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Die Magnatin. Mein Leben am Hof der ungarischen Blutgräfin Elisabeth Báthory
Historischer Thriller

Die Magnatin. Mein Leben am Hof der ungarischen Blutgräfin Elisabeth Báthory

Autor: Szrama, Bettina


lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 356

Größe: 21,0 x 13,8 cm

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862823642

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 13,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
  • Rezension
Ungarn 1594. Voller Hoffnung auf eine glänzende Zukunft, begibt sich die junge Adlige Susanna von Weißenburg an den Hof der ungarischen Gräfin Elisabeth Báthory-Nádasdy. Doch was sie auf Burg Sárvár wirklich erwartet, erweist sich als ein böser Albtraum.
Fasziniert von der Pracht des ungarischen Hochadels folgt Susanna Elisabeths falschen Verlockungen. Doch als der Bruder der Gräfin ermordet wird, verurteilt und verstümmelt man Susannas treuen Diener als Mörder. Auf sich selbst gestellt gerät auch sie in ein Netz aus Intrigen und Verrat. Trotz der seltsamen Vorgänge im Schloss, der nächtlichen Todesschreie und Elisabeths zwei Gesichtern, ignoriert Susanna zunächst alle Warnungen, bis sie schließlich der scheinbar grenzenlosen Macht der geistesgestörten Gräfin hilflos ausgeliefert ist.

„Immer mehr war ich davon überzeugt, dass von Elisabeths zwei Seiten,
die eine nicht wusste, was die andere tat.“
Leseprobe aus Kapitel II:
 
Die Reise nach Sárvár blieb mir in ziemlich unerfreulicher Erinnerung. Man hatte zu diesem Zweck unsere einzige Kutsche mehr schlecht als recht für die große Reise gerüstet. Am darauffolgenden Morgen, noch vor Sonnenaufgang, nahm ich mit meiner jungen Zofe in dem Wagen Platz. Ich wollte nicht ohne weibliche Begleitung reisen und Katica war als Gesellschafterin hervorragend geeignet. Das ungarische Mädchen mit deutschen Wurzeln war für mich mehr als nur eine treue Dienerin. Mit ihr verband mich eine fast geschwisterliche Freundschaft. Mein Vater hatte sie einst als Waise einem türkischen Sklavenhändler abgekauft und sie in meine Obhut gegeben. Dadurch erfuhr sie die gleiche Ausbildung wie ich und wuchs gemeinsam mit mir auf.
Furcht vor osmanischen Überfällen brauchte ich auf der Reise nicht zu haben. Allein Johannes’ Anwesenheit wirkte beruhigend auf mich. Ich verließ mich ganz auf seine Kraft und seine Gewandtheit. Er ritt einen temperamentvollen Friesen mit spanischem Blut und führte ein ebensolches Tier, mein Reitpferd, an der Hand mit sich. Mein Vater hatte uns die beiden Tiere zum Abschied geschenkt. Ach, hätte er nur geahnt, in welche Löwengrube er seine einzige Tochter schickte, als er mich das letzte Mal an seine breite Brust gedrückt und mich mit den besten Segenswünschen in eine scheinbar glänzende Zukunft entlassen hatte. Begleitet wurden wir von vier bis an die Zähne bewaffneten, im Grenzschutz erfahrenen Heiducken. Drei ebenso in Waffen stehende Knechte meines Vaters folgten der Kutsche. Ein als Heiduck getarnter Knecht lenkte das Pferdegespann. Zwei mit Kisten und prall gefüllten Säcken beladene Lasttiere vervollständigten die kleine Karawane. In der Vorfreude auf das Leben am Hof der Gräfin Nádasdy hatte ich mir meine schönsten Kleider angezogen. Die hohe Frau sollte mir den armen sächsischen Adel nicht gleich auf den ersten Blick ansehen. Ich trug ein reich besticktes Kleid aus feinstem Gewebe, mit echter Goldstickerei, Spitzeneinsätzen an den Ärmeln und Samtstreifen am Rocksaum. Ein Pelzstreifen aus Silberfuchs umschloss den oberen Ausschnitt meines Leibchens gegen die morgendliche Kühle. So herausgeputzt wie ich war, schien ich sogar den Himmel zu ermuntern, denn alsbald lächelte die Morgensonne auf uns herab und verleitete die Männer rasch zur Ausgelassenheit. Sie plauderten unentwegt über Frauen, ein schier unerschöpfliches Thema für Johannes, der sich gerade auf der Schwelle vom Jüngling zum Mann befand und für den das weibliche Geschlecht mit seinen Qualitäten einen anregenden Gesprächsstoff bot. Jeder verehrte, seiner Herkunft entsprechend, eine andere und manchmal stritten sie um die Vorzüge ihrer gerade Auserwählten. Am Ende aber waren es immer die Lobpreisungen über die Gräfin, ihren unermesslichen Reichtum und ihre viel gepriesene Schönheit, die sie wieder vereinten. Ich muss gestehen, dass auch ich mich immer mehr von den zwanglosen Plaudereien über die Gräfin angesteckt fühlte, sodass ich, je näher wir unserem Ziel kamen, unsere Ankunft am ungarischen Hof kaum erwarten konnte und der tränenreiche Abschied von meinen Eltern bald in Vergessenheit geriet.
Zunächst aber gestaltete sich der Weg nach Westtransdanubien, der uns mitten durch die Gebirgszüge einer bezaubernden Mittelgebirgslandschaft führte, recht schwierig. Während wir in den höheren Berghängen dichte Laubwälder passierten, zwangen uns Felsbrocken in den niederen Schluchten immer öfter dazu, auszuweichen und nach neuen Pässen zu suchen. Als wir endlich das Tal erreichten, verdunkelte sich der Himmel über uns. Düster und drohend jagten, von einer Minute auf die andere, die Wolken über uns hinweg, als wollten sie uns mit aller Macht von unserer Reise abhalten. Nach kurzer Zeit lieferten sie sich eine regelrechte Hetzjagd am tiefgrau gefärbten Firmament. Zusätzlich zog ein gewaltiger Sturm auf, peitschte das Kutschendach und riss an den Packtaschen. Einige Male geriet die Kutsche so gefährlich ins Schlingern, dass ich mit Katica das schützende Gefährt verlassen musste. Über eine seichte Furt des Flusses Raab kämpften wir uns ans andere Ufer. Die schweren Kutschenräder versanken bis zum Einstieg in dem wässrigen, kaum befahrbaren Boden und die Pferde lagen keuchend im Geschirr. Die armen Tiere waren am Ende ihrer Kräfte. Ein Lasttier, mit Säcken und Kisten beladen, rutschte auf dem glitschigen Boden aus und brach sich ein Bein. Es schrie furchtbar. Wir mussten es absatteln und Johannes gab ihm den Gnadenstoß. Im Mündungsgebiet des Baches Gyöngyös, dort wo sich die Flüsse Güns und Raab vereinten, lagen wir uns nass in den Armen, als endlich unser Ziel, die Burg der Gräfin, vor uns auftauchte. Der prachtvolle Anblick des Burgschlosses mit dem ihn umgebenden, wunderschönen Garten ließ uns alle Anstrengungen vergessen. Selbst der düstere karolingische Friedhof und seine drohend aus kahler Erde ragenden Kreuze, die uns auf schaurige Weise hinterher zu blicken schienen, als wollten sie uns vor etwas warnen, vermochten uns nicht mehr zu beeindrucken. Ich wusste nicht viel über die gewaltige Festungsanlage, die schon seit dem Jahr 1532 jedem Türkenangriff getrotzt hatte. Aber ich war heilfroh, als sich endlich, unter lautem Knarren und Rasseln, das Tor für uns öffnete. Das Portal war Teil des mächtigen Bergfried, der selbst einer Erstürmung durch einen übermächtigen Feind geraume Zeit standhielt. Das letzte Stück unserer Reise, die lange, teilweise überdachte, hölzerne Brücke, spannte sich in einem gewölbten Bogen über den Wassergraben und führte über einen herrlichen Park mit ausladenden Gemüsegärten.
Nachdem wir den Turm zum Innenhof passiert hatten, hielten wir zunächst nach einem Pferdeknecht Ausschau. Johannes erspähte in dem Gewühl des Burggeschehens alsbald einen Burschen und überließ ihm für einen ungarischen Forint unsere Pferde, die dringend Wasser und einen trockenen Stall benötigten. Seine weiten leinenen Hosen, das kurze Hemd, das ihm kaum bis unter die Brust ging und der große Hut, unter welchem zwei breite Zöpfe herunterhingen, verrieten uns den ungarischen Pferdehirten. Er winkte sogleich nach zwei weiteren Burschen, die ihren Auftrag mit einer fast hündischen Unterwürfigkeit erledigten. Nachdem wir uns davon überzeugt hatten, dass die Pferde in den Ställen mit Hafer und Wasser gut versorgt waren, beratschlagten wir, in welche Richtung wir unsere Füße setzen sollten. Das Innere des Burghofes zwischen dem Schloss und der Wehranlage hallte wider vom Lärm knarrender Wagenräder, Pferdegewieher und lebhaftem Stimmengewirr. Einen Augenblick lang ließ ich mich von dem bunten Treiben mitreißen. Ich war so fasziniert, dass ich sogar Katica, meine Zofe, vergaß, die sich ängstlich hinter meinem Rücken hielt. Es roch nach würzigem Gulyás, Braten, Fladenbrot und gebackenem Kuchen. Die Gerüche reizten meinen Magen, der nach der langen Reise sein Recht einforderte. Also begann ich, zwischen den Bratbuden und den mit bunten Tüchern behängten Karren nach etwas Essbarem zu suchen. Johannes dagegen zog es zu den massiven und mehrere Meter dicken Befestigungsmauern, die eine kegelförmig nach oben zulaufende, steinerne Brustwehr zierte.
„Ich habe den Grafen Báthory bei den schweren Kanonen entdeckt. Wir sollten zu ihm gehen!“, riet er mir und wies mit ausgestrecktem Arm zu den vorgelagerten Schanzen. „Seht dort, der hochgewachsene junge Mann zwischen den Kroaten in Leopardenfellen und den ungarischen und polnischen Husaren. Das müsste der Neffe der Gräfin sein. Sie alle tragen türkische Helme und schwere Säbel. Man möchte meinen, wir befänden uns unter den Osmanen. Was für ein buntes Volk.“
Jetzt bemerkte auch ich den jungen Mann in dem goldenen Brustpanzer und den kniehohen Lederstiefeln. Obwohl mein Magen noch immer knurrte, folgte ich Johannes durch das Gewühl von Händlern, Bauern und Wahrsagern zum Befestigungswall. Dazu durchquerten wir einen beidseitig offenen Wehrgang, der so breit war, dass zwei Männer nebeneinander gehen konnten. Im Moment war er überfüllt von bis an die Zähne bewaffneten Heiducken. Es kostete uns einige Mühe, zwischen ihnen hindurch zu gelangen. Mir war bekannt, dass die Männer in ihren schwarzen Heiduckenmützen bei den ungarischen Magnaten bessere Verdienstmöglichkeiten und Unterstützung im Kampf gegen die Osmanen hatten. Sie schenkten uns jedoch keinerlei Beachtung. Dafür stolperten wir über die Füße der Barbiere, die in den Mauervorsprüngen saßen und ihrer alltäglichen Arbeit nachgingen, dem Aderlass und Zahnreißen. Kanoniere mit den üblichen rasierten Schädeln und ihren in der Mitte belassenen schwarzen Zöpfen brachten die Geschütze vor den Wurflochreihen in Position. Aus ihren Zurufen entnahm ich, dass der benachbarte türkische Herrscher, der Beg, mit seinen Janitscharen einige Werst von der Burg entfernt zum Angriff aufgerückt war. Tage zuvor hatte der Beg den Stadtteil unterhalb der Burg in Brand stecken lassen. Mehr als 70 Häuser waren abgebrannt.
Plötzlich kam um uns herum Unruhe auf. Johannes hatte den jungen Grafen für einen Moment aus den Augen verloren und orientierte sich gerade neu, als mir das Herz stehen bleiben wollte. „Oh mein Gott, sieh nur, Johannes!“, schrie ich und wies auf das vorgelagerte Bollwerk, auf dessen Spitze man einen riesigen Pfahl errichtet hatte, an dem ein Mann gerade in den letzten Zügen seines Lebens hing. Mir fielen sofort wieder die Schauergeschichten meiner Amme über Graf Dragulea ein, mit denen sie früher gern meine kindlichen Streiche im Zaum gehalten hatte.
„Sie haben einen Mann gepfählt!“
Johannes’ Gesicht blieb unbewegt. Trotzdem sah ich, wie er zitterte und sein Kiefer sich verkrampfte, während er mich von der Mauer weg zurück in den Wehrgang zerrte. Mir drehte sich der Magen um und ich hätte mich gern kurz hingesetzt, dennoch ließ ich mich widerstandslos von ihm weiterführen.
An der breitesten Stelle der Geschützplattform entdeckten wir den jungen Báthory. Der Neffe der Gräfin stand mit dem Rücken zu uns und hatte sich über eine Gestalt gebeugt, die man nackt bäuchlings über ein Wagenrad geworfen hatte. Zwei Soldaten pressten gerade die Arme des Unglücklichen seitlich auf das Rad, ein Dritter drückte ihm die Faust ins Genick und zwei Männer mit nacktem Oberkörper und glänzenden Muskeln rissen seine Beine auseinander. Noch ehe sich meiner zugeschnürten Kehle ein Schrei entringen konnte, zog ein Husar einen angespitzten Pfahl aus dem Feuer und stieß dem Mann die glühende Spitze in den Anus. Der Gepeinigte schrie vor Schmerz, wie ich noch nie einen Menschen hatte schreien hören. Ein zweiter ohrenbetäubender Schrei endete für den Gequälten in einer Ohnmacht, es roch nach verbranntem Fleisch und ich verbarg erschüttert mein Gesicht in den Händen. Begleitet von dem lauten Jubelgeschrei der umstehenden Soldaten wurde der Pfahl nun aufgerichtet. „Tod dem Beg von Szigetvar!“, erklang es vielstimmig. „Gott, lass den Bruder des Begs lange leiden! Tod dem Verräter, der von unserem erlauchten und ehrwürdigen Herrn Franz Nádasdy auf unserer Burg in Gnade aufgenommen wurde!“
Ich verstand das Geschrei nicht und Johannes, den mein Zustand zutiefst betrübte, schirmte mich nun mit seinen kräftigen Armen gegen die Soldaten ab, während er mich sanft von dem Geschehen wegzudrängen versuchte. „Ich bringe Euch lieber fort von hier, Komtesse, das ist nichts für ein sanftes Frauengemüt“, sagte er leise, während wir uns den Weg zurückbahnten. „Aber warum …?“, keuchte ich. „Wer hat eine solch grausame Strafe verdient? Kein Vergehen rechtfertigt eine derartige Brutalität. Kannst du nicht in Erfahrung bringen, weshalb der Mann sterben musste?“ Trotz meines Entsetzens blieb ich stehen, denn ich bekam die Bilder nicht mehr aus meinem Kopf und die Schreie verfolgten mich.
Johannes sah mich unschlüssig an. Er sträubte sich gegen meine Bitte und wollte mich nicht allein lassen. Unsicher sah er sich nach Katica um. „Die Zofe ist nicht mehr da“, stellte er fest, doch ich beruhigte ihn damit, dass das Mädchen sicher Hunger hatte und wir sie bestimmt zwischen den Zelten wiederfinden würden. Widerwillig, ohne mich aus den Augen zu lassen, begab er sich zu einem der Kanoniere und kam mit der gewünschten Information zurück: „Die Soldaten sagen, dass der Beg den Besitz von Graf Nádasdy in Stuhlweißenburg besetzt gehalten hatte und der Graf eine List anwandte, um ihn herauszulocken. Der osmanische Herrscher ging ihm auf den Leim und Nádasdy schlug ihm kräftig eins auf die Nase. Viele Türken fielen oder wurden gefangen genommen, so auch der Sohn des Beg. Für dessen Freilassung hat der Graf vom Beg 12.000 Goldmünzen gefordert. Um das Geld auftreiben zu können, leistete der jüngere Bruder des Begs Bürgschaft. Der Beg war gewillt, die geforderten Schulden zu entrichten, sogar noch etwas mehr.“ Johannes beugte sich dichter an mein Ohr heran. „Trotzdem haben sie beide gepfählt und, um den Beg abzuschrecken, auf die Zinnen gesetzt. In diesem Krieg steht sich keine Seite in Grausamkeiten nach.“
Johannes’ Erklärung verwirrte mich nur noch mehr und so stellte ich erschüttert fest: „Es war doch keine gute Idee, hierher zu fahren. Wenn mein Vater das sehen könnte, würde er mich sofort zurückholen. Ein so grausamer Empfang ist kein gutes Omen. Komm, lass uns schnell weitergehen!“, drängte ich und sah, als ich mich umblickte, mit Entsetzen, dass der Mann am Pfahl noch lebte und sich heftig bewegte. „Soll er nur strampeln, der Barbar, umso mehr wird sich der Spieß vorarbeiten, bis er ihm oben zum Maul wieder herausfährt“, kommentierte ein Heiduck gefühllos das Geschehen und Johannes stieß ihm dafür im Vorbeigehen den Ellenbogen in die Rippen, weil er sich vor einer Adligen nicht zu benehmen wusste. Ich bewunderte ihn dafür. Schließlich war er noch ein Junge und handelte doch bereits wie ein Mann. Von Kriegsgetümmel und Grausamkeiten hatte ich genug. Jetzt galt es, Katica zu finden, und ich sah mich suchend nach ihr um, während Johannes, mich noch immer schützend hinter sich gezogen, energisch voranschritt. […]
 

Auf leserkanone.de (August 2015)


Nicht viele historische Figuren waren für Künstler aller Arten so inspirierend wie die »Blutgräfin« Elisabeth Báthory, die vor rund 400 Jahren in Ungarn als Serienmörderin verurteilt wurde und nach unterschiedlichen Zeugenaussagen ein paar Dutzend, nach anderen Aussagen sogar mehrere hunderte Mädchen getötet haben soll. Erste literarische Aufarbeitungen gab es schon vor 200 Jahren, in moderneren Erwähnungen wurde sie von prominenten Autoren wie Bram Stokers Neffen Dacre, Fantasy-Spezialist Kai Mayer und Marathonschreiber Wolfgang Hohlbein aufgegriffen, der Schwede Thomas Forsberg benannte seine Band nach der Gräfin und begründete ein ganzes Musikgenre, die Computerspieleschmiede Blizzard baute sie in den zweiten Teil ihrer Erfolgsserie »Diablo« ein ... und das ist nur ein Bruchteil ihrer modernen Erwähnungen. Relativ oft beschränkten sich die Darstellungen auf einen vollkommen entarteten Geist und das angebliche Baden in Blut. Historienroman-Fachfrau Bettina Szrama widmete der ungarischen Adligen ihren Roman »Die Magnatin« und ging dabei ein gewaltiges Stück tiefer in die Materie. Eben dieses Buch habe wir uns einmal genauer angesehen.
 
Bettina Szrama stammt ursprünglich aus der geschichtsträchtigen Alchemistenstadt Meißen, ließ ihr literarisches Talent zu DDR-Zeiten zunächst jedoch schlummern und widmete sich der Landwirtschaft und den Pferden. Nach dem Fall der Mauer entschied sie sich dann dazu, ihre schriftstellerischen Fähigkeiten nicht länger im Verborgenen zu lassen und verfasst seit nunmehr zwei Jahrzehnten Bücher. Statt für lebendige Pferde ist sie mittlerweile für ein Steckenpferd bekannt, das sie in Form der historischen Kriminalliteratur für sich gefunden hat. Sie hat inzwischen schon so viele erfolgreiche Romane dieser Gattung geschrieben, dass es nur schwer erklärbar ist, wieso sie noch keinen eigenen Wikipedia-Eintrag hat. »Die Magnatin« wurde vor zwei Monaten vom Hamburger Acabus-Verlag veröffentlicht, ist rund 350 Seiten stark und sowohl als broschiertes Taschenbuch für für 13,90 Euro als auch als E-Book für 6,99 Euro erhältlich. Ehe übrigens Unverständnis aufkommt, was mit dem Titel gemeint sein könnte: Als »Magnaten« bezeichnet man Angehörige des ungarischen Hochadels, andernorts wird der Begriff ab und an ebenfalls verwendet.
 
Die eigentliche Hauptfigur von Frau Szramas Roman ist nicht Elisabeth Báthory-Nádasdy selbst, sondern eine junge Adlige namens Susanna von Weißenburg, die das von der Gräfin produzierte Schreckensszenario überlebt hat. Susanna erzählt rückblickend von der Zeit, die sie am Hof der berühmten Gräfin verbrachte. Damit unterscheidet sich »Die Magnatin« bereits von vielen anderen historischen Romanen, die im Regelfall immer aus einer Draufsicht geschrieben werden. Stattdessen verwendet Bettina Szrama das Schema, das beispielsweise Umberto Eco anwendete, als er den »Namen der Rose« aus der Sicht von Adson von Melk schrieb, also die Sicht einer zwar beteiligten Person, jedoch nicht der eigentlich spektakulären Figur. Damit enden die Gemeinsamkeiten nicht, denn beiden Büchern ist auch noch eine andere Sache gleich: Die exzellente Recherchearbeit. Bettina Szrama vermittelt in ihrem Buch so viel Wissen, dass auch ein Sachbuch Schwierigkeiten hätte, mitzuhalten, und es vergeht eigentlich kaum eine Seite, bei der man nicht von dem Gefühl übermannt wird, dass dafür äußerst lange recherchiert wurde.
 
Obgleich der Faktor Fantasie nicht gänzlich beiseite geschoben wurde - die erzählte Geschichte der Susanna von Weißenburg ist genauso fiktional wie diese Figur selbst - hält sich Bettina Szrama in ihrem Buch äußerst streng an die tatsächlichen Begebenheiten dieser Epoche. Es gibt Stellen, an denen man das Gefühl hat, man müsste ein wenig mehr Vorwissen über die politischen Hintergründe des von Kriegen geschüttelten Ungarns zu jener Zeit und handelnden Akteure mitbringen, allerdings ist dies für das Verständnis der eigentlichen Geschichte nur von untergeordneter Bedeutung. Letztlich wäre es vermutlich übertrieben gewesen, noch weitere Fakten zu vermitteln, denn schließlich sollte das Ganze ein lesenswerter Roman bleiben und keine geschichtliche Abhandlung werden. Und so viel kann man sagen: Der Mittelweg wurde auf eine sehr gute Weise gefunden.
 
Die verarmte Edelfrau Susanna gelangt gemeinsam mit einer Zofe und ihrem treuen Diener an die Burg Sárvár, die man auch heute noch in der gleichnamigen kleinen ungarischen Stadt unweit der Grenze zu Österreich besichtigen kann. Dort ist Susanna zunächst geblendet von all dem schönen Prunk, mit dem der Hochadel aufzuwarten weiß, weswegen ihr all das, was hinter der schillernden Fassade geschieht, zunächst entweder verborgen bleibt oder sie auf die (eigentlich deutlichen) Zeichen nicht konsequent genug reagiert. Deshalb verbleibt sie auch nach Warnungen weiter am Schloss der gefährlichen Gräfin und flieht selbst dann nicht, wenn man an ihrer Stelle schon längst das Weite gesucht hätte. Als sonderlich schön kann man Susannas Leben am Hofe wahrlich nicht bezeichnen, im Gegenteil - es kommt beinahe zu einer Vergewaltigung durch Elisabeths Bruder István, ihr treuer Diener wird als Mörder verurteilt und verstümmelt, nachts gellen Todesschreie durch das Schloss ... und für sie persönlich wird es schlimmer und schlimmer. Als Leser verfolgt man ihren Weg, und dieser ist definitiv ein fesselnder.
 
Der Charakter der Susanna durchlebt im Laufe des Buches eine Entwicklung von einer anfangs sehr blauäugig agierenden Person zu einer Frau, die leidet und schließlich die Zustände hinterfragt. Das Ganze wird schlüssig vorgetragen, wenngleich man ab und zu den Eindruck hat, dass fast ein wenig zu viel geschehen musste, ehe ihre persönliche Entwicklung einsetzt. Die eigentlich faszinierende Protagonistin ist natürlich die Gräfin selbst, die im Laufe des Buchs immer brutaler wird und zwei Identitäten zu haben scheint. Zwischen diesen konnte auch die richtige Elisabeth Báthory offenbar wechseln - ein Aspekt, der bereits in Form eines Zitats auf dem Backcover des Buchs angedeutet wird.
Bettina Szrama beschränkt sich in ihrer Darstellung der Serienmörderin nicht auf die Taten selbst, sondern analysiert im Vorbeigehen, was zu ihrem Verhalten geführt haben könnte. Dafür fand die Autorin Platz, weil sie während ihren Recherchen sowohl auf Indizien einer psychischen Störung als auch auf Merkmale stieß, die die Blutgräfin mit vielen anderen Serienmördern teilt.
 
»Die Magnatin« ist ein Roman, den man nicht pauschal allen Lesern empfehlen kann, es sollten zwei Grundvoraussetzungen mitgebracht werden.
Zum einen ist die grausame Szenerie inklusive Folter und allem Drum und Dran für zart beseelte Persönlichkeiten vermutlich nur bedingt geeignet.
Allerdings ist das Maß an Härte nicht beliebig von der Autorin festgesetzt worden, um Aha-Effekte zu erzeugen und aufzurütteln, sondern den historischen Fakten geschuldet. Die Fakten sind der zweite Aspekt, der dazu führt, dass »Die Magnatin« nicht für jedermann geeignet ist:
Einige Szenen, in denen sich Bettina Szrama an der Historie abarbeitet und Details widergibt, können nicht immer zwingend als »spannend« umschrieben werden. Stattdessen sind sie in höchstem Maße interessant.
»Die Magnatin« ist deshalb weniger ein Buch für solche Leute, die sich durch einfache historische Romane ein wenig berieseln lassen wollen, sondern für solche, die eine handfeste und unterhaltsame Geschichte lesen wollen, die ein detailreiches, umfassendes und glaubwürdiges Bild der Zeit und historischen Figuren zeichnet. Sprich: Leser, die auch ein tatsächliches Interesse an Informationen haben. Für diese ist das Buch eine exzellente Mischung, und da sich die Rezensentin selbst als solche sieht, kann sie ihre beiden Daumen bei der Beurteilung kerzengrade nach oben strecken und das Buch den beschriebenen Adressaten wärmstens empfehlen.

Online: http://leserkanone.de/index.php?befehl=buecher&buch=17815&rezart=1#untermenu



Über den Autor

Szrama, Bettina

Szrama, Bettina

Bettina Szrama, geboren in Meißen, ist Dipl.-Agraringenieurin und absolvierte nach Führungspositionen in der Landwirtschaft 1991 ein Literaturstudium an der Schule des Schreibens (Axel Andersson Akademie) in Hamburg. Danach journalistische Tätigkeiten für Regionalzeitungen und... mehr über den Autor

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