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Wenn das der Führer sähe … Von der Hitler-Jugend in Filbingers Fänge
Ein deutsch-schlesisches Kriegsdrama

Wenn das der Führer sähe … Von der Hitler-Jugend in Filbingers Fänge

Autor: Roussety, Jacqueline

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 768

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Erstausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862824069

Einband: gebunden

zum eBook

EUR 27,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Jacqueline Roussety lässt in ihrem Roman „Wenn das der Führer sähe …“ das schlesische Mohrau wieder lebendig werden: den Alltag in den 30er Jahren, die schlesischen Bräuche, die Jahreszeiten – und das erste Automobil.
Doch von 1932 bis 1945 halten die nationalsozialistischen Ideologien auch in Schlesien Einzug und beeinflussen besonders die jungen Menschen. Walter Gröger war eines ihrer Opfer; Hans Filbinger, der Mann, der sein Todesurteil vergaß. Doch Walters Schwester vergaß nie …


Schlesien in den 30er Jahren. Walter Gröger und seine Schwester Johanna wachsen behütet in Mohrau auf. Doch nach und nach zerstört der aufkeimende Nationalsozialismus die friedliche Idylle.
Trotzdem zieht Walter Gröger freiwillig in den Krieg: Diese Gier nach Abenteuer, nach Heldentum! Er wird auf die „Scharnhorst“ geschickt – das große deutsche Kriegsschiff. Schnell wird aus dem Jugendtraum ein Albtraum. Am 26. Dezember 1943 wird die „Scharnhorst“ von der britischen Marine versenkt. Die Familie trauert, als überraschenderweise ein Brief von Walter aus dem Wehrmachtsgefängnis eintrifft. Er war nach einer durchzechten Weihnachtsfeier nicht auf sein Schiff zurückgekehrt … Daraufhin wird er wegen Fahnenflucht verhaftet und 1945 erschossen.
Für das Todesurteil mit verantwortlich war Dr. Hans Karl Filbinger, der spätere Ministerpräsident Baden-Württembergs. Die Sätze, mit denen er versuchte, seine Taten zu rechtfertigen, erschüttern noch heute: „Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein.“

Im hohen Alter erzählt Johanna Gröger die Geschichte vom ungerechten Tod ihres Bruders. Die Autorin Jacqueline Roussety war tief berührt von dem Kampf der alten Frau um die Würde ihres Bruders, der in diesem apokalyptischen Krieg einen sinnlosen Tod sterben musste. Ein Schicksal, das viele andere Soldaten, aber auch Männer in Zivil, Frauen und Kinder erlitten.


„Walter Gröger – er stand für mich stellvertretend für 30 000 wegen Desertion verurteilter Wehrmachtsoldaten; davon etwa 20 000 Urteile vollstreckt, verhängt von deutschen Richtern gegen junge Männer, die sich gegen diesen aussichtslosen Krieg entschieden hatten. … Demgegenüber stand ein Mann, der 93 Jahre alt werden durfte, immer gut gelebt hat, in der Politik tätig war – selbst nachdem er hatte zurücktreten müssen. Die Lebensläufe von Walter Gröger (1922–1945) und Dr. Hans Karl Filbinger (1913–2007) konnten nicht unterschiedlicher sein. Ihrer beider Begegnung im März 1945 zog für den einen eine „politische Affäre“ nach sich, für den anderen bedeutete sie den frühen, aus heutiger Sicht ungerechten Tod.“ (Jacqueline Roussety)
Schlesien, Mohrau 1934
„Der Führer will das so!“


[…] Eine spätnachmittägliche Stimmung strömte mit lauer Luft süß zu uns herein. Aus der Ferne hörte man Herbert in seiner Schmiede arbeiten, offene Fuhrwerke rumpelten über die Wege. Viele junge Burschen und Mädchen verließen jetzt die Gegend, kehrten in ihre Heimatdörfer zurück. Die Ernte war eingefahren. Auf den Höfen begannen die Vorbereitungen, die Ställe winterfest zu machen; auch die Erntekrone war wieder erfolgreich übergeben worden. Unsere Haferfahne hatte alle vereint; noch einmal warf der Herbst sein goldenes Licht übers Land und betörte die Sinne. Einige kleinere Kinder tummelten sich unten am Bach, warfen Kieselsteine ins Wasser. Ein ganz normaler, friedlicher Tag. In der Ferne das Bellen eines Hundes, das wohlige Schnauben der Pferde und in den Lüften das Rufen und Schreien der Vögel, die sich auf ihre Reise gen Süden vorbereiteten. Ich beendete gerade meine Hausaufgaben, die Oma immer wieder staunend anschaute, denn sie konnte kaum schreiben und lesen, als Walter in die Küche stürmte, direkt hinter ihm Peter. Beide redeten wie wild auf Mutter ein.
„Der Jan blutet! Er bewegt sich nicht mehr! Mutter, du musst helfen!“
„Jetzt sind sie zu weit gegangen! Seine Hand war verbunden und trotzdem sollte er kämpfen und durch den Matsch robben. Als Heinrich und seine Helfer ihn triezen wollten, hat Jan sich auf seine Hand gelegt, damit sie geschützt ist, und dabei ist er am Kopf getroffen worden!“
Peter war außer sich, Walter zwischen Wut und Hoffnung hin- und hergerissen. Wütend darüber, dass ein Wehrloser so schikaniert worden war, hoffnungsvoll, weil sein Freund in dieser schwierigen Situation zu ihm hielt.
Mutter nahm ihre Flasche vom Regal, eine Tinktur, die sie in allen Notfällen einsetzte, dazu ein sauberes Tuch, und dann stürmte sie mit den Jungs aus dem Haus.
„Peter, renn zu Doktor Felder, der soll sofort kommen!“, kommandierte sie ihm zu.
Peter lief den Weg ins Dorf hinunter, während Walter und Mutter den Pfad zur Storchenwiese einschlugen.
Dort lag Jan, anscheinend bewusstlos, wie Walter mir später erzählte. Umringt von einem Haufen aufgeregt schreiender und zeternder Jungen. Jeder beschuldigte jeden.
Der Fähnlein-Führer versuchte die Ordnung wiederherzustellen, aber alle redeten wild durcheinander. Erst als meine Mutter sich über Jan beugte, herrschte schlagartig Ruhe. Sie wischte ihm das Blut vom Kopf, versuchte seine Lider anzuheben, um in die Augen blicken zu können. Dann bettete sie seinen Kopf in ihre Schürze und schaute wütend in die Runde.
„Seid ihr noch bei Trost? Wie könnt ihr jemanden an den Kopf treten? Solch eine Grausamkeit hat noch nicht einmal im Krieg ihre Berechtigung!“
„Er hat seinen Einsatz nicht geschafft. Hier einmal die Wiese rauf und runter robben, wie beim richtigen Krieg!“ Gebieterisch zeigte Fähnlein-Führer Heinrich auf die Strecke. „Da mussten wir ihn etwas härter rannehmen. Das ist die Auslese der Tüchtigsten. Das ist nun mal unsere Regel, da muss ich mich doch dran halten! Unser Führer will das so!“, gab er trotzig von sich.
Einige murmelten etwas Anerkennendes, andere jedoch schüttelten verzweifelt den Kopf. Wiederum andere saßen auf der Wiese und ließen ihren Tränen freien Lauf.
Walter rannte hin und her, versuchte zu schlichten und zu beruhigen.
Mit wild entschlossener Miene schlug Heinrich die Hacken zusammen, riss den rechten Arm nach oben und brüllte:
„Wir wählen Hitler! Denn uns ist sein Name/
Gleich einem Licht und einer Weiheflamme.
Vom Weltenlenker eigens uns entfacht/
In Deutschland heutiger dunkler Schicksalsnacht.“
Alle starrten ihn verblüfft an.
„Du darfst doch noch gar nicht wählen. Dafür bist du zu klein und eindeutig zu dumm, Heinrich!“
Was Heinrich meiner Mutter darauf am liebsten geantwortet hätte, blieb gottlob sein Geheimnis.
Inzwischen war Doktor Felder mit seinem Automobil angekommen. Peter und er sprangen heraus und stürmten auf den bewusstlosen Jan zu. Der schlug in diesem Moment die Augen auf. Der Doktor beugte sich über ihn und redete leise auf den Jungen ein. Dann schlang er seine Arme um ihn, trug den kleinen, mageren Körper zum Automobil, legte Jan sachte auf die Rückbank und fuhr sofort ins Klinikum nach Neisse.
Eine bedrückende Stille tat sich auf. Nachdem sämtliche Fahnen eingerollt, die Rucksäcke zusammengeschnürt und das Feuer gänzlich ausgetreten waren, gingen alle schweigend heim.
An diesem Tag würde keiner mehr einen Wettkampf gewinnen. Keiner als Held heimkehren und mit seinen heroischen Taten prahlen. Hilflos schlichen Walter und Peter mit Mutter nach Hause.
Die ganze Nacht über hörte ich meinen Bruder sich im Bett herumwälzen. Das Knarzen der Bäume glich düsteren Klagelauten. Beklemmend hallten diese Geräusche durch die Nacht, untermalten die Träume, die in schreienden Farben durch meinen Kopf jagten. So rannte ich durch den Märchenwald; Blut tropfte aus den Bäumen, sickerte in den grünen, schlammigen Morast, durch den ich watete. Ich kam nicht schnell genug vorwärts, fiel immer wieder hin und hinter mir war Heinrich, der immerfort schrie:
„Auf den Boden, hörst du ! Das will der Führer so ! Du musst wie ein Soldat durch grünen Schlamm robben!“
Erst im Morgengrauen verschwanden diese Bilder. Eine bleierne Müdigkeit hielt mich dafür im Griff. Ich wollte so gar nicht aufstehen, aber letztlich zwang die lähmende Ruhe ringsum auch mich, in die Küche zu gehen. Unsere Eltern hatten wahrscheinlich ebenfalls kaum geschlafen. Stumm und müde saßen sie am Tisch und unter trübem Schweigen nahmen wir unser Frühstück ein. Erst als die Großeltern sowie Traudel und Peter zu uns stießen, rafften wir uns auf, gemeinsam die Messe zu besuchen.
Wie schon lange nicht mehr rannte Walter voraus in Richtung Kirche. Peter hinter ihm her. Irgendwie bedurften wir alle des göttlichen Beistands, brauchten ein wenig Seelentrost. Traudel hatte die ganze Nacht bei Peter gesessen, der in wirren Träumen um sich geschlagen hatte. Alle waren wir unruhig, schweigsam und vollkommen hilflos. Zu uns war noch keinerlei Nachricht durchgedrungen und so war man froh, sich überhaupt austauschen und vereint abwarten zu können, was der Doktor endlich aus Neisse berichten würde.
Man sah es schon von Weitem. An der Art und Weise, wie die Menschen beieinanderstanden. Es war nicht das Entsetzen in den Mienen oder das leise Tuscheln – es war diese seltsame Körperhaltung, als trügen sie jeder eine schwere Last auf den Schultern. Sie wirkten wie eine aufgeschreckte Schafherde und zwischen ihnen schritt mit düster umwölkter Miene der Pfarrer umher. Er war aschfahl, unter seinen Augen lagen schwarze Schatten und seine Lippen waren blutleer.
Sobald wir uns der Herde anschlossen, drang es von allen Seiten auf uns ein wie ein Donnergrollen; eine Woge von Trauer und Entsetzen riss einen mit in Fluten, in denen man zu ertrinken drohte.
„Ja, heute Nacht, der arme Bengel!“
„Nein, heute früh, die Mutter kriegt sich nicht mehr ein!“
„Wenn das der Führer wüsste!“
„Wie können Kinder anderen Kindern so etwas antun?“
„Einfach totgeschlagen …“
„Kinderkrieg !“
„Gott erbarme sich seiner Seele.“
Frauen wischten sich Tränen von den Wangen, Männer rieben sich verschreckt das Kinn, murmelten beruhigend auf die Frauen ein. Kinder saßen auf der Treppe und ließen den Tränen der Verzweiflung freien Lauf.
Der kleine Jan. Ein Bauernjunge aus dem Dorf, den wir alle kannten. Der sich immer bemüht hatte, seinen Eltern tapfer auf dem Hof und auf dem Feld zu helfen. Wie oft war er im Unterricht einfach eingeschlafen oder bei der Heuernte über die eigenen Füße gestolpert, weil er immer zu schwach war! Nun war er tot. Tot, weil er als kleiner Soldat nicht genügt hatte. Die Uniform hatte ihm nicht die Macht geschenkt, sich gegen all die Schikanen zu behaupten ; sie hatte ihm nicht die Kraft gegeben, sich körperlich zu wehren, ihm keinen Platz in der vermeintlich wundervollen Gemeinschaft gesichert. Nun war im Schauermärchen der Erwachsenen tatsächlich das erste Blut geflossen.
Als der Pfarrer uns hineinbat, war dies die ruhigste Prozession, die ich je erlebt hatte. Ohne ein Wort, ohne zu drängeln, betraten wir einer nach dem anderen die Kirche. Eine dermaßen tiefe Trauer hielt uns gefangen, aus den Bänken drang keine Silbe, kein Rascheln von Röcken und Jacken, kein einziges Hüsteln.

Bredows Ansprache war die emotionalste und ergreifendste, die ich bis heute gehört habe. Es war, als spräche der Herrgott persönlich durch ihn und beklagte, was aus seiner Schöpfung, seinem Ebenbild, dort unten auf Erden geworden war.
Sehr viel später erst habe ich erfahren, dass er ein Cousin zweiten Grades von Jans Mutter war und damit ein Mitglied der Familie.
Noch in der Nacht habe man ihn nach Neisse gebracht, als es mit Jan zu Ende ging, damit er ihm eine Messe lesen und die letzte Ölung spenden konnte.
Der Junge habe noch einmal die Augen aufgeschlagen und seinen Vater gefragt, ob er die Pimpfenprobe wenigstens dieses Mal bestanden habe. Denn dann dürfe er endlich das Braunhemd tragen wie alle anderen auch. Er sei den Anweisungen doch so tüchtig gefolgt. Der Altbauer habe nur stumm nicken können, als er seinem Bengel in die tellergroßen Augen blickte, die schon in eine Welt hinaufsahen, die wir auf Erden nicht zu erkennen vermögen. Mit einem seligen Lächeln sei Jan schließlich von uns gegangen. Dem Arzt zufolge sei er seinen Kopfverletzungen erlegen.
Irgendwo am Rande des Deutschen Reiches war ein kleiner Junge nicht in der Lage gewesen, den Anforderungen der so gepriesenen Volksgemeinschaft zu genügen. Ein kindliches Opfer dieses riesigen Machtapparats, der noch so viele Menschen gnadenlos verschlingen sollte. Und hinter dem Sarg des Jungen schritt das ganze Dorf. Sprachlos und entsetzt angesichts dieses sinnlosen Geschehens.

[…]

Löffelerbsen mit Einlage

[… ]Als die hochschwangere Edda vor der Tür stand, staunte Mutter nicht schlecht. Strahlend erkundigte sich Edda, ob wir denn auch von den neuesten Verordnungen wüssten, und klapperte mit einer Blechdose direkt unter Mutters Nase.
Mutter erstarrte, musterte sie von oben bis unten. Dann blickte sie hinüber zum Gartenzaun, wo die Post-Gretel stand und zu ihr herüberschaute. Gretel fühlte sich neuerdings dazu berufen, hier und da länger an einer Tür stehen zu bleiben und zu horchen, worüber die Nachbarn sich so unterhielten. Friedrich, ihr Mann, verteilte nach wie vor gewissenhaft die Post. Es war bekannt, dass Gretel sich früh zu den Idealen der Nazis hingezogen gefühlt hatte und nun alles tat, um auch ihren Friedrich zu überzeugen. Er war mehr oder weniger unwillig in die Partei eingetreten, lief aber nie in Uniform herum und nahm es mit all den neuen Verordnungen nicht ganz so genau. Gern stand er mit meinen Eltern am Zaun und sprach mit ihnen über scheinbar Belangloses. Und doch, jedenfalls meinte das Vater, konnte man zwischen den Zeilen hören, dass Friedrich sich über den einen oder anderen Nachbarn und seine Parteifrömmigkeit sehr wunderte. Dass seine Gretel eifrig die Frauenschaft vertrat, das nahm er mit einem Achselzucken hin.
Natürlich waren ihre beiden Kinder in der HJ und Gretel kümmerte sich übereifrig um die Belange der Dorfbewohner. Man hörte, dass es in den Städten sogenannte Blockwarte gab. Diese Leute waren eigens von der NSDAP angewiesen, sich in ihrer Nachbarschaft um alles zu kümmern. So ein Blockwart durfte alles erfahren, durfte sich überall einschalten. Dafür wurden Karteikarten angelegt, auf denen alles genauestens vermerkt wurde. Auch bei uns im Dorf fühlten sich mittlerweile einige dazu auserkoren, sich mehr um das Leben der Nachbarn zu kümmern als um ihr eigenes, wie Mutter im Tagebuch festhielt. Und Gretel war eine von ihnen.

Also bat Mutter Edda herein, schloss demonstrativ die Tür und bugsierte die verdutzte Besucherin in die Küche. Edda setzte sich schnaufend, sah sich genau um und versuchte, wie nebenbei in den Flur zu spähen. Wir Kinder waren gerade mit unseren Hausaufgaben beschäftigt. Thea las ihre Aufgaben noch einmal durch, während Walter und Peter fachmännisch über tropfende Füllfederhalter diskutierten, deren Tinte an Walters Fingern besonders gut zu haften schien. Ich bemühte mich, ein paar Rechenaufgaben zu lösen. Wie immer ging es bei uns munter zu, und laut. Walter und Peter brüllten einander noch irgendwelche Sportergebnisse zu. Oma hatte am Morgen Kuchen herübergebracht, davon bot Mutter Edda ein Stück an; außerdem setzte sie Wasser für Kaffee auf und schaltete wie nebenbei das Radio aus. Eine beschwingte Musik wurde gnadenlos abgewürgt. Sie hatte einer Sendung gelauscht, in der eindeutig in einer anderen Sprache geredet wurde. Das tat sie neuerdings öfter, auch wenn sie nicht viel von dem verstand, was berichtet wurde.
Später erklärte sie mir, allein der Tonfall habe mehr Wahrheiten offenbart als all die pathetischen Reden der deutschen Stimmen.
Ich bemerkte nur, dass ihre Hand zitterte – ganz leicht. Ich sah schnell zu Edda, die unverhohlen neugierig alles in Augenschein nahm. Ich konnte mich nicht erinnern, Edda jemals bei uns angetroffen zu haben.
„Muttel, wir sind auf dem Hof. Trainieren !“
Und schon waren die Jungs mitsamt Boxhandschuhen draußen. Auf dem Tisch lagen noch diverse Fibeln und Stifte. Mutter seufzte und räumte die Dinge beiseite, während Thea ordentlich ihren Tornister schloss und meinte, sie werde jetzt zu Agnes gehen. Mutter trug ihr Grüße an Gertrud auf und dann wandte sie sich ihrem ungebetenen Gast zu.
Während Edda sich mit großem Appetit über den Kuchen hermachte, stand Mutter schweigend am Fenster und ließ sie nicht aus den Augen. Nachdenklich strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. Im Vergleich zu Edda sah sie unordentlich aus. Man konnte meine Mutter sicher als schöne Frau bezeichnen, aber sie war nie sonderlich bemüht, das in den Vordergrund zu stellen. Nach wie vor ließ sie sich das Haar auf Kinnlänge schneiden und trotz der Schürze sah sie moderner und jünger aus als Edda, die mit ihren fest über den Ohren liegenden Schnecken eher bäuerlich wirkte.
„Walter und Peter heute gar nicht in Uniform ?“
Die Frage sollte wohl beiläufig klingen, aber Mutter registrierte Eddas Wachsamkeit sofort, und die unverhohlene Aufmerksamkeit, die in Eddas Stimme mitschwang.
„Nein, heute mal nicht“, erwiderte Mutter knapp. Sie stellte den Kaffee hin, setzte sich und stützte die Arme auf. „Sie sind ja trotz allem noch Kinder. Und keine kleinen Soldaten.“
Edda überlegte kurz, wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, da fügte Mutter hinzu : „Und der Tod von Jan hat sie sehr mitgenommen. Der ist doch gerade erst unter der Erde. An Walters Uniform sind eingetrocknete Blutspuren von diesem Jungen, der einfach so mit Tritten gegen den Kopf getötet worden ist. Walter und Peter haben sehr viel Mut bewiesen, als sie versucht haben, diesem Wahnsinn Einhalt zu gebieten. Gottlob braucht man für Menschlichkeit und Mut keine Uniform zu tragen. Die trägt man im Herzen.“ Sie hielt einen Moment inne, starrte zur Decke. „Und im Gewissen.“
Edda ließ die Gabel sinken. Offenbar schmeckte der Kuchen nicht mehr. Kurz legte sie beide Hände auf ihren dicken Bauch.
„Wenn du dann selbst Mutter bist, Edda, wirst du ein paar Dinge anders sehen, glaub mir. Denn all die Verführungen, all diese Gewalt – das erzieht unsere Kinder in Richtung Krieg. Und das wirst du nicht billigen, wenn du selbst Mutter bist.“
Damit schenkte sie Kaffee aus und schlürfte genüsslich.
„Ich will unserem Führer und dem deutschen Volk viele Kinder schenken! Eine kleine, stolze Armee. Meine Jungs werden stark und gesund sein! Schau dir doch meinen Wilhelm an! Das müssen doch Prachtkerle werden.“ Edda strahlte wie ein Engel.
„Und wenn es ein Mädchen wird?“, fragte ich vorsichtig.
Edda sah mich an, als wäre ich eine glitschige Kröte. Einfach aus dem Märchentümpel gesprungen, eine dicke hässliche Unke, die es gewagt hatte, sich auf ihrem fruchtbaren Schoß niederzulassen.
„Das wird ein Junge. Und wenn wir später mal ein Mädchen kriegen, hoffe ich, dass sie so wunderbar blonde Haare haben wird wie du.“
Es sollte nett klingen, aber das kam irgendwie nicht so rüber. Die Kröte sprang lieber wieder in ihren Tümpel. Der Schoß war eindeutig zu trocken.
Schweigen machte sich breit.
Mutter kramte eine Packung Zigaretten aus ihrem Kittel. Dann suchte sie ihre Zündholzer, ließ eine Flamme aufzischen und sog genüsslich den Rauch ein. Eddas entsetztes Gesicht ignorierte sie.
Erneut wanderte Eddas vorwurfsvoller Blick durch den Raum. Es war, als saugte er sich regelrecht an den Dingen fest.
„Und das Führerbild, das hängt bei euch in der guten Stube ?“
Nun biss sie doch herzhaft in ein weiteres Stück Kuchen, das Mutter ihr wortlos hingeschoben hatte.
„Nein.“
Edda kaute mit vollen Backen. Mutter nebelte sich langsam ein. Nichtsdestotrotz verfolgte sie aus gefährlich schmalen Augen jede Bewegung.
„Ich hab gar keine Fahne gesehen, wieso hängt bei euch keine Fahne?“
Edda begann dezent zu hüsteln und starrte unverhohlen auf Mutters Zigarette, die sich allmählich in Asche verwandelte.
„Weil wir keine besitzen.“
Mutter drückte die Zigarette aus.
„Das macht die Tiere wuschig, weißt du, wenn da immer was runterbaumelt. Wenn die Ziegen keine Milch mehr geben und wir keinen Käse und keine Butter mehr haben, wenn die Hühner keine Eier legen, die Vögel nicht mehr unterm Fenster brüten – ja, was sollen wir dann machen ? Das kann weder der Führer noch der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft wollen, dass wir hier auf dem Land darben, nicht wahr, Edda? Der Herr Reichsbauernführer Darré sollte uns doch in erster Linie beistehen. Oder wie war das noch gleich …? Damit wir fürs deutsche Reich genug Landwirtschaft betreiben können, ist das nicht so? Und nicht beginnen, Fahnen zu zählen. Von denen werden wir nämlich nicht satt.“
„Fritz mag auch keine Fahnen.“
Die Kröte blinzelte vorsichtig aus dem Tümpel.
Edda starrte mich an.
„Wer ist Fritz?“
„Unser Schwein.“
Die Kröte tauchte wieder ab.
Ich glaube, in diesem Moment wünschte Edda sich mehr denn je so einen richtig strammen deutschen Jungen.
„Schweine sind sehr intelligente Wesen“, kam es von Mutter. Dabei sah sie Edda vollkommen ernst an. „Die sollte man nicht unterschätzen. Die Gefahr, die von dieser Fahne ausgeht, könnte drastische Auswirkungen auf uns Menschen haben, deshalb richten wir uns ganz nach Fritz.“
„Einem Schwein?“, stieß Edda tonlos hervor.
„Ja. Einem Schwein.“ Mutter nickte.
„Und Alfred, ist der jetzt in der Partei?“
Edda klang verzweifelt.
„Nein, im Fahrradverein.“
Jegliche Hoffnung schwand aus Eddas Miene.
Die Kröte beobachtete eine Fliege, die gefährlich nahe am Kuchen herumschwirrte.
„Wie auch Willi, dein Mann. Früher haben wir zusammen Ausflüge gemacht. Als wir befreundet waren. Das war eine herrliche Zeit. Er hat Alfred so gemocht. Alfred war mal wie ein großer Bruder für ihn gewesen, dem er immer vertraut hat.“ Sie hielt kurz inne. „Jetzt sind die Unterschiede zwischen uns zu groß. Und alles nur, weil wir uns keine Parteinummer geholt und keine Hakenkreuznadel angesteckt haben ?“
Die Fliege ließ sich genau vor Edda nieder und labte sich an einem Mohnkrümel.
„Soviel ich mitbekommen habe, herrscht bei der Partei sowieso Aufnahmestopp“, fuhr Mutter fort. „Plötzlich wollen zu viele ein guter Nazi sein. Wir können warten. Ich möchte nicht den Anschein erwecken, als wäre ich, ja, wie soll ich das jetzt sagen – ein Parteistreber?“
Sie schenkte Edda ein kleines Lächeln. Beide Frauen beäugten einander.
Entschlossen griff Edda nach ihrer Blechdose und schüttelte sie, woraufhin das Scheppern von Geldstücken erklang.
„Der Führer wünscht, dass wir jeden ersten Sonntag im Monat Eintopf essen und das gesparte Geld dem jeweiligen Ortsgruppenführer übergeben.“
Sie bedachte uns mit einem triumphierenden Blick.
„Wilhelm wird dann dafür sorgen, dass das gesparte Geld an die Volkswohlfahrt oder das Winterhilfswerk geht. Mit dieser wunderbaren sozialen Verbundenheit bekunden wir alle unsere Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft. So kann jeder der Partei zeigen, dass wir für unser geliebtes Vaterland einstehen. Und wenn ihr an diesem Tag auswärts essen wollt, werdet ihr sehen, dass auch die Gaststätten ihre Mahlzeiten zu einem vorgeschriebenen Preis anzubieten haben. Und entsprechend müssen sie Spenden abführen. An diesen Tagen kann es Löffelerbsen mit Einlage geben, Nudelsuppe mit Rindfleisch, Gemüsekost mit Fleischeinlage, na, was eben so anfällt. Und nächsten Sonntag ist es soweit. Dem Josef habe ich schon Bescheid gegeben. Es wird eine Kartoffelsuppe geben. Kartoffeln gab es ja dieses Jahr reichlich bei uns. Die kostet dann 50 Pfennig.“
Wieder klapperte sie mit der Büchse.
„Und wir wollen, dass die Kinder mit der Büchse im Dorf herumgehen und das Geld einsammeln. Bei jedem.“
Die Kröte lugte aus ihrem Teich hervor. Unsere Blicke trafen sich.
„Natürlich nur, wer in der HJ ist. Das muss schon alles seine Ordnung haben. Wir müssen ja vollkommenes Vertrauen haben.“
Die Kröte zog sich hinter ein Blatt zurück.
Edda erhob sich, etwas schwerfällig, aber sie sah zufrieden aus. Demonstrativ hielt sie Mutter die Blechbüchse unter die Nase. Mutter stand wortlos auf, ging zur Anrichte, zog die Schublade auf und holte ihre Holzschatulle hervor. Der entnahm sie ein paar Münzen und steckte sie in die Büchse.
„Vielleicht überlegt sich unser Ortsgruppenführer Willi mal, ob man nicht den Eltern von Jan etwas Geld zustecken sollte. Ich mein ja nur, von wegen Volksgemeinschaft und so. Beerdigungen kosten Geld und überhaupt, das wär doch eine menschliche Geste von uns allen, oder nicht ?“ Damit öffnete sie die Küchentür sehr weit.
„Auf Wiedersehen, Edda“, warf die kleine Kröte ein.
Erschrocken sah Edda mich an. Dann nickte sie leicht gequält und schob sich nach draußen. An der Tür drehte sie sich noch einmal um und schaute Mutter an.
„Weißt du, Anna, vielleicht bin ich nicht so intelligent wie du. Willi schwärmt ja regelrecht von dir … Aber ich weiß, wo mein Platz ist und ich werde alles dafür geben, dass wir hier in Mohrau unsere Pflicht gegenüber dem Vaterland erfüllen. Auch wenn du dir das nicht vorstellen kannst, viele Frauen hier sind sehr gern in meine neu gegründete National­sozialistische Frauenschaft eingetreten. Das solltest du dir vielleicht auch mal überlegen.“
Damit wandte sie sich ab und schritt erhobenen Hauptes davon.
An der Pforte stand noch immer die Post-Gretel. Kaum trafen die beiden aufeinander, steckten sie die Köpfe zusammen und begannen zu tuscheln. Mutter beobachtete das. Nach einer Weile ging sie ums Haus herum und ließ Fritz aus dem Stall. Glücklich stob er herum und raste in den Garten. Ich kam mit ein paar Möhren und warf sie ihm hin. Schmatzend verleibte er sich das Gemüse ein. Walter und Peter gesellten sich dazu, tobten mit Fritz herum. Edda und die Post-Gretel starrten zu uns herüber.
Fritz derweil grunzte den Damen freundlich zu. Er wusste, was sich gehörte.

[…]

Schlesien, Mohrau 1941
Neuer Akt im Schauermärchen


Während sich Hitler mit der ganzen Welt anlegte, blieb es bei uns im Dorf relativ ruhig. Mutter rief immer wieder aus: „Gott erhalte uns dieses bisschen Frieden!“
Die meisten unserer Männer lagen irgendwo im Dreck und Blut der Schützengräben und damit übernahmen die Frauen in allen Bereichen die Anliegen und Pflichten im Dorf. Gerda leitete mit ihrer Ältesten die Metzgerei, selbst das Schlachten mussten sie von nun an übernehmen. Günther und Siegfried bekamen gleich zu Beginn des Krieges ihre Einberufung. Brigitta Huber führte den Krämerladen, denn den Jonas Huber stellte die Wehrmacht als Offizier gleich an die Front. Er leitete eine eigene Einheit, trug die Verantwortung für so viele andere Männer. Dem Tod sah er wohl jeden Tag ins Auge, der seine Truppe langsam dezimierte. Getrud führte die Schneiderei, da auch Horst Berg bei der Marine seinen Dienst antrat. Er war sogar irgendein hohes Tier, maßgeblich an strategisch wichtigen Entscheidungen beteiligt. So ungefähr zog sich der rote Faden des Krieges durch alle Familien. Nur einige Altbauern durften bleiben, um die Landwirtschaft aufrechtzuerhalten. Das war’s aber auch schon mit der einst so hehren Blut- und Bodenideologie. Und plötzlich waren die Mütter und Ehefrauen rund um die Uhr mit allem beschäftigt. Es machte etwas mit ihnen, das mit Worten kaum zu beschreiben ist.
Standen sie früher noch in kleinen Grüppchen beieinander, tratschten über dies und das, lachten und kicherten auch mal wie die Gören, so blickten sie jetzt nur noch müde aus ernsten und sorgenvollen Mienen. Auch veränderte sich allmählich ihr gesamtes Erscheinungsbild. Die meisten Frauen legten nicht mehr ganz so viel Wert auf ihr Äußeres. Was ich auch bei meiner Mutter erlebte. Es war nicht mehr die Zeit für persönliche Bedürfnisse. Das machte was mit den Menschen. Und färbte natürlich auch auf uns Kinder und Jugendliche ab. Man ging irgendwie geschäftiger und weniger emotional miteinander um. Ich bekam manchmal das Gefühl vermittelt, dass die Frauen ab einem bestimmten Punkt beides in sich trugen: Mann und Frau, verschmolzen zu einem geschlechtslosen Wesen.
Zur Aussaat wurden wieder Kriegsgefangene verpflichtet, die wir nach wie vor so menschlich behandelten, wie es uns im Rahmen des Möglichen erlaubt war. Aber auch hier dominierte das Abarbeiten des Alltags, um am Abend todmüde ins Bett zu fallen; nur um am nächsten Morgen von Neuem zu beginnen.

Walter beendete seine viermonatige Ausbildung und kam für ein paar Tage nach Hause. Er fuhr von nun an auf großen Schiffen in die weite Welt hinaus. Nie wussten wir, wo er gerade Anker warf. Vater war immer noch in der Rüstungs­industrie beschäftigt, bis auch er dann im Früh­sommer seine Einberufung zugestellt bekam. Das ging alles so schnell, es blieb kaum Zeit für große Abschiedsgefühle.
Man sagte hinter vorgehaltener Hand, dass es in dem Ablauf der furiosen deutschen Siege eine Wendung gäbe. Hitler musste aufgrund schwerer Verluste den Luftkrieg gegen Großbritannien einstellen. Das hieß, viele Tote waren zu beklagen. Der große Nachschub folgte. Und jetzt wurde auch mein Vater eben Teil dieser Zerstörungswut.
Ich stand an die Tür des Schlafzimmers gelehnt und beobachtete meine Eltern. Vater war in diese feldgraue Uniform gekleidet. Er sah sehr fremd aus. Die wuchtige Uniform besaß etwas Animalisches. Die schweren klobigen Stiefel ließen ihn massiger erscheinen und ich fragte mich viele Jahre später, was all das bei einem Mann auslösen konnte. Welche tiefen Gefühle würden sich offenbaren, wenn er mit dieser Uniform auf dem Schlachtfeld stand? Sie sah grob aus und ich konnte mir bildlich vorstellen, dass dieses Grobe einfach auf die Seele abgefärbt haben muss.
Er packte ein paar Wäschestücke in einen Leinenbeutel, als aus dem Radio eine empörte Stimme von der Zerstörung des größten deutschen Kriegsschiffs, der „Bismarck“, durch die Engländer berichtete. Der Verlust von 2.000 Mann wog schwer.
Mutter saß auf dem Bett, blickte nachdenklich zu Boden. Als sie aufsah, betrachtete sie sich im Spiegel ihrer Frisiertoilette. Die zwei schmalen Seitenspiegel standen vorgeklappt und ich konnte sie dreimal erblicken.
Und dreimal beobachtete ich eine Frau, die all ihre Gefühle ganz tief in der hintersten Kammer ihres Herzens verschloss. Das hatte der Krieg aus ihr gemacht.
Auch meinen Vater brachten wir zum Bahnhof. Der Zug war schon überfüllt mit weiteren feldgrauen Uniformträgern. Männer sahen aus den Fenstern hinaus, mancher sehnsüchtig, mancher traurig. Doch bei vielen war eine Wut zu erkennen, eine Wut auch kämpfen zu wollen. Denn es galt, das Deutsche Reich verteidigen zu müssen. Koste es, was es wolle. Was blieb ihnen auch anderes als genau so zu denken? War das nicht auch die Strategie zu überleben? Und damit meine ich nicht nur körperlich, sondern auch seelisch.
Am 22. Juni erschütterte im Morgengrauen der Angriff der deutschen Wehrmacht auf das riesige Russland die ganze Welt. Diese Meldung löste bei jedem ein Schaudern aus. Krieg gegen die Sowjetunion! Damit läuteten die Erwachsenen einen neuen Akt in ihrem fürchterlichen Märchen ein.
Vater wurde nach kurzer Ausbildung sofort an die Ostfront verlegt. Nun begann das große Zittern. Jeden Abend saßen wir vor dem Radio. Seitens der Russen gab es anfangs kaum Widerstand. Alles hing am Radio, es war, als verfolgte man ein spannendes Sportspiel. Man wollte mehr hören, mehr wissen und musste dann bis zum nächsten Tag auf weitere Informationen warten. Thea brachte aus Neisse eine große Weltkarte mit, die wir gleich in die Küche hängten. Mit einem Wollfaden markierte sie den Verlauf der Front. Wie uns fremde Stimmen mitteilten, kamen die deutschen Panzer flott voran. Jeden Tag wuchs der Faden immer weiter, immer weiter weg von unserem kleinen Dorf. Im Geiste sah ich Vater mit diesen wuchtigen Stiefeln vorwärtsmarschieren, immer weiter rein in dieses große weite, fremde Land, das für uns nun Feindesgebiet war.
„Angriff gegen Russland! Ein neuer Siegeszug ohnegleichen! Die Rote Armee immer wieder zurückgeworfen, zermürbt, demoralisiert, erleidet Niederlage um Niederlage. Die gefürchtete Tiefe und Weite des Landes, die einst Napoleon zum Verhängnis wurde, der deutsche Soldat überwindet sie. Moskau rückt immer näher.“

Der Sommer war vorbei. Der Herbst bescherte uns noch einige warme Tage, derweil die Panzer rollten und das Fußvolk weitermarschierte, und mit ihnen die große Hoffnung, dass doch bis Weihnachten Moskau endlich erobert wäre. Es hieß: Mehr als drei Millionen Soldaten rückten nun von allen Seiten an, um sich dieses riesige Gebiet einzuverleiben. Über 750.000 Pferde wurden gebraucht. Von überall her kamen sie, die Offiziere und nahmen sich die Pferde aus den Dörfern. Nur ein paar durften zurückbleiben, um bei der Ernte und als Transporthilfe zu dienen. Jetzt wurde Herbert noch einmal gebraucht. Er als einziger Schmied im Dorf, war bis jetzt vom Krieg verschont geblieben. Auch Veit hatten sie sich schon längst geholt und nun war er genau wie mein Vater auch auf dem Weg in Richtung Moskau. Die Zeitungen überboten sich an Kriegsberichterstattungen. Natürlich immer nur Lobeshymnen der glorreichen deutschen Wehrmacht. Und die Todesnachrichten, die wuchsen mit den Siegen. Der Bürgermeister brachte eines Morgens eine Tafel vor dem Bürgerhaus an und nun standen jeden Tag die Frauen davor, konnten sehen, wer gefallen war, wer verwundet, wer vermisst. Trotz der Trauer, keiner lehnte sich auf, alle waren diesem Krieg schicksalshaft ergeben. Nur hinter verschlossenen Türen wurden die Schmerzen der Seele herausgeschrien.

[…]

Berlin 2013
Und es höret nimmer auf!


Nachdem ich nicht nur mit Johanna Gröger, sondern auch mit ihren beiden Schwestern Thea und Paula und mit all deren Kindern gesprochen hatte, die sich noch so gut an die Zeit des Medienskandals von 1978 erinnern können, wurde mir bewusst, dass ich die damaligen Fakten wiedergeben muss, um aufzuzeigen, welche Macht und Wucht die Aufdeckung von Filbingers Vergangenheit besaß, um am Ende jedes Mitglied der Familie paralysiert, hypnotisiert und eingeschüchtert allein zurückzulassen. All die Berichte, Interviews und Meinungen des medialen Gewitters, das auf alle niederprasselte, füllten tagtäglich die Presse. Zur besten Sendezeit wechselten sich verschiedene Fernsehprogramme mit den neuesten Meldungen ab.
Und wenn wir uns heute fragen, ob all das auch jetzt genauso geschehen könnte, dann möchte ich das gerne mit einem kräftigen „Ja“ beantworten. Wie schnell wird ein Urteil über jemanden gefällt, wie schnell werden Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt? Wo genau steht jeder von uns, mit seinen Gedanken, seinem Urteil und vielleicht auch der Hilflosigkeit angesichts so vieler Meinungen? Welche Macht und welchen Einfluss besitzen die Medien, die wir tagtäglich bewusst oder unbewusst nutzen?
Was damals folgte, verdeutlicht einmal mehr, in welch kurzer Zeit sich das Leben von heute auf morgen verändern kann. 1978 brachen alten Wurzeln mit neuen Trieben hervor und schossen ans Licht der Gegenwart. Und plötzlich tauchte aus dem Jahr 1945 ein neues düsteres Kapitel in dem Schauermärchen der Erwachsenen auf.

Denen, die 1945 die Flucht überlebt hatten, gelang es im Laufe der Zeit, sich eine neue Existenz aufzubauen.
„Ach, diese Flucht“, seufzte Paula auf, als sie mir Jahrzehnte später versuchte zu beschreiben, wie sie diese Zeit der Düsternis als Zehnjährige erleben und empfinden musste.
Noch immer schreckt Paula nachts auf. Verschwommene Bilder verfolgen sie aus eben jenen Tagen und Wochen. Im Gegensatz zu den beiden größeren Schwestern, Thea und Johanna, kann sie sich nicht an so vieles erinnern. Sei froh!, ist immer wieder der Kommentar ihrer Mutter Anna.
Erst sehr viel später erzählt ihr diese, wie qualvoll damals Tausende von Menschen elendig verreckten, Frauen jeden Alters vergewaltigt wurden – auch ihre Cousine Tordis. Die schöne Tordis. Einfach an den Haaren hatte man sie vom Wagen weggezerrt und erst zwei Tage später kroch sie auf allen Vieren zurück. Sie sollte sich nie von dem erholen, was sie körperlich und seelisch erleben musste. Zeit ihres Lebens bleibt sie eine kranke und verstörte Frau.
Immer wieder diese mit Schreien unterlegten Bildfetzen, die Paula in der dunklen Nacht einholen.
„Überall liegt Schnee“, so erinnert sie sich noch Jahre später. „Er türmt sich auf, zuhauf, und aus dem starren Weiß ragt nicht selten ein Arm, ein Bein, oder sogar ein ganzer Körper auf und wie ein fürchterlicher Wegweiser weisen diese toten Leiber den Weg in eine unbekannte Zukunft.“
Diese entsetzlich kalten Wintertage. Das permanente Frieren, der quälende Hunger und der ständige Durst – all das schien nichts angesichts der unzähligen Toten und Verletzten, die den Weg säumten. Immer wieder hatten sie Straßen zu räumen, weil zurückweichende Soldatentransporte gen Westen hetzten und auf die Flüchtlinge keine Rücksicht nahmen.
„Sie wollten nur ihren eigenen Arsch retten!“, erklärte mir Johanna. „Es gab ja nichts mehr zu verteidigen!“
Nur Minen für die herannahenden Russen verlegten die grauen Männer noch hastig. Ein Schritt – und die Körper zerfetzten in kleine Stücke. Einer der dramatischsten Momente für alle war, als Oma auf der Flucht starb. So eine Verzweiflung hatte Paula bei der Mutter noch nie gesehen! Das, wovor Oma sich immer so gefürchtet hatte – irgendwo mitten auf der Flucht in fremder Erde beerdigt zu werden –, das mussten sie der alten Frau antun. Der Boden war gefroren und nur mithilfe anderer Menschen schafften sie es überhaupt, ein einigermaßen würdiges Grab auszuheben. Im Gegensatz zu all den Leichen, die einfach am Wegesrand liegen blieben.

Viele Wochen später erst, am Ende der Flucht, fand die Familie in einer ehemaligen Rot-Kreuz-Baracke des Gefangenenlagers Elsterhorst in Nardt bei Hoyerswerda ihre vorläufige, doch sehr notdürftige Unterkunft. Dort trennte sich die Familie. Während Thea und Johanna die lange und beschwerliche Reise gen Westen wagten, blieb die Mutter mit der kleinen Paula im Osten zurück. Anna fühlte sich einfach nicht mehr imstande, auf einem ziellosen Weg weiterzumarschieren. Paula lag schon seit Wochen krank auf dem Ochsenkarren, und so entschied sich die Mutter, das Beste aus der neuen Situation zu machen. Immerhin waren sie noch am Leben. Und dieses bisschen Leben, so ihre damalige Entscheidung, galt es zu schützen, auch wenn es hieß, in der Fremde neue Wurzeln zu schlagen. Dort, wo man anfangs nicht willkommen war. Dort, wo man wie Menschen zweiter, wenn nicht sogar dritter Klasse behandelt wurde. Das sollte sich auch für Jahre nicht ändern.
Ganz langsam sickerte durch, was mit den anderen geschehen war. Großmutter Rotraud ließ sich in Offenbach bei Frankfurt nieder. Ihr Sohn Arthur, den der Krieg als Krüppel ausspuckte, blieb ganz in der Nähe seiner Mutter wohnen. Herbert, Traudel und Peter waren immerhin bis nach Münster gekommen, wo sie ihre neue Heimat aufbauten. Hier blieb der Kontakt bestehen. Nur von Veit hörten sie nie wieder etwas. Er galt und blieb als vermisst in Russland. Irmtraud, Annas Schwester, ging Anfang der 50er Jahre ins Ruhrgebiet, um in der Nähe ihrer Töchter Tordis und Annika zu leben. Was aus Willi, Edda, Otto und Gertrud geworden war – das konnten sie nie in Erfahrung bringen. So viele Bewohner von Mohrau hatte der Gang der Geschichte verschluckt.

Nur ganz allmählich kehrte so etwas wie ein Alltag zurück. Ein Alltag, in dem Paula die Schule besuchte, Anna in der Fabrik einer Arbeit nachging und zu Hause den kranken Ehemann pflegte. Alfred, einer der wenigen Soldaten, die den Krieg überlebt hatten, war in russischer Gefangenschaft gewesen, litt an offener Tuberkulose und blieb bis zu seinem Tod ein gebrechlicher und traumatisierter Mann. Hanna zog es vor, in einer kleinen Ortschaft einem überschaubaren Leben nachzugehen. Die Jugendträume, ins Filmgschäft einzusteigen, wurden aufgrund der katastrophalen Wirtschaftslage zunichtegemacht. Jahrelang arbeitete sie für wenig Geld in Fabriken, bis sie schließlich heiratete und zwei Kinder bekam. Thea heiratete ebenfalls und fand bei Hannover ein neues Zuhause.

Eine seltsame Normalität schlich sich bei so vielen Deutschen in den Alltag, der sich wie eine dumpfe Glocke über sie legte. Die meisten blickten nur stur auf ihre Hände, die irgendeine Tätigkeit verrichteten, um dieses Deutschland aufzubauen, das eine dermaßen fürchterliche Vergangenheit offenbarte, was man aber in der Gegenwart nicht mehr sehen wollte, um den neuen Anstrich ohne Spuren und Kratzer in eine Zukunft hineinzumanövrieren.
1947 teilte das Rote Kreuz Anna und Alfred mit, dass Walter in Norwegen gestorben sei. Die Ursache sei jedoch unbekannt. Nun mussten sie sich alle endgültig mit dem Gedanken vertraut machen, dass der Sohn und Bruder nie wieder zurückkehren würde. Einer von Millionen.
1954 heiratete Paula und wurde Kindergärtnerin. Aufgrund ihrer rheumatischen Schübe musste sie sich allerdings immer wieder krankmelden. Die ganze Zeit über blieb die Mutter in ihrer Nähe. Erst 1967 verließ Anna den Osten, um dann in der Nähe von Thea zu leben.
Eine fast alltägliche deutsch-deutsche Familiengeschichte, wie sie zu Tausenden in diesen Zeiten anzutreffen war. So tropften sie dahin, die Jahre.
Aber es dauerte nicht lange und wieder hieß es für viele Deutsche, entweder zu fliehen oder dort zu bleiben, wo man letztendlich ermattet gestrandet war. Dieses Schicksal traf auch die Familie Gröger. Wie so viele andere Menschen waren sie zwischen Ost- und Westdeutschland aufgeteilt. So bedeutete die Gegenwart wieder Verlust von Vertrautem, persönliche Schicksalsschläge gingen Hand in Hand mit dem Aufbau der BRD und der DDR. Immer auf dem Nährboden der Vergangenheit, der die Kriegsjahre und die damalige Flucht noch als faulende Wurzeln in sich trug. Nie gelang es diese gänzlich auszureißen.
Das Buch der Erwachsenen mit all seinen Schauerkapiteln war all die Jahre in irgendeine dunkle Schublade verbannt. Und dann tauchte es unvermittelt auf, das neue Kapitel. 33 Jahre waren vergangen. Die Vergangenheit einer verdrängten Zeit trat unvorhergesehen zutage und warf ihre Schatten bis weit in die Zukunft hinein. Sie bestimmt bis heute noch das Leben der Nachfahren.

Ich rekonstruiere nun diese kurze Spanne zwischen Februar und August im Jahr 1978 anhand von persönlich Erlebtem der Betroffenen und all den Zeitungsartikeln und Fernsehbeiträgen, die noch einmal beweisen: Die Vergangenheit lässt sich nicht auslöschen. Für niemanden. Sie ist und bleibt immer Teil der Gegenwart und beeinflusst die Zukunft.

Über den Autor

Roussety, Jacqueline

Roussety, Jacqueline

Jacqueline Roussety absolvierte eine Schauspiel- und Regieausbildung in Hastings, bevor sie ihren Abschluss in Deutscher Literatur, Geschichte und Filmwissenschaften in Berlin machte. Sie ist freie Redakteurin, Journalistin und Moderatorin bei Radio multicult.fm, schreibt Kolumnen für das... mehr über den Autor

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