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Aus Kapitel 7, Dritte Episode:
Im leeren Stollen klang das Knurren überlaut. Sahils Magen krampfte sich vor Hunger schmerzhaft zusammen. Seit Tagen irrte er im stinkenden Gedärm des Hamburger Viertels umher. Bei dem Versuch, den Weg zurückzukriechen, den er vor einer gefühlten Ewigkeit eingeschlagen hatte, war er zusammengebrochen.
Stundenlang hatte er sich im Fieberwahn gewälzt, die Augen weit aufgerissen, verzweifelt bemüht, das erbarmungslose Schwarz zu durchdringen. Irgendwann war er aufgewacht, geschwächt und orientierungslos. Zu allem Überfluss war sein S3-Implantat unauf-findbar geblieben. Er musste darauf vertrauen, dass er es losge-worden war. Alles andere würde ihn um den Verstand bringen. Zumindest hatte seine Schulter aufgehört zu bluten; auf der Wunde bildete sich bereits Schorf. Jetzt, da er wieder einen halbwegs kla-ren Kopf hatte, meldete sich sein Hunger mit unverminderter Här-te zurück.
Plötzlich vernahm er leise, trippelnde Geräusche. Direkt auf Bo-denhöhe. Er horchte. Sein Gesicht verzerrte sich zu einem lautlosen Lachen. Zeit zu frühstücken! Das Trippeln kam immer nä-her, da fing Sahils Magen in freudiger Erwartung wieder an zu knurren. Das Trippeln brach ab. Sahil fluchte still vor sich hin und zog den Bauch ein. Wieder lauschte er. Um ihn herum herrschte vollkommene Stille. Sogar die fernen Geräusche über ihm schienen kurzzeitig verstummt zu sein. Sahil wartete mit angehaltenem Atem. Eins, zwei, drei, vier … Regungslosigkeit … fünf, sechs, sie-ben … und wurde belohnt. Das Trippeln setzte wieder ein und be-wegte sich erst zögerlich, dann immer schneller in seine Richtung. Sahils blutige Faust schloss sich fest um die rostige Klinge.
Aus Kapitel 6, Vierte Episode:
Juma ließ sich Zeit. Elias aber konnte keine Minute länger warten. Das Blut strömte ihm bereits aus Mund und Nase, während seine Gliedmaßen unkontrolliert zuckten. Sein schweißüberströmtes Gesicht fühlte sich unangenehm klebrig an. Vor Schmerz
gekrümmt legte er sich auf das schäbige Bett seines noch schäbige-ren Hotelzimmers und verteilte mit zitternden Händen blutreini-gendes Gel auf beide Pulsadern. Die signaturfreie Laserwaffe, die er sich in Hanseapolis besorgt hatte, legte er vorsorglich neben sich. Während er darauf wartete, dass die rettende Katharsis einsetzen und seinen Körper für Stunden lähmen würde, ließ er den Blick schweifen. Die grauen Wände zierten tiefe Risse, der alte Holzfuß-boden war mit dunklen Flecken übersät. Einziges Möbelstück war das Bett mit integrierter Stellfläche und Ausziehkommode, das wahrscheinlich noch aus der Zeit vor dem Krieg stammte. Ein ver-gilbtes Shoji, eine japanische Schiebewand aus Papier, trennte den Raum von der Toilette. Das Zimmer hatte kein Fenster. Von we-gen freier Blick auf den Pazifik! Der perfekte Aufent-haltsort, um unbemerkt zu bleiben.
In den Docks von Osaka war alles gerade noch gut gegangen. In buchstäblich letzter Sekunde hatte ihn Juma aus dem Dura-Liquid gezogen. Vollkommen hysterisch war er gewesen, hatte sich wie ein Verrückter aufgeführt und seinen angefressenen Schutzanzug vom Körper gerissen. Dann war er vornüber auf die Knie gefallen und hatte zum Dank Jumas Hosenbeine mit einem Schwall
Erbrochenem bedacht. Um den Weg von Kyushu 6 zum Hotel durchzustehen, hatte sich Elias eine Ampulle Tracetamin injiziert, eine synthetische Aufputschdroge. Mit wild pochendem Herzen und Tosen in den Ohren war er ins erstbeste Lufttaxi gestiegen. Bezahlt hatte er mit einer Prepaid-Geldkarte.
Jetzt brummte es leise an der Hotelzimmertür. Hastig setzte
Elias die Darkglasses auf und drückte auf den Button, der am Kopf-ende des Bettes eingelassen war. Die schmutzig grüne Tür, die unter Spannung gesetzt wurde, flimmerte; hier und da riss die Bambusoptik auf und ein muskelbepackter Mann wurde stückweise sichtbar. Der Türspion funktionierte nicht einwandfrei, doch Elias hatte alles gesehen, was er wollte. Mit zitternden Fingern drückte er noch einmal auf den Button und die Tür sprang mit einem leisen ‛Klick’ auf.
Zögernd trat Juma ein. Mit einer knappen Kopfbewegung zeigte Elias auf die Stellfläche links vom Bett, woraufhin dieser dort einen MiniCube und eine winzige Klappkonsole platzierte.
„Hier. Ich hab die Informationen, die Sie wollten, auf MiniCube gespeichert. Es war gar nich so einfach, an die Personal Files der Mitarbeiter ranzukommen ... aber ich hab da ’nen Kumpel, der … Na, is ja auch egal. Hier ist noch ’ne Free-Net-Konsole, nich ange-schlossen an die GCS“, ergänzte Juma überflüssigerweise. „Kann ich sonst noch was für Sie tun?“
Eine schwache Handbewegung gepaart mit einem heiseren „Ich komm klar“ signalisierte Juma, dass seine Dienste nicht mehr
benötigt wurden. Schon spürte Elias, wie seine letzten Kraftreser-ven schwanden. Er kam sich schutzlos vor wie ein Baby. Ein Scheißgefühl! Sein Blick trübte sich, Arme und Beine wurden taub, sein Kopf rollte zur Seite ... Er bekam schon nicht mehr mit, wie Juma zwei prall gefüllte, luftdicht versiegelte Beutel neben das Bett stellte und das Zimmer verließ.
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