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Die Schwestern von Sunneck
Historischer Roman

Die Schwestern von Sunneck

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lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 384

Größe: 21,0 x 13,3

Sprache: deutsch

Auflage: 1 überarbeitete Neuauflage

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862827510

Einband: Paperback

EUR 16,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Wiesbaden / Mainz 1242
Die Schwestern Jonata und Roberta leben auf Burg Sunneck, einem kleinen Anwesen in der Nähe von Wiesbaden. Ihr Vater hält sich aus allen Streitigkeiten und politischen Machenschaften zwischen Anhängern des Kaisers und des Papstes heraus. So wird die kleine Burg im Rambachtal von der großen Politik übersehen und ihre Bewohner führen ein friedliches Leben - bis ein Heer marodierender Ritter die Burg überfällt.

Der Burgherr wird getötet, die Frauen gefangen genommen. Ihre einzige Hoffnung ist Lorentz, Herold des Mainzer Erzbischofs und Jonatas Verlobter. Mit ihm werden die Schwestern in einen Strudel aus politischen Intrigen gezogen und müssen kämpfen - um ihr Leben, ihre Freiheit und die Liebe.

Die korrigierte Neuausgabe ist im acabus Verlag erschienen.

Am Mittelrhein auf den Ländereien des Grafen Heinrich von Nassau im Jahre 1241 (zur PDF-Leseprobe)


Die Reiter näherten sich langsam dem Dorf. Ihnen folgten Männer mit Lanzen und Schilden. Und obwohl alle bereits einen beachtlichen Fußmarsch hinter sich hatten, schienen sie nicht erschöpft zu sein. Einer der Männer an der Spitze der Reiter drehte sich im Sattel um und musterte die Soldaten hinter sich.
»Sag Bescheid, dass sie sich bereit halten sollen«, raunte ihm sein Nachbar zu. Simon nickte und ließ sich zurückfallen, bis er neben dem Anführer der Fußsoldaten ritt.
»Gunnar, wir sind da. Haltet Euch bereit.«
Der Angesprochene nickte stumm.
Simon verlor kein weiteres Wort. Jeder dieser Männer wusste, was zu tun war. Lange genug hatten sie den Brüdern gedient und davor deren Vater. Niemand musste Fragen stellen, daher spornte Simon sein Pferd an, um wieder an die Spitze zu gelangen, wo sein Bruder Ulrich den Reitern Befehle gab.
»Die Kaufleute sind tatsächlich hier«, informierte er Simon grinsend, als dieser an seinen Platz neben Ulrich zurückkehrte. »Wir machen heute einen guten Fang, Bruder.«
»Und Heinrich von Nassau wird’s schaden.« Simon war nicht zum ersten Mal froh darüber, dass sein Bruder die Fehde fortführte, die der Vater begonnen hatte. Auch wenn es Unrecht war, eine Fehde aus Eigennutz zu führen, so füllten doch die Überfälle ihre Kassen. Und das hatten sie dringend nötig.
Die Brüder von Mechtheim erreichten das Dorf und ihr Erscheinen rief Misstrauen und Furcht hervor. Einige Bewohner rannten los, um in ihren Hütten Schutz zu suchen, denn sie ahnten bereits, dass es zum Kampf kommen würde.
Simon nahm die furchtsamen Blicke einiger Frauen wahr, die ihre Kinder hinter sich herzogen, um sie vor den Soldaten in Sicherheit zu bringen. Er presste seine Lippen zusammen, während er darüber nachdachte, wie wenig es diesen Geschöpfen half, sich in ihren Hütten zu verstecken. Ulrich würde sie trotzdem finden.
Es bedurfte nur eines Handzeichens des Anführers, da traten die Männer hervor und verteilten sich. Die Reiter stürmten an Ulrich und Simon vorbei, auf die Karren zu, die vor einem Wirtshaus standen.
Männer eilten aus dem Haus. Bestürzt starrten sie die Soldaten an. Der folgende Kampf war aussichtslos für die Kaufleute, die ihre Waren beschützen wollten. Bereits beim ersten Schwertstreich war klar, wer gewinnen würde. Sie waren Kaufmänner, keine Soldaten, und gegen die Gegner konnten sie nichts ausrichten.
Simon überwachte den Diebstahl der Karren, während Ulrich den Kampf führte. Einige Männer aus dem Dorf stürzten mit Mistgabeln und Sensen auf sie zu. Ahnungslose Bauern. Ein fast grotesker Anblick, fand Simon. Da sah er Frauen und Kinder auf die Kirche zueilen, um dort Schutz zu finden. Es dauerte nicht lange, bis Ulrich den Befehl gab, im Dorf nach weiteren Kostbarkeiten zu suchen und die Hütten anzuzünden. Die Mechtheimer Soldaten drangen in jede Hütte ein und durchwühlten die fremden Habseligkeiten, bis sie mit Diebesgut zurückkehrten oder alles anzündeten. Nach kurzer Zeit brannten die Strohdächer und dicke Rauchschwaden zogen in den Himmel. Das Feuer breitete sich rasch aus und ein schwarzer Dunst legte sich über das Dorf.
»Plündert die Kirche und steckt sie an«, befahl Ulrich. »Dann sind wir hier fertig.« Er ging zu seinem Pferd. Simon jedoch hielt Gunnar zurück, der den Befehl ausführen sollte. »Lass die Kirche in Ruhe. Dort halten sich Menschen auf.«
Ulrich warf seinem Bruder einen ungehaltenen Blick zu. Er mochte es nicht, wenn seine Befehle missachtet wurden, und noch mehr hasste er es, wenn sein jüngerer Bruder sich einmischte. »Ich sagte, zündet sie an!«
Simon wollte nicht nachgeben, auch wenn er einen Streit heraufbeschwor. »Ulrich, wir haben schon genug für heute. Lass gut sein. Da drinnen sind Frauen und Kinder.«
»Du verdammter Dummkopf bist zu weichmütig.« Ulrich blickte zur Kirche. Er schien nachzugeben, was Simon verwunderte, da er sich auf einen längeren Streit vorbereitet hatte. »Ich werde sie rausholen, ehe wir die Kirche anzünden, aber ich will dieses verdammte Gotteshaus in Flammen aufgehen sehen.«
»Aus welchem Grund? Haben wir nicht genug Schaden angerichtet?«
»Es macht mir Spaß.« Ulrichs Grinsen wurde breiter, als er die Zügel seines Pferdes losließ und sich auf den Weg zur Kirche machte.
Simon sah wie Ulrich zwischen den Rauchschwaden verschwand, die durch das Dorf zogen. In Ulrichs Nähe standen Männer mit Fackeln bereit und warteten auf einen Befehl. Als Ulrich aus dem rauchigen Dunst wieder auftauchte, hob er eine Hand und die Männer rannten los. Das Gotteshaus war aus Holz und Strohgeflecht gebaut und brannte nach kurzer Zeit.
»Mach dir keine Sorgen, weicher Bruder«, murmelte Ulrich spöttisch nach seiner Rückkehr und zog sich seinen Waffenrock glatt. »Dein Seelenheil ist gerettet.« Er gab den Befehl zum Rückzug und die Männer verließen das Dorf, während der Qualm des Feuers wie das Zeichen einer zerstörerischen Macht in den Himmel stieg.
»Für Graf Heinrich ist es heute kein guter Tag«, murmelte Simon und warf einen letzten Blick auf die Kirche, deren Umrisse nur schwer im Feuer zu erkennen war. Er war zufrieden mit ihrem Ausflug. Die Karren der Kaufmänner waren voll beladen mit Waren, von feinen Stoffen bis hin zu Gewürzen.
Simon lenkte sein Pferd aus dem Dorf. Hinter sich hörte er ein Bersten. Das Dach der Kirche brach ein. In diesem Augenblick glaubte Simon Schreie zu hören, doch er war schon mit den anderen in den Wald geritten. Er fragte sich, ob er sich die Schreie nur eingebildet hatte und wagte einen Seitenblick auf seinen Bruder, der ebenfalls zufrieden wirkte.
Erzbistum Mainz, Ende September 1241
Der Reiter zügelte sein Pferd und überließ sich für einen Moment dem vertrauten Bild, das sich ihm bot. Von hier aus hatte er einen guten Blick auf die Stadt. Die Klosterkirche St. Alban vor der Stadtmauer war bis zum Bau des Doms vor zwei Jahrhunderten die bedeutendste Kirche des Erzbistums gewesen. Dort hatten alle wichtigen Synoden und Versammlungen stattgefunden. Sein Blick fiel auf die Mauer um Mainz. Sie stammte teilweise aus der Zeit der Römer und in all den Jahrhunderten hatte man sie zu einer mächtigen Wehr mit vielen Zinnen und Türmen ausgebaut. Selten hatte ein Angreifer diese Stadtmauer bezwungen. Lorentz von Marbach erinnerte sich daran, was ihm sein Vater erzählt hatte. Im Jahre 1160 hatten die Mainzer ihren Erzbischof getötet. Drei Jahre später ließ Kaiser Friedrich I. zur Strafe die Mainzer Stadtmauer zerstören. So waren die Menschen den Wölfen und Räubern schutzlos ausgeliefert gewesen. Heute schützte eine neue Mauer die Bewohner der Stadt.
Lorentz setzte sich in seinem Sattel zurecht. Sein Rücken schmerzte und er war froh, nach diesem langen Ritt endlich am Ziel angekommen zu sein. Rheinaufwärts lag eine Siedlung, Selenhofen, die vor einigen Jahrzehnten in den Schutz der Mauer aufgenommen worden war. Hier stand auch der eindrucksvolle Herrenhof, wo Lorentz übernachten würde. Und so sehr er sich danach sehnte, endlich den schweren Harnisch abzulegen und den Dreck der letzten Tage abzuwaschen, erst musste er seine Aufgabe erfüllen.
Lorentz blickte über die dicht gedrängten Dächer und die grünen Wiesen innerhalb der Stadtmauer. Die Bleichwiese, die vom Zaybach umschlossen wurde, war ein unbebautes, sumpfiges Stück Land. Hier wurden zwischen den Obstbäumen Hühner gehalten.
Doch das eindrucksvollste Gebäude der Stadt, ihr Herz, war der Dom. Er war nicht nur für die Gläubigen errichtet worden, sondern auch ein Symbol für die Macht des Mainzer Erzbischofs. Ein Bauwerk, das Stärke ausstrahlte, wie eine zweite Peterskirche. Der Reiter trieb sein Pferd an, ohne das eindrucksvolle Gotteshaus aus den Augen zu lassen. Dort lag sein Ziel. Lorentz erreichte das Ufer des Rheins und passierte das Portal des Eisenturmes, wie das Stadttor genannt wurde. Er lenkte sein Pferd zwischen all den Karren und Menschen hindurch, die Gassen entlang, die ihn zum Marktplatz führten. An der Nordseite des Doms passierte er die St. Gotthardkapelle. Sie war dem Schutzpatron Godehard von Hildesheim geweiht und nach dem Vorbild der Pfalzkappelle von Karl dem Großen in Aachen erbaut worden. Sie bestand aus hellem Muschelkalkstein, der farblich vom roten Sandstein des Doms abstach. Westlich von ihr lag der erzbischöfliche Palast. Hier zügelte Lorentz von Marbach sein Pferd, er hatte sein Ziel erreicht.
Ein Stallbursche rannte herbei und grüßte ihn ehrfürchtig. Lorentz streckte sich kurz, um seine Knochen zu lockern. Der lange Ritt hatte ihn müde gemacht. Mit einer Hand fuhr er sich über sein schwarzes Haar, das wirr von seinem Kopf abstand. Es war ihm klar, wie ungepflegt er wirken musste. Der Haubert, ein Panzerhemd aus vernieteten Eisenringen, lag schwer auf seinen Schultern. Darüber trug Lorentz einen Waffenrock in den Farben des Mainzer Erzbischofs, der jedoch voller Dreck war. Zum Schutz seiner Beine hatte er eiserne Beinlinge umgeschnallt, die aus dem gleichen Ringgeflecht bestanden wie der Harnisch. Sein Schwert hing am Sattel, er hatte es nicht umgegürtet. Der Umhang, der auf seinen Schultern lag, war zerrissen und auf seinem Gesicht schimmerte ein rötlicher Schnitt im Sonnenlicht. Doch Lorentz hatte nach den Kämpfen keine Zeit gefunden, um sich respektabel für den Besuch beim Erzbischof von Mainz herzurichten.
Er sah seinem Pferd nach und beneidete es. Es würde jetzt abgerieben werden, frisches Wasser bekommen und vor allem Futter und Ruhe. Lorentz musste auf ein Bad und eine Mahlzeit noch warten.
Er hob seinen Kopf und betrachtete das Gebäude. Die Residenz des Erzbischofs war ihm vertraut. Der imposante Bau mit Rundbogen, Pfeilern und Säulen glich dem danebenliegenden Dom. Der Innenhof des Palas’ mit seinem verzierten Rundbogengang, den dicken festen Mauern und kleinen Fenstern, die wie die Türen mit Rundbogen überwölbt waren, beeindruckten jeden Eintretenden. Im Herzen des Palastes befand sich ein Brunnen, umgeben von einer Blumenwiese. Der Hof strahlte eine idyllische Ruhe aus. Doch Lorentz achtete nicht weiter darauf und ging durch den Palast, ohne sich umzusehen. Schließlich erreichte er den Saal, in dem er auf den Erzbischof warten sollte. Er schritt über glänzende Steinfliesen. Die Decke war mit flachen Kassetten aus Holz ausgestattet. Ein Steinmetz hatte vor langer Zeit diesen Saal verziert, und so waren fast in jedem Winkel des Gemäuers steinerne Blumenranken zu finden.
Als Lorentz vor drei Jahren den Dienst beim Erzbischof von Mainz angetreten hatte, war ihm nicht bewusst gewesen, welche Aufgaben ihm bevorstanden. Die Letzte war wohl eine seiner schwersten gewesen. Er hatte nach dem Kampf eine Liste der Toten erstellen und viele Freunde aufschreiben müssen. Vor einigen Tagen, am 10. September, hatten der Erzbischof von Köln, Konrad von Hochstaden, und der Mainzer Erzbischof, Siegfried III., ein Bündnis gegen das staufische Kaiserhaus geschlossen. Sie riefen kurz darauf zu den Waffen, um gegen den Kaiser und den König zu ziehen. Das Land des Stauferkönigs und seiner Anhänger waren ihr Ziel. In der Wetterau begann der Überfall und alles war verwüstet worden. Doch auch der König hatte zu den Waffen gerufen und seine Verbündeten marschierten durch das Land, um ebenfalls Zerstörung zu bringen. Lorentz seufzte. Es herrschte Krieg.
Dafür war er ausgebildet worden. Mit sieben Jahren hatte er seine Ausbildung beim Grafen von Nassau begonnen. Mit vierzehn diente er als Knappe, hatte gelernt zu kämpfen, zu reiten und die Gesetze der Ritterschaft zu ehren. Das alles hatte er gelernt, um selbst Ritter werden zu können. Den Dienst beim Erzbischof erbrachte er mit Eifer, um eines Tages die Ritterwürde zu erlangen und zur Belohnung Land zu erhalten. Lorentz’ Gedanken schweiften ab, über die Dächer der Häuser, bis hin zum Rhein, hinüber zu den Wäldern am Horizont. Dort irgendwo lag eine kleine Burg. Sunneck. Es war nicht der Gedanke an das Gemäuer, das sein Inneres erwärmte, sondern das Bild einer jungen Frau, die er liebevoll in seinen Erinnerungen behielt, wie einen Schatz. Wenn er an Jonata dachte, brannte sein Herz vor Sehnsucht. Eines Tages würde sie seine Frau werden, und die Zeit bis dahin erschien ihm wie eine Ewigkeit. Doch da wurde er in seinen Gedanken gestört. Eine Tür öffnete sich und Lorentz wusste, dass der Erzbischof ihn nun empfing, um die Neuigkeiten zu hören.
Siegfried war nicht sehr groß, doch von kräftiger Statur gebaut. Trotz seiner knapp fünfzig Jahre wirkte er jung. Aus seinem runden Gesicht stach ein dunkles Augenpaar hervor, der Blick war stählern. Sein Haar war kurz und an der obersten Stelle des Kopfes lichtete es sich bereits. Als Siegfried vor seinem Herold stehen blieb und ihn aufmerksam musterte, strich sein Gewand über den Marmorboden.
Lorentz wusste, welche Ehrerbietung er diesem Mann zollen musste und verbeugte sich tief.
»Was ist geschehen?«, fragte der Kirchenmann ohne weitere Begrüßung. »Ihr seht aus, als wärt Ihr die Nacht durchgeritten.«
»Das bin ich, Eminenz. Ich kehre zurück, um Euch mitzuteilen, dass die Ländereien in der Wetterau wie befohlen verwüstet wurden.«
»Sehr gut.« Siegfried wirkte zufrieden.
Vor zweiunddreißig Jahren hatte das Domkapitel Siegfried III. zum Erzbischof von Mainz gewählt. Kaiser Friedrich II. hatte ihn einst zum Vormund seines minderjährigen Sohnes Konrad IV. ernannt. Als Stellvertreter im römisch-deutschen Reich regierte er, wenn der Kaiser abwesend war. Doch jetzt war er ein Feind Konrads und dessen Vater Kaiser Friedrich. Und Lorentz hatte noch immer nicht begriffen, wie es dazu gekommen war. Zwischen Kaiser und Papst herrschte Krieg. Die Auseinandersetzung spitze sich zu und viele Fürsten entschlossen sich, Partei zu ergreifen. Einige waren den Staufern zugetan und andere wandten sich von ihnen ab. So wie der Erzbischof von Mainz. Einst treuer Vertrauter, einst Reichsverweser, stellte er sich nun auf die Seite des Papstes und kehrte dem Kaiser den Rücken zu. Wie Lorentz vermutete, lag das nicht an der Sympathie zum Papst, sondern an den Machtverhältnissen, die er selbst nicht durchschaute.
»Ihr bringt mir gute Nachrichten, doch mir kamen auch schlechte zu Ohren. Ich kann Euch nicht viel Ruhe gönnen, Lorentz, denn ich habe einen weiteren Auftrag für Euch.«
Lorentz unterdrückte einen Seufzer. Er wusste, dass er sich dem Willen dieses mächtigen Mannes nicht entziehen durfte, auch wenn er sich gerne einige Tage ausgeruht hätte. Die letzten Nächte waren kurz, die Tage hart gewesen.
»Durch einige meiner Treuen wurde mir zugetragen, dass es auch hierzulande zu Unruhen kommt. Ist Euch ein gewisser Gerhard von Sinzig bekannt?«
Lorentz horchte auf. »Er ist der Burggraf der Feste Landskron.«
»Ihm wurde vom König die Kriegsführung am Mittelrhein übertragen. Mir kam ein Schreiben des Königs zu Gesicht. Darin musste ich lesen, dass dem Burggrafen von Hammerstein und seinen Soldaten befohlen wird, seine Feinde anzugreifen. Darunter unsere Verbündeten, den Grafen von Nassau und die Herren von Isenburg.«
Das klang nach weiteren Kämpfen, dachte Lorentz. Einerseits fühlte er sich unwohl bei dem Gedanken, andererseits freute sich. Kämpfen war ein Teil seines Lebens. Der Ritterstand war sein Ziel, seit er Knappe geworden war. Durch Kämpfe konnte er sein Können und die Treue zu seinem Dienstherren unter Beweis stellen. Nur hatte bisher der Erzbischof mit keinem Wort erwähnt, wann er Lorentz mit dem Ritterschlag belohnen würde.
»Ich gebe Euch den Befehl, mit einem Trupp meiner Männer zum Lager des Grafen von Nassau zu reiten und unseren Verbündeten beizustehen.« Es war die eiserne Stimme eines Kriegsmannes, die zu Lorentz sprach, nicht die eines Mannes, der in Gottes Namen dessen Gesetze auf Erden vertrat.
Lorentz verbeugte sich. Ein Bad wäre angenehm gewesen und frische Kleidung, dachte er versonnen. Und ein kurzer Besuch auf Sunneck. »Wann soll ich aufbrechen?«
»So bald wie möglich.«
Burg Sunneck, Lehnsgut des Mainzer Erzbischofs zwischen Rambach und Sonnenberg, nahe Wiesbaden
Dunkle Tannen und kahler werdende Buchen füllten das Tal. Zwischen den nackten Baumkronen auf der Anhöhe versteckt, verriet das Dach den Standort einer Burg. Eine Wehrmauer aus Stein schützte den mächtigen weiß verputzten Wohnturm vor Eindringlingen und wilden Tieren. Die Turmburg war zwar strategisch unwichtig für politische Streitigkeiten, lag jedoch inmitten eines gespaltenen Landes, am Ende der mächtigen Grafschaft Nassau und am Anfang des starken Herrschaftshauses Eppstein. Vom höchsten Punkt des Turmes aus konnte man das Rambachtal überblicken, durch das sich der gleichnamige Bach schlängelte. Der Herbst zeigte sich von seiner besten Seite, denn die Sonne strahlte noch immer kräftig vom wolkenlosen Himmel.
Ein befestigter Weg führte durch das Tal, an Burg Sunneck vorbei. Kurz vor Wiesbaden, einem kleinen Städtchen, das vor vielen Jahren zur Reichsstadt ernannt worden war, stand Burg Sonnenberg. Eine Festung, die einst die Grafen von Nassau erbauen ließen, um ihr Territorium vor einfallenden Eppsteinern zu schützen, besonders Wiesbaden. Einst war diese Stadt Lehen der Nassauer gewesen, doch das war, bevor sich Heinrich von Nassau gegen die Staufer gewandt hatte. Der staufische Kaiser und dessen Sohn waren darüber so erbost, dass sie ihren verräterischen Untertan bestrafen wollten. Sie hatten ihm das Lehen Wiesbaden entzogen. Die politischen Streitigkeiten zerrütteten das Land, aber die Bewohner von Burg Sunneck hatten sich bisher davor schützen können.
Sie war sehr alt, diese Burg, stand seit fast zwei Jahrhunderten auf dem Felsen und überragte das Rambachtal, noch bevor es die Eppsteiner und Nassauer gegeben hatte. Wer sie erbaut hatte, war längst vergessen. Sie unterschied sich kaum von all den anderen Burgen. Es war eng, zugig und oft kalt. Kein Wunder, denn die Sonne besaß nicht genug Kraft, ihre Wärme durch die dicken Mauern zu schicken, und ihre Strahlen fanden nur enge Wege durch die glaslosen Fensteröffnungen.
Heute herrschte reges Treiben im Hof hinter der widerstandsfähigen Wehr. Bauern trieben Ochsen an, die Karren zogen. Hühner und Hunde liefen herum, Mägde schleppten Kübel, Knechte Säcke mit Mehl oder Hafer. In der Nähe des Stalls ging ein Schmied seiner Arbeit nach und in der Nähe der Hütten des Gesindes übten sich Männer und Jungen im Schwertkampf.
Jonata schloss ein Auge, um das Ziel besser sehen zu können und spürte die Muskeln in ihrem Arm, die unter der Anstrengung brannten. Den Bogen mit aufgelegtem Pfeil auszuziehen erforderte Kraft, und je länger sie wartete, desto schmerzhafter wurde der Zug in ihrem Arm. Das Zittern verstärkte sich.
»Haltet die Sehne gespannt, aber nicht zu lang«, sagte der junge Mann neben ihr mit ruhiger Stimme. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie seinen kritischen Blick. »Je länger Ihr die Sehne spannt, desto langsamer wird der Pfeil. Das Holz des Bogens passt sich schnell der Form an und die Sehne verliert an Kraft.«
Die beiden konzentrierten sich auf den Pfeil, dessen Spitze auf das welke Ahornblatt gerichtet war, das an der Hüttenwand steckte. Kilian schob rasch mit einer Hand einige braune Strähnen aus seinem Gesicht. Heute trug er bequeme Kleidung, nicht den Harnisch, in dem er sonst steckte. Unter dem knielangen Gewand lugten Leinenbeinlinge hervor. Seine Augen folgten aufmerksam der Richtung des Pfeils.
»Tut nicht so, als hätte ich noch nie einen Pfeil abgeschossen«, murrte Jonata leise, ohne das Blatt aus den Augen zu lassen.

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