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Kapitel 3:
Es war kurz nach zehn. Und noch immer saß Frau Hoffmann auf ihrem mit Plastik überzogenen Sofa und starrte in den Fernseher, obwohl sie sich schon längst auf den Weg ins Bad hätte machen müssen, um sich dort ihrer allabendlichen Zahnpflege zu widmen. Auf ihrem Schoß lag eine Zeitung, neben ihr auf der Couch eine Schere. Sie hatte die Todesanzeigen aufgeschlagen. Oben rechts fehlte ein Trauernachruf. Diesen legte sie auf den kleinen Tisch vor dem Fernseher. 
Unser geliebter Ehemann, Vater und treuer Freund Henning hat uns vor seiner Zeit verlassen. Möge er im Himmel seinen letzen Frieden finden. Wir, diejenigen, die zurückbleiben, weinen im Stillen und ertragen die Leere, die an seine Stelle tritt. Doch eines Tages werden wir wieder vereint werden. Und diesen Tag ersehen wir voller Freuden. In Liebe, deine Frau Melanie, deine Kinder Nikolai und Hanna und deine engen Freunde Peter und Ferdinand.
Frau Hoffmann weinte nicht gerne. Sie hasste es, dass die Nase anschließend immer verstopft war und die Augenlider anschwollen. Sie blinzelte mehrfach und wischte sich hastig mit dem Handrücken über die Wange. Dann stand sie auf und öffnete die Türe zu ihrem Balkon. Der kühle Wind streifte sanft über ihr Gesicht. Es hatte endlich aufgehört zu regnen. Das Licht des Mondes schimmerte in den Pfützen, die sich auf dem Boden gesammelt hatten. Zögernd ging sie zum Geländer. Frau Hoffmann ging nicht oft auf den Balkon, doch wenn sie dann draußen stand, mochte sie das Gefühl des Windes auf ihrer Haut. Sie stützte sich auf die Brüstung und schaute in die Tiefe. Sie hatte so viele Dinge noch nicht getan, und meistens deswegen, weil diese ihr entweder als unvernünftig oder zu gefährlich erschienen waren. Vielleicht war der Gedanke, den sie seit Tagen schon zu verdrängen suchte, in Wirklichkeit die Lösung all ihrer Probleme. Vielleicht war er nicht schlecht, sondern ein Weg aus dem Elend, in dem sie sich jeden Tag befand. 
Erst hatte sie an weniger drastische Methoden gedacht, doch diese dann wieder verworfen, weil die Gefahr, unentdeckt zu bleiben, einfach zu groß gewesen wäre. Außerdem wollte sie nicht, dass ihr Tod ein Spiegelbild ihres Lebens wäre. Tabletten wären die feige Variante. Einen Fön in die Badewanne zu werfen erschien ihr zu unsicher. Was, wenn sie überleben würde? Und wie schon gesagt, was, wenn erst der Geruch ihrer verwesenden Überreste die Nachbarn aufschrecken würde. Der Gedanke, dass sie stinkend und faulend in ihrem Bett, oder schlimmer noch, nackt in der Badewanne, gefunden würde, war für Frau Hoffmann noch ekelerregender als Essensreste und verkrustetes Besteck. Nein, das kam nicht in Frage. Lieber blutverschmiert auf der kargen Betonanlage vor dem Hauseingang. Elf Stockwerke sollten reichen.
Als sie gerade versuchte, auf das vom Regen feuchte Geländer zu klettern, um ihrem Leben ein Ende zu bereiten, fragte sie sich, ob sie es womöglich bereuen könnte, nicht mehr am Leben zu sein. Und in diesem Moment wurde ihr klar, dass sie das gar nicht beurteilen konnte, weil sie die meisten Dinge, die die meisten Menschen als normal empfanden, bisher nicht getan hatte. Noch nie in ihrem Leben hatte sie eine Zigarette geraucht. Noch nie hatte sie eine weite Reise unternommen. Noch nie war sie mit Freunden auf einer Party gewesen. Sie hatte in ihrem ganzen Leben nur mit zwei Männern geschlafen, wovon der eine nicht nur nicht erwähnenswert, sondern vollkommen bedeutungslos gewesen war. Sie hatte noch nie masturbiert, weil man in ihrer Familie der Meinung war, dass man so etwas Triebgesteuertes einfach nicht tut. Sie hatte nie einen schönen Sternenhimmel gesehen und noch nie im Meer gebadet.
Sie nahm ihren Fuß langsam wieder von der Brüstung. Sie wollte zwar sterben, doch sie konnte es noch nicht heute tun. So ein impulsives Verhalten sah ihr auch gar nicht ähnlich. Das mit der Reise und den Freunden und dem Sternenhimmel würde wohl nichts mehr werden. Und an der Tatsache, dass sie nur mit zwei Männern geschlafen hatte, konnte sie auf die Schnelle auch nichts ändern. Aber sie konnte noch anfangen zu rauchen. Und sie hatte durchaus noch die Möglichkeit zu masturbieren, bevor sie sich vom Balkon stürzte.
An diesem Abend machte Frau Hoffmann etwas, das sie noch nie zuvor in ihrem Leben getan hatte. Sie ging, ohne die Zähne zu putzen, ins Bett. Sie benutzte nicht einmal ihre antibakterielle Mundspülung. Das war genug rebellisches Verhalten für den Anfang. Die Sache mit dem Masturbieren verschob sie auf den nächsten Tag. 
Als sie im Bett lag, schaute sie ein letztes Mal auf ihren Wecker. Seit über sieben Jahren war sie nicht mehr so spät ins Bett gegangen. Es war viertel nach elf.

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