. .
BUCHstäblich NEU
Sie sind hier:

Der Berg der Kelten. Die Erben des Glaubergs
Teil 2

Der Berg der Kelten. Die Erben des Glaubergs

Autor: Rauner, Astrid

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 248

Größe: 20,5 x 14,5 cm

Abbildungen: 1

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Erstausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862821679

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 13,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Die hessische Wetterau im Jahr 400 v. Chr.:
Über dem Glauberg hängt der Schatten eines neuen Krieges. Der Tod ihres Vaters zwingt Dunaan, die Nichte des Keltenfürsten, sich endlich dem Urteil der Krieger zu stellen und den Titel des Heerführers gegen ihren verräterischen Konkurrenten zu verteidigen. Währenddessen stößt Hahles mit dem Fürstenbruder Borigennos ungewollt auf ein Geheimnis, das der Fürst seit Jahren zu verheimlichen versucht. Aus der Hand eines Fremden erhält er ein altes Erbstück der Fürstenfamilie, das als verschwunden galt und vom Fürsten selbst verleugnet wird. Im Zenit ihres Konfliktes kommt es schließlich zur ersten Schlacht. Wer aber ist der Fremde, der plötzlich die Macht über den verbündeten Stamm der Widderleute übernommen hat? Und wird es ihm gelingen, das Schlachtenglück für sich zu gewinnen?
In den Wirren des Krieges offenbart sich ein uralter Handel, der das Gleichgewicht zwischen den Stämmen ins Wanken bringt und schließlich über das Schicksal eines ganzen Landes entscheiden soll.
Prolog:
Das Lied des Flötenspielers hatte sich in den Baumwipfeln gefangen. Die Versuchung, immer lauter und lauter zu spielen, nur damit die feine Melodie mit zehnfacher Kraft von den hohen Wänden des Steinbruches zurückgeworfen wurde, war groß. Die Stille, die hier mancher Tage herrschte, war so drückend, dass selbst das Konzert der Vögel sie nicht vertreiben konnte.
Deshalb spielte der Hirte. Das Grunzen seiner Schweineherde, die sich hinter ihm zwischen den Bäumen verteilt hatte, spendete nur so lange heimeliges Vertrauen, wie er sich bewusst machte, dass keines der Tiere ihm gegen die Geister beistehen konnte, die in den Nischen in der Felswand wohnten.
Der Tag war noch jung. Die Morgensonne spähte gerade über die Hügelkette am Horizont und färbte den grauen Dunst, der sich über die Baumwipfel gelegt hatte, in blasses Rot. Es war jene Tageszeit, da die Welt zwischen Träumen und Wachen schwebte, die Zeit lichtscheuer Geister, die noch ein letztes Opfer suchten, bevor die Morgensonne sie gänzlich bis zum Abend vertreiben würde. Der junge Hirte kannte die Geschichten darüber ganz genau! Sein Vater erzählte sie ja immer abends am Feuer, dass manch eines seiner Geschwister nachts kein Auge zutat.
Der Hirte selbst sollte eigentlich alt genug sein, um sich vor solchen Schatten nicht mehr zu ängstigen. Zog er doch schon seit Jahren kurz vor dem Sonnenaufgang mit seiner Herde von der Siedlung zum Steinbruch hinab, die auf einer leichten Anhöhe durch die Baumwipfel kaum noch zu sehen war. Mächtige Eichen hatten hier am Rande des Waldes überdauert. Sie waren nicht wie die vielen Buchen und Holunderbüsche dem Ehrgeiz der Menschen zum Opfer gefallen, die vor kurzer Zeit bemerkt hatten, welch gute Preise der rot schimmernde Sandstein erzielte, der hier von Götterhand aus dem Boden gewachsen war.
Nur die Eichen, die der Gott Taranis liebte wie keine anderen Bäume, hatte man nicht gewagt, zu Brennholz zu verarbeiten – ganz gleich wie sehr sie den Arbeitern mancher Tage im Weg standen. Denn die Misteln, die heiligen Pflanzen der Götter, hatten sich in ihren Ästen eingenistet. Und einen Gott mit so empfindlichem Gemüt wie den Herrn des Wetters traute sich auch ein ehrgeiziger Dorfvorsteher nicht zu verärgern. Den Hirten kostete es demnach zu jeder Sonnenwende ein teures Opfer, dass er seine Schweine vom Dorf hierher treiben durfte, um sie mit den schmackhaften Eicheln zu mästen, von welchen selbst nach dem langen Winter hier immer noch genügend liegen geblieben waren, um seine Herde bei Laune zu halten. Zumindest einige Tage noch. Sie würden sich bald mit den Resten von Bucheckern zufrieden geben müssen, wenn der Schamane ihres Dorfes den guten Willen des Taranis ausgereizt sah und den Hirten mit seiner Herde zurück in die Wälder befahl. Er selbst wollte sich nicht darüber beklagen. Wie viel härter war doch das Leben der wandernden Hirten, die zum Frühjahr mit ihren Herden die Dörfer verließen, um den alten Handelsstraßen nach Osten oder Norden zu folgen, hinein in die undurchdringlichen Wälder dieses Landes, die sich vom Sonnenauf- zum Sonnenuntergang erstreckten und in der Vorstellung des Hirten niemals ein Ende nahmen.
Männer wie diese, die ihre Herden weit weg von daheim treiben mussten, um sie immer an anderer Stelle zu neuem Futter zu führen, sah man häufig bis zum Herbst nicht wieder. Den jungen Hirten graute es davor, dass ihn einmal dasselbe Schicksal ereilen könnte, wenn sein Vater tot und der Hof vielleicht nicht mehr zu halten wäre.
An diesem Morgen aber waren seine Sorgen anderer Natur. Wozu sollte er sich schwarze Gedanken über die Zukunft machen, wenn seine einzigen Gegner dieser Tage nur die Geister waren, die im Steinbruch wohnten und mit jedem Windhauch einen leisen Gesang anstimmten, der aus den Felsnischen pfiff? „Du musst die Flöte spielen“, hatte sein Vater ihm geraten. „Sie lieben ihre Lieder und werden nur schweigend lauschen und dir nichts tun, bis die Sonne aufgeht!“
Also spielte er, die Augen geschlossen, mit der größten Inbrunst, die er aufbringen konnte. Der junge Hirte hoffte dabei inständig, dass die Geister nicht, wie manche Geschichten erzählten, in seinen Kopf blickten, um den Gedanken zu lesen, dass er sich nichts sehnlicher herbeiwünschte als das Morgenlicht, das die unerwünschten Gefährten in ihre Höhlen vertreiben würde.
Sonst war es ihm nie so schwergefallen, doch heute, heute schien die Flöte wie verhext. Wieder war eine falsche Note zu hören. Der Junge hätte sich selbst ohrfeigen können, doch sein Blick huschte immer wieder zu den Raben, die unablässig zwischen den Bäumen hin und her flogen, keine dreißig Schritte von ihm entfernt. Er wunderte sich schon seit seiner Ankunft, was die Tiere dazu veranlasste, sich zahlreicher als sonst zwischen den Bäumen zu versammeln. Wahrscheinlich hatten die Wölfe, die hier in den Wäldern lebten, ein Reh gerissen und dort den Rest ihres Mahles zurückgelassen.
Der Hirte versuchte weiterzuspielen. Doch je länger er dasaß und das Gekrächze der Raben sein Spiel verzerrte, umso weniger konnte er sich auf die Melodie konzentrieren. Widerwillig hatten seine Hände zu zittern begonnen. Ein schiefer Ton schoss so scharf durch den Wald, dass er erschrocken sein Instrument fallen ließ und sich im gleichen Moment die Stille des Ortes wie ein Leichentuch über den Wald legte.
Der Junge wagte nicht zu atmen. Das Lied der Geister schien plötzlich ungeheuer laut zwischen den Felsen widerzuhallen, einträchtig mit dem Gesang der Raben, der immer mehr einem Lachen zu gleichen schien. Sie lachen mich aus für meine Angst. Der Hirte schluckte hart. Ihr Geschrei war so laut, dass es in den Ohren zu schmerzen begann. Der junge Hirte schrak auf, als eines der Schweine grunzend an dem umgefallenen Baumstamm vorbeilief, auf dem er sich niedergelassen hatte, und ihn damit auf die Beine scheuchte.
Nein, so ging das nicht weiter! Seine Hand krampfte sich um die Flöte, als er einen Schritt auf den Waldrand zu machte und sich fragte, woher er den Mut nahm. Es ließ sich doch ausfindig machen, was die Raben anzog! Dort hinter den Bäumen lag nur ein totes Tier, wie man sie zu Dutzenden in den Wäldern finden konnte. Keinerlei Gefahr ging von den toten Körpern aus, deren Geister längst in die Andere Welt eingezogen waren!
Sich Mut zuredend schlich der Junge vorwärts, immer einen Fuß vor den anderen. Nach wenigen Schritten war das Geschrei der Raben so laut, dass er am liebsten auf der Stelle kehrtgemacht hätte, doch was ihn vorwärts trieb, das konnte er in diesem Moment selbst nicht sagen.
Eine gewaltige Gruppe Vögel saß zwischen den Sträuchern. Die Morgensonne benetzte den freien Platz unweit des Waldrandes bereits mit ihren ersten Strahlen, die sich einen Weg durch den Nebel gekämpft hatten. Der Gestank nach Tod und Verwesung aber lag in der Luft – nichts, was dem jungen Hirten neu war. Trotzdem weckte es in ihm eine Übelkeit, dass er am liebsten zurückgewichen wäre.
Ja, da lag er, der Kadaver. Der Boden war so vollgesogen mit Blut, dass sich die Erde rund um den Leib dunkel verfärbt hatte. Da hatte er seinen Beweis! Der junge Mann machte bereits kehrt, als einige Raben sich aus der Gruppe lösten und den Blick freigaben, auf das, was dort ein Jäger zurückgelassen hatte.
Der Hirte erstarrte. Ein toter Körper lag im blutnassen Laub. Zu seinem Leichentuch waren Fetzen aus Stoff geraten, die im geronnenen Lebenssaft klebten, bis zur Unkenntlichkeit zerrissen. Nein, dies konnte kein Tier sein. Der Hirte versuchte sich wieder und wieder einzureden, es hätte ein Opfer sein können, ein hingerichtetes Schaf als Geschenk an die Götter. Je näher ihn aber seine Beine trugen, die wie von selbst nach vorne liefen, umso deutlicher erkannte er die Umrisse eines Menschen.
Der Anblick war grauenerregend. Nur der Gestank ließ darauf schließen, dass zwei oder drei Tage vergangen sein mussten, seit diese Person gestorben war. Die Raben hatten sich an ihrem Gesicht mit solcher Gründlichkeit gütlich getan, dass nichts mehr zu erkennen war. Und doch schien das Leben die Leiche noch nicht verlassen zu haben.
Sie regte sich. Der Hirte musste sich den Handrücken zwischen die Zähne schieben, um nicht aufzuschreien. Irgendetwas hatte die Bauchdecke unter den blutverschmierten Fetzen in Bewegung gebracht. Fast schien es, als atmete diese bedauernswerte Gestalt noch, eine Seele in einem toten Körper gefangen. In den schlimmsten Schauergeschichten hatte der Junge noch nie etwas davon gehört. Am liebsten wäre er auf der Stelle davongerannt. Eine Stimme in seinem Kopf murmelte aber, dass es dafür zu spät war.
Sollte dort wirklich noch eine Seele gefangen sein, hat sie mich gesehen. Sie wird die Geister in den Sonnenwendnächten zu sich rufen, um sich an mir zu rächen, wenn ich ihr nicht helfe.
Mit jedem weiteren Schritt jagte dem Hirten ein Schauer über den Rücken. Nur einen Satz, mehr brauchte es nicht, um eine gefangene Seele zu befreien. Es waren die rituellen Worte, mit welchen jeder Verstorbene den Weg in die Andere Welt fand, das Jenseits, von wo sie nur an den höchsten Festtagen zurückkehren konnte. Er musste es tun. Er musste diese Seele einfach ins Jenseits geleiten. Grauenhaftes Unglück würde es bringen, den Zorn eines Verstorbenen auf sich zu ziehen.
Also trat er näher. Sein Blick schien mit dem Körper verwachsen, der sich noch immer regte. Krächzend stoben die ersten Raben auf, von dem Störenfried aufgeschreckt. Der ganze Wald, alle Stimmen, alle Geräusche des Waldes schienen von einem Moment zum anderen verstummt. Schmatzende Geräusche drangen aus dem Inneren der Leiche. Ob er es nun Tollkühnheit oder Neugierde nennen wollte, mit zitternden Fingern brach er einen Ast von einem Strauch. Seine Hände hätten ihn beinahe fallengelassen, bevor er die Spitze in den blutigen Stofffetzen vergrub und der Leiche einen Stoß versetzte.
Da plötzlich rutschte der Stoff zur Seite. Von einem spitzen Aufschrei begleitet, stolperte der Hirte rückwärts. Jetzt sah er es. Sah, dass es nur die Maden waren, die sich im Inneren des Körpers an Tod und Verwesung ergötzten. Nun, da der zerfetzte Stoff beiseite gerutscht war, erkannte er die tote Person als eine Frau. Die Rundungen von Brüsten zeichneten sich ab, faltig und verblüht, wie der Junge es nur von den ältesten Frauen seines Dorfes kannte. Der entsetzliche Anblick, der sich mit dem Gestank von Verwesung mischte, trieb ihm die Galle hinauf, erfüllte ihn zur gleichen Zeit jedoch mit der grotesken Erleichterung, dass er einem Irrtum erlegen war.
Nein, kein Leben war mehr in diesem toten Körper. Hier lagen nur die Reste einer Unglücklichen, die vielleicht einem Raubtier oder Wegelagerern zum Opfer gefallen war. Von diesem Wissen enthemmt, scheuchte der Junge mit dem Fuß die letzten Raben auf und besah sich die Tote näher, in der Furcht, vielleicht Anzeichen auf eine vertraute Person zu finden. Seine Ängste aber blieben unbegründet. Der Hirte hatte sich schon halb zum Gehen gewandt, da auf einmal mit den ersten Strahlen der Morgensonne ein Schimmern zwischen den blutverschmierten Fetzen zu sehen war.
Neugierig trat der Hirte wieder zurück, einen neuen Ast gepackt, mit dem er die Lumpen beiseite zog und auf einmal glänzendes Metall auf dem verwesenden Fleisch entblößt sah. Der Junge traute seinen Augen nicht. War das Gold? Grotesk schimmerte goldgelber Schmuck, eine verzierte, filigrane Fibel, im Licht, die so gar nicht zu der grauen Verwesung passen wollte, in der er sie gefunden hatte. Geschickt fädelte der Junge die Spitze des Astes in den gewundenen Ring am Ende der Gewandnadel-Feder und beförderte den Schmuck damit sicher in seine in Mantelwolle gehüllte Hand.
Tatsächlich. Das musste Gold sein, so hell wie es glänzte! Sein Vater würde außer sich sein vor Freude, wenn er ihm diesen Schmuck übergeben konnte! Ja, er würde ihm dann sicher verzeihen, dass er vor zwei Tagen nachlässig gewesen und ein Schwein einem Wolf zum Opfer gefallen war. Voller Freude wickelte der junge Hirte die Fibel schon in einen Beutel, halb zum Gehen gewandt, als plötzlich der Schrei eines Raben die Luft zerriss und er erstarrte.
Was tat er hier? Der Geist dieser Toten würde ihm auf ewig zürnen, wenn er sie im Tod beraubte. Nein, irgendetwas musste er ihr dafür zurückgeben. Auch wenn dieser Schmuck nicht aussah, als ob er jemandem so ärmlich gekleideten wirklich gehören würde. Doch das tat nichts zur Sache. Selbst, wenn sie die Gewandnadel gestohlen hatte, musste er ihr etwas Gleichwertiges zurückgeben. Und in dieser Ahnung löste der Junge die eigene Eisenfibel aus seinem Mantel und warf sie von sich.
Er hörte nur noch, wie das Metall auf dem verwesenden Fleisch aufschlug. Auf einmal schien eine eisige Faust sein Herz umklammert zu halten. Der Gesang der Raben über ihm gewann eine solche Lautstärke, dass es in den Ohren dröhnte. Ja, als würden sie zusammen eine eigene Stimme mit sich tragen, Worte, die Menschen nicht hören sollten.
Der Hirte blickte nicht mehr zurück. Seine Schweine waren vergessen. Er jagte nur noch durch den Wald, nach Hause zurück, nicht wissend, was er mit der Fibel, die er der Toten gestohlen hatte, in seine Siedlung trug.

Bewerten und Kommentieren

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.

 
Design by MKD Mediengestaltung