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"Dann hör doch einfach auf…!"
Lebensgeschichte eines Alkoholikers

"Dann hör doch einfach auf…!"

Autor: Endres, Alfred

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 168

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Erstauflage

Verlag: ACABUS Verlag

ISBN: 9783862822072

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 12,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
„Dann hör doch einfach auf …!“

Es klingt so leicht, doch spätestens als sein Alkoholkonsum Alfred Endres auf die Intensivstation bringt, ist klar, dass er die Kontrolle über die Sucht komplett verloren hat.

Was lief schief im Leben des jungen Mannes, dass ihn der Alkohol beinahe tötete? Vom melancholischen Jugendlichen zum depressiven Erwachsenen bis hin zum Schwerstabhängigen mit Suizidwünschen erlebt er die Fesseln der Sucht, ohne sich diesen erwehren zu können.

Seit frühester Jugend von niemandem verboten oder eingeschränkt, wird die beruhigende und stimulierende Wirkung des Alkohols in allen Lebenslagen von ihm benutzt.
Lange Zeit fällt er damit kaum auf und kann seine bürgerliche Existenz aufrechterhalten. Die Katastrophe scheint vorprogrammiert, doch bevor Alfred alles verliert, schenkt ihm das Schicksal eine zweite Chance, die er mit aller Macht ergreift…

Mit authentischen Worten lässt Alfred Endres sein Leben Revue passieren und reflektiert, wie seine Suchterkrankung entstanden ist und wie er, als sein Leben auf Messers Schneide stand, schließlich begann, zusammen mit Familie, Therapeuten, Ärzten und Freunden um seine Genesung zu kämpfen. Als Teil seines Heilungsprozesses schreibt er seine Erfahrungen nieder und möchte damit auch anderen Betroffenen und Angehörigen Mut und Hoffnung machen.
Aus dem Kapitel: Tiefe Wurzeln in der Vergangenheit

In dem Sechs-Parteien-Haus, in dem ich aufwuchs, ging es Anfang der 80er Jahre recht munter zu. Die Nachbarn hatten sich im Laufe der Jahre miteinander arrangiert, ja angefreundet; die Kinder waren alle langsam im Teenageralter und das Fahrradgeschäft meines Vaters im Nebenhaus verlieh der ganzen Haus- und Hofgemeinschaft eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl. Jeder kannte jeden, man sah sich täglich und hatte sich natürlich auch immer wieder den neusten Klatsch zu erzählen. Wir lebten die „Lindenstrasse“ bevor es sie gab. Natürlich spielten die Kinder Fußball und die Väter waren aufgeteilt in „Bayern“- und „1860“-Anhänger. Die Jungs taten es ihnen gleich und alles in allem waren wir eine verschworene kleine Wohngemeinschaft.
So ergab es sich natürlich auch, dass man sich gelegentlich einlud um abends im Wohnzimmer zusammen mit den „Männern“ jeden Alters Fußball zu gucken, wenn Spiele im Fernsehen übertragen wurden. In den Jahren vor der medialen Überflutung, die wir heute kennen, war das noch lange nicht selbstverständlich. Soweit ich mich erinnern kann, stand dieses Mal das Länderspiel Deutschland–Brasilien auf dem Programm. Nur ein Freundschaftsspiel, und das Aufregendste, das passierte, waren zwei Elfmeter, die noch dazu beide von meinem Idol Paul Breitner kläglich verschossen wurden. Wie gesagt, nicht dass das von Bedeutung gewesen wäre, aber in dieser fröhlichen Runde genoss ich die ersten beiden Weizenbiere meines Lebens. Oder zumindest die ersten, an die ich mich zurück erinnern kann.
Niemand kam auch nur auf die Idee, dass man einem 14-jährigen vielleicht nicht pro Halbzeit ein Bier einschenken sollte. Nein, es war doch so, dass es Alles in Allem toll war, wenn die Jungs erwachsen werden wollten, mitredeten und natürlich auch mittranken. So schlimm war das alles ja auch nicht. Bier ist ja in Bayern ein Grundnahrungsmittel, und das schadet ja keinem. Mir hat es auch nicht geschadet, jedenfalls nicht bis ich nach dem Schlusspfiff aufgestanden bin.
Ich wollte nur einen Schritt nach vorne machen und krachte ohne es zu merken seitlich gegen den neuen Wohnzimmerschrank der Nachbarn. Das Gelächter war die Krönung des Abends. Nicht, dass ich ausgelacht wurde, nein, das Lachen war mehr als Anerkennung gedacht. „Passt’s auf, der Bua hat ja einen Rausch“, so klang es durch den Raum. Ich fand schließlich den Weg in unsere Wohnung im ersten Stock und kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass mir damals ein Vorwurf gemacht wurde. Ich wurde von diesen Monaten an dazu erzogen, den Alkohol als etwas Alltägliches zu betrachten. Verboten hat es mir eigentlich niemand. Schließlich war mein Papa an diesem und an vielen anderen Tagen meiner Trinkerkarriere ja mit dabei.
Es ist weiß Gott nicht so, dass ich ihm oder irgendjemand anders einen Vorwurf daraus machen würde, meine Eltern haben mich so gut erzogen wie sie konnten. Sie selbst konnten jedoch nie eine kritische Einstellung gegenüber Suchtkrankheiten wie Rauchen, Trinken usw. aufbauen, zu sehr waren diese „Allerweltssünden“ bei ihnen beiden selbst beheimatet. Sucht bedeutete Sachen wie Heroin oder ähnliche illegale Substanzen, aber nicht Alkohol. Und Bier ist ja auch nicht gleichzusetzen mit Sachen wie Schnaps, Cognac, „harten Sachen“. Dass alleine der Bierkonsum in der Familie schon vor Generationen „Einschläge“ hinterlassen hatte, wurde geflissentlich übersehen. Bier ist einfach zu „normal“ um als Todbringer angesehen zu werden.
Während und nach meiner Therapie entstand in mir eine Distanz zu diesem Leben und dieser Einstellung die nur mit 180-Grad-Wendung zu beschreiben ist. Ich kann mir seitdem sehr gut vorstellen wie hilflos und einsam mein Vater und all die anderen vor ihm in der Familie waren, als sie Trost, Flucht oder einfach nur Entspannung im Alkohol suchten. Sie merkten dabei nicht, dass sie an dem Ast sägten auf dem sie saßen – und auf den sie mich setzten, als sie mich großzogen.


Mai 2009, Koma

Ich spüre meinen Körper in einem Behälter liegen, einem Sarg ähnlich. Wo bin ich? Welcher Tag ist heute? Schläuche und Geräte sehe ich über mir, Plastikschürzen und steril aussehende Abdeckungen … ich gleite offenbar in dem Sarg auf einer Art „Montagestation“, meine Organe sind in Plastikbeutel verpackt und liegen neben meinem Körper. Der wiederum wird zusammengeflickt und künstlich am Leben gehalten. Etwas Furchtbares muss passiert sein und ich bin schuld. Es ist nicht real, aber auch kein Traum. Ich muss meine Mutter wissen lassen, dass ich lange nicht nach Hause komme werde, aber ich weiß nicht warum … ich weiß nichts mehr, außer dass mein Leben auf der Kippe steht. Ich werde lange hier in dieser futuristischen Maschine zubringen bis ich weiß, ob ich leben oder sterben werde. Wo bin ich, wer sind meine Freunde hier, wer meine Feinde? Eine hübsche junge Frau in einem grünen Plastikkittel beugt sich über mich und sagt, sie sei meine Frau und wir haben zusammen drei Kinder … Hatte ich Kinder? Marion? Wir haben uns doch vor 14 Jahren getrennt! Sah meine Frau nicht anders aus? Solange ich nicht weiß, in welcher Welt ich lebe, werde ich niemanden Zusagen machen, mit wem ich verheiratet bin und wem nicht … Enttäuscht wendet sich die Frau wieder ab. Aber ich kann doch niemand sagen, dass ich ihn liebe, wenn ich gar nicht weiß, wo ich bin oder was passiert ist …
Mein Leben hängt am seidenen Faden. Einzelne Stücke Fleisch werden offenbar wieder im meinen Brustkorb eingepflanzt. Diese Maschine dient dazu, mich wieder zusammen zu setzen und ich kann mich nicht bewegen. An der Decke sind Schläuche und Ventile, alles scheint hermetisch abgeriegelt zu sein. Mein Geist schwebt weiter in einen anderen Raum … Oh Gott, was ist passiert? Warum bin ich hier, was habe ich nur getan?

Über den Autor

Endres, Alfred

Endres, Alfred

Alfred Endres, Jahrgang 1967, ist Maschinenbautechniker und arbeitet seit über 25 Jahren in der Kfz-Zulieferindustrie. Er ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in München. Schon als Jugendlicher begann Alfred Endres regelmäßig Alkohol zu trinken und wurde... mehr über den Autor

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