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Kalt ruht die Nacht
Historische Kriminalgeschichten aus dem Westerwald

Kalt ruht die Nacht

Autor: Abresch, Michaela

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 264

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Erstausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862825387

Einband: Paperback

EUR 14,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Kalt ruht die Nacht über dem Westerwald und lautlos wird in scheinbarer Beschaulichkeit erwürgt, erstickt und Gift gemischt.  


Schwester Lucardis fährt der Schreck in die Glieder, als sie in der Nähe des Klosters Seligenstatt eine grausige Entdeckung macht. In Dernbach verbreitet ein Mädchenmörder nackte Angst unter den Dorfleuten. Wer kennt den Toten, den die Spielleute im Daubacher Stelzenbachforst finden? Und weiß die Hugenottin Josephine mehr über den mysteriösen Todesfall auf Burg Greifenstein, als sie zugibt? Ob im Schutz des Dierdorfer Märkerwaldes oder im Schatten der Burg Grenzau …
Michaela Abresch fädelt ihre Geschichten um Mörder, Opfer und Spürnasen gekonnt in die Atmosphäre Westerwälder Schauplätze ein. Sechsmal Spannung, sechsmal Nervenkitzel, sechsmal historisches Krimivergnügen.

Leseprobe aus dem Kapitel "Josephines Vermächtnis" (zur PDF-Leseprobe)


Greifenstein, im Jahr 1686


Als ich sie zum ersten Mal zu Gesicht bekam, erschrak ich. Sie war von kränklichem Aussehen mit ihren verhärmten Zügen und den stumpf wirkenden Augen. Niemand hätte mir sagen müssen, dass sie eine von Traurigkeit gezeichnete Frau war. Die Schwermut bedeckte sie wie ein Mantel, wohin sie sich auch wandte. Ich begriff nicht, warum eine vom Glück gesegnete Frau wie sie nicht den ganzen Tag mit einem Strahlen im Gesicht durchs Leben tanzte. In einer herrschaftlichen Burg zu leben, umgeben von Dienern, die ihr jederzeit alle Wünsche erfüllten, keinen Hunger zu leiden, in einem Bett mit warmen Decken zu schlafen und die pracht­vollsten Kleider nach der neuesten Mode zu tragen, erschien mir nach den entbehrungsreichen Monaten meiner Flucht wie ein Segen des Herrn. Es wollte nicht in meinen Kopf, dass sie all dies besaß und dennoch vor Niedergeschlagenheit nicht das kleinste Lächeln zustande brachte. Erst als ich von ihrer Kammerfrau erfuhr, dass innerhalb von sechs Jahren vier ihrer Kinder gestorben waren – das letzte, ein kleines Mädchen von drei Monaten, hatte man erst vor wenigen Tagen neben seinen Geschwistern in der Gruft beigesetzt – verstand ich, dass all jenes, was mir zuvor als das reine Glück erschienen war, für die Gräfin seine Bedeutung verloren hatte. Der Schmerz des Verlustes trübte ihr Leben und schwächte sich nur etwas ab, wenn die Kinderfrau ihren kleinen Sohn brachte, das einzige ihrer Kinder, das das vierte Lebensjahr erreicht hatte.
Noch während der Zeit meiner Ausbildung zur Zofe ließ die Gräfin häufig nach mir rufen. Rasch beherrschte ich die ersten Worte in der neuen Sprache, was die Verständigung zwischen uns erleichterte. Sie wünschte meine Begleitung immer öfter und nach kurzer Zeit kannte ich ihre Lieblingsplätze, die unterirdisch gelegene Kapelle, die riesigen Volieren, in denen die Beizvögel gehalten wurden, und den Laubengang, der sich durch einen großen Teil des Lustgartens zog und in dessen Schatten sie im Sommer gern flanierte. So dauerte es nicht lange, bis ich Richard zum ersten Mal sah.
Man bedenke, dass ich ein Mädchen von fünfzehn Jahren war, das aus einfachen Verhältnissen stammte und nach der Zeit der Flucht gerade dabei war, sich an ein neues Leben zu gewöhnen. Dass die Beizjagd als besondere Darstellung der höfischen Lebensart galt und viele Adelige Gefallen daran fanden, Greifvögel abrichten zu lassen und Jagden mit ihnen zu veranstalten, hatte man mich während meiner Ausbildung zur Zofe bereits gelehrt. Den Falkner hatte ich aber bis zu jenem Tag noch nicht gesehen.
Heute glaube ich, dass es die Einheit aus Mann und Greifvogel war, die mich veranlasste, im Schritt zu verharren und beide wie verzaubert anzustarren. Sie verkörperten ein Bild der Verbundenheit, wie es zwischen zwei Menschen nicht enger sein konnte. Der Falke in seinem grau-weiß gestrichelten Federkleid saß bewegungslos auf dem ledernen Armschutz des Falkners. Die helle Brust und der Hals waren dunkel gefleckt und über die Kehle zog sich ein schwarzer Längsstreifen. Voller Ruhe richtete er seinen Blick auf mich, aus kreisrunden Perlenaugen, die dunkle Iris umgeben von einem gelben Ring.
»Gräfin! Wie es mich freut, Euch zu sehen!« Die Stimme des Mannes, tief und ohne Hast, riss mich aus meiner Andacht. Als Zeichen größter Verehrung verneigte er sich mit zu Boden gesenktem Blick vor meiner Herrin und nahm ihre Hand in seine. Den Falken auf seiner Faust störte diese plötzliche Bewegung nicht, er drehte nicht einmal den Kopf. Ich stand nur wenige Schritte entfernt und damit nah genug, um zu beobachten, dass seine Lippen die Etikette missachteten und den Handrücken der Gräfin mit einer tiefen Zärtlichkeit berührten. Beinahe vergaß ich weiterzuatmen, so wühlte mich diese Geste auf! Aber sie mutete nicht respektlos oder unsittlich an und wirkte nicht, als habe der Falkner nur das Betören der Gräfin im Sinn. Oh, wie mein Herz pochte, als ich bemerkte, dass die Gräfin es geschehen ließ, ihm ihre Hand nicht entzog, sondern mit einem Lächeln wartete, bis er sie freigab! Ihr Verhalten hätte mich empören müssen, sie war doch eine verheiratete Frau von Adel. Doch es lag etwas so Reines in der Art, wie sie einander ihre Zuneigung zeigten, dass ich nicht einmal den Ansatz einer Entrüstung verspürte.
Ich zwang mich dazu, ein paar Schritte in Richtung der Voliere zu gehen, in der zwei weitere Falken, ein Habicht und ein Stein­adler für die Beizjagd gehalten wurden. Dennoch verstand ich jedes Wort, das meine Herrin mit dem Falkner wechselte. Verstohlen betrachtete ich ihn. Er war von muskulöser Statur und trug sein dunkles Haar aus der Stirn gekämmt und zu einem Zopf im Nacken gebunden. Damals wusste ich noch nicht, dass er im gleichen Alter war wie die Gräfin. Seine besonnene Art ließ mich glauben, dass er das dritte Lebensjahrzehnt bereits überschritten haben müsse.
»Bitte versteht, Richard, dass ich die Abgeschiedenheit meiner Gemächer bevorzuge.« Sie trat einen Schritt auf ihn zu und stellte damit eine Nähe her, die ungewöhnlich war zwischen einer Gräfin und einem Rangniederen. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie sie einen langen Blick tauschten. Seit wann mochten die beiden sich schon kennen? Wusste Graf Moritz, wie sehr seine Gemahlin und sein Falkner einander zugetan waren? Duldete er gar die heimliche Liebelei? Oder verband die beiden etwas anderes als eine Liaison, wie man in meiner Heimat zu sagen pflegt? »Meine Welt liegt unter einem Schatten begraben«, hörte ich sie sagen. »Hätte ich meinen geliebten kleinen Sohn nicht, ich wüsste nicht, wofür es sich lohnte, jeden Morgen aufzustehen.« Ihre Stimme verlor an Kraft. Bei den letzten Worten senkte sie den Kopf.
»Ihr wisst, dass ich Euren Schmerz verstehe, Gräfin.« Er sagte es nicht nur so daher, nein, seinen Worten lag eine Wahrheit zugrunde, die ich ihm glaubte, obwohl er ein Fremder für mich war. Sie sah zu ihm auf und nickte.
»Ihr habt mir nie erzählt, wie Euer Vater zu Tode kam«, erwiderte sie.
Er richtete seinen Blick auf einen beliebigen Punkt im Mauerwerk hinter mir.
»Ihr sagtet einmal, er starb, als Ihr noch ein Kind wart«, fügte Gräfin Magdalene hinzu. Ich spitzte die Ohren, obwohl ich wusste, dass es mir nicht erlaubt war. Eine pflichtgetreue Zofe hatte als Dritte in einem solchen Beisammensein Augen und Ohren zu verschließen und ihren Mund zu versiegeln, damit nichts nach außen gelangen konnte, was in die Vertrautheit dieser Begegnungen gehörte. »Zwischen meinem Vater und mir bestand eine besondere Bindung«, hörte ich Richard nach kurzem Zögern sagen. »Wir waren uns sehr ähnlich. Er lehrte mich die Liebe zu den Greifvögeln, zur Natur, die Achtung vor der Schöpfung und vor allem, was lebt.«
»Was geschah, dass er so früh von Euch ging?«
»Ein Unglück bei einem Ausritt. Rätselhafte Umstände.« Jetzt sah er meiner Herrin offen ins Gesicht. Der Falke auf seiner Faust regte sich kaum. »Der Sattelgurt hat sich gelöst.«
Ich bemerkte, dass die Gräfin vor Schreck die Luft anhielt und ihre Augen sich weiteten. »Wie entsetzlich, Richard! Hat man herausfinden können, wie es dazu kam?« 
Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube bis heute, dass jemand den Sturz absichtlich herbeigeführt hat.«
»Ihr meint, jemand wollte Euren Vater …?« Sie beendete den Satz nicht.
»Meinem Bruder«, fuhr Richard fort, »oblag damals die Versorgung unserer Pferde. Er hat sich den Sattel angesehen und konnte nichts Auffälliges feststellen.«
Der Falke plusterte seine Federn auf und suchte eine neue Sitzposition. Richard strich ihm mit zwei Fingern sanft über das Brustgefieder.
»Ich hätte mich gern selbst von der Unversehrtheit des Sattels überzeugt und schlich mich heimlich in den Stall. Aber bevor ich einen Blick erhaschen konnte, stürzte mein Bruder auf mich zu und scheuchte mich hinaus, ohne mich anzuhören«, fügte er hinzu. »Ich hätte nicht sagen können, warum es mir so schwerfiel, ihm zu glauben. Vielleicht weil mein Vater ein exzellenter Reiter war. Aber ich gab nicht auf und besaß sogar den Mut, meine Bedenken zu äußern, obwohl ich erst zwölf Jahre alt war, weit entfernt vom Mannesalter. Aber der Stimme eines Kindes schenkt man kein Gehör, nicht einmal meine Mutter wollte in ihrer Trauer etwas davon wissen und so blieb ich allein mit meinen Zweifeln.

Über den Autor

Abresch, Michaela

Abresch, Michaela

Michaela Abresch, Jahrgang 1965, lebt mit ihrer Familie in einer Kleinstadt im Westerwald. Sie ist tätig in pflegerisch-beratender Funktion innerhalb einer Einrichtung für Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen. Verschiedenen Veröffentlichungen in Anthologien und ihrem 2012... mehr über den Autor

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