. .
BUCHstäblich NEU
Sie sind hier:

Die Ermittlung
Die wahre Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie aus Hamburg

Die Ermittlung

Autor: Wächter, Torkel S

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 264

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862823789

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 14,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Am 30. Januar 1933 sitzt ein deutsch-jüdischer Beamter in seinem Büro im Finanzamt Baumeisterstraße in der Hamburger Innenstadt. Soeben wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt.

Anfangs scheint es, als sollte Hitlers Ernennung den Beamten Gustav Wächter nicht nennenswert beeinflussen. Dann aber brennt in Berlin der Reichstag und die Veränderungen kommen Schlag auf Schlag. Das Berufsverbot für Juden betrifft zunächst vorrangig seine Söhne. Gustav Wächter ist schon zu lange beim Finanzamt, als dass er nach dem neuen Gesetz zur „Arisierung“ entlassen werden könnte. Um ihn loszuwerden, verfassen einige Kollegen ein anonymes Schreiben mit Vorwürfen gegen ihn, woraufhin eine Ermittlung eingeleitet wird.

Diese Ermittlung, deren Akte im Hamburger Staatsarchiv erhalten ist, bildet ein einzigartiges Zeitdokument. Dieses Buch basiert auf den unveröffentlichten Dokumenten. Hier dürfen sich der deutsch-jüdische Beamte Gustav Wächter und seine Kollegen mit ihren eigenen Worten rechtfertigen oder anklagen. Wir lernen überzeugte Nationalsozialisten und Opportunisten kennen, aber auch die engen Freunde der Wächters.
Montag, der 30. Januar 1933
Am Montag, dem 30. Januar 1933, sitzt Gustav Wächter am Schreibtisch seines Büros im Finanzamt Baumeisterstraße 8. Er hat soeben einige Dokumente unterzeichnet, blickt auf und betrachtet durch sein Fenster die Frauenstatue, die das siebzehn Meter hohe Denkmal auf dem Hansaplatz krönt. Sie stellt nicht Hammonia dar, die Schutzpatronin Hamburgs, wie viele glauben, sondern bildet eine allegorische Darstellung der Hanse in Frauengestalt, eine norddeutsche Marianne. Ihre rechte Hand ist in einer beschützenden Geste über den Platz erhoben und in der linken trägt sie einen Dreispitz, an dessen Fuß eine Hansekogge aus dem Stein gemeißelt wurde, auf deren Heck das Hamburger Stadtwappen in Gold abgebildet ist. Das Denkmal wurde aus belgischem Granit und Sandstein errichtet, es steht auf einem kreisförmigen Treppensockel, der zu dem quadratischen, halbhoch mit Wasser gefüllten Becken führt. Wasser, das aus vier Löwenmäulern spritzt und in muschelförmige Becken hinunter gespuckt wird. Über den Löwenköpfen steht in vier Nischen eine zusammengewürfelte Ansammlung von Statuetten – der römische Kaiser Konstatin, Karl der Große, Erzbischof Ansgar und Adolf der III. von Schauenburg. Darüber thronen die Stadtwappen der norddeutschen Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck sowie das deutsche Reichswappen. Es ist nicht ganz einfach zu durchschauen, warum diese Figuren und Symbole um den Brunnen auf dem Hansaplatz versammelt wurden, aber man ahnt, dass dieses Denkmal von der Macht der Hanse und Hamburgs Platz als natürlicher Bestandteil des Deutschen Reichs erzählen will. Gleichzeitig erzählen die vier Statuetten im Sockel des Denkmals etwas über die Christianisierung Europas und vor allem Norddeutschlands.
Rund um den Hansebrunnen neigt sich der Markthandel für diesen Tag dem Ende zu. Einige der fahrenden Händler haben ihre Waren bereits weggepackt und Gustav lauscht dem charakteristischen Geräusch der metallbeschlagenen Räder ihrer Wagen auf dem Pflaster, als plötzlich einer der ihm unterstellten Mitarbeiter ohne anzuklopfen in sein Büro stürmt. So etwas ist noch nie vorgekommen. Einmal im Raum erzählt der Kollege mit einer Mischung aus Euphorie und kaum verhohlener Schadenfreude, dass Adolf Hitler nun Reichskanzler ist. Der hereinstürmende Kollege, dessen Name Georg Herrel ist, erkennt plötzlich, dass er etwas Ungehöriges getan hat, und entschuldigt sein Verhalten damit, dass er Geburtstag hat. „Ich werde heute fünfundvierzig“, erklärt er verlegen und man sieht ihm an, dass er dies als ein Omen betrachtet.
 
Ein anderer Mann, der an diesem Tag Geburtstag feiert, ist Franklin Delano Roosevelt, der frisch gewählte, aber noch nicht in sein Amt eingeführte zweiunddreißigste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, der zu einem würdigen Gegner Hitlers werden und den Führer schließlich gemeinsam mit anderen besiegen wird. Georg Herrel ist sich dieses Zusammentreffens nicht bewusst, als er sich zurückzieht, um seinen Geburtstag zu feiern, und seinen Chef verlässt, der alleine den Platz betrachtet.
 
In Gustav Wächters Augen ist der Hansaplatz immer einer der schönsten Plätze der Stadt gewesen und er hat seinen Arbeitstag häufig damit beendet, bei den Händlern auf dem Platz oder in einem der kleinen Geschäfte, die ihn umsäumen, einzukaufen. Er überlegt, ob er in Herrn Simmons Drogerie an der Ecke Hansaplatz 7 vorbeischauen und dort einige stärkende Hustenbonbons kaufen soll, ehe er zum Hauptbahnhof weitergeht, um dort die Hochbahn zu seiner Wohnung im Eppendorfer Weg zu nehmen, als ihm plötzlich auffällt, dass die Frauenstatue, die den Hansebund symbolisieren soll, ihm den Rücken zukehrt. Er hat bisher nie darüber nachgedacht, aber sie blickt nach Südosten, zum Steindamm und dahinter in Richtung Heiliges Land. Und zum ersten Mal sieht Gustav Wächter, dass ihre Hand nicht beschützend über die Stadt erhoben ist, sondern vor ihrem Körper zum Hitlergruß ausgestreckt wird.
 
Dienstag, der 31. Januar 1933
Der 31. Januar 1933 ist ein Dienstag, was bedeutet, dass Gustav Wächters jüngster Sohn Walter in dem Heim für „schwer erziehbare“ Kinder, in dem er ein Praktikum absolviert, Morgendienst hat. Er hat die Nacht im Bereitschaftsdienst verbracht und wird seine Schicht um zwölf Uhr beenden. Punkt zwölf wird Walter von einem Kollegen abgelöst und eilt zu seinem Zimmer, um etwas zu essen, sich zu waschen und umzuziehen. Einer der Jungen hat für ihn bereits das Essen aus der Küche geholt und auf den Tisch gestellt. Dies ist eine sehr begehrte Aufgabe, da es die stillschweigende Übereinkunft gibt, dass der Dienstwillige sich mit Walter die Mahlzeit teilen darf. Außerdem kann er das Zimmer des Praktikanten benutzen, wenn dieser nicht da ist. Walter isst schnell, wäscht sich, zieht einen Knickerbocker-Anzug an und tritt auf die Averhoffstraße hinaus. Es ist einer dieser kalten, klaren Wintertage, wie sie für seine Heimatstadt so typisch sind. Die Luft ist frisch und die Sonne wärmt angenehm, was einem eine Vorahnung vom kommenden Frühling beschert. Walter ist glänzend gelaunt, denn er ist auf dem Weg zu seiner Freundin, Liesbeth. Er summt eine Melodie und pfeift Teile des Refrains, als er in eine Querstraße zum Mühlenkamp einbiegt, die ihn schneller zu Liesbeth bringen soll. Dort, an der Straßenkreuzung, brüllt jemand „Heil Hitler“ und streckt provozierend den Arm in Walters Richtung aus, der mit dem Zeigefinger an seine Schläfe tippt, um zu zeigen, was er davon hält. Dann setzt er, scheinbar unbeeindruckt, seinen Weg Richtung Krohnskamp fort. Der Schreihals, ein junger Mann in Walters Alter, ruft etwas, was Walter nicht richtig versteht, auch wenn ihm die Bedeutung klar sein dürfte. Es passiert von Zeit zu Zeit, dass er auf der Straße belästigt wird. Walter betrachtet dies jedoch nicht als sein Problem. Er weiß, dass es viele gibt, die in ihm ein fremdes Element sehen, jemanden, der in Deutschland nicht zu Hause ist. Und was bedeutet das? Wer von all diesen Menschen weiß mehr über deutsche Geschichte als Walter, wer beherrscht die deutsche Sprache besser als er, wer ist inniger mit der deutschen Kultur verbunden als er? Goethe, Schiller, die Weimarer Klassik und die deutsche Romantik waren Walters Lieblingsthemen auf dem Gymnasium. Was schert es ihn, wenn diese Menschen, die sich „deutsch-nationale“ nennen, ihn nicht als einen von ihnen betrachten. Er ist keiner von ihnen. Er ist ein Teil der radikalen Intelligenz und solidarisiert sich mit dem deutschen Arbeiter, denkt er. Dies verleiht ihm einen undurchdringlichen Panzer gegen antisemitische Angriffe. Sie berühren ihn nicht. Die Vorurteile sind nicht sein Problem, sondern das der Antisemiten.
 
Als Walter Liesbeths Haus erreicht, hat er den Zwischenfall mit dem jungen Nazi schon wieder vergessen. Liesbeth winkt ihm vom Fenster aus zu und Walter läuft die Treppe hinauf. Sie öffnet die Tür und küsst ihn flüchtig, was bedeutet, dass sich kein Familienmitglied in ihrer unmittelbaren Nähe aufhält.
„Weißt du es schon?“, fragt sie.
Er will wissen, was sie meint, und sie erzählt ihm, dass Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt hat, was Walter mit einem Schulterzucken quittiert. Der letzte Reichskanzler, Kurt von Schleicher, hielt sich gerade einmal einen guten Monat, und sein Vorgänger, der Dilettant und Rittmeister Franz von Papen blieb ganze fünf Monate. Was soll dafür sprechen, dass Hitler länger an der Macht bleiben wird als Schleicher oder Papen? Letzterer ist im Übrigen jetzt Vizekanzler in Hitlers Kabinett, informiert ihn Liesbeth.
„Dann ist der braune Spuk sicher bald vorbei“, sagt Walter mit leiser Stimme und steckt anschließend den Kopf zur Küche hinein, um Liesbeths Vater zu grüßen, der in Feierlaune ist und sich gerade seine braune Uniform anzieht, um seine Kameraden aus der Blaskapelle zu treffen, in der er Posaune spielt.
 
Mittwoch, der 1. Februar 1933
Am Mittwoch, den 1. Februar treffen sich die Kollegen vom Finanzamt Baumeisterstraße bei Steuerassistent Baltscheid, der in der Lohnsteuerstelle arbeitet und zu Hause einen Empfang gibt, weil er fünfundsechzig wird und in Rente geht. Im Laufe des Abends werden viele Reden gehalten, unter anderem vom Bürgersteuerangestellten Carl Fraude, der nicht nur zu Ehren Baltscheids spricht, sondern auch die Gelegenheit nutzt, seine beiden Vorgesetzten, Obersteuersekretär Willy Mett und Obersteuerinspektor Gustav Wächter zu ehren, sowie die gute Stimmung zu preisen, die an ihrem gemeinsamen Arbeitsplatz Finanzamt Baumeisterstraße herrscht.
Wächter und Mett stehen plaudernd nebeneinander, während Fraude spricht. Sie sind seit vielen Jahren Kollegen und eine von Gustav Wächters Lieblingsanekdoten von seiner Arbeit im Finanzamt Baumeisterstraße handelt von Willy Mett, oder vielmehr von einem Klienten, der mit einer Entscheidung unzufrieden war, die Willy Mett in einer Steuerangelegenheit getroffen hatte. Deshalb kam er zu Gustav Wächter, um gegen diesen Bescheid Einspruch zu erheben. Im Gespräch mit Wächter konnte der Klient es sich nicht verkneifen, Willy Mett in seiner Wut „diesen Juden“ zu nennen. Als er dies sagte, wusste der Klient allerdings nicht, dass Willy Mett kein Jude ist, Gustav Wächter dagegen schon.
 
Zu früherer Stunde an diesem Tag ist Adolf Hitler zu Präsident Paul von Hindenburg gegangen und hat ihn gebeten, den Reichstag aufzulösen und Neuwahlen anzuberaumen, da sich die Bildung einer arbeitsfähigen Mehrheit als nicht möglich herausstelle. Hindenburg ist Hitlers Wunsch nachgekommen und hat gemäß Artikel 25 in der Verfassung der Weimarer Republik den Reichstag aufgelöst. Wahltermin ist der 5. März.
Um zehn Uhr abends am 1. Februar 1933 spricht Hitler zum ersten Mal im Rundfunk zum deutschen Volk. Die Kollegen vom Finanzamt Baumeisterstraße versammeln sich um Baltscheids Detektorempfänger. Einige von ihnen stimmen kopfnickend und brummend zu, als Hitler von den vierzehn Jahren Marxismus spricht, die Deutschland nach dem verlorenen Weltkrieg durchlitten hat, und von der Notwendigkeit einer nationalen Einheit. Nach der Rede werden die Gläser zu einem Toast erhoben. Wächter und Mett, die beide überzeugte Demokraten sind, wechseln einen finsteren Blick.
 
Donnerstag, der 2. Februar 1933
Am Donnerstag, dem 2. Februar 1933, begegnen sich Obersteuersekretär Georg Herrel und Obersteuerinspektor Gustav Wächter im Treppenhaus des Finanzamts Baumeisterstraße. Sie grüßen sich mit „Guten Tag“, aber ohne Händedruck, und wechseln ein paar Worte über den Empfang am Vortag bei Steuerassistent Baltscheid. Anschließend gehen beide weiter, Wächter treppabwärts. Er ist auf dem Weg zu Familie Bostelmanns Geschäft am Hansaplatz 2, wo ausschließlich Eier und Honig verkauft werden. Eier in allen denkbaren Farben und Größen, nicht nur Hühnereier, sondern auch Eier von Enten, Gänsen und Wachteln. Ja, sogar Möweneier. Die verschiedenen Honigsorten werden nach Gewicht verkauft und in Steingutkrügen gelagert, jedes Gefäß hat einen eigenen Holzlöffel. Herr oder Frau Bostelmann löffeln die zähflüssige, klebrige Flüssigkeit in die von ihren Kunden mitgebrachten Gläser, die vor und nach dem Füllen gewogen werden. Gustav Wächter und Georg Herrel sind soeben aneinander vorbeigegangen, Wächter auf dem Weg nach unten, Herrel auf dem Weg nach oben, als der letztgenannte „Herr Wächter“ sagt und Gustav Wächter sich umdreht. Georg Herrel steht nun eine Treppenstufe über Gustav Wächter. Soweit ist das Geschehen eindeutig, aber von dem, was sich im Anschluss abspielt, existieren zwei Versionen.
 
Nach der Version, die Georg Herrel später vertreten wird, sagt er zu seinem Vorgesetzten Folgendes: Sie wissen, daß Sie wiederholt politische Äußerungen über mich hinter meinem Rücken getan haben. Ich möchte das alles begraben, bitte Sie aber, derartiges in Zukunft zu unterlassen. Darauf antwortet Wächter in Herrels Version, indem er ihm schweigend die Hand gibt, was Herrel so deutet, dass Wächter gesteht.
Laut Gustav Wächter beginnt das Gespräch im Treppenhaus jedoch damit, dass Georg Herrel zu ihm sagt, Herr Wächter, wir wollen uns doch wieder vertragen, woraufhin Wächter ein wenig erstaunt erwidert, Wir haben uns ja gar nicht erzürnt. Daraufhin sagt Herrel, Sie haben gesagt, ich sei ein Nazi, was Wächter verneint und erklärt, dies sei etwas, was er andere habe sagen hören. Anschließend geben sich die beiden Beamten die Hand und trennen sich Wächters Version zufolge im besten Einvernehmen.

Über den Autor

Wächter, Torkel S

Wächter, Torkel S

Torkel S Wächter wurde 1961 in Stockholm geboren. Er studierte Wirtschaftsgeschichte, Entwicklungshilfe und Sprachen an den Universitäten von Lund, Melbourne und Barcelona sowie Judaistik am Paideia – The European Institute for Jewish Studies in Stockholm, und Restaurierungskunst an... mehr über den Autor

Bewerten und Kommentieren

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.

 
Design by MKD Mediengestaltung