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So starben die römischen Kaiser
Historische Erzählungen

So starben die römischen Kaiser

Autor: Schall, Ute

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 260

Größe: 20,5 x 14,0 cm

Abbildungen: 1

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862822379

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 14,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
In der langen Reihe der römischen Kaiser war er der Erste, der einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel: C. Iulius Caesar, ermordet an den Iden des März 44 v. Chr.
Die Zahl der römischen Caesaren, die die Bühne des Weltgeschehens auf natürlichem Wege verließen, war gering. Mord und Selbstmord waren bei Roms Herrschenden an der Tagesordnung. Viele von ihnen regierten nur Wochen oder gar Tage, sodass die Annalen oft kaum mehr als ihre Namen bewahrten.
„So starben die römischen Kaiser“ bringt dem interessierten Leser die mehr oder weniger gut dokumentierten Todesfälle in Form historischer Erzählungen näher. Wo die alten Quellen schweigen oder nur unzureichend berichten, ergreifen die Sterbenden, auf ihr Leben zurückblickend, selbst das Wort. So etwa Diocletian, der, einzigartig in der römischen Kaisergeschichte, auf seine Macht verzichtete und sich in seinen letzten Lebensjahren damit begnügte, Gemüse zu züchten.
Schon die späte Republik war nie frei von Gewalt. Durch die über 500-jährige Kaisergeschichte aber zieht sich eine kontinuierliche Blutspur, die erst mit der Vertreibung des „Kaiserleins“ 476 n. Chr. ein – freilich unrühmliches – Ende fand.
Titus – Das Entzücken des Menschengeschlechts
79–81 n. Chr.


Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle? Titus mein Name. Eigentlich Titus Flavius Vespasianus, wie vor mir mein Vater und vor diesem mein Großvater, wie es altrömischem Brauch entspricht, dem sich unsere Familie seit jeher verpflichtet fühlt.
Aber bleiben wir bei Titus. Der Einfachheit halber. Und auch, weil ich, wie man so schön sagt, unter diesem Namen in die Geschichte eingehen werde. In die Geschichte eingehen: Wie das klingt! Als schritte man durch ein mächtiges Tor in einen Palast mit unzähligen Zimmern. Und eines davon ist reserviert. Oh, für mich keines der Prunkgemächer, nein! Eine kleine, bescheidene Kammer nur, irgendwo im Verborgenen, die Wände grau und fensterlos, und dennoch ein Raum mit der Aussicht zu überleben, der Vergänglichkeit ein Schnippchen zu schlagen und dem Vergessen. Also werde auch ich durch dieses Tor schreiten, bald.

Aber noch bin ich nicht tot. Meiner Sinne noch mächtig. Noch lebe ich, wenn ich auch den Fährmann schon sehe. Gerade legt er sein Boot an. Nun ist es nur noch ein kleiner Schritt …
Mit der Ungeduld der Jugend drängt mein Bruder auf den Thron, Domitian, und er weiß nicht, was er sich damit antut. Noch nicht, aber ich bin sicher, auch er wird es erfahren. Von Kind an ist er begierig auf die Herrschaft gewesen. In wenigen Stunden wird sich sein Traum erfüllen.

Vor Tagen hat mich ein heftiges Fieber befallen, das allen Behandlungsversuchen unserer Ärzte trotzt. Sie wissen noch nicht, dass ich daran sterben werde, aber vielleicht ahnen sie, dass Domitian mein Ende beschleunigen und mich damit von meinen Schmerzen erlösen wird. Seit langem bin ich leidend an Körper, Seele und Geist. Wie so viele Römer leide ich vor allem an mir selbst. Und es ist kein Gott, der sich meiner erbarmte.
Wollen sie womöglich meinem Nachfolger gefallen? Ob sie sich deshalb so wenig Mühe geben, mir zu helfen? Es ist nur allzu menschlich, sich lieber der aufgehenden Sonne zuzuwenden, als sie sinken zu sehen.
Wie auch immer: Ich habe es nicht verdient, jetzt schon sterben zu müssen. Mit 41 Jahren. Nach nicht einmal zweijähriger Herrschaft. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, nichts zu bereuen. Außer vielleicht das eine …
Aber lassen wir das! Der geneigte Leser möge sich selbst ein Bild machen. Der geneigte Leser möge selbst urteilen.
Seit damals, seit ich an Neros Tafel von dem Gift gekostet habe, das meinem Freund, dem Prinzen Britannicus, das Leben nahm, seitdem sterbe ich. Jeden Tag ein bisschen mehr. Wie lange ist das her? Ein Viertel Jahrhundert? Oder mehr? Ich weiß es nicht.
Aber ich weiß, wie krank ich bin. Dass mir mein Körper öfter und öfter den Dienst versagt, mich schmählich im Stich lässt.

Ich war gerade 30, als mir Vater Vespasian den Oberbefehl über die römischen Truppen in Judäa übertrug. Dort herrschte das Chaos. Wieder einmal hatten sich die freiheitsliebenden Juden gegen uns Römer erhoben, wollten immer noch nicht einsehen, wie überlegen unsere Kultur der ihrigen ist.
Drei Jahre zuvor hatte Kaiser Nero meinen Vater in den Osten entsandt mit dem Auftrag, die Revolte zu ersticken und in Judäa Ordnung zu schaffen. Aber der Kampf hatte sich als überraschend zäh erwiesen, und als Vespasian, inzwischen zum Kaiser ausgerufen, nach Rom zurückkehrte, lag es an mir, mich des Problems anzunehmen, das sich allmählich zu einer ernsthaften Gefahr für den Bestand des Imperiums auswuchs. Aber ein Titus ließ sich nicht so leicht unterkriegen. In meinem Vater hatte ich den besten aller Lehrmeister gehabt, ein musterhaftes Vorbild, dem nachzueifern für jeden Römer eine Ehre war. Es dauerte nicht lange, da lag das ganze Land besiegt, Jerusalem in Trümmern, der Tempel des Herodes, eines der herrlichsten Bauwerke der Erde, bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Die Götter allein wissen, dass diese Schändung nicht auf mein Konto ging. Schon aus Liebe zu ihr, Berenike, hätte ich das Denkmal, das wie keines an ihren berühmten Vorfahren erinnerte, geschont. Aber das Schicksal hatte es anders bestimmt. Berenike, die einzige Frau, die ich je geliebt habe, weltbekannt für ihre einzigartige Schönheit. Die jüdische Prinzessin, die mir nach Rom folgte und hoffte, von mir zu meiner Kaiserin gemacht zu werden. Berenike, die ich schmählich verraten habe, ein Opfer für die Staatsräson.

„Da bin ich, Vater, da bin ich!“ Ich eilte auf ihn zu, als er mir im Hafen von Ostia entgegenkam, ein wenig zweifelnd, ob an den Gerüchten etwas dran wäre, ich wolle mich von ihm lossagen und im Osten ein eigenes Kaiserreich errichten, wovon freilich einige meiner Männer geträumt hatten, als sie mich zum Imperator ausriefen. Nein, Vater, ich habe dich niemals betrogen. Niemals verraten. Oder auch nur daran gedacht. Selten ist Sohnesliebe so treu, so dankbar gewesen. Dann der Schmerz, als ich dich sterben sah, dir nicht helfen, dich nicht retten konnte. Mit welcher Größe hast du ihn erwartet, den Tod! Selbst in den letzten Atemzügen hast du dich eines Kaisers würdig erwiesen.
Ich war dir kaum auf dem Thron nachgefolgt, da wurde unser Reich von der bisher größten Naturkatastrophe der Menschheit heimgesucht, dem Ausbruch des Vesuvs.
Viele wussten schon lange um die Gefährlichkeit des Vulkans und warnten gelegentlich auch vor seiner trügerischen Ruhe. Aber die meisten vertrauten darauf, dass der Berg, dessen letzten Ausbruch niemand mehr erinnerte, endgültig schliefe, und achteten auch auf noch so untrügliche Vorzeichen nicht: das Versiegen der Quellen, das Erdbeben, das die Region wenige Jahre zuvor erschüttert hatte, und den Donner, der aus dem Schoß der Erde kam. Es war die erste schwere Prüfung, der ich mich als Kaiser unterziehen musste (weitere sollten nicht lange auf sich warten lassen, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch glaubte ich an mein Glück und ahnte nicht, wie vergänglich es war). Herculaneum, Pompeji, Stabiae, die schönen Städte für immer verschüttet, das Leben Tausender ausgelöscht, ganze Landstriche verwüstet, von den Göttern verflucht die Orte, die wohl niemals ein Mensch mehr betreten wird. Ich saß in meinem Arbeitszimmer und weinte, vergoss mehr Tränen, als ich vergossen hatte, nachdem ich Berenike zum Hafen nach Ostia begleitet und sie sich eingeschifft hatte in der Gewissheit, dass es für uns keine gemeinsame Zukunft, ja nicht einmal ein Wiedersehen geben würde

Nachdem ich den Überlebenden großzügig geholfen hatte, glaubte ich, alles Schlimme, was einem Herrscher widerfahren konnte, überstanden zu haben. Wie gründlich hatte ich mich getäuscht! Kaum waren diese Wunden einigermaßen vernarbt, brach in Rom die Pest aus und raffte Unzählige dahin. Unsere Ärzte führten sie auf den verderblichen Ascheregen zurück, der sich sogar bis auf die Provinzen Africa und auf Syrien niedergeschlagen hatte. Aber ich bin mir nicht sicher, dass er wirklich die Ursache für die Seuche war. Ich bin kein Gelehrter, wenn man mir eine gewisse Bildung auch nicht absprechen kann. Soviel aber weiß ich doch: Wen die Götter angeschaut haben, den schicken sie ins Verderben. Und so verwandelt sich großes Unglück oft in unermessliches Leid. Mögen sie mich auch den Liebling des Menschengeschlechts nennen, ein Liebling der Himmlischen, soviel ist gewiss, bin ich nicht.

Ich war gerade ein Jahr an der Regierung, als in Rom ein verheerendes Feuer ausbrach. Drei Tage und drei Nächte lang wütete es durch die Straßen. Die berühmtesten Gebäude der Stadt, die herrlichen Tempel auf dem Kapitol, Erbe unserer Ahnen, das Pantheon des Agrippa, ja sogar die wertvollen Bibliotheken Octavians wurden ein Raub der Flammen, Jahrhunderte altes Wissen der Menschheit für immer verloren. Schon glaubte ich, ich sei zu Grunde gerichtet, von den Göttern verflucht, und trug mich mit dem Gedanken, das verantwortungsvolle Amt niederzulegen oder gar mein Leben freiwillig zu beenden. Hatte ich dem Reich nicht nur Unglück gebracht? Aber meine Berater beschworen mich, den Platz, auf den mich das Schicksal gestellt hatte, nicht ohne Not zu verlassen. Also raffte ich mich ein weiteres Mal auf. Ich verkaufte den Schmuck meiner Paläste, all die herrlichen Bilder und Statuen, Möbel, Vasen und Brunnen, und auch meinen persönlichen Tand. Mit dem Erlös begann ich, alles, was dem Stadtbrand zum Opfer gefallen war, schöner und prächtiger wieder aufzubauen.

Große Freude bereitete mir das Theater, das, auf dem eingeebneten Gelände von Neros Domus Aurea errichtet, sich langsam seiner Vollendung nähert. Wir werden es Theatrum Flavium nennen, damit unsere Familie allen künftigen Generationen in Erinnerung bleibt. Auch des Sieges über die Juden wird es immer gedenken. Denn alles, was meine Leute in Judäa erbeutet hatten – der Erlös daraus floss in dieses Bauwerk, das an Monumentalität und Pracht nicht so leicht übertroffen werden wird. Die Juden hassen mich dafür, ich weiß, wie sie mich für die Zerstörung des Tempels hassen, und sie haben mich tausendfach verflucht.
Und dennoch gedenke ich noch einer Tatsache dankbar. Nero hatte einst zahlreiche Bürger enteignet, um genügend Platz für seine weitläufige Villenanlage zu erhalten. Meine Familie darf sich rühmen, mit dem Bau der großartigen Vergnügungsstätte dem Volk zurückgegeben zu haben, was ihm damals gegen Recht und Gesetz genommen worden war …

Meine größte Sorge gilt Domitian: Er ist unbeherrscht, ja unberechenbar. Zwar hat er es aufgegeben, die Truppen aufzuwiegeln und überall Stimmung gegen mich zu machen. Zuletzt hat er wohl eingesehen, wie vergeblich das war. Aber er hat mir nie die gleiche brüderliche Zuneigung entgegengebracht, die ich für ihn empfand. Vielleicht habe ich ihn doch zu milde behandelt. Jeder Fremde, der sich ähnlich aufgeführt hätte, wäre zumindest aus Rom verbannt worden. Aber ihn ließ ich gewähren. Ich hatte die Hoffnung nie aufgegeben, er würde sich zuletzt doch noch für mich entscheiden. Habe ich meiner Milde wegen Schuld auf mich geladen?

Ich schwitze und friere zugleich. Eiskalt rieselt es mir den Rücken hinab. In meinem Inneren aber lodert ein alles verzehrendes Feuer.
Soeben betritt Iulia mein Sterbezimmer, mein geliebtes Kind, das einzige, das ich dieser Welt hinterlasse. Das einzige, was von mir erhalten geblieben sein wird. Wie schön sie ist! Mit ihrer eleganten, hochgewachsenen Erscheinung ähnelt sie stark meiner Mutter.
Auch Domitian ist jetzt an mein Krankenlager getreten, begleitet von zwei Sklaven, die die angekündigte Schneepackung bereithalten. Ach, Bruder, Domitian! Sie soll das Feuer in mir löschen und die Heilung fördern. Beschleunigen aber wird sie nur meinen Tod.
Die Juden in Rom jubeln schon. Danken Jahwe, ihrem Gott, dafür, dass er sie endlich rächt. Aber es gibt auch Römer, die meinen Tod beweinen. Beruhigend zu wissen, dass man nicht ganz umsonst gelebt hat.
Alles verschwimmt vor meinen Augen. Die Konturen lösen sich auf. Das Leben schwindet …
„Ich komme, Vater, ich komme!“ Da fällt mir ein, dass ich heute noch keine gute Tat vollbracht habe. „Freunde, ich habe einen Tag verloren! Ich habe einen Tag ver…“

Über den Autor

Schall, Ute

Schall, Ute

Ute Schall wurde 1947 in Buchen/Odenwald geboren. Nach dem Studium der Rechtspflege veröffentlicht sie seit 1980 zahlreiche Essays über althistorische, vornehmlich altrömische Themen. Seit jungen Jahren hat Ute Schall großes Interesse an Geschichte, vor allem an der Antike.... mehr über den Autor

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