Leseprobe:

Mathildes Zeit am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien:

Der Verein der Gesellschaft der Musikfreunde ist älter als das Haus. Im Jahr 1812 wurde die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gegründet, 1870 entstand das Musikvereinsgebäude am Karlsplatz. Der Bau war die strahlende Krönung einer Geschichte, die 1812 mit einer gewagten Neuerung begann.
Wiens Konzertleben, bis ins 18. Jahrhundert noch weitgehend eine Domäne des Adels, verlangte nach einer neuen Form. Den Bedürfnissen eines breiteren Publikums sollte Rechnung getragen werden und die bürgerliche Öffentlichkeit wollte die Musikpflege selbst in die Hand nehmen. Wie groß das Interesse daran war, zeigte sich 1812. Wohltätigkeitskonzerte, angeregt von der Gesellschaft adeliger Frauen zur Beförderung des Guten und Nützlichen, halfen der bürgerlichen Musikbegeisterung auf die Sprünge. Fast 600 musikbegeisterte Laien kamen zusammen, um gleich zweimal vor je 5.000 Zuhörern Händels Oratorium „Thimotheus oder die Gewalt der Musik“ aufzuführen.
Gewaltig wirkte die Musik, gewaltig war der Erfolg. Josef Sonnleithner, Sekretär des Damenvereins und Beethovens erster Textdichter beim „Fidelio“, nutzte diesen Erfolg und machte sich geschäftig an die Gründung der Gesellschaft der Musikfreunde. Zwei Jahre lang ließ die Genehmigung des Kaisers auf sich warten. Denn noch stand den Monarchen das Schreckgespenst des Jakobinismus ins Gesicht geschrieben und bürgerliche Ideen wurden mit Argwohn aufgenommen. Doch dann glückte die Vereinsgründung unter Mithilfe des Hochadels. Erzherzog Rudolf, der Bruder des Kaisers und Beethovens Schüler, übernahm das Protektorat der 1814 offiziell genehmigten Gesellschaft der Musikfreunde des österreichischen Kaiserstaates. 
Die „Emporbringung der Musik in allen ihren Zweigen“: so lautete das oberste Ziel der jungen Gesellschaft. Ihm dienten drei wesentliche Initiativen: Die Musikfreunde veranstalteten eigene Konzerte und setzten damit den entscheidenden Schritt zur Etablierung eines öffentlichen Konzertlebens in Wien. Sie gründeten ein eigenes Konservatorium und leisteten auch damit Pionierarbeit: Das Konservatorium der Gesellschaft war die erste öffentliche Musikschule Wiens überhaupt. Sie erkannten die Notwendigkeit, musikhistorische Dokumente systematisch zu sammeln. So entstand das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde, eine der bedeutendsten Musiksammlungen der Welt. 
Von diesen drei Teilbereichen hat die Gesellschaft der Musikfreunde einen einzigen abgegeben. Das Konservatorium, zu klein geworden für den Andrang von Studenten aus der ganzen Monarchie, ging 1909 in staatliche Hände über und wurde als „k. k. Akademie“ zur Vorläuferin der heutigen Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien.
Bis dahin hatte das Konservatorium der Gesellschaft schon Musikgeschichte geschrieben. Neben anderen berühmten Lehrern unterrichtete Anton Bruckner hier als Professor für Harmonielehre, Kontrapunkt und Orgelspiel. Gustav Mahler und Alexander Zemlinsky, Leo Janàcek und Hugo Wolf drückten im Musikverein die Schulbank. Die beiden anderen Bereiche, Konzertbetrieb und Archiv, werden seit fast zwei Jahrhunderten vom Verein getragen. Privates Engagement ist die Triebfeder des Unternehmens geblieben. Die persönliche Begeisterung der Musikfreunde prägt nach wie vor das persönliche Profil der Gesellschaft und Individualität bürgt seit fast zwei Jahrhunderten für Qualität.
Bei der Zulassung von Frauen zum Musikstudium gab es zur damaligen Zeit keine Beschränkungen. Ging man doch davon aus, dass musizierende und komponierende Frauen ohnehin nicht die Vorherrschaft der Männer in diesem Bereich gefährden konnten. Anders hingegen wurde der Zugang von Frauen zum Universitätsstudium von offizieller Seite gesehen. Ein aus heutiger Sicht haarsträubendes Gutachten des Senats der Universität Wien aus dem Jahr 1873 dokumentiert die damaligen Ansichten:

Eine Änderung des scientifischen und disciplinaren Charakters der Universität aber zu Ungunsten der Männer und zu Gunsten der Frauen, namentlich einiger, im besten Falle lediglich neugieriger und solcher, welche, den ihnen durch Natur und Sitte angewiesenen Wirkungskreis verkennend, darüber hinaus in den Kreis der Männer störend einzutreten beabsichtigen, kann weder im Interesse der Wissenschaft noch einer selbst fortschrittlichen sozialen Ordnung liegen. Die Universität ist heute noch und wohl für lange hinaus wesentlich eine Vorschule für die verschiedenen Berufszweige des männlichen Geschlechtes, und so lange die Gesellschaft, was ein günstiges Geschick verhüten möge, die Frauen nicht als Priester, Richter, Advokaten, Ärzte, Lehrer, Feldherren, Krieger aufzunehmen das Bedürfnis hat, das heißt, so lange der Schwerpunkt der Leitung der sozialen Ordnung noch in dem männlichen Geschlechte ruht, liegt auch keinerlei Nötigung vor, den Frauen an der Universität ein Terrain einzuräumen, welches in den weiteren Folgen unmöglich zu begrenzen wäre. 

Das Gutachten zeigt, dass die männlichen Macht- und Positionsinhaber die Frauen von den klassischen Eliteberufen fern halten wollten. Denn nur aus solchen Berufszweigen konnten sich die Männer gesellschaftliche Machtpositionen erobern. Die Zulassung von Studentinnen an Universitäten wurde demnach als eine Gefährdung des traditionellen Geschlechterverhältnisses gesehen. Trotz heftiger Proteste von konservativen Kräften, wurden jedoch ab 1897 Frauen an der philosophischen Fakultät der Wiener Universität als ordentliche Hörerinnen zugelassen. Dies war ein früher Erfolg der sich abzeichnenden Frauenbewegung in ihrem Kampf, das weibliche Geschlecht aus der intellektuellen Unmündigkeit zu befreien.

Mathildes Mutter Louise Kralik stellte am 6. Oktober 1876 ein Aufnahmegesuch für ihre Tochter zum Eintritt in das Wiener Konservatorium. Louise Kralik als „Obsorger“ und „Glasfabrikantengattin“ erklärte, sie wolle ihre Tochter Mathilde „beobachten“ und diese solle sich der „Vollzugsvorschrift“ des Konservatoriums unterwerfen. Als Einschreibgebühr wurden 6 Gulden bezahlt. Aus der Matrikel des Jahres 1876 geht weiterhin hervor, dass monatlich 120 Gulden Schulgeld zu zahlen waren und sie davon nicht befreit wurde. Als Wohnadresse ist Wien, Elisabethstrasse 1 angegeben.
Mathilde war bei Eintritt in das Konservatorium 18 Jahre alt. In der Matrikel findet sich allerdings der falsche handschriftliche Eintrag „Geburtsjahr 1858“, denn Mathilde wurde 1857 geboren. „Das Hauptfach für welches sich der Schüler aufnehmen liess: Composition“. Mathilde wird in die Kompositionsklasse von Franz Krenn aufgenommen. Direktor des Konservatoriums war zu jener Zeit Josef Hellmesberger.
In den zwei Studienjahren lernte Mathilde berühmte Komponisten kennen, beziehungsweise Musikstudenten, die später zu großem Ruhm gelangen würden. Darunter waren, neben den bereits erwähnten Männern wie Anton Bruckner und Josef Epstein, die Komponisten Johannes Brahms und Franz Liszt. Kommilitonen in Mathildes Kompositionsklasse waren Gustav Mahler, Rudolf Krzyzanowski, Rudolf Pichler, Katharina Haus , Ernst Ludwig, Hans Rott und Hugo Wolf. 
Das Konservatorium war der Sammelpunkt, der musikalische Garten Eden für Tonschöpfer. Hier konnte die Pflanze „Musik“ gedeihen, denn die besten Gärtner kümmerten sich um die jungen Gewächse. Viele Früchte, die wir heute in den Konzerthäusern genüsslich konsumieren, wurden in diesem Garten angebaut. Zum Verständnis und für den Spiegel der Zeit Mathildes lohnt es sich deshalb, auf die Biografien einiger ihrer Bekanntschaften zu schauen.

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