie das Messer heraus und stieß ihren Zeigefinger in das weiche, nachgiebige Fleisch.
Wie ist die Welt so stille …
»Singst du etwa, Mädchen? Du hast wohl Freude daran, mich zu quälen!«
Mads’ Worte drangen wie von fern an ihr Ohr, doch sie fühlte sich nicht angesprochen. Die Line, die über dem verwundeten Soldaten kniete, war kein hilfloses Mädchen, das Kinderlieder sang. Zielstrebig tastete sich ihr dünner Finger zu der Kugel vor, grub sich unter sie und löste sie aus dem Fleisch, das sich um sie herum geschlossen hatte.
… wo ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt.
Die Kugel bewegte sich, und Line schob auch ihren Daumen in das Loch, aus dem immer mehr Blut strömte. Sie griff feste zu, zog – und hielt ein hartes, glattes Stück Metall zwischen ihren Fingern.
»Ha!«, rief sie. »Geschafft!«
Sie wischte die Kugel an ihrem Rock sauber und hielt sie Mads vor die Nase, der das Gesicht zu ihr umgewandt hatte. Er war bleich, und kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn, doch er lächelte.
»Gut gemacht, kleine Line. Verblute ich gerade?«
»Nein. Leider hab ich nichts zum Nähen dabei, aber ich verbinde dich ordentlich, dann wird es schon gehen.«
»Du hast auch keine Verbände.«
Line antwortete nicht, nahm das Messer und säbelte einen breiten Streifen Stoff vom Saum ihrer Schürze ab. Den schlang sie fest um Mads’ Oberschenkel.
»So, erledigt. Wie fühlt es sich an?«
»Mein Bein pocht wie verrückt, doch es ist ein angenehmeres Gefühl als zuvor. Kein Wunder, da bis eben ein Stück Metall darin steckte. Ich muss zugeben, ich bin erleichtert, die Kugel los zu sein. Lass mich noch eine Stunde ausruhen, dann brechen wir auf.«
Mads döste sofort ein, und Line betrachtete eine Weile sein Gesicht, aus dem die schmerzvolle Anspannung langsam wich. Sie holte eine Handvoll Schnee und packte ihn auf den Verband, denn sie hatte beim Arzt gelernt, dass Kälte nötig war, um die Hitze aus einer Wunde zu ziehen. Und wenn es ihnen an etwas nicht mangelte, dann an Kälte. Trotz ihrer vielen Kleider fror sie schon wieder, dennoch fühlte sie sich auf unerklärliche Weise wohl. Wie nach dem Schlachten der Hühner meinte sie auch an diesem Morgen, wieder ein Stück gewachsen zu sein. Sie polierte die Kugel und stopfte sie in ihren Beutel.
Noch zweimal erneuerte sie den Schnee auf der Wunde. Als sie glaubte, eine Stunde sei vergangen, weckte sie Mads. Er stand auf, tat einige vorsichtige Schritte und sagte: »Ich glaube, wir können es wagen.«

Über den Autor

Weber, Jessica

Weber, Jessica

Jessica Weber ist Kielerin, gebürtig und überzeugt. Die gelernte Schifffahrtskauffrau liebt es, das Meer vor der Tür zu haben. Wenn sie nicht schreibt, arbeitet sie als Sekretärin sowie freiberuflich als Verlagslektorin. In ihrer Freizeit fertigt sie ausgefallene Motivtorten... mehr über den Autor

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