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Death Cache. Tödliche Koordinaten

Death Cache. Tödliche Koordinaten

Autor: Juno, Danise

Lieferbar in 48 Stunden


Produktart: Buch

Seiten: 300

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862824168

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 13,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Ein Mann liegt tot im Wald. Enthauptet. In unmittelbarer Nähe eine als Geocache getarnte Falle. In der Geocaching-Szene scheint ein erbitterter Kampf um die Toplist der besten Cacher ausgebrochen zu sein. Angeführt von einem Spieler namens Sammaël, den niemand persönlich kennt. Als Michael Tonelli sich an dessen Spuren heftet und versucht Sammaëls wahre Identität zu lüften, gerät er ins Visier eines Killers. Schon bald muss Michael erkennen, dass er von seiner eigenen Vergangenheit eingeholt wird.
Geocaching wird mehr und mehr zum Trend, doch ist diese GPS-Schatzsuche wirklich so ungefährlich oder überdeckt der Nervenkitzel einfach jegliche Gefahr?

Ein Thriller, der die Sicherheitslücken des Geocaching beleuchtet und sich mit den Gefahren auseinandersetzt, die GPS-Verfolgung mit sich bringt – nicht nur für Kenner der Geocaching- Szene!
Prolog
Das ehemalige Schlosscafé im Wald oberhalb der Stadt Remagen beherbergte an diesem Samstagnachmittag einen einsamen Gast. Er saß auf einem Kissen welker Blätter, den Rücken an die Ziegelmauer gelehnt, die Augen geschlossen. Bei gestrecktem Nacken ruhte das Kinn auf der Brust. Eine Windböe zupfte an seiner Trekkingkleidung, ließ eine Hand voll Laub in einem kleinen Wirbel tanzen und umwob die Ruine wie ein feines Gespinst aus flüsternden Stimmen der Vergangenheit. Der Himmel lag wolkenlos über den Baumwipfeln des Waldes, der das Gemäuer über die Jahre beinahe gänzlich verschluckt hatte.
Man könnte diesen Ort ein idyllisches Plätzchen nennen, dachte Kommissar Gerke, als er an den Mann herantrat und den Blick über die mit Efeu überwucherten Mauerreste schweifen ließ. Wenn man die Leiche außer Acht lässt. 
Er versuchte, den süßlichen Gestank zu ignorieren und richtete sein Augenmerk auf die Brustpartie des Mannes. Das einst kakifarbene Hemd war mit dickflüssigem Blut verklebt, sodass es beinahe schwarz wirkte. Aus einer Falte krabbelte ein dunkelbrauner Käfer hervor, dessen lange Fühler zuckend die Mahlzeit sondierten.
Angewidert besann sich Kommissar Gerke auf seinen Job und zog sich dünne Handschuhe über, die mit einem peitschenden Laut seine Gelenke umschlossen. 
»Der arme Kerl hätte in den 60er Jahren herkommen sollen«, sagte sein Kollege König mit belegter Stimme und richtete seinen Blick auf den brüchigen Uhrenturm, der dem Café etwas Unheilvolles verlieh. »Zu der Zeit bekam man hier wenigstens noch frischen Kuchen.« Er richtete seine Kamera auf den Mann und schoss einige Fotos. Anschließend zupfte er ihm eine verrottete Eichel aus dem schmutzig blonden Haar und tütete sie sorgfältig ein.
Gerke hockte sich vor die Leiche. Vorsichtig hob er den Kopf des Opfers und betrachtete die Schnittwunde an dessen Hals. »Siehst du das?«, fragte Gerke seinen Kollegen und deutete auf einen silbernen Draht, der zu beiden Seiten aus der Wunde hinausführte. »Er wurde halb geköpft.«
»Scheint am Halswirbel gescheitert zu sein«, stellte König fest. Seine Augen folgten dem Draht. »Es sieht so aus, als ob er hinter der Mauer befestigt wurde. Da sind Bohrungen.« Er legte den Kopf schräg und ging um die baufällige Wand herum. Einen Augenblick später rief er: »Das musst du dir ansehen! Ist das krank.«
Gerke bettete den Kopf des Mannes zurück auf die Brust, folgte König und sah sich den Mechanismus an, der den Draht peitschenartig hatte zurückschnellen lassen.
»Eine ausgeklügelte Falle, würde ich behaupten«, sagte König betroffen. »Vollautomatisch.«
»Das spricht für die Intelligenz des Täters«, stellte Gerke fest. »Irgendwo muss ein Auslösemechanismus sein.« Er wandte sich erneut der Leiche zu, besah sich deren Position, den halbverrotteten Dielenboden und das wie zufällig verteilte Laub. Schließlich schüttelte er den Kopf. »Ich begreife das nicht. Was zum Teufel hatte der Mann hier zu suchen?« 
König war neben ihn getreten. Gerke sah ihn an, seine Brauen schnellten in die Höhe. »Was ist?«, fragte er. Sein Kollege sah aus, als habe er einen Geist gesehen. Kommissar Gerke folgte dessen Blick, der starr auf dem Boden unweit der Leiche ruhte.
»Oliver?«, fragte Gerke.
»Das ist ein Geocacher.«
»Ein was?«
König stieg über die ausgestreckten Beine des Opfers, stellte eine Nummernmarke zwischen die Blätter und schoss ein Foto. Hernach hob er einen Gegenstand auf. »Geocacher sind Leute, die an einem Schatzsuchspiel teilnehmen.« Er hielt ein grau-braunes, etwa faustgroßes Gerät in die Höhe. »Das ist ein GPS. Hiermit finden sie die Dosen, die von anderen Spielern versteckt wurden.« Er schaltete es ein. Der kleine Monitor flackerte auf. »Es funktioniert noch, aber die Batterien sind schwach.«
»Und woher wissen die Leute, wo sie suchen sollen?«, fragte Gerke, der das Spiel nicht kannte.
König kam zu ihm zurück und zeigte ihm das Display. »Siehst du diese Zahlen?« 
Gerke achtete sorgfältig darauf, die Blutspritzer auf dem Gerät nicht zu verwischen, als er es König aus der Hand nahm. Dann las er die Ziffernfolge vom Display ab. N50°34.427 E007°13.595. »Das sind Koordinaten«, stellte er überrascht fest.
»Der Owner, also der Besitzer, der den Schatz versteckt hat, gibt diese Koordinaten in einem Internetportal bekannt. Damit ist der Cache, so wird das Versteck genannt, aktiv und jeder kann losziehen und den Behälter suchen.«
»Dieser Owner ist also unser Täter«, stellte Gerke fest, dann seufzte er und fügte resigniert hinzu: »Lass mich raten: Die Leute benutzen anonyme Nicknamen bei der Registrierung.«
König nickte knapp.
Gerke rieb sich mit dem Handrücken die Stirn. »Wir könnten unsere IT-Jungs da ransetzen. Vielleicht finden wir über die IP-Adresse den Anschluss heraus. Kann man in diesem Portal auch die Koordinaten rückwärts suchen, damit wir auf den Owner kommen?«
»Nur, wenn der Cache nicht komplett gelöscht wurde. Aber wenn wir die Dose finden, dann müsste darin auch ein Logbuch mit dem GeoCache-Code, kurz ›GC-Code‹, liegen. Das ist die Nummer, mit der jeder Cache im Portal registriert ist.«
Gerke entgegnete ungläubig: »Meinst du wirklich, der Täter ist so nachlässig, wenn er eine solche Falle bauen kann?«
König verzog den Mund. »Wahrscheinlich nicht.«
»Wir sollten nachsehen«, entschied Gerke. »Ich will mir nicht den Vorwurf machen lassen, geschlampt zu haben.«
»Du hast nicht zufällig ein Paket Batterien dabei?« König sah Gerke fragend an. »Ich weiß nicht, wie lange das Gerät noch durchhält.«
Gerke schüttelte den Kopf. »Beeilen wir uns. Du kennst dich mit den Dingern aus?«, fragte er und gab König das GPS zurück.
»Das ist ein Garmin mit Touchpad«, sagte er und tippte auf ein Icon. »Die Gerätenavigation ist intuitiv. Damit komme ich zurecht.« Augenblicklich erschien ein kleiner Pfeil nahe einer Markierung. »Wir stehen praktisch neben dem Cache.« Er legte den Kopf in den Nacken und sah nach oben. »Allerdings dürfte es Abweichungen geben, wegen der Bäume.«
Gerke folgte seinem Blick, sah das dichte Blattwerk, das die Sonnenstrahlen gefiltert durchließ, und stellte sich ein GPS-Sig­nal vor, das womöglich ebenso abgelenkt wurde.
»Ich könnte aber nachsehen, ob er die Daten zum Cache aus dem Internet runtergeladen und in das GPS übertragen hat.« 
Während König sich auf das Gerät konzentrierte, musterte Gerke die Lage des Leichnams und folgte seinen ganz eigenen Gedanken. Der Mann musste die Falle ausgelöst haben. Das ließ den Schluss zu, dass er etwas gefunden hatte. Wenn der Draht mit Wucht auf ihn zugeschossen war, ihn von den Füßen gerissen hatte, dann wäre es logisch, den Cache in derselben Achse zu suchen.
»Das war’s«, sagte König und verstaute das GPS sorgfältig in einem Beutel. »Das Garmin ist aus, aber ich habe den GC-Code.«
»Hervorragend«, murmelte Gerke, setzte sich in Bewegung und ging auf Höhe der Füße des Opfers in die Hocke. Er richtete seinen Blick in die entgegengesetzte Richtung, dann schnalzte er mit der Zunge. »Schleifspuren. Undeutlich, aber …«
König folgte Gerkes Fingerzeig. Er hockte sich neben ihn und richtete seine Kamera auf winzige Kratzspuren, die auf eine Weise von Laub bedeckt waren, dass man sie beinahe hätte übersehen können. Er platzierte eine weitere Marke daneben und stellte das Objektiv scharf. »Dann muss der Cache in dieser Richtung liegen«, sagte er. »Sieh nach aufgestapelten Ästen. Geocaches werden oft so getarnt.«
Gerke trat umsichtig auf eine Mauernische zu, die knipsenden Geräusche der Kamera im Rücken. Darin entdeckte er neben welken Blättern, die der Wind hineingeweht haben musste, einen von Menschenhand aufgeschichteten Reisighaufen. Abrupt blieb er stehen. Er kam sich vor wie ein Tier, das schnurstracks in die Falle geht. Es gab nur diesen Weg hinein. Er zog die Brauen zusammen. War es überhaupt möglich, dass der Cache noch getarnt sein könnte? Wenn der Mann den Mechanismus ausgelöst hatte, dann doch, weil er das Versteck manipuliert hatte. Gerke versuchte, sich in dessen Lage zu versetzen. Das Opfer erreicht die Koordinaten, entdeckt das Reisig, das vermutlich auf dem Cache als Tarnung liegt. Es schichtet es zur Seite, legt den Cache frei. Dabei löst es die Falle aus. Vielleicht. »Kannst du kurz die Ausgangssituation fotografieren?« Er wies in die Nische.
»Bin schon da.« Das Blitzlicht der Kamera zuckte über die mit Efeu überwucherte Ziegelwand.
Als König ihm ein Zeichen gab, schob Gerke das Laub zur Seite und beugte sich über die verschlossene Klappe, die in den Boden eingearbeitet worden war. Sie war nicht größer als der Deckel eines Schuhkartons. Er streckte die Hand danach aus. Mitten in der Bewegung spürte er eine Hand auf seiner Schulter.
»Bist du sicher?«, fragte König mit belegter Stimme. »Nicht dass da noch mehr auf uns lauert.«
Gerke sah zu ihm auf. »Mehr als eine tödliche Falle, die schon ausgelöst wurde? Was sollte das noch sein?«
König atmete hörbar ein, verzog die Lippen. Schließlich entgegnete er: »Wenn du meinst.«
Gerke wandte sich erneut der Klappe zu und musterte sie. Konnte man an eine solche Sache überhaupt mit Logik herangehen? Tot ist tot, schlimmer geht nimmer, dachte er. Er schloss einen Augenblick die Augen, atmete tief durch und nickte entschlossen. Er hob den Deckel. 
Ein Schuss peitschte durch den Wald. 
Das Adrenalin zuckte durch seine Adern bis unter den Scheitel. Er ließ die Klappe los, prallte zurück. 
König duckte sich. »Verdammt.«
Gerke sah, wie der Deckel zuschnappte, wartete auf den Schmerz – der nicht kam. Verwirrt sah er an sich herab, klopfte mit beiden Händen auf seine Brust. »Was …?« Er hörte einen weiteren Schuss – Kilometer entfernt.
König stieß einen lauten Seufzer aus.
Gerke begriff, schüttelte matt den Kopf. »Verflucht sollen sie sein. Verdammte Jäger.«
»Ich habe mir fast ins Hemd gemacht«, presste König hervor.
»Frag mich mal. Mir ist beinahe das Herz stehen geblieben.« Immer noch kopfschüttelnd sagte Gerke: »Nicht zu fassen.« Er rappelte sich auf und besah sich den verschlossenen Deckel. »Ein weiterer Mechanismus. Deshalb war das Ding geschlossen.« Da er nun wusste, dass keine Gefahr drohte, öffnete er die Kiste wesentlich entspannter.
Innen lag eine weiße Plastikbox. Wasserdicht versiegelt, einer Gefrierdose nicht unähnlich. Gerke hob sie heraus, wischte den Schmutz vom Deckel und öffnete sie. Erstaunt hob er die Brauen. »Das ist ein Logbuch?«, fragte er. Er nahm ein kleines Heftchen heraus und schlug die erste Seite auf.
»Ein FTF«, sagte König und fügte schnell hinzu: »First to find. Wenn du dich jetzt an die erste Stelle in dieses Logbuch eintragen würdest, als erster Finder, dann hast du den Cache als FTF geloggt. Es gibt umfangreiche Statistiken im Onlineportal. Da sind die besten FTF-Jäger verzeichnet. Das sind Leute, die sich zur Elite zählen; die absoluten Topcacher.«
»Unser Opfer ist also solch ein FTF-Jäger?«, folgerte Gerke.
König schüttelte den Kopf. »Nicht unbedingt, manchmal haben die normalen Cacher einfach nur Glück.« Er biss sich auf die Zunge, warf einen Blick zurück zum Opfer und korrigierte sich. »In diesem Fall wohl eher Pech.«
»Und was soll das sein?«, fragte Gerke. Er nahm einen kleinen Gegenstand aus der Dose, den er sogleich als Hasenpfote erkannte. Daran baumelte eine kleine Metallplakette. Die Vorderseite war mit einem Symbol bedruckt, das einem Skarabäus nachempfunden war. Darunter befand sich eine eingeprägte Nummer, darüber las er: »The Travel Bug.«
»Der muss vom Owner oder vom Opfer sein. Das waren offenbar die einzigen Personen an diesem Cache«, stellte König fest, zückte einen Notizblock und schrieb sich die Nummer auf.
»Noch ein Code?«, fragte Gerke.
»Ja. Jeder Travel Bug ist mit dieser Nummer im Portal registriert. Dazu gibt es normalerweise eine Beschreibung, ein Listing. Travel Bugs, abgekürzt TBs, haben eine Aufgabe, die im Listing erklärt wird. Die meisten sollen einfach von Cache zu Cache reisen. Die Leute nehmen ihn aus der Dose raus und legen ihn dann in einen anderen Cache. Im Internet wird er dann geloggt. So kann der Owner des TBs immer nachverfolgen, wo sich das Teil gerade befindet.«
»Klingt kompliziert«, sagte Gerke.
König schüttelte den Kopf. »Ist es gar nicht. Es ist wie bei den Geocaches auch. Kontrolliert wird das ganze Spiel übers Internet. Jeder Cache und jeder TB hat ein zugehöriges Listing. In der Beschreibung steht dann, was zu beachten ist und wie schwierig der Cache zu finden ist. Ein einziger Stern steht für ›absolut simpel‹, fünf Sterne bedeuten ›besonders schwer‹. Wenn man einen Cache oder einen TB gefunden hat, trägt man das vor Ort ins Logbuch und am Ende im Internet ein. Das ist alles.«
Gerke hatte verstanden. Das Opfer hatte demnach diesen Geocache im Internet gefunden. Dass er registriert war, wussten sie durch den GC-Code, den König im GPS-Gerät gefunden hatte. Im Cache hatte dieser Travel Bug gelegen. Auch der war registriert. Die zugehörigen Listings mussten sichergestellt werden. So würden sie vielleicht herausfinden können, wer den Geocache gelegt hatte und wem der Travel Bug gehörte.
Gerke besah sich den Deckel genauer. Die Scharniere wiesen Federn auf, sodass er zuschnappte, sobald man ihn losließ. Als er mit den Fingern über einen leicht gebogenen Metallsplint strich, der am vorderen Teil des Deckels angebracht war, wurde ihm die Funktion der Falle schlagartig bewusst. Er schauderte bei dem Gedanken, wie detailliert und kaltblütig hier vorgegangen worden war. Er testete den Öffnungswinkel. »Wie groß ist das Opfer?«, fragte er unvermittelt. »Was meinst du, Oliver?«
»Durchschnittlich würde ich sagen. Etwas um die 1,80 m.«
Gerke überlegte kurz, dann schlussfolgerte er: »Wäre der Mann kleiner gewesen, wäre ihm wahrscheinlich gar nichts passiert.«
König sah irritiert aus. »Wie meinst du das?«
»Sobald man den Deckel um etwa dreißig Grad geöffnet hat, rutscht der Draht über den Splint und schießt heraus. Er hat das Opfer an der Kehle erwischt und mitgerissen. Ich bin etwa zehn Zentimeter kleiner und habe einen kürzeren Oberkörper. Wenn ich so wie jetzt vor der Kiste hocke …«, er führte seine flache Hand in einem Dreißig-Grad-Winkel vom Splint ausgehend auf sich zu, »… dann hätte mich der Draht vielleicht skalpiert, aber nicht getötet.«
»Der Täter hat bei der Konstruktion der Falle demnach explizit das Opfer im Sinn gehabt.« König runzelte die Stirn. »Er muss den Mann also gekannt haben.«
»Es sieht zumindest danach aus«, sagte Gerke. »Außerdem glaube ich, dass unser Opfer keine Zeit mehr hatte, um die Dose zu entnehmen, geschweige denn, den Travel Bug hineinzulegen.«
»Wir haben also schon zwei Spuren, die den Tatort mit unserem Täter verbinden. Die Frage ist jetzt: Wer hat beide registriert?«
»Wir müssen unsere IT-Jungs sofort da ransetzen«, sagte Gerke und zog sein Mobiltelefon aus der Tasche. Er wählte die Nummer der Zentrale, hörte das Freizeichen, doch in diesem Augenblick fesselte ein anderes Geräusch seine Aufmerksamkeit. Stimmen drangen durch den Wald, Äste knackten. Jemand kam auf sie zu. Abrupt wandte er sich zu König um. »Sag bloß, der Cache ist noch aktiv.«
Kapitel 1
Drei Monate zuvor.
Michael Tonelli baumelte fünfundvierzig Meter über der Erde und fragte sich nicht zum ersten Mal, ob er verrückt geworden war. Seine behandschuhten Finger klammerten sich um das Kletterseil, während er versuchte, einen sicheren Stand zu finden. Er schätzte die Entfernung zur nächsten Astgabel, die ihn problemlos würde tragen können, auf etwa drei Meter, stieß sich mit den Beinen vom glatten Stamm der mächtigen Ulme ab und langte zu.
Seine Finger streiften die anvisierte Gabel. Er hatte den Schwung falsch eingeschätzt. Leicht vorgebeugt nutzte er nun die Kraft der Pendelbewegung, um sich erneut abzustoßen. Tollkühn ließ er das Seil los und packte mit beiden Händen zu. Blätter raschelten, ein morscher Ast fiel an ihm vorbei, stürzte mit einer halben Drehung um sich selbst hinab und landete schließlich dumpf auf dem Waldboden. Einige abgerissene Blätter segelten sanft hinterher.
Michael zögerte nicht, rammte seinen Fuß in die Gabel, schlang das Sicherungsseil herum und hakte es klirrend an seinem Gurt ein. Vorsichtig lehnte er sich rücklings gegen das Holz, das unter seinem Gewicht knarrte. Erst als er sicher war, seinen Stand gefunden zu haben, schaute er sich um. In der Krone huschte ein schwarzes Eichhörnchen durch die Zweige. Der buschige Schwanz wippte, als es in den benachbarten Baum sprang und raschelnd zwischen dichtem Blätterwerk verschwand.
Wo zum Teufel hat Geopapst den Cache versteckt? Unweit seiner Position, weitere drei Meter schräg über ihm, sah er einige Misteln zwischen dem Geäst ruhen. Sie sahen aus, als wären sie eigens dort platziert worden. Keine schlechte Tarnung, dachte er und begann hinüberzuklettern.
Vorsichtig prüfte er die Haltbarkeit der Äste, die er erklimmen wollte, bevor er sie mit seinem ganzen Gewicht belastete. Doch er kam gut voran und wenige Minuten später hatte er die Misteltraube erreicht. Hier muss es sein, dachte er, streckte seine Finger aus und bog die Zweige auseinander.
Schwarze Augen starrten ihm entgegen. Der nackte Fluchtreflex schoss in seine Glieder. Ehe er sich besann, hechtete er schon rückwärts. Ins Leere. Der Fallwind strich ihm um die Ohren. Ein einziger Gedanke schoss ihm durch den Kopf: Scheiße.
Er ruderte mit den Armen, riss Blätter und Zweige mit sich. Der heftige Ruck folgte prompt. Das Seil hatte den Absturz gestoppt. Michael hing im Gurt. Die Lenden schmerzten, der Rücken nicht minder. Verdammt noch mal, was war das?
Es war ihm von vornherein klar gewesen, dass dieser Cache nicht leicht sein würde. Die Bewertung war mit fünf Sternen angegeben und kennzeichnete damit den höchsten Schwierigkeitsgrad. Abgesehen von diesem mysteriösen Sammaël, der außer Konkurrenz lief, war nur er selbst Geopapst dicht auf den Fersen. Ehrensache, dass er dessen Herausforderung angenommen hatte und diese Dose hinter Sammaël zumindest als Zweiter finden wollte. Doch um welchen Preis?
Michael baumelte immer noch im Gurt, hatte sich jedoch wieder in der Gewalt und sah hinauf zu den Misteln. Sie hingen an derselben Stelle wie zuvor. Nichts regte sich, und wenn er recht darüber nachdachte, war ihm auch nicht aufgefallen, dass irgendein Tier daraus geflüchtet wäre. Was war das? Verdammt, ich habe mich beinahe zu Tode erschreckt.
Auf alles gefasst begann er den Aufstieg erneut, nicht ohne sich zu vergewissern, jederzeit sorgfältig gesichert zu sein. Er ließ sich absichtlich Zeit. Im Grunde wollte er gar nicht genau wissen, was sich in der Mistel verbarg, doch ein Aufgeben kam für ihn erst recht nicht in Frage.
Als er die Stelle erreicht hatte, zögerte er einen Moment. Eine sanfte Brise strich durch die Baumkrone und trug aus der Tiefe des Laubwaldes das Klopfen eines Spechts heran. Augenblicklich sträubten sich ihm die Nackenhaare.
Vorsichtig und auf Abstand bedacht bog er die grünen Zweige auseinander. Nichts rührte sich. Er beugte sich näher heran, griff beherzter zu. Was er dann zu sehen bekam, verschlug ihm buchstäblich den Atem. […]

Über den Autor

Juno, Danise

Juno, Danise

Danise Juno wurde 1974 in Bonn geboren. Dort hat sie auch ihre Kindheit und Jugend verbracht. 1990 absolvierte sie eine Ausbildung zur Glasveredlerin und legte ihr Fachabitur für Gestaltung und Design ab. 1994 ließ sie sich zur Technischen Zeichnerin ausbilden und legte schließlich... mehr über den Autor

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