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Bulle & Bär - Der Ponzi-Trick
Wirtschaftsthriller

Bulle & Bär - Der Ponzi-Trick

Autor: Lang, Thomas


lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 372

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862823826

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 14,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
  • Rezension
Der Trickbetrüger Norman Gerber hat 900 Millionen Euro abgesahnt. Mit einem Schneeballsystem, einem sogenannten „Ponzi-Trick“. Die Zahl seiner Opfer geht in die Tausende: Vom Rentner, der sich nach dem Verlust seiner Ersparnisse erhängt, bis zum russischen Oligarchen, der keinesfalls auf 80 Millionen Euro Verlust sitzen bleiben will. Als Gerber auffliegt, setzt er sich ab. Ermittler für Wirtschaftskriminalität und Geprellte schmieden eine Allianz und starten eine Jagd um die halbe Welt. Auf seiner spektakulären Flucht mit seiner Privatmaschine stürzt Gerber bei schwerem Sturm ins Meer. Als eine Gruppe von Gerbers Opfern eine Bank überfällt und Geiseln tötet, eskaliert der Fall. Ist Gerber wirklich tot? Oder war der Absturz am Ende sein genialster Trick?

Ein packender und zugleich sehr unterhaltsamer Thriller über die kriminellen Tricks und dubiosen Machenschaften in der Wirtschaft. Thomas Lang setzt dabei auf überzeugende Charaktere mit Eigensinn und Wiedererkennungswert.
Prolog

In Norman Gerbers Stimme schwang Panik mit: „Echo-Charlie-Alfa-Lima-Kilo ruft Flughafen Sud Corse in Figari! Bitte kommen!”
Es dauerte einen Moment, bis das Funkgerät reagierte.
„Figari Flugkontrolle ruft Delta-Golf-Alfa-Lima-Kilo. Identifizieren Sie Ihren Kurs!“
Norman Gerber räusperte sich.
„Echo-Charlie-Alfa-Lima-Kilo. Ich bin mit meiner Piper auf dem Weg von Palma de Mallorca nach Figari. Ich kann der Sturmfront auf meinem Kurs nicht ausweichen. Mein Steuerbordmotor verliert permanent an Drehzahl.“
Die Stimme im Funkgerät schwieg für einige Sekunden. So lange wie ein korsischer Fluglotse benötigte, um einen offensichtlich komplett Übergeschnappten zu identifizieren. Und den Kopf darüber zu schütteln: Dieser Kamikaze steuerte mit seiner kleinen Kiste direkt in einen Sturm, der inzwischen den gesamten Süden der Insel bis weit auf das Tyrrhenische Meer im Westen hinaus verschluckt hatte und die Scheiben des Kontrollturms wie eine bis zum Anschlag aufgedrehte Dusche wässerte.
„Wir haben Sie auf dem Radar. Sie steuern direkt in das Zentrum der Sturmfront. Ich rate Ihnen dringend, nach Süden auszuweichen. Mit etwas Glück, können Sie Olbia noch erreichen.“
„HAST DU TOMATEN AUF DEN OHREN, DU KORSISCHER ESELFICKER? Ich habe steuerbord kaum mehr Motorleistung und verliere ständig an Höhe.“
Die Stimme aus dem Funkgerät verlor schlagartig ihre förmlich gelangweilte Ruhe und schlug in Wut um.
„Mann, versuchen Sie es! Der Sturm erreicht in seinem Zentrum Windgeschwindigkeiten von bis zu 160 km/h! Das kann Ihre Kiste kaum überstehen!“
In Norman Gerbers Stimme mischte sich Verzweiflung.
„Jetzt ist das Steuerbord-Triebwerk ganz ausgefallen!“, schrie er in sein Mikrofon. „Ich kann den Kurs nicht länger halten und verliere beständig an Höhe. Es sind nur noch 1800 Fuß! … 1750! … 1700!“
Norman Gerber beobachtete abwechselnd den hektischen Zeiger des Höhenmessers und die nunmehr schwarze, von weißer Gischt durchzogene Wasseroberfläche, die sich rasch näherte. Er versuchte die Panik in seiner Stimme unter Kontrolle zu bringen. Was ihm nicht gelang.
„Ändern Sie Ihren Kurs! Ändern Sie Ihren Kurs! Verdammt noch mal! Drehen Sie auf Süd!“, schrie die Stimme aus dem Funkgerät, die nun mindestens so panisch klang wie die des Piloten.
Die Flughöhe betrug inzwischen nur noch 600 Fuß. Tendenz schnell fallend. Der Pilot umklammerte die Griffhörner des Steuers fest, bis die Knöchel auf seinen Handrücken weiß hervorstanden. Es war so gut wie unmöglich, das Flugzeug stabil zu halten. Er begann immer stärker zu schwitzen.
„Ich schaffe es nicht“, brüllte Norman Gerber in sein Mikrofon. Die Flughöhe war auf 350 Fuß gesunken. Die Oberfläche der See hatte sich in eine geifernde Monstrosität verwandelt, die tobend nach allem gierte, was nicht genügend Kraft aufbringen konnte, um sich in Sicherheit zu bringen.
Die Stimme aus dem Funkgerät war zu einem unverständlichen Stammeln zerfallen. Der Lotse im Tower des Flughafens Sud Corse starrte auf seinen Kontrollschirm und verfolgte den hellen Punkt, den das Flugzeug mit spanischer Kennung auf der schwarzen Fläche seines Kontrollschirms hinterließ. Der Akzent des Piloten deutete auf einen Deutschen hin. Auch wenn er ein ausgezeichnetes Englisch sprach. Ein besseres als der korsische Fluglotse. Der vergaß, einen Blick auf die große Uhr zu werfen, die über dem Kontrollpult hing, und konnte somit nicht nachvollziehen, wie lange es nach dem letzten verzweifelten Schrei des Piloten noch gedauert hatte, bis der Punkt auf dem Schirm etwa 30 Kilometer vor der Küstenlinie erloschen war.
Es schien eine Ewigkeit gedauert zu haben. Dann straffte sich der Lotse und löste Alarm aus.
Vorausgesetzt, es wäre Norman Gerber im Moment seines Aufpralls auf die Wasseroberfläche noch möglich gewesen, einen letzten Blick auf seine Uhr zu werfen, hätte sie ihm 17.01 Uhr angezeigt.



10. April 2014, 9.30 Uhr

Die Akte klatschte auf die Tischplatte und rutsche noch ein Stück weiter, bevor sie unmittelbar vor einem Paar gefalteter Hände zur Ruhe kam. Rufus Kowalski senkte den Blick auf das Konvolut. Er schätzte die Stärke auf mindestens fünf Fingerbreit. Sein Chef hatte ihm den Vorgang über den Besprechungstisch hinweg zugeschoben, an dem sie Platz genommen hatten.
„Norman Gerber“ stand in großen Buchstaben auf dem Deckel. Darunter, in kleinen Lettern, die Nummer der Akte und der Strafsache, in der gegen Herrn Gerber ermittelt wurde. Eines ist sicher, dachte Kowalski, wenn das Landeskriminalamt eine Akte Gerber zusammengestellt hat, die nun dick wie das Telefonbuch einer Großstadt vor mir liegt, ist das ein untrügliches Indiz dafür, dass sich Herr Gerber schlimmerer Missetaten schuldig gemacht hat, als sein Fahrzeug in einer Feuerwehrzufahrt abzustellen. Je älter er wurde, desto weniger gab sich Rufus Kowalski Mühe, seinen eingefleischten Sarkasmus im Zaum zu halten. Er zog die Brauen hoch und musterte sein Gegenüber. Dessen Miene ließ keinen Zweifel daran, dass er kurz vor einer extrem unfrohen Reaktion stand.
„Muss ich das Kerlchen kennen?“, fragte Kowalski und unternahm dabei keine Anstrengungen, das Desinteresse in seiner Stimme zu übertünchen. Er fixierte seinen Gesprächspartner. Rufus Kowalski hatte erst vor drei Tagen seinen Dienst im Dezernat 12 des Landeskriminalamts angetreten, für die er sich weiß Gott nicht freiwillig beworben hatte. Wirtschaft und das damit verbundene kriminelle Umfeld interessierten ihn „weniger als die Eier vom Papst“, wie er in solchen Fällen zu betonen pflegte. Nicht einmal getreu seinem persönlichen Motto man sollte alles einmal im Leben versucht haben. Mit Ausnahme von Inzest und Volkstanz hatte er seinen Frieden mit dieser Versetzung schließen können. Auf der anderen Seite war er klug genug, die berufliche Alternativlosigkeit seiner Situation zu akzeptieren. Angesichts seiner privaten Vergangenheit und des riesigen Mists, den er zuletzt im Job gebaut hatte.
Viktor Korschinek belohnte den unwirschen Unterton in Kowalskis Antwort mit einem milden Lächeln und fixierte seinen Gast: Mitte 50, schlank, durchtrainiert, ein wenig nachlässig aber sauber gekleidet, mit langen grauen Haaren, die zurückgekämmt bis weit über den Kragen fielen. Kowalski erinnerte ihn stets an Jeff Bridges in dem Film „The Big Lebowski“. Deshalb sprach er den Freund und Mitarbeiter in aufgeräumter Stimmung als „Dude“ an. Der Kriminaloberrat, Leiter des Dezernats 12 „Ermittlung von Wirtschafts- und Computerkriminalität“ beim Landeskriminalamt, kannte den Ersten Hauptkommissar und jüngsten Zugang seiner Abteilung nunmehr seit fast drei Jahrzehnten. Seit Rufus Kowalski seine Ausbildung an der Polizeifachhochschule begonnen hatte.
Viktor Korschinek war damals sein Ausbilder gewesen. Er hatte bei Kowalski schnell einen ambivalenten Charakter erkannt. Hochintelligent, enorm begabt, aber leider auch faul. Bis an eine Grenze, an der sich das Attribut „stinkend“ zwingend aufdrängte. Auf der anderen Seite eigenwillig, unbeugsam und ohne jede Einschränkung loyal. Loyalität erachtete Viktor Korschinek als charakterliche Königsdisziplin. Wenn Kowalski zudem den Entschluss gefasst hatte, einen Fall zu lösen, begann er mit Akribie zu recherchieren, Spuren zu verfolgen und sich Verdächtigen an die Fersen zu heften, bis der Täter gefasst war. Bis jetzt hatte jeder Mörder, den Kowalski überführte, angesichts der erdrückenden Indizien, auch ein Geständnis abgelegt. Für einen Polizisten war das Geständnis des Täters das Ziel einer erfolgreichen Ermittlung. Einmal in Fahrt gebracht, scheute Kowalski keine Mühen und Anstrengungen, bis eine wasserdichte Lösung vorlag und sich ein weiterer schlechter Mensch für Jahre, wenn nicht gar für den Rest seines Lebens, kein Kopfzerbrechen mehr über die freie Wahl seines Aufenthaltsortes bereiten musste.
Im Alltag gebärdete sich Rufus Kowalski eher mürrisch und verschlossen. Insbesondere seitdem er private Schicksalsschläge zu bewältigen hatte, die niemand seinem Todfeind wünschte.
Dem Hauptkommissar haftete laut Personalakte der mehrfach fixierte Makel an, nicht gerade ein Teamspieler zu sein. Trotzdem sollte er künftig als Kommissionsleiter des Dezernats 12 einen Stellvertreter und mindestens vier Mitarbeiter führen. Was seinem neuen Vorgesetzten zum aktuellen Zeitpunkt Kopfschmerzen bereitete. Wenn es nach dem Oberstaatsanwalt gegangen wäre, hätte Kowalski froh sein können, wenn er als uniformierter Beamter in städtischen Anlagen den Leinenzwang für Hundehalter kontrollieren durfte. Aber aufgrund der Dienstzeit, seines Rangs und der Verdienste, die sich der Hauptkommissar in seinen Jahren als Mordermittler erworben hatte, durfte er seine „Bewährungsstrafe“ als Kommissionsleiter bei der „Ermittlung von Wirtschafts- und Computerkriminalität“ antreten. Nicht zuletzt hatten Kowalskis Ermittlungserfolge den Oberstaatsanwalt mehr als einmal gut aussehen lassen. Und das war genau die Karte gewesen, die Korschinek schlussendlich zum Schutz seines Freundes erfolgreich ausgespielt hatte.
Viktor Korschinek schätzte die Geradlinigkeit und Unbeugsamkeit Kowalskis, die nicht zuletzt Brücken zu seinem eigenen Charakter schlugen. Wie Kowalski zählte Viktor Korschinek zu jenen Zeitgenossen, die niemals die gerade Linie verließen. Oder sich frei nach Shakespeares „es beuge sich des Knie’s Gelenke, wo Kriecherei Gewinn verspricht“ zu verhalten, um einen persönlichen Vorteil vor die eigene Überzeugung zu stellen. Darum hatte er als Kriminaloberrat die höchste Stufe seiner Laufbahn erreicht. Ein Superbulle wie Korschinek hätte es mit einer Prise Opportunismus, einem gelegentlichen Friedenspfeifchen und einer diplomatischen Vorgehensweise lässig zum Leiter eines LKAs oder gar zum Polizeipräsidenten bringen können.
Von Rufus Kowalski unterschied sich Viktor Korschi¬nek allerdings durch sein grundsätzlich sonnigeres Gemüt. Er trat im direkten Umgang mit Kollegen, Untergebenen und Vorgesetzten meist jovial auf und agierte fröhlich und ausgleichend. Mit diesen Wesenszügen schaffte er es, seine Unbeugsamkeit und den diamantharten Dickkopf charmant zu bemänteln. Das deutliche „Ja!“ zur Lebensfreude des Kriminaloberrats hatte dabei ein Übriges geleistet, dass er mit nunmehr 63 Jahren – zwei Jahre vor der Pensionierung – eine Erscheinung bot, deren Linien ohne Zweifel ein gutes, sinnenfrohes Leben gezeichnet hatte. Ein dichter, fast weißer Haarschopf fiel ihm in natürlichen Wellen immer ein wenig zu weit über den Kragen. In Verbindung mit seinem Vollbart vermittelte der Oberkommissar einen altväterlichen, fast archaischen Eindruck. Nur Kollege Keller besaß die Chuzpe, seinen Chef gelegentlich als „Nikolausi“ anzusprechen. Aber „Mad Max“ war sowieso ein Sonderfall.
Über die gemeinsamen Jahre im Polizeidienst hatte Viktor Korschinek die Rolle eines Mentors in Kowalskis Dasein eingenommen und immer schützend die Hand über den Hauptkommissar gehalten. Vor allem wenn dieser wieder einmal Mist innerhalb oder außerhalb des Dienstes gebaut hatte. Besonders in den Jahren von Kowalskis Alkoholabhängigkeit.
Viktor Korschinek neigte seinen Oberkörper nach vorne, was den Nähten und Knöpfen seines blau-weiß gestreiften Hemds, das sich über seinen mächtigen Leib spannte, stumme Pein bereitete. Er verbreiterte für sein Gegenüber das nicht wirklich herzliche Lächeln.
„Es interessiert mich noch weniger als die Keimdrüsen des Pontifex Maximus, wie du in solchen Fällen gerne zu bemerken und wesentlich drastischer zu formulieren pflegst, ob du Norman Gerber kennst oder nicht. Wichtig ist nur: Du lernst ihn so schnell wie möglich kennen! Er ist nämlich dein erster Kunde in meinem Laden und ich empfehle dir gottverdammtem polnischen Dickschädel in aller Dringlichkeit, dich mit Herrn Gerber derart vertraut zu machen, dass du ihn in kürzester Zeit für deinen verdammten siamesischen Zwillingsbruder hältst. Ich habe es mir in meinen großen runden Kopf gesetzt, diese Schmierbacke in absehbarer Zeit an die Wand zu nageln und für mindestens ein Dutzend Sonntage hinter Gittern verschwinden zu lassen. Und zwar Ostersonntage“, erklärte er gefährlich leise.
Er deutete mit dem fleischigen Zeigefinger seiner rechten Pranke auf die Akte vor Kowalski. Als junger Mann war Viktor Korschinek einer der besten Freistilringer des Landes gewesen. Natürlich in der Gewichtsklasse Schwergewicht. Und noch jenseits der 40 hatte er bei bundesweiten Polizeimeisterschaften mit jedem Gegner die Matte gewischt.
„Das ist nur die gottverdammte Personalakte dieses Puffmusikers. Wenn du die Fallakte anforderst, brauchst du einen Möbeltransporter.“ Viktor Korschinek schätzte eine direkte Sprache. Seine Lebenserfahrung hatte ihn gelehrt, dass sich die Deutlichkeit einer Ansprache umgekehrt proportional zum Potenzial möglicher Missverständnisse verhielt.
Rufus Kowalski kannte seinen Freund und künftigen Chef gut genug, um zu wissen, wann dieser die Spaßebene verlassen hatte. Genau in diesem Moment beispielsweise. Vor allem wenn Korschinek zum Begriff „polnischer Dickschädel“ griff, war Vorsicht geboten. Kowalski hatte kein Problem damit, dass sein Name keinen Rückschluss auf eine Herkunft aus uraltem hanseatischen Geld- und Kaufmannsadels erlaubte. Sein Urururgroßvater Tadusz Kowalski war im späten 19. Jahrhundert der Armut und dem Hunger seiner polnischen Heimat entflohen, um im Kohlebergbau des Ruhrgebiets sein Auskommen zu finden. Er siedelte sich im Dortmunder Stadtteil Aplerbeck an, wo er eine Arbeit in der Zeche „Vereinigte Schürbank & Charlottenburg“ fand, sich dauerhaft niederließ und seine Familie gründete. Noch Großvater Lech Kowalski, so erinnerte sich Rufus, hatte seine liebe Mühe mit der deutschen Grammatik gehabt, wenn er nach dem fünften Pils seinen Unmut über einen verhassten Mitmenschen zum Ausdruck brachte: „Er für mich pampig? Ich ’ne ein inne Fresse!“
Kowalski zog die Akte näher zu sich heran und schlug sie auf. Obenauf lagen ein Personalbogen und eine farbige Fotografie Gerbers im Format DIN-A4. Sie zeigte einen gutaussehenden Mann, Ende Dreißig, Anfang Vierzig. Seine Gesichtszüge kennzeichneten markante Wangenknochen und ein ausgeprägtes Kinn. Die vollen dunklen Haare waren akkurat geschnitten und nach hinten gegeelt. Gerber erinnerte Kowalski auf den ersten Blick ein bisschen an Errol Flynn. Allerdings ohne Oberlippenbärtchen. Eine verträgliche Prise vom Gecken begleitete die Ausstrahlung des Mannes, dessen Physiognomie ein auf den ersten Blick unbestimmtes Element aufwies, das einen erfahrenen Ermittler wie Rufus Kowalski daran hinderte, sie mit einem sympathischen Menschen in Verbindung zu bringen. Er konzentrierte sich auf die dunklen Augen und konnte dieses Element plötzlich eindeutig bestimmen. Gerbers Augen blickten deutlich kälter, als es zum Lächeln des Gesichts gepasst hätte. Die Augen verströmten nicht den geringsten Hauch von Fröhlichkeit. Vielmehr vermittelten sie den Eindruck eines Raubtiers auf der Lauer.
Auf booknerds.de von Prof. h. c. (TJ) Dipl. Ing. Wolfgang Pester (12.05.2016)

Kriminalromane oder Thriller sind eigentlich nicht der bevorzugte Lesestoff des Rezensenten. Wenn allerdings ein seit mehr als 20 Jahren geschätzter Kollege aus dem journalistischen Umfeld sein Romandebüt mit einem Thriller startet, siegt doch die Neugier. Hat er doch mit zahlreichen Fachbüchern zum Thema Automobil und Technik bereits gezeigt, dass eine vermeintlich trockene Materie Lesern durchaus unterhaltsam und vielschichtig näherzubringen ist.
 
Der nun vorliegende Wirtschaftskrimi zeigt die dunkle Seite von Geldgeschäften, die derzeit mit den sogenannten „Panama-Papers“ Schlagzeilen machen. Schon auf den ersten Seiten rechtfertigt Lang den Vertrauensvorschuss. Eine furiose Eingangsszene führt den Täter Norman Gerber ein. Als Trickbetrüger hat er seine Opfer um 900 Millionen Euro erleichtert und gerät bei seiner Flucht vor Polizei und Gläubigern mit seinem Privatflugzeug in einen Sturm und stürzt ins Mittelmeer. Die beiden Börsensymbole Bulle und Bär als Namenspatrone für den Thriller deuten es an, wo der Autor seinen kriminalistischen Schwerpunkt sucht: auf dem Feld der Wirtschaftskriminalität – eine erfreuliche Innovation im Reigen der Spannungsliteratur, gerade im Vergleich mit sonstigen, beispielsweise von lokalen Krimiserien oder psychopathischen Serienkillern geprägten Krimis.
 
Lang fängt den Leser schnell mit Fakten ein und zeigt mit den Machenschaften des Millionenbetrügers Gerber, wie tief und umfassend wirtschaftskriminelle Aktivitäten bereits praktisch alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrungen haben und wie relevant diese Art von Kriminalität für jeden Einzelnen tatsächlich ist. Dies führte dazu, dass, diese 365 Seiten fast in einem Rutsch rezipiert wurden – unterbrochen nur durch eine kurze Nachtruhe. Im Licht der jüngst enthüllten „Panama-Papers“ ließen sich Lang geradezu visionäre Fähigkeiten unterstellen. Gleichwohl zeigt die Lektüre die Vorteile der journalistischen Ausbildung des Autos. Bestens unterhalten nimmt der Leser Hintergründe, Motive und Vorgehensweise des Täterspektrums quasi als informatives Bonusmaterial mit. Bis hin zu den psychischen Strukturen, die den Menschen zugrunde liegen, die frei von jeglicher Empathie ihre Taten planen und ausführen. Dennoch kein Anlass zur Sorge – der Roman ist kein verkapptes Sachbuch, sondern vor allem spannend und unterhaltend.
 
Der Millionenbetrüger Norman Gerber reizt mit hohen Renditen seiner Fonds. Geschäftsleute investieren Schwarzgeld und werden zum Opfer. Sie sind allerdings durch ihre Steuerhinterziehungen auch selbst Täter, die ihrer Gier erliegen. Aber auch der „kleine Mann“ kann im kriminellen Spinnennetz kleben, wenn er auf kompetente Finanzberatung seiner Bank vertraut. Ein Rentner setzt seine gesamte Altersversorgung ein – und als das ganze Geld futsch ist, sieht er keinen anderen Ausweg mehr als den Freitod. In diesem Moment wird Gerber auch ein „Mörder“. Ebenso folgt ein unerfahrener junger Anleger aus altem Geldadel der Duftspur der unüblich hohen Renditeversprechung. Er soll für seine blaublütige Familie durch Investitionen das Vermögen mehren. Gerber beendet sein Fondsgeschäft, als die ergaunerten Millionen reichen, um im Luxus bis ans Ende seiner Tage zu leben. Es kommt zu Anzeigen seiner Kunden bei der Polizei. Ein Unternehmer, der sein Schwarzgeld verlor, zahlt lieber an den Fiskus und nimmt Strafe in Kauf, als den Verbrecher Gerber und seine Komplizen davonkommen zu lassen.
 
Die Polizei nimmt die Fährte auf. Darunter die charakterfesten Hauptfiguren, der aus dem Ruhrgebiet stammende Hauptkommissar Rufus Kowalski als „Bulle“ und der renommierte Jurist und Wirtschaftswissenschaftler Dr. Dr. Ansgar D. Burmeester als „Bär“. Die unterschiedlichen Persönlichkeiten finden erst langsam in ihre Beziehung. Der durch den Unfalltod von Frau und Tochter traumatisierte „trockene“ Hauptkommissar aus dem Dezernat für Wirtschaftskriminalität eines Landeskriminalamts braucht Zeit, um den eloquenten und internationalen bestvernetzten wie erfolgreichen Rechtsanwalt zu akzeptieren. Die Kollegen Kowalskis tragen die Jagd nach Gerber mit, allen voran Kowalskis Kollege Maximilian Keller, „Mad Max“ genannt, der mit teils „autistischen“ Zügen die immer wieder stoppenden Ermittlungen neu befeuert. Kowalski muss klären, ob Gerber beim Absturz des Privatflugzeugs im Sturm vor Korsika wirklich ums Leben gekommen ist. Burmeester unterstützt diese Ermittlungen, auch weil er als Rechtsanwalt mit seinem Büro für das Oberhaupt der alten Adelsfamilie arbeitet, die von Gerber 80 Millionen Euro zurückfordert.
 
Die Komplexität wirtschaftskrimineller Aktivitäten kommt meist ohne Komplizen nicht aus. Einer von Gerbers „Banker“ wird wegen eines Mordes verfolgt. Dieses Verbrechen setzt eine actiongeladene Nebenhandlung in Gang, die die örtliche Polizei einschließlich Kowalski und Kollegen in Atem hält. Es ist ein Sparkassenüberfall mit 19 Geiseln. Was dann folgt, ist ein nervenaufreibendes Geiseldrama mit einem spannenden wie hochintellektuellen Ende. Diese Geiselnahme ist so innovativ, dass es nicht überraschte, wenn sie bald in einem Film auftauchte. Zu innovativ für die Polizei, die lange im Dunkeln bleibt. Hauptkommissar Kowalski, Mad Max und der die beiden unterstützende Rechtsanwalt Burmeester leisten Kernerarbeit: Aktenstudium, Befragungen, Ortsbesichtigungen und stetig neue Fallanalysen. Dann finden sie einen kleinen Anhaltspunkt, der sich als Stein im Gerber-Puzzle herausstellt. Die folgende kleinteilige Ermittlungsarbeit eröffnet die Möglichkeit, dass Gerber den Absturz fingiert hat. Bulle und Bär nehmen die Spur auf, die überraschende Verknüpfungen offenlegt. Ihre Dienstreisen führen sie in Metropolen und exotische Orte, deren detaillierte Beschreibungen denjenigen überraschen, der sich an denselben schon aufhielt. Kowalski und Burmeester finden auch den letzten Stein des Puzzles – auf den Seychellen. Dort hat Gerber nach dem vorgetäuschten Tod durch den Flugzeugabsturz sich niedergelassen. Damit ist nichts verraten, was die Spannung tötet. Auch nicht das Ende des Buchs. Denn das ist sowohl für den Leser als auch für den Verbrecher Gerber überraschend. „Bulle & Bär – der Ponzi-Trick“ ist ein Wirtschafts-Thriller, packend, unterhaltend und hält die Spannung bis zum Schluss. Achtung „Suchtpotenzial“ – und eine weitere Geschichte ist angekündigt.
 
Wertung: 12/15 dpt

Diese Rezension stammt von Gastrezensent Prof. h. c. (TJ) Dipl. Ing. Wolfgang Pester. Pester arbeitet als Journalist und Autor in Krefeld.
  
Online: http://www.booknerds.de/2016/05/thomas-lang-bulle-baer-der-ponzi-trick-buch/



Über den Autor

Lang, Thomas

Lang, Thomas

Thomas Lang, geboren 1956 in Stuttgart als braver Leute Sohn, begann ab seinem sechsten Lebensjahr als Autodidakt mit dem Lesen und Schreiben. Da eine 14jährige Schullaufbahn (mit dem ungebrochenen Rekord für „nicht versetzt“ an höheren Schulen in Baden-Württemberg)... mehr über den Autor

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