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Der Enkel des Citizen Kane. Die Geschichte des Sternenjägers
Krimi

Der Enkel des Citizen Kane. Die Geschichte des Sternenjägers

Autor: Simon, Heinz-Joachim

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 244

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862822898

Einband: Klappenbroschur

zum eBook

EUR 14,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Eine Geschichte über Mut, Hybris, Liebe und Tod. Ein Roman über Menschen, die bedenkenlos nach den Sternen greifen. Ein Leben nach eigenen Regeln, alles dem Ziel untergeordnet, sich selbst in einer großartigen Tat zu verwirklichen. Eine mythische Geschichte vom Kampf des Claus Costes gegen die übermächtige Familie, geschildert aus der Sicht seines Freundes Bruno Hofmann.
Claus Costes entzieht sich der Familientradition, als Autokonstrukteur zu arbeiten und entschließt sich, Filmproduzent und Regisseur zu werden. Er will mit einem Remake des Citizen Kane seinen Großvater anklagen, der Schuld auf sich geladen hat.
Er lernt Melissa, die Tochter des Medientycoons Tarek, kennen und lieben. Als der Film fertiggestellt ist, glaubt auch Tarek, dass die Filmfigur Citizen Kane sich an seinem Leben orientiert und entführt seine Tochter, um sie von Claus Costes zu trennen. Beide Väter verschwören sich miteinander. Gemeinsam mit seinem Freund Bruno Hofmann nimmt Costes den Kampf auf. Gelingt es ihnen, Melissa aus der Gewalt Tareks zu befreien?
Ein Roman aus der Welt des Big Business und dem Glamour der Filmbranche, über Menschen, die sich über ihren Zielen selbst verloren haben.


Ein Blick hinter die Kulissen des Big Business und der Medien

Ein Schlüsselroman? Man könnte es annehmen, wenn man verfolgt hat, dass in London gerade ein Zeitungstycoon angeklagt wurde, weil seine Zeitungen hemmungslos Prominente und Gewaltopfer ausspionierten und Politiker manipulierten. Zweifellos hat der Kampf um Sensationen zu bedenklichen Auswüchsen geführt. Doch dieser Roman zeigt, wie die eigenen Ziele Menschen die einstigen Ideale vergessen lassen. Was Orson Welles in seinem berühmten Film Citizen Kane so einzigartig geschildert hat, wiederholt sich in den Etagen der Finanzwelt, der Industrie und beim Kampf der Medien gegeneinander. Man wird nicht ohne Schuld zum Sternenjäger. Der Preis der Macht ist oft die Deformierung der eigenen Persönlichkeit. Davon erzählt dieser Roman in dramatischen, oft erschütternden Bildern, über einen mythisch anmutenden Kampf zwischen Vätern und Kindern. Ein Thriller, der unter der glänzenden Oberfläche ein gewaltsames Leben zeigt, nicht minder erbarmungslos wie in griechischen Tragödien.

Wieder bestätigt er Simons Devise: Ein Roman ist nur dann gut, wenn der Leser glaubt dabei zu sein.

Ich sehe keinen Unterschied zwischen Filmen und Leben.
Sie sind dasselbe. (Jean-Luc Godard)
Aus Kapitel 2: Theseus verlässt die Corrida des Minos

Das Gut der Costes lag auf einem Hügel am Starnberger See. Im Stil jener Gegend gebaut, passte es sich harmonisch in die Landschaft ein. Wenn nicht die das Anwesen umschließende Mauer und die vielen Garagen gewesen wären, in denen die Automobile des Costes-Konzerns standen, hätte man es auch für den Hof eines Großbauern halten können. Eine hölzerne Veranda mit herabhängenden Geranien zog sich im zweiten Stock um das ganze Haus. Nur der neogotische Turm neben den Scheunen passte nicht so ganz dazu. Er war das Refugium des Patriarchen, sein Allerheiligstes. Es hatte unten ein Studio, in dem Computer und Reißbretter standen. Im zweiten Stock war sein holzgetäfeltes Büro, im dritten sein Schlafzimmer und unter dem mit Biberschwanzziegeln gedeckten Dach war sogar ein Gästezimmer, in dem aber noch nie ein Gast geschlafen hatte.
Claus hielt in seinem silberfarbenen Jaguar E-Type vor dem schmiedeeisernen Tor, in dessen Mitte ein verschnörkeltes AC in goldenen Lettern vom Besitzer Kunde gab. Er stieg aus, ging an die Sprechanlage, drückte einen Knopf und nannte seinen Namen. Lautlos glitt das Tor zur Seite. Er fuhr in den Hof. Aus dem seitlichen ehemaligen Gesindehaus traten zwei Bodyguards und überzeugten sich, dass wirklich der Enkel des alten Costes gekommen war. Nach einem höflichen Winken zogen sie sich wieder in ihre Wachstube zurück. Claus’ Vater kam aus den Stallungen. Er trug einen roten Reitdress. Mit seinem scharf rasierten Gesicht und der Brille im schwarzen Haar hätte er auch in jedem Heimatfilm dem Dieter Borsche die Frau ausspannen können. Bestimmt hatte er gerade seine Herde Poloponys bewegt.
„Was willst du denn hier ?“, fragte Diethelm Costes unwillig. „Ich denke, du bist in Falkenburg oder in Berlin ?“
Er war um die Vierzig. Der Begriff Herrenreiter hätte gut zu ihm gepasst. In seinem Jagdrevier in Salzburg nannte man ihn den schönen Diethelm. Im Weißen Rössl hätte er den Oberkellner Ferdinand spielen können. Aber da er sehr unstet und sprunghaft war, hätte er diese Rolle nur ein paar Tage durchgehalten. Der Patriarch hatte seinen Sohn längst aufgegeben. Unbrauchbar für Geschäfte und nur für Empfänge und Public Relations einsetzbar, war das vernichtende Urteil des Alten.
Claus verachtete seinen Vater, was ihn früher in arge Gewissensbisse gestürzt hatte. Manchmal, wenn die Mutter mit verweinten Augen herumgelaufen war, weil ihr seine Eskapaden zu Ohren gekommen waren, hatte er seinen Vater gehasst. Mittlerweile konnte er dieses Gefühl beherrschen.
„Ich will zum Gröbauz“, erwiderte er. Es war eine Verballhornung für „Größter Autobauer aller Zeiten“.
„Sprich nicht so von deinem Großvater“, erwiderte Diethelm Costes erschrocken mit einem Blick zum Turm hin.
„Mach dir nicht in die Hosen, Vater. Er kann uns nicht hören.“
„Du bist und bleibst ein unverschämter Bengel. Woher hast du das nur ? Was willst du überhaupt hier ?“
„Ihm klar machen, warum ich mich an der Filmakademie in München eingeschrieben habe.“
„Du hast was ?“, schrie der Vater. „Weißt du, was das für Großvater bedeutet ? Nein, natürlich nicht. Der Herr Sohn lebt in den Tag hinein und kümmert sich nicht darum, was er der Familie antut.“
Es kam Claus nicht in den Sinn, dass er seinen Vater viel gründlicher enttäuscht hatte. Die Mutter kam nun aus dem Haus gelaufen. Isolde Costes war im gleichen Alter wie ihr Mann. Die Sorgen wegen dieses Mannes hatten tiefe Falten um ihre Mundwinkel gegraben. Dass sie einst eine Schönheit und gefeierte Schauspielerin gewesen war, sah man ihr immer noch an. Sie umarmte ihren Sohn und sagte stolz : „Gut siehst du aus, mein Einziger !“
„Stell dir vor, er will das Ingenieurstudium schmeißen !“ Diethelm Costes machte ein Gesicht, als sei der Tag des Jüngsten Gerichts angebrochen.
„Er wird schon wissen, was er tut“, erwiderte Isolde kühl und hakte sich, so ihre Solidarität mit dem Sohn ausdrückend, bei Claus ein.
„Du musst ihm natürlich recht geben !“, fauchte Diethelm Costes.
„Er ist was Besonderes und wird seinen Weg gehen. Kein Schürzenjäger und Playboy.“
„Musst du vor dem Jungen mit mir zanken ?“
„Wenn du die Wahrheit nicht aushältst, dann geh zu deinen Pferden oder fahr nach München zu deinen Huren.“
„Hört auf !“, sagte Claus bestimmt. „Ist denn nun der Gröbauz zu Hause ?“
Sie nickte. „Willst du es ihm sagen ?“
„Muss ich wohl. Sonst versteift er sich weiter darauf, dass ich den Laden übernehme.“
„Musstest du ausgerechnet mit deinem Jaguar hier aufkreuzen ? Du weißt doch, dass er es nicht gern sieht, wenn ein Costes ein fremdes Fabrikat fährt“, regte sich Diethelm auf.
„Reg dich nicht künstlich auf. Mir hat er einmal gesagt, dass er als einzigen Sportwagen außer einem Costes den Jaguar akzeptiert“, antwortete Claus.
„Mag ja sein. Aber in Wirklichkeit kränkt es ihn trotzdem.“
„Lass ihn doch“, schlug sich die Mutter sofort wieder auf Claus’ Seite. „Andere tun dem Namen Costes viel Schlimmeres an. Wenn ich daran denke, was in München so über dich geredet wird.“
„Ich möchte jedenfalls nicht dabei sein, wenn Vater erfährt, was Claus vorhat. Ich muss jetzt zu meinem Schneider.“
„Ich weiß schon, in München scheint die jüngere Sonne.“
„Ha, du gehst mir auf die Nerven !“, erwiderte Diethelm Costes, machte eine wegwerfende Handbewegung und stolzierte in seinen hohen Reitstiefeln wie ein Storch über den Hof und verschwand im Haus.
„Da geht er hin“, spottete Isolde Costes bitter. „Er wird sich in den Smoking werfen und dann den Frauen seine ewige Treue ins Ohr säuseln.“
„Er hat ja nichts anderes zu tun“, gab Claus ihr recht.
„Willst du wirklich den Großvater … ?“
„Ja. Ich habe es mir lange genug überlegt. Er muss begreifen, dass mich Autos nicht interessieren.“
„Du willst Filme machen wie einst mein Vater ?“
Isolde Costes entstammte einer Familie, die sich schon in der Stummfilmzeit einen Namen gemacht hatte. Ihr Vater war ein berühmter Filmregisseur gewesen und dessen Bruder ein Schauspieler, der in Wien am Burgtheater Triumphe gefeiert und in einigen Propagandafilmen der Nazis mitgewirkt hatte.
„Du weißt doch, dass ich schon immer Filme machen wollte.“
„Ich weiß. Auch ich habe davon geträumt, nach meiner Schauspielkarriere in das Regiefach überzuwechseln. Ich hatte meinem Vater ja zweimal als Regieassistentin geholfen und viel von ihm gelernt. Aber die Heirat kam dazwischen und Großvater verbot mir alles, was mit dem Filmgeschäft zu tun hatte und ich habe gehorcht.“ Sie seufzte.
„Mich wird er nicht davon abbringen.“
„Nein, mein Einziger. Du hast das Costes-Gen“, sagte sie besorgt. „Er wird es dir nicht leicht machen.“
„Er kann mich ja nicht in Falkenburg an den Vorstandssesseln festbinden. Er wird es akzeptieren müssen.“
„Wenn du es auf dich nehmen willst, dann geh und steh es durch. Bleibst du über Nacht ?“
Er nickte und sah zu den Garagen hinüber, wo sein Vater in einen Costes-Geländewagen stieg. In seiner Jugend war Diethelm Costes Rennen gefahren, aber das war auch das Einzige, was man bei ihm halbwegs als Beruf bezeichnen konnte. Er zehrte immer noch von den paar Siegen bei der Tourenweltmeisterschaft und gern zeigte er den Frauen, wie gut er einen Wagen beherrschte.
„Wieder einmal kneift er, statt dir beizustehen“, sagte Isolde Costes verächtlich. „Was für ein jämmerlicher Feigling. Dann viel Glück, mein Junge.“
Sie küsste ihn auf die Stirn und Claus ging zum Turm des Alten, klopfte und trat ein. Der Alte stand vor einer wandlangen Tafel, die mit Formeln bedeckt war. Unwillig sah er den Störenfried an, nickte schließlich und legte die Kreide beiseite.
Alfred Costes war von vierschrötiger Gestalt mit einer hohen Stirn, einem zerfurchten Gesicht mit stechenden grauen Augen und einem meist höhnischen Lächeln. Jemand hatte mal über ihn geschrieben, dass man bei seinem Blick den Eindruck habe, in den Lauf eines Revolvers zu sehen. Obwohl er bereits an die Siebzig war, konnte man ihm nicht nachsagen, altersweise zu sein.
„Was machst du hier ?“, bellte er in seinem bayerisch gefärbten Dialekt.
„Bin gerade angekommen“, erwiderte Claus und warf sich in den Sessel vor dem Schreibtisch, schlug lässig die Beine übereinander und lächelte freundlich.
„Was meine Frage nicht beantwortet“, erwiderte der Patriarch kalt. Die Augen verengten sich zu Schlitzen. Alfred Costes mochte keine Überraschungen.
„Ich habe das Studium in Berlin abgebrochen.“
Der Kopf des Alten ruckte herum, die Augen bohrten sich in Claus’ Gesicht und er setzte sich hinter den Schreibtisch.
„Was soll das ?“, zischte er.
„Ich gehe nach München an die Filmakademie.“
„Reichen deine geistigen Kräfte plötzlich nicht mehr für ein Ingenieursstudium ?“
„Das ist nicht das Problem, Großvater. Ich sehe nur keinen Sinn darin, weitere Spritfresser zu bauen.“
Die Augen des Alten weiteten sich.
„Du bist ein Costes ! Mein Vater hat den Igel konstruiert. Ich habe den besten Sportwagen der Welt gebaut. Du wirst Automobile konstruieren oder konstruieren lassen, die nachhaltiger sind als die heutigen Autos. Wie viele andere junge Männer können von sich behaupten vor solchen Aufgaben, Chancen und Möglichkeiten zu stehen ?“
„Das Leben besteht nicht nur darin, Autos zu bauen. Es gibt noch andere Möglichkeiten sich zu entfalten. Ich werde Filme machen. Finde dich damit ab. Vater lässt du ja auch aus dem Geschäft.“
„Dein Vater ist eine Null. Ich konnte nicht zulassen, dass unsere Werke an eine Null übergehen. Du aber bist intelligent, deine Professoren haben mir bestätigt, dass du hervorragende geistige Fähigkeiten hast und nur faul bist. Ich gebe mein Werk nicht in fremde Hände. Du bist der Erbe und wirst eines Tages die Costes-Werke leiten.“
Claus schob die Sonnenbrille hoch und musterte den Alten. Er hatte gewusst, dass es ein harter Kampf werden würde. Gelassen zog er ein Päckchen Zigarillos aus der Tasche und steckte sich eine Sumatra an. Er wusste, dass der Großvater dies für eine Provokation halten würde. Alfred Costes war ein erklärter Nichtraucher, Vegetarier und Alkoholgegner. Es hatte Claus nie beeindruckt. Hitler war das auch gewesen.
„Muss das sein ?“, reagierte der Patriarch augenblicklich und wedelte den Rauch weg. „Sei vernünftig, Junge !“, fügte er hinzu und versuchte seinem Gesichtsausdruck so etwas wie Friedfertigkeit und Gelassenheit zu geben. Es gelang nicht ganz. Die Kälte seiner Augen minderte sich nicht.
„Was ist das schon ? Filme ? Kinderkram !“, stieß er verächtlich hervor. „Das ist doch kein Beruf für einen Costes ! Was reizt dich daran ? Der Glamour ? Filmschauspielerinnen ? Ein Costes hat mit Frauen keine Probleme. Als Chef der Costes-Werke werden dich die schönsten Frauen umschwärmen.“
„Mich reizt es, Geschichten zu erzählen. Es verlangt Kreativität, Organisationstalent und Durchsetzungsvermögen. All diese Voraussetzungen bringe ich mit“, setzte er selbstbewusst hinzu.
„All das sind Eigenschaften, die auch an der Spitze von Costes gefordert werden. Filme, das sind pubertäre Träume für infantile Neurotiker. Ich bin für zweihunderttausend Menschen verantwortlich. Eine größere Herausforderung gibt es nicht. Was ist das überhaupt, ein Filmemacher ? Regisseur ? Filmverleiher ? Oder willst du zum fahrenden Volk gehören und Schauspieler werden ?“
„Schauspieler ? Nein. Regie kann ich mir vorstellen. Aber interessanter finde ich es, Filme zu produzieren. Es muss aufregend sein, die ganze Planung, Finanziers zu finden, den richtigen Plot zu erarbeiten und so weiter.“
„Das ist inakzeptabel. Kindereien !“
„Vielleicht ist es ganz gut, wenn man sich etwas Kindliches bewahrt.“
„Wie dem auch sei. Ich verbiete dir den Abbruch des Ingenieursstudiums. Du bist nun mal der einzige Costes, den wir für die Übernahme haben. Da dein Vater ausfällt, wirst du in fünf Jahren mein Nachfolger. Nach dem Studium durchläufst du die entscheidenden Stationen, also Produktion, Entwicklung und Marketing. Dann hole ich dich in den Vorstand und du kannst mir über die Schulter sehen.“
Der Alte hatte seinen Einstieg bei den Costes-Werken genau durchgeplant. Doch Claus tat unbeeindruckt, wippte mit den Füßen, griff sich ein Wasserglas vom Schreibtisch und schnippte dort die Asche hinein.
„Keine Chance, Großvater. Ich werde Filme machen. Punkt.“
Der Alte lehnte sich zurück. In seinem Gesicht loderte es.
„Wenn wir uns nicht im Guten einigen können, kann ich auch ganz anders.“
Er sprang auf, nahm die Kreide, ging an die Tafel und fragte : „Was braucht man für einen solchen Beruf ?“
Er schrieb die Antwort an die Tafel :
-    Geld
-    Beziehungen
-    Studio
„Ich kann dich von allem abschneiden. Du wirst nicht einen einzigen Film machen. Wenn du nach München gehst, streiche ich deine Apanage. Ich habe Beziehungen zu den Bossen der Studios und des Fernsehens. Wenn ich die Drähte glühen lasse, wird keine einzige Filmgesellschaft einen Vertrag mit dir machen. Du bist von meinem Fleisch und Blut und wirst verdammt noch einmal deine Pflicht erfüllen, sonst bist du erledigt.“
„Dann wissen wir ja beide, woran wir sind“, erwiderte Claus, immer noch Gelassenheit vortäuschend.
„Ich kann dich vernichten, Junge ! Bekommst du das nicht in deinen pubertären Schädel hinein ?“
„Finde dich damit ab, dass ich wie mein Vater keine Lust habe, dein Ding zu machen. Bei ihm hast du dich ja auch damit abgefunden.“
„Weil er kein Benzin im Blut hat. Er ist nur dazu fähig, dumme kleine Schauspielerinnen zu verführen und unsere Oldtimer spazieren zu fahren.“
„Er ist Rennen gefahren und ich habe eben meine Leidenschaft, nämlich Filme machen.“
Der Alte keuchte, tigerte vor ihm auf und ab und schrie : „Ich lasse nicht zu, dass du dich wegwirfst. Du hattest Köpfchen vor dieser Spinnerei mit dem Film. Alle bestätigen mir, dass du eine schnelle Auffassungsgabe hast. Du hast als Jahresbester dein Examen gemacht. Du könntest ein Napoleon des Automobilbaus werden, wie mein Vater.“
„Ich will nun mal kein Napoleon werden. Dein Vater war der Napoleon der Konsulatszeit, du bist der Napoleon der Kaiserzeit und was war der dritte Napoleon ? Ein Witz ! Ich würde viel lieber der Zola des Films werden.“
„Du wirst, wenn überhaupt, als Filmemacher von Schnulzen enden. Almenrausch und Alpenglühen. Heimatfilme, die dir bald peinlich sein würden. Du kannst den Mount Everest besteigen, wählst aber den nächstbesten Hügel.“
„Ich wusste, dass ich dich nicht überzeugen kann. Aber es entsprach der Fairness, dass ich dich vorher informiere.“
Das Gesicht des Alten zuckte. Von seiner Ruhe und Überlegenheit war nichts mehr zu sehen.
„Du bist ein dummer, verantwortungsloser Bengel !“
„Ich glaube, dass alles gesagt ist. Wir kennen nun unsere Standpunkte“, sagte Claus mit jener Gelassenheit, die vorher der Alte ausgestrahlt hatte. Er wandte sich dem Ausgang zu.
„Halt ! Ich habe dich noch nicht entlassen. Wenn du jetzt gehst, dann solltest du wissen, dass ich viel Geld aufwenden werde, damit du scheiterst. Du wirst eines Tages zu mir zurückkommen und darum betteln, wieder in die Familie aufgenommen zu werden.“
„Du kennst mich eben doch nicht gut genug. Wenn ich es nicht schaffe, dann werde ich irgendetwas anderes tun, und wenn ich in Schwabing mein Brot als Kellner verdienen muss. Ich bin dir in einem Punkt sehr ähnlich : Ich gebe niemals auf.“
„Du willst Krieg ?“, kreischte der Alte.
„Wenn du es so martialisch ausdrücken willst. Aber hänge es nicht so hoch auf. Ich bin nicht der erste Sohn oder Enkel, der nicht nach der Pfeife der Altvorderen tanzt.“
„Dann bekommst du den Krieg !“, zischte Alfred Costes.
Claus hatte ihn nie so bleich, so unbeherrscht gesehen. Der Alte sah sein ganzes Lebenswerk gefährdet und reagierte mit unverhohlenem Hass.
„Ich mache dich fertig !“, schrie der Alte.
Claus winkte ab, um zu zeigen, wie wenig ihn die Worte des Alten beeindruckten und ging aus dem Turm hinüber zum Haupthaus. Er fand die Mutter oben in der Christophorus-Stube, die nach der Heiligenfigur in dem gemütlichen Herrgottswinkel so genannt wurde. Sie saß im Halbdunkel und er machte das Hauptlicht an.
„Nein. Mach es wieder aus.“
Er tat, was sie verlangte. Er merkte nicht nur an dem Cognacglas auf dem Tisch, dass sie getrunken hatte. Ihre Aussprache war etwas undeutlich.
„Wie war es ?“, fragte sie. Ihre Stimme zitterte.
„Kannst du dir doch denken. Er drohte, mich zu vernichten.“
[…]

Über den Autor

Simon, Heinz-Joachim

Simon, Heinz-Joachim

Heinz-Joachim Simon lebt in der Nähe von Stuttgart. Er war Inhaber einer renommierten Werbeagentur und Verfasser zahlreicher Sachbücher zur Unternehmensführung. Seit 2004 konzentriert er sich ausschließlich auf sein literarisches Schaffen und schreibt historische und... mehr über den Autor

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