Aus Kapitel 5: Im Morgengrauen
In derselben Nacht noch, um vier Uhr morgens, huschte eine kleine ältere Dame in einem rosa Morgenmantel und passender Nachthaube durch den Kabinengang. Der dunkelblaue Veloursfußboden war so gut gepolstert, dass kein Schritt zu hören war. Die Geschehnisse vom Vorabend und das merkwürdige Gespräch, welches sie tagsüber von ihrem Zimmer aus vernommen hatte, ließen sie keine Ruhe finden. Die Kabine, die Klara suchte, musste genau unter ihrer liegen, höchstenfalls eine Tür links oder rechts daneben, sonst hätte sie das Gespräch niemals so gut verstehen können. 
Klara erreichte das zugige Treppenhaus und eilte mit flinken Schritten auf der hinteren Treppe zum Deck 6 hinunter. Der Kabinengang war leer und neben jeder zweiten Tür mit einer kleinen goldenen Säule bestückt, die den sonst sehr langen Gang geschickt unterteilte. Klara ging vorsichtig von Säule zu Säule und hoffte, eine ihr bekannte Stimme zu hören oder irgendeinen Hinweis zu erhalten, der Rückschlüsse auf den derzeitigen Kabinenbewohner zuließ. Plötzlich sah sie, wie sich ganz langsam die Kabinentür öffnete, die direkt unter der ihren lag. Blitzschnell drehte sie sich um und versteckte sich hinter einer Säule. Sie fühlte ihr Herz pochen und spürte den Griff der rückwärtigen Kabinentür in ihrem Kreuz. Durch einen Spalt zwischen Säule und Wand beobachtete sie Larry Clark, der mit Handschuhen und einem Gegenstand in der Hand aus der Kabinentür kam. Er ließ sie ganz langsam und vorsichtig einrasten. Klara hatte plötzlich das Gefühl, sie bekäme keine Luft mehr und wünschte sich nichts dringender, als wieder in ihrer Kabine im Bett zu liegen. Der Gedanke, dass hier an Bord doch etwas im Argen lag, erschreckte sie sehr. Sie hatte es nur einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass Larry Clark den rechten Ausgang des Kabinengangs wählte, der zu den Fahrstühlen ins mittlere Treppenhaus führte. Klara trat von der Wand zurück auf den Gang und eilte wieder zu ihrer Kabine. Sie spürte noch immer den Abdruck der Türklinke auf ihrem Rücken. Das wird sicher ein hervorragender blauer Fleck werden, dachte sie sich und ging schlafen. 

Zitternd erhob sich Mey Ling aus dem Rettungsboot oberhalb des Promenadendecks. Vorsichtig schob sie die Abdeckung beiseite und beobachtete die Passanten. Die meisten Passagiere schliefen schon in ihren Kabinen, nur wenige waren immer noch in den Bars oder Restaurants. Die Luft war kühl, aber angenehm und sie war sich sicher, dass Larry wieder volltrunken in irgendeiner Bar hockte. Jetzt konnte sie es riskieren, zurück in ihre Kabine zu gehen, er würde sie jetzt bestimmt nicht mehr suchen. Mit wackeligen Beinen kletterte Mey aus ihrem Versteck und krabbelte auf das Promenadendeck. Noch völlig benommen von den erschreckenden Beobachtungen, die sie von ihrem Versteck aus gemacht hatte, lief sie eilig ins äußere Treppenhaus. Von dort aus konnte sie mit dem Fahrstuhl bis zu den Crewkabinen hinunterfahren. 
Immer wieder musste sie darüber nachdenken, wie eine Frau geschrien hatte und wie dann der betrunkene Mann beinahe über Bord gegangen wäre, stattdessen aber auf das Promenadendeck gestürzt war. Sie hörte immer noch den dumpfen Knall, als wäre es eben erst gewesen, und spürte diese beängstigende Stille, die wie ein Schleier über allem lag. Vor Schreck hätte sie beinahe den Fehler begangen, aus ihrem Versteck zu kommen. Sie sah jemanden wegrennen, doch konnte sie die Person nicht genau erkennen, weil sie die Plane wieder über das Boot ziehen musste, um nicht entdeckt zu werden. Auf jeden Fall ging es auf diesem Schiff nicht mit rechten Dingen zu und sie würde im nächstbesten Hafen die Flucht ergreifen, das hatte sie sich fest vorgenommen.

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