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Annette von Droste-Hülshoff. Grimms Albtraum (Überarbeitete Neuausgabe von "Grimms Albtraum. Annette von Droste-Hülshoff)
Romanbiografie

Annette von Droste-Hülshoff. Grimms Albtraum (Überarbeitete Neuausgabe von "Grimms Albtraum. Annette von Droste-Hülshoff)

Autor: Grau, Esther

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 360

Sprache: deutsch

Auflage: 1

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862825776

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 16,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff raubt dem Märchensammler Wilhelm Grimm mit ihrer unverblümten Art den Schlaf. Ganz anders ihre Schwester Jenny, die mit ihm anbändelt. Vor Liebesintrigen ist aber auch der kokette Trotzkopf Annette nicht sicher. Vor allem für ihre größte Leidenschaft, die Dichtkunst, muss sie als adelige Frau im frühen 19. Jahrhundert lebenslang kämpfen.
Der biografische Roman erzählt unbekannte Seiten einer bekannten Dichterin und folgt ihrer Lebensreise vom Münsterland an den Rhein bis nach Meersburg am Bodensee. Er zeigt, dass die Dichterin der Biedermeierzeit alles andere als bieder war, sondern eine kluge Frau, die diplomatisch, humorvoll und durchaus unkonventionell ihrer Berufung folgte.
Januar 1797
Die Frau des Webers schrak zusammen, als die Tür des Kottens aufsprang. In einem Wirbel aus Schneeflocken stürzte eine vermummte Gestalt herein. Catharina riss ihren Säugling aus dem Körbchen neben dem Webstuhl, presste ihn schützend an die Brust und starrte zur Tür.
„Was willst du?“
Die gebückte Gestalt murmelte unverständlich durch das Wolltuch, das sie sich tief ins Gesicht gezogen hatte. Sorgsam sperrte sie den Winter aus, der draußen ein hartes Regiment führte. Trotzdem fraß sich die Kälte weiter durch die Ritzen im Ziegelwerk des Weberkottens. Die Ziege im Verschlag nebenan meckerte, als fürchtete sie um ihr karges Futter. Endlich wandte sich der Eindringling der Webersfrau zu und nestelte sich das Gesicht frei.
„Ach, du bist es“, seufzte Catharina, als sie die Bückersche, eine Verwandte aus Schonebeck, erkannte. „Ist etwas passiert?“
„Und ob! Ich bin gekommen, um dich zu holen. Man braucht deine Hilfe.“
Die Bückersche klopfte sich auf der Deele den Schnee von den Kleidern. Wangen und Nase glühten ihr vor Kälte; die flachsfarbenen Haarsträhnen klebten durchnässt an den Ohren. Eilig folgte sie Catharina zu dem kleinen Ofen in den Webraum, der die staubgesättigte Luft spärlich wärmte.
„Wem soll ich helfen?“
„Bei den Drostes auf Hülshoff ist das Kleine angekommen, aber sie fürchten, der arme Wurm überlebt es nicht.“
„Die gnädige Frau ist jetzt schon niedergekommen?“
„Ja, vor der Zeit. Gestürzt ist sie auf dem Eis der Gräfte und jetzt ist das Siebenmonatskind so zart, dass alle um sein Leben fürchten. Es trinkt wohl nicht.“
„Aber wie kommst du auf mich?“
„Na, sie suchen eine Amme. Der Pfarrer in Roxel hat es von der Kanzel verkündet und da habe ich gleich an dich gedacht. Du hast mir doch selbst gesagt, du hättest Milch für zwei. Deshalb bin ich gleich zu euch nach Altenberge aufgebrochen.“
„Wie stellst du dir das vor? Joan Bernard ist kaum sieben Wochen alt und mein Mann hustet sich die Seele aus dem Leib.“ Wie aufs Stichwort ertönte heiseres Husten aus der Upkammer, das gar nicht mehr aufhören wollte. „Er ist zu schwach zum Weben, also muss ich das Leinen fertigmachen.“
„Mit dem Kind an der Brust schaffst du die Arbeit doch nicht und wirst am Ende auch noch krank. Die Stelle als Amme ist ein Glücksfall für dich – sie werden dich gut entlohnen.“
„Ich mache es nur, wenn ich meinen Kleinen mitbringen kann.“
„Natürlich. In einer Stunde ist die Kutsche aus Hülshoff hier.“
„Du hast schon zugesagt?“
„Glaub mir, etwas Besseres kann euch gar nicht passieren.“
Catharina nickte zögerlich, legte ihren Sohn zurück ins Körbchen und stieg in die Upkammer hinauf. Ohne die Erlaubnis ihres Ehemannes würde sie nicht gehen.
Als sie nach wenigen Minuten zurückkehrte, trug Catharina bereits ein Wäschebündel unterm Arm. Sie brauchte nicht lange, um ihre wenige Habe zu packen. Zum Schluss wickelte sie ihren Säugling in zwei Wolldecken und umschlang das unförmige Bündel mit beiden Armen.
„Bekommt er noch Luft?“
„Besser nicht zu viel, eisig, wie sie draußen ist.“
Dass Catharina ihr Neugeborenes für ein anderes der winterlichen Kälte aussetzen musste, gefiel ihr ganz und gar nicht. Wenigstens stand die Familie von Droste auf Burg Hülshoff im Ruf, großzügig zu sein. Seit fast vierhundert Jahren lebte sie hier als Gut- und Grundbesitzer. Die Bauern zahlten ihnen Abgaben, luden sie aber auch – wie alle Nachbarn – zu ihren Hochzeiten ein. Solange Catharina auf Burg Hülshoff blieb, wären sie und ihr Kind gut versorgt. Ammen bekamen beste Nahrung, um bei Kräften zu bleiben, und sobald ihre Dienste nicht mehr vonnöten waren, kehrte sie mit mehr Geld heim, als sie in der Zwischenzeit am Webstuhl verdienen konnte. Catharina blieb keine Wahl: Sie musste gehen.
„Hoffentlich stirbt mir’s nicht weg.“
Als sie Pferdegetrappel vor dem Weberkotten hörten, stapften Catharina und die Bückersche durch den Schnee zur Kutsche. Das Gespann kam in der widrigen Witterung nur langsam voran. Der Schneefall zog sich zu einem dichten Vorhang zusammen, der die Sicht verschleierte und die Fahrt zu einer Reise ins Ungewisse machte. Zudem waren die vom Regen verschlammten Wege durch einen Kälteeinbruch so stark vereist, dass die Kutsche eher rutschte, als fuhr. Unter lautem Peitschenknallen und Fluchen trieb der Kutscher die Pferde voran. Auf dem überfrorenen Schnee gerieten sie mit ihren Hufen immer wieder ins Schlingern. Hart hielt der Kutscher die Zügel, rang dem Winter Stück für Stück des Weges ab. Die Bückersche kreischte bei jedem Wanken der ächzenden Kutsche.
„Gott steh uns bei, dass wir nicht im Graben landen.“
Catharina faltete die Hände zum Gebet.
Endlich erreichte die Kutsche Burg Hülshoff. Durch den dichten Schnee ahnte Catharina nur die erhabenen Umrisse des Wasserschlosses, dessen Fenster sie wie Leuchtfeuer empfingen. Die Kutsche ruckte ein letztes Mal, als sie von der Auffahrt nach rechts einbog, um über die Brücke zu fahren, die den Wassergraben des Herrenhauses überspannte.
Catharina kannte Burg Hülshoff nur aus der Ferne. Nicht einmal bis zu den Wirtschaftsgebäuden auf der anderen Seite der Brücke war sie gekommen. Nun aber fuhr die Kutsche sie bis in den Burghof und vor die Treppe zum Eingangstor. Kaum standen die Räder still, eilten Bedienstete mit schwankenden Laternen herbei, die sich gegen den züngelnden Wind wehrten. Ein Hausknecht öffnete den Verschlag und reichte Catharina beim Aussteigen die Hand. Für einen Augenblick fühlte sich Catharina wie eine der adligen Damen, die hier ein- und ausgingen. Doch schon der nächste Windstoß trieb ihr die Tränen in die Augen und die Fantasie aus. Sie stolperte hinter dem Hausknecht in den Flur. Kristine, eines der Hausmädchen, nahm ihr den Sohn ab und versprach, sich um ihn zu kümmern. Der Hausknecht winkte ungeduldig, weil er Catharina ins Obergeschoss führen wollte. Beim Hinaufgehen stach ihr ein eichener Leinenschrank auf Kugelfüßen ins Auge. Mehr als die kunstvolle Schreinerarbeit beeindruckten sie seine gewaltigen Ausmaße. Wie viel Wäsche mochte er bergen! Wer einen solchen Wäscheschrank füllen konnte, musste wahrhaft wohlhabend sein, das wusste sie als Leinenweberin genau.
Oben, vor dem Schlafzimmer der Freifrau, gebot ihr ein Herr mit Halbglatze und Stirnfalten Einhalt. Er musterte Catharina von Kopf bis Fuß.
„Du musst dich zuerst waschen.“
Catharina errötete. Obwohl sie schon ihren besten Rock und die Sonntagsschürze trug, fühlte sie ihre Schäbigkeit in den eleganten, hohen Räumen wie einen Fluch. Als könnte sie nicht auf sich halten! Innerlich verwünschte sie die Ungerechtigkeit, dass sie feinstes Leinen webte, aber selbst in besseren Lumpen ging.
Die vielfach geflickte Kleidung der Weberin kümmerte den Arzt nicht. Sein Blick galt allein dem, was sie verhüllte.
„Wenigstens hast du was auf den Rippen“, nickte er anerkennend. „Bist du nach deiner Niederkunft wieder bei Kräften?“
„Es geht.“
„Eine gesunde Gesichtsfarbe hast du zum Glück. Das ist gut, die meisten Webersleute sind grau wie ihr gröbstes Leinen.“
Der Arzt lachte über seinen Vergleich, umfasste Catharinas linkes Handgelenk mit festem Griff und nickte befriedigt zu dem regelmäßigen Pochen, das durch die Haut drang. Als nächstes streckte der Doktor die Hand nach Catharinas Gesicht aus. Erst glaubte sie, er wollte ihr wie einem Kind in die Wange kneifen, doch seine Bewegung zielte auf ihren Mund. Mit Daumen und Zeigefingern spreizte er der Weberin routiniert die Lippen auseinander, um ihr Gebiss zu begutachten. Heftig riss Catharina ihren Kopf zurück. Wenn man sie schon wie Vieh behandelte, würde sie sich eben wie eines benehmen.
„Na, was zierst du dich? Du hast doch gute Zähne. Jetzt streck die Zunge heraus.“
Dieser Aufforderung kam Catharina liebend gern nach.
„Augenscheinlich gesund“, diagnostizierte der Arzt und schickte Catharina fort, um sich und ihre Kleidung zu reinigen.
Als Catharina eine Viertelstunde später sauber und in einem frischen Kattunkleid von Kristine zurückkehrte, ließ sich der Arzt ihre Hände zeigen und stellte ihr noch einige Frage zu ihrem Milchfluss. Wieder lief Catharina rot an. Wie konnte ein Mann so etwas fragen? Gebären und Stillen waren doch Frauensache. Mit einer erfahrenen Hebamme an der Seite brauchte niemand einen Arzt dafür.
„Antworte mir. Ich bin für die Gesundheit der gnädigen Frau und ihr Kind verantwortlich und muss daher genau wissen, wie es um deinen Körper steht.“
Catharina senkte ergeben den Blick und beantwortete widerwillig alle Fragen des Arztes. Er überraschte sie mit seinem detaillierten Wissen über den weiblichen Körper. Als er endlich mit ihren Auskünften zufrieden war, leuchtete Catharinas Kopf dunkelrot. Ohne weitere Umstände führte der Arzt die Weberin zum Schlafzimmer.
„Gnädige Frau, hier ist die Amme – Maria Catharina Plettendorf aus Altenberge.“
Catharina schlug der strenge Geruch des Wochenbetts entgegen, als der Arzt sie über die Schwelle schob. Ein großes Ehebett dominierte den Raum. In Altenberge schlief eine ganze Familie mit mehreren Kindern in einem solchen Bett, aber hier lag nur eine einzelne Frau darin. Es sah fast so aus, als habe das Bett sie verschluckt und nur ihr Kopf ragte noch aus seinem Rachen. Die blutarme Haut der Freifrau Therese von Droste-Hülshoff wirkte weiß wie ihr Nachthemd. Nur ihr dunkles Haar stach von den Laken ab, als gehörte es gar nicht zu ihr. Doch aus dem erschöpften Gesicht blickten Catharina höchst aufmerksame Augen entgegen, die sie begutachteten. Offenbar fehlte der Freifrau die Kraft, zu sprechen, so wies sie stumm auf eine Wiege in der Ecke des Raums. Catharina lugte hinein und fand einen winzigen Säugling, der aussah wie ein aus dem Nest gefallener Vogel. Er tat keinen Mucks, selbst sein Atem war kaum zu spüren. Durch die Haut schimmerten die Adern. Mit größter Vorsicht hob Catharina das Kleine auf den Arm und legte es auf Geheiß des Arztes sofort an. Ihr fielen die außergewöhnlich großen, himmelblauen Augen des Säuglings auf, die sie wie tiefe Brunnen magisch anzogen.
Für einen Moment schien der Säugling nicht zu wissen, was zu tun sei. Dann gab er einen kleinen Laut von sich und begann zum Erstaunen von Mutter und Arzt zu trinken.
„So ist’s recht, mein Vögelchen, trink dich stark an deiner Amme“, flüsterte Catharina und wandte sich dann an den Doktor. „Wie heißt denn der kleine Wurm?“
„Anna-Elisabeth. Sie wird Annette genannt.“

Über den Autor

Grau, Esther

Grau, Esther

Die Germanistin und Diplom-Psychologin Esther Grau wuchs in der Nähe von Münster in Westfalen auf. Nach dem Studium siegte die Liebe zur Sprache – seitdem arbeitet Esther Grau als Autorin und Werbetexterin. Nach einer Station in Freiburg/Breisgau führte sie der Ruf der... mehr über den Autor

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