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Benjamins Schatten
Befreiung aus Co-Abhängigkeit und destruktiven Beziehungen. Eine therapeutische Fabel

Benjamins Schatten

Autor: Kaufmann, Angelika


Lieferbar in 48 Stunden


Produktart: Buch

Seiten: 156

Abbildungen: 5

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Erstauflage

Verlag: ACABUS Verlag

ISBN: 9783862822324

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 12,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
„Wer sich zum Esel macht, schleppt die Säcke“, liest der Esel Benjamin, als er sich auf den Weg in ein neues Leben macht, das den Sog der Abhängigkeit hinter sich lässt und destruktive Beziehungen überwindet.
Angelika Kaufmann, Erziehungswissenschaftlerin und Soziologin, veranschaulicht das psychosoziale Phänomen der Co-Abhängigkeit, indem sie ihre Erfahrungen von Projekten mit Suchtkranken und deren Angehörigen mit Hilfe der Geschichte des Esels Benjamin weitergibt. Dieser muss eine lange Reise auf sich nehmen, die zur Bewährungsprobe wird. Die eigenen Grenzen erfahrend, kann er schließlich die Angst vor dem Verlassenwerden ablegen und Selbstliebe erfahren.
„Benjamin“ wird in über 300 Selbsthilfegruppen der Ländlichen Erwachsenenbildung im Fachbereich Gesundheit und Selbsthilfe eingesetzt und legt den Fokus auf Angehörige von Suchtkranken, die ihre persönliche Situation aufarbeiten. So soll auch dieses Buch Hilfe zur Selbsthilfe leisten und Wege aufzeigen, den Strudel von Sucht, Gewalt und Abhängigkeit hinter sich zu lassen.

„Der ‚Benjamin‘ ist Begleiter auf einem Weg von gefühlter Einsamkeit, Druck und Überforderung zu Selbst(wieder)findung und Lebensfreude.“ (Erwin Vartmann – LEB Fachbereich Gesundheit und Selbsthilfe)
Aus dem Vorwort:

[…]
Niemand von uns sollte glauben, dass er vor Sucht gefeit ist. Sucht  hat viele Gesichter, unterschiedliche Hintergründe und fürchtet sich am meisten davor, ihr Gesicht zu verlieren, bis sie auch das in Kauf nimmt.
Egal, ob wir putz- oder arbeitssüchtig, ess- oder eifersüchtig, rachsüchtig, nikotin- oder internetsüchtig, sexsüchtig, geltungssüchtig, kontrollsüchtig, spiel- oder medikamentensüchtig, heroin- oder alkoholsüchtig sind, um nur Einige zu nennen – Sucht ist immer dann im Spiel, wenn wir durch sie bestimmt werden oder anders formuliert, wenn wir durch sie unsere wahren Bedürfnisse ersetzen oder zu vergessen suchen. Das Verlangen nach Befriedigung, dem Flash, dem Kick oder Ablenkung, macht immer unruhiger, je länger ein Mensch ihm erliegt.
Ich selbst habe, während meiner Tätigkeit in der Suchtberatung und in den vielen Jahren davor und danach, durch Seminare, Vorträge, Schulungen oder in Beratungsgesprächen Erfahrungen mit suchtkranken Menschen machen dürfen. Im Zuge dessen habe ich sehr oft beobachten können, wie leidensfähig und oft auch willig Angehörige von suchtkranken Menschen sind und wie grausam beide in einer Sucht gefangen sind, in der sie sich gegenseitig zu ergänzen scheinen. Während jedoch die Betroffenen von zahlreichen Stellen Hilfe in Anspruch nehmen können, stehen Angehörige oft hilflos daneben und opfern ihre Liebe einer Scham, die gesellschaftliche und persönliche Konsequenzen fürchtet.
Es ist schon viel über Sucht geschrieben, gefilmt und gesprochen worden. Zahlreiche Ärzte, Pädagogen, Psychologen wirken aufklärend und helfend. Wir wissen alle um das Leid der Menschen, denen wir zu helfen bereit sind und doch nimmt die Zahl der Erkrankten und damit auch die der Mitbetroffenen weiterhin zu.
Doch Sucht und Angehörigkeit kann auch als Chance gesehen werden, wenn erkannt wird, dass authentische Gefühle, durch zweckorientierte Bewertungen, so gesteuert wurden, dass die Wahrnehmung des eigenen Selbstwertes verloren gegangen ist. Gefühle der Wertlosigkeit vernebeln oftmals die Freude an einem eigenverantwortlichen Leben und machen geneigt, sie zu überspielen, zu verdrängen oder sie zu betäuben. Dass die Wirkung vorübergehend ist, erklärt sich von selbst. Oft haben mir trockene Alkoholiker gesagt: „Ich bin froh, dass ich alkoholkrank geworden bin, denn dadurch ist mir klar geworden, dass ich Hilfe brauche. Niemals hätte ich so viel über mich selbst gelernt und über die Bedingungen, die mich krank gemacht haben. Ich hätte niemals verstanden, wie viel Leid ich mir und den Menschen gebracht habe, die ich eigentlich liebe.“
Anfangs haben mich solche Erklärungen erstaunt, dann habe ich sie verstanden. Heute berühren sie mich zutiefst. Angehörige sollten viel über diese Krankheit lernen, damit sie eigene Anteile erkennen können und sich geläutert zu verhalten wagen.
Die folgende Märchen-Geschichte, die sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse über Sucht und Abhängigkeiten stützt, verdeutlicht, dass Bedingungsfaktoren und Prägungen durch Familie und Gesellschaft plus Bewusstwerdung und Deutung eigener Erfahrungen und Gefühle, Wegbereiter sind, die uns in die Sucht, in die Abhängigkeit, der Angehörigkeit oder in die Freiheit führen können.

Falls Sie zu den Menschen gehören, die bei dem Wort Märchen oder Fabel an ihre Kindheit denken, wird Sie der Begriff Märchen-Geschichte, im Zusammenhang mit Sucht und Angehörigkeit, irritieren.
Dieses Buch spürt mit dem Mittel eines Märchens die Geschichte vieler Menschen auf, die sich schicksalhaften Situationen fügen, in denen sie sich zu verlieren drohen. Es spürt unbewusste Beweggründe und die daraus resultierenden Glaubenssätze auf, die der Bereitschaft dienen, sich fremd bestimmen zu lassen. So werden die inneren Stimmen zutage gefördert, die sich durch zahlreiche Verletzungen zurückgezogen haben.
Zwischen Suchtkranken und ihren Angehörigen entwickeln sich häufig Interaktionen, deren Dynamik aus der Entladung aufgestauter Gefühle entsteht. Ursache und Wirkung können auf dieser Grundlage schwer einen gemeinsamen Nenner ohne Schuldzuweisungen finden, der die erlösende Antwort erkennbar und eigenverantwortliches Handeln möglich machen könnte.
Märchen haben die Gabe, Abstand von Wahrheiten zu schaffen, die aus der Distanz leichter erkennbar sind. Sucht, Angehörig- und Abhängigkeit sowie das Hinnehmen von Selbstverlust ist ein böses Märchen und hat nichts mit Nähe zu tun, auch nicht mit der Nähe zu sich selbst. Abhängig von einem Suchtmittel, von einem suchtkranken Menschen oder von eigenen Selbstzweifeln zu werden, bedeutet immer fern von sich selbst zu sein.
Es gibt kein allgemeingültiges Rezept gegen die Sucht. Sucht ist nur der Unverstand des Lebens, den wir erkennen, wenn wir uns selbst wieder spüren und die Intelligenz unserer Gefühle zu verstehen bereit sind.
Ich habe kein Rezept für alle Fälle, das Sie nur zu kopieren brauchen; keine Lehre, die Sie deckungsgleich übertragen können. Doch ich kann Ihnen etwas zeigen. Ich zeige Ihnen eine Wirklichkeit, die vielen abhandengekommen ist und die jeder für sich definieren wird. Mit dem Mittel des Märchens nehme ich den, der mir zuhört, an die Hand, um ihm einen Weg zu zeigen, auf dem er sich selbst begegnen kann.
Viele Selbsthilfegruppen arbeiten seit Jahren erfolgreich mit dem Esel Benjamin; das Märchen, das ich 2004 ursprünglich als Reader für die Gruppenarbeit geschrieben hatte. Das vorliegende Buch ist umfangreicher und spricht, neben Angehörigen, auch all jene Menschen an, die sich in irgendeiner Form abhängig gemacht haben und diesem Zustand entwachsen möchten.[…]


Aus Teil 1:
Sucht und Co-Abhängigkeit

Doch was macht ein kleiner brauner Esel, für den niemand sorgt; der nicht gelernt hat, wie er für sich selbst sorgen kann, wenn der Magen so laut knurrt, dass man meinen könnte, er habe einen brüllenden Löwen verschluckt? Diese Frage ging ihm durch den Sinn, als der Bauer eines Abends lautlos in die Scheune getreten war und ihm eine dicke rote Rübe vor die Nase hielt. Oh, wie hat er sich gefreut.
„Ein Bauer, der weiß, dass ich Hunger habe“, stieß es lauthals aus ihm hervor.
„Was schreist du denn so herum?!“, hatte der Bauer ihn geschimpft. „Es muss doch nicht die halbe Welt erfahren, dass ich bei dir schlafen möchte.“
‚Er will bei mir schlafen?‘, fragte sich der kleine Esel. ‚Er will bei mir schlafen!‘, freute er sich dann. ‚Ja, das kann er doch‘, dachte sich Benjamin und so legte er sich zu einem Kopfkissen, wie er es schon so oft für die Kinder getan hatte und schlief mit dem Bauern gemeinsam ein. Das war schön! Am nächsten Morgen kraulte ihn der Bauer, in aller Frühe, ganz behutsam, bevor er die alte Scheune verließ. Nach wenigen Minuten kam er mit einem prächtigen Frühstück zurück. Benjamin glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können. Da lagen im Dunkel der alten Scheune leuchtende Maiskolben, saftige Möhren, dicke gekochte Kartoffeln und zwei duftende, frisch gepflückte Äpfel. Oh, mit wie viel Freude begann Benjamin sich nun satt zu essen. Es war eine Freude ganz besonderer Art, denn er fühlte sich nicht nur wie im Schlaraffenland, nein, er glaubte sich auch nicht mehr einsam, nicht so entsetzlich übrig geblieben. Während er die dritte oder vierte Möhre verspeiste, wurden ihm sanft die Ohren gekrault, die Beine massiert, der Bauch gestreichelt; Benjamin konnte gar nicht glauben, was er da erlebte.
Nach so einem Frühstück konnte er auch noch viel besser und ausgelassener mit den Kindern spielen. Außerdem glänzte sein braunes Fell jetzt noch schöner und seine Ohren standen so stramm wie nie zuvor.
Zwei Tage und Nächte waren vergangen, als am frühen Morgen, die Sonne war gerade aufgegangen, die Kinder mit der Bäuerin davonfuhren. Benjamin hätte dem keine besondere Beachtung geschenkt, denn sie waren schon des Öfteren mit dem Auto vom Hof gefahren, merkwürdig aber war, dass die Esel so entsetzlich schrien. Benjamin musste mit ansehen, wie die Esel nacheinander an einem Strick auf einen Anhänger gezogen wurden, während sie ohrenbetäubend brüllten. Benjamin fühlte sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Nur, dass seine Eltern nicht geschrien, sondern zu ihm gesprochen hatten, als sie abgeführt worden waren, aber das machte das Ganze eher noch schlimmer. Den Bauern erschreckten die Geschehnisse nicht, sie schienen ihm gleichgültig zu sein. Aber vielleicht schien es auch nur so.
‚Die werden vielleicht woanders spielen‘, dachte Benjamin bei sich, ‚denen ist diese Weide hier viel-leicht zu abgegrast. Oder sie fahren in den Urlaub, Menschen machen ja so etwas‘, das wusste er. ‚Aber die Esel, was war mit ihnen und warum ist der Bauer nicht mitgefahren?‘ Die Esel hatten gebrüllt, furchtbar gebrüllt; sie hatten sich steif gemacht, wollten nicht auf den Anhänger gezogen werden. Was war geschehen? Über Nacht war es dann ruhig auf dem Bauernhof geworden, völlig ruhig, ungemütlich ruhig. Keine Kinder, keine Esel – nichts; alles war wie ausgestorben. Sogar der Hahn und die Hühner waren nicht mehr da. Benjamin lief an manchen Tagen den Weg entlang bis zur nahen Landstraße, lief auch die Nachbarweiden ab, rief nach den Eseln, rief nach den Kindern, doch niemals kam eine Antwort zurück.
Stille! Wohin er auch sah, wohin er auch ging. Es war jene Art von Stille, die im Magen zieht, die von Verlassenheit erzählt. Er kannte dieses Gefühl gut und es tat ungemein weh. Irgendetwas stimmte hier nicht, das wusste Benjamin. Aber was? Er fühlte sich völlig hilflos!

Hilflosigkeit dauert seine Zeit! Benjamin ließ sie verstreichen, bis ihn der Bauer eines Abends fragte: „Sag mal, Benjamin, was hältst du davon, wenn du mit mir in meinem großen Bauernhaus lebst?“
Benjamin wusste nicht, was er davon halten sollte, denn er hatte ja noch niemals in einem Bauernhaus gelebt.
Wir alle wissen, dass das Leben nicht immer nur in eine Richtung verläuft und auch Benjamin hatte das schon als kleiner Esel erfahren. Sollte das hier nun ein Richtungswechsel sein, der vielleicht sein Leben wieder in bessere Bahnen lenken würde? Das Ende der Einsamkeit vielleicht?
Meine Güte, wäre das schön!
Vom Vater hatte Benjamin einmal gesagt bekom-men, dass es drei Möglichkeiten gibt, die ein Esel kennen muss: „Du entscheidest dich für etwas, gegen etwas oder du wartest, bis von anderer Stelle für dich entschieden wird. Die dritte Möglichkeit ist eines Esels nicht würdig!“ Die Erinnerung an seinen Vater tauchte unseren kleinen Benjamin in eine mehlsackschwere Traurigkeit. Er konnte deutlich seinen verloren gegangenen Tatendrang spüren, wenn er an seinen Vater dachte. Er wusste, dass seine Eltern die dritte Möglichkeit erfahren hatten, als sie an einem Strick fortgeführt wurden und dass er übrig geblieben war, ohne dass er sich dagegen hätte entscheiden können. Plötzlich spürte Benjamin, trotz seines jungen Lebens, die ganze Tragweite der freien Entscheidung und empfand sie als ein großes Geschenk.
Esel sind in der Regel stolz darauf, dass sie ihren eigenen Willen haben. Doch unter widrigen Umständen können auch sie vergessen, dass sie ein Esel sind.
So geschah es, dass der Bauer mit ihm über die große Weide ging, hinüber zu seinem prächtigen Bauernhof, in dem Benjamin etwas unbeholfen umher stolperte. Als der Bauer ihn gebeten hatte, mit ihm in seinem Schlafzimmer zu schlafen, weil er das Alleinsein nicht ertragen könne, konnte Benjamin das sehr gut verstehen. ‚Auch ein Übriggebliebener‘, dachte er.
Dann quälte er sich eine steile Holztreppe hinauf, was für einen Esel eine ungeheure Leistung darstellt, um an der Seite des Bauern zu einem riesigen alten Bett zu gelangen. Benjamin legte sich auf den Fußboden, nahe dem Bett, so dass ihn der Bauer, wenn er seine Hand seitlich herunterhängen ließ, fühlen konnte. So waren sie beide friedlich eingeschlafen.
Am anderen Morgen fühlte Benjamin sich jedoch etwas seltsam; es war ihm irgendwie nicht so recht eselhaft zu Mute. Doch als der Bauer ihm wiederholt ein Schlaraffenlandfrühstück brachte, dachte er nicht länger darüber nach, wie er sich als Esel gewöhnlich gefühlt hatte; dafür ging es ihm jetzt viel zu gut. Das glaubte er zumindest – und weil er es glaubte, fühlte er sich auch so gut! Er hatte oft Angst gehabt, ohne seine Eltern nicht leben zu können, nun hatte er diese Angst nicht mehr.
Viele Abende folgten, an denen Benjamin sich sorglos und gut fühlte, aber es kamen auch viele Morgen, an denen ihm nicht eselhaft zu Mute war. Die Erlebnisse des Frühlings jedoch lagen weit zurück. Die Zeit hatte seine Traurigkeit verblassen lassen, aber sie hatte sie nicht geheilt. Abend für Abend quälte Benjamin sich die steile Treppe hinauf, um dem Bauern eine Freude zu machen und um eine warme Hand in seinem Fell spüren zu können. „Niemand sollte verlassen sein“, sagte sich Benjamin immer wieder, wenn sie gemeinsam einschliefen.
Benjamin bemerkte, dass er die Sprache des Bauern mittlerweile besser verstand als seine eigene, dass ihn seine vulgären Witze nicht mehr erschreckten und dass er innerlich die Lieder eines Mannes sang, dessen Brot er aß. Was aber erschreckend war: Benjamin hatte seine eigene Sprache vergessen, er war stumm geworden und er bemerkte es nicht einmal. Doch dass sich hinter sei-ner Selbstlosigkeit Furcht verbarg, ahnte er erst, als er eines Tages nicht mehr recht einschlafen konnte. Sein Leben mutete ihn plötzlich so unwirklich an. Er fürchtete sich vor der Frage, ob es das Leben war, das er leben wollte. Seine Angst hatte wohl mehr Macht bekommen als sein Gespür für Glück. So handelte er wie fremdbestimmt, so, als ob er nur ein Statist sei. Erst viel später stellte Benjamin sich die Frage, warum er den einen statt den anderen Weg gewählt hatte. […]

Über den Autor

Kaufmann, Angelika

Kaufmann, Angelika

Angelika Kaufmann, geboren und aufgewachsen in Essen, lebte in Koblenz und wohnt heute im Landkreis Osnabrück. Sie hat drei Kinder und zwei Enkelkinder. Als Erziehungswissenschaftlerin und Soziologin ist sie im Gesundheits- und Bildungswesen tätig. Seit 2000 arbeitet sie... mehr über den Autor

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