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Der Schrei der Zypressen
Ein Provence-Umwelt-Krimi

Der Schrei der Zypressen

Autor: Simon, Heinz-Joachim

Lieferbar in 48 Stunden


Produktart: Buch

Seiten: 252

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862822867

Einband: Klappenbroschur

zum eBook

EUR 14,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Die Gier droht Châteauromain zu vernichten. Ein idyllischer Ort in der Provence. Die Zikaden lärmen, die Zypressen bewegen sich leicht im Wind. Am Nachmittag vertreibt die Sonne die Menschen aus den Straßen. Im Schatten vor dem Bistro sitzt man bei einem Pastis und diskutiert über die Zeitläufe. So war es seit Generationen – und so soll es bleiben, denken einige junge Leute.
Aber der Bürgermeister hat anderes im Sinn und will neben dem Ort ein Luxusresort bauen lassen. Die Ortsansässigen spüren, dass ihnen die Heimat verlorengehen kann. Die Ruhe des kleinen Ortes ist jäh vorbei, als einer der Umweltschützer erschossen wird. Und dies bleibt nicht der einzige Tote. Eine Tragödie von archaischer Wucht bahnt sich an. Zwei Frauen nehmen den Kampf gegen die Geschäftemacher auf. Die Situation eskaliert.
Der Privatdetektiv Peter Gernot aus Berlin wollte nur seinem Freund und Partner beim Renovieren seines Ferienhauses helfen und gerät unfreiwillig in den Sog der Ereignisse. Durch seine Liebe zur schönen Ismene wird er immer tiefer in das komplizierte Geflecht der Dorfgemeinschaft hineingezogen. In einem Kampf auf Leben und Tod gegen die globale Investmentmafia tritt Peter Gernot für die Umwelt ein.

Ein Buch für das Urlaubsgepäck!
Aus Kapitel 1:   
Wenn die Lerche ruft  ---  

Sie kennen das Gefühl: Ich hätte am liebsten die ganze Welt vors Gericht geschleppt. Das Detektivgeschäft kann so aufregend sein wie eine Talkrunde im Fernsehen am Sonntagabend. Ich hatte mein Geschäft gründlich satt. Deswegen entschloss ich mich dazu, meinen Freund und Partner Mario Paresi in der Provence zu besuchen. Aber das ist nicht der Kern der Geschichte. Dass ich dabei mein Damaskus erlebte, war nicht vorauszusehen. Leute, die sich darin auskennen, haben einmal gesagt, dass unsere Erde eine Leihgabe ist. Sie verpflichtet uns, sie unversehrt an die nächste Generation weiterzugeben. Ein Gedanke fürs Poesiealbum. Stephane Hessel bringt es besser auf den Punkt: „Noch fünfzig Jahre weiter so, dann ist die Erde nicht mehr lebenswürdig.“ Dies impliziert die Frage: Was tust du dagegen? Meine Bilanz war nicht besonders gut.
Am Ende dieser Geschichte sollte sie aber schon besser aussehen. Sie veränderte mich und mit mir ein paar Menschen. Einige davon waren mir lieb und teuer. Und ich zahlte dafür, wie es sich gehörte. Alle werden zahlen. So oder so.

Es fing damit an, dass ich gleich am Anfang den weißen Ritter spielen wollte und ich diese Rolle dann nicht mehr loswurde.
Es passierte auf der Fahrt von Paris nach Nizza. Ich fahre nicht gern mit der Bahn. Wenn es einen Gott der Schienen gibt, dann meint er es nicht besonders gut mit mir. Was daran deutlich wird, dass einmal mein Zug hinter Frankfurt entgleiste und mich mit dem Glas geplatzter Fensterscheiben überschüttete. Ein verdammt mulmiges Gefühl, wenn man sieht, wie sich die Fenster nach innen wölben und wie Türen aus den Angeln springen. Welcher Unsinn einem dann durch den Kopf geht. Ich dachte an die Blues Brothers und den Augenblick, als ihr Haus von einer Panzerfaust getroffen wird. Das andere Mal stürzte ich lang hin, als der ICE in den Stuttgarter Bahnhof einfuhr. Ich hatte nicht bedacht, dass der Zug sich vorher noch in eine Kurve legte. In Hamburg verstauchte ich mir den Knöchel, als ich den Bahnsteig betrat und in Berlin holte ich mir eine schwere Erkältung, als ich zwei Stunden auf meinen Zug warten musste. Nein, die Bahn ist nicht das von mir bevorzugte Verkehrsmittel. Deswegen lege ich selbst weiteste Entfernungen lieber mit meinem guten alten Triumph zurück, einem englischen Oldtimer aus den sechziger Jahren. Serena, meine frühere Sekretärin, behauptete immer, dass ich die alte Kiste mehr lieben würde als die Frauen, was natürlich eine hoffnungslose Übertreibung ist.

Doch diesmal hatte ich mich für den TGV entschieden – und alles kam ganz anders als erwartet. Es passierte etwas so Ungewöhnliches, dass ich auf dem Bahnhof von Lyon eine Lerche hörte. Richard Wagner hätte in einer Oper wenigstens durch den Chor angedeutet: Walle, walle, Unheil naht. Doch weder ein wagnerianischer Chor noch eine Wahrsagerin aus den griechischen Tragödien meldete sich. Stattdessen begegnete ich der ewigen Göttin, der Inkarnation von Isis, Aphrodite oder Athene. Wenn Sie damit nicht viel anfangen können, dann stellen Sie sich Penelope Cruz vor und Sie haben ein ungefähres Bild davon, was meine Verwirrung auslöste. Jedenfalls legte sich bei mir sofort ein Schalter um. Dabei gehöre ich nicht zu den schwärmerischen Typen, was schon mein Beruf verlangt. Mit fast vierzig Jahren kann man mich als gestandenes Mannsbild bezeichnen, das bereits ein paar Illusionen abgelegt hat. Meinen Körper habe ich mit einigen asiatischen Sportarten in Form gebracht. Wenn ich auch nicht wie Ken, der Partner von Barbie, aussehe, so bin ich doch der blonde Typ mit den grauen Augen, von dem sich alte und junge Damen gerne den Abfalleimer runterbringen lassen. Mit festen Beziehungen hatte es aus unterschiedlichen Gründen bisher nicht geklappt, doch nun mischten sich eine der bereits angeführten Göttinnen ein. Die Überraschung gelang ihnen gründlich.
Ich hatte mir ein paar schöne Tage in Paris gegönnt. Louvre, Musée d’Orsay, Opéra, Harry’s Bar, das ganze Programm also. Von Paris kann ich nie genug bekommen. Ich hatte in bittersüßen Erinnerungen geschwelgt: An meinen ersten Parisbesuch, an die Zeit der schwarzen Gauloises und des knurrenden Magens, den ich mit Käse-Tomaten-Baguettes beruhigte, und an die unwiederbringlichen Momente in den Jazzkneipen im Quartier Latin. Heute wird dort kein Jazz mehr gespielt und statt Chet Baker hört man nur die Rufe von Griechen und Türken, die einen dazu ermutigen, ihr fettiges Gyros zu kaufen. Irgend so ein Wahnsinniger hat mir einmal ins Ohr geflüstert, dass die Erinnerungen die Pralinen des Alters sind. Vom Altern hatte der Typ keine Ahnung.
Nun saß ich im TGV nach Nizza, wo ich mir einen Wagen mieten wollte, um nach Châteauromain zu fahren, wo Mario Paresi, Partner, Philosoph und Bruder im Geist, sich ein Ferienhaus gekauft hatte. Ich wollte ihm dabei helfen, es wieder auf Vordermann zu bringen. Er hatte mir von einem himmlischen Tal vorgeschwärmt, umringt von Weinbergen unter einer Sonne, die sich niemals versteckte. Nicht mal eine Stunde von Aix-en-Provence entfernt, sei es würdig, von Cezanne gemalt oder von Balzac besungen zu werden. „In Châteauromain ist die Welt noch in Ordnung. Man lebt in einer anderen Zeit“, waren seine Worte gewesen.
Um dies zu genießen, brachte ich die richtige Stimmung mit. Endlich brauchte ich mich nicht um Fremdgänger oder Industriespione zu küm-mern, was das übliche Brot einer Detektei ist, auch wenn ich bereits in einige Fälle verwickelt gewesen war, die mich das Höllenfeuer hatten spüren lassen.
Nun kennen Sie meine Profession. Mein Name ist Peter Gernot, der uneheliche Sohn des Bautycoons Gernot, der ein Hoch- und Tiefbauunternehmen zu einem mächtigen internationalen Konzern ausgebaut hat. Als mein Vater das Zeitliche segnete, habe ich mich geweigert, den Laden zu übernehmen und das Geschäft meiner Stiefschwester überlassen, was kein Fehler gewesen war. Sie macht ihre Sache sogar besser als mein Erzeuger und brauchte sich dafür nicht einmal mit dem Teufel einlassen. Ich lebe gut von der jährlichen Dividende, die Hoch- und Tiefbau abwirft und brauche deswegen nicht jeden Auftrag zu übernehmen, der mir angetragen wird. Kurz: Dank der Erbschaft bin ich nicht ganz mittellos, worüber sich einige Konkurrenten nicht beruhigen können. Da ich faul bin und auch sonst keine besonderen Fähigkeiten habe, verfiel ich auf den Gedanken, ein Detektivbüro in Berlin aufzumachen. Seit Mario dabei ist, der unsere Zweigniederlassung in Rom leitet, können wir beide sogar davon leben. Mario bringt seine italienische Schlitzohrigkeit und seine Beziehungen zu den Geheimdiensten dieser Welt in das Geschäft ein, ich meine zwei Meter und hundert Kilo Muskelmasse sowie, wie schon angeführt, ausreichende Kenntnisse in asiatischen Kampfsportarten. Entgegen übelwollender Kritik bin ich kein Rambo, sondern ein meist friedlicher Zeitgenosse, den ein schöner Satz von F. Scott Fitzgerald oder William Faulkner in Verzückung bringen kann. Nun wissen Sie, wes Geistes Kind ich bin, und Mario, als ehemaliger Chef der Vatikanpolizei, füttert mich mit den Weisheiten des Platon, Sokrates und Franz von Assisi, so dass ich durch ihn und viel Lesen eine gesunde Halbbildung erhalten habe. Den ‚Hamburger Jung‘ kann ich jedoch nicht verleugnen. Da mein Vater mich erst spät anerkannte, war meine Jugend in St. Pauli nicht gerade von bürgerlichen Idealen geprägt, wodurch ich mich schnell auf alle Milieus einstellen kann.
Zu meinen nicht so tollen Eigenschaften gehört, dass ich manchmal „Bauchentscheidungen“ fälle, die sich nicht so günstig auf mein Wohlbefinden auswirken. Es führte zum Beispiel dazu, dass ich mich nach Afghanistan begab, um meinen Halbbruder aus den Händen einiger Drogendealer zu befreien. Die Taliban sorgten dafür, dass ich meine Liebste und Faiz, meinen besten Freund verlor. Es befreite mich auch von ein paar Illusionen über den Sinn des Bundeswehreinsatzes am Fuße des Hindukusch. Nichts ist dümmer als die Begründung, dass dort die Freiheit der Bundesrepublik verteidigt wird.
Was mich außerdem zu einem nicht so ganz angenehmen Zeitgenossen machen, ist meine mangelnde Geduld und Toleranz. Ich kann mich nur schlecht verstellen und wen ich für einen „Sesselfurzer“ oder „Schlaumeier“ halte, der bekommt es auch zu spüren.
Ich weiß, dass Sie endlich wissen wollen, was nun zum Teufel auf der Fahrt nach Nizza passiert ist. Es geschah in Lyon. Wir hatten hier zehn Minuten Aufenthalt. Ich war aus dem Zug gestiegen, um mir am Kiosk den Spiegel zu kaufen. Bis dahin hatte ich allein im Abteil gesessen und mich mit Faulkners Absalom beschäftigt. Die Geschichte eines Mannes, der die Natur und die Menschen vergewaltigte und dem das Missgeschick zustieß, einen Sohn zu viel gezeugt zu haben. Er zahlte dafür. Am Ende meiner Geschichte werden Sie vielleicht zu der Erkenntnis kommen, dass wir alle auf einen Zahltag zusteuern. Machen Sie sich da nur keine Illusionen.

Ich wollte gerade wieder in meinen Waggon steigen, da sah ich ein Mädchen, dessen Anmut und Schönheit mich betroffen machte und in genau diesem Augenblick hörte ich über der in den Zug drängenden Menge eine Lerche. Ich weiß auch, dass dies ganz schön schräg klingt. Was haben Lerchen auf einem Bahnhof zu suchen? Die Schöne war gerade im Begriff, vor mir in den Waggon zu steigen, als ein baumlanger Kerl sie zur Seite drängte, so dass sie ins Stolpern kam und beinahe zwischen Bahnsteig und Zug auf die Schienen gefallen wäre. Ich riss den ungehobelten Kerl zurück und wollte ihm Manieren beibringen, aber er ließ sich auf keinen Kampf ein und verdrückte sich seitlich in der Menge. Leider machte keiner Anstalten ihn aufzuhalten. Ich zog das Mädchen hoch und bekam ein Lächeln, das jedem Papst die Abkehr vom Zölibat eingegeben hätte.
„Ist Ihnen etwas passiert?“, erkundigte ich mich etwas dümmlich.
Mein Französisch ist alltagstauglich, wenn man es auch in einem Salon gewiss naserümpfend als ‚cochon français‘ bezeichnen würde.
Sie schüttelte den Kopf und klopfte sich die Kleidung ab.
„Vielen Dank. Es geht schon.“
„Kannten Sie den Kerl?“
„Nein. Ich habe gar nicht gesehen, wie er aussah. Plötzlich fühlte ich einen Stoß und schon lag ich auf dem Bahnsteig. Manche Leute haben keine Manieren.“
„Er war nicht älter als Dreißig. Sehr grobschlächtig. Leider hat er gleich das Weite gesucht.“
Ein Pfiff ertönte. Der Lautsprecher dröhnte. Wir mussten einsteigen.
„Nochmals vielen Dank, Monsieur.“
Im Gedränge auf dem Gang verlor ich sie aus den Augen. Ich ging in mein Abteil und blätterte im Spiegel. Ich vermochte mich nicht zu konzentrieren. Meine Gedanken glitten immer wieder ab, zu dem Augenblick, als ich glaubte, eine Lerche zu hören. Die Tür des Abteils glitt zur Seite. Sie trat ein und sah mich erfreut an.
„In der 2. Klasse ist alles besetzt. Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
Ich stotterte ein „Oui, oui“, wies auf den Platz mir gegenüber und half ihr das Gepäck zu verstauen. Mein Blutdruck hätte jedes Messgerät außer Gefecht gesetzt. Ich habe keinen Zweifel, dass es Ihnen bei diesem Anblick nicht anders ergangen wäre. Ein Gesicht, das dem großen Leonardo den Gedanken an das Lächeln von Mona Lisa eingegeben hätte. Die alten Griechen wären für sie ein zweites Mal nach Troja gesegelt. Ein ovales Gesicht unter leicht welligem tiefschwarzem Haar. Eine gerade, vielleicht etwas zu lange Nase, große dunkle Augen und ein schön geschwungener Mund mit einer leicht vorgewölbten Unterlippe. Sie trug eine weiße Bluse und sah so frisch und unschuldig aus wie der Tau auf den Blättern der Olivenbäume früh am Morgen. Doch genug der Schwärmerei, sonst glauben Sie noch, dass mir die Pferde durchgegangen sind. Zugegeben, sie waren mir durchgegangen.
An den Füßen hatte sie Espadrilles. Unter dem langen schwarzen Rock verbargen sich endlose Beine. Sie mochte um die einsachtzig groß sein.
Der Zug nahm Fahrt auf. Es ging nun mit dreihundert Stundenkilometer dem Süden entgegen. Sie stand auf und ich half ihr, die große Tasche aus der Gepäckanlage zu heben. Sie belohnte mich mit einem Leonardolächeln und einem „Merci“, schnell und klar wie die Stimme von Patricia Kaas. Sie entnahm der Tasche ein Buch und gemeinsam hievten wir die Tasche wieder nach oben. Das Buch hieß ‚Le premier homme‘, auf Deutsch ‘Der erste Mensch‘, und war ein verdammt gutes Buch aus dem Nachlass von Camus. Ich lobte das Buch und sie nickte. Ihr Blick fiel auf meinen Faulkner auf der Fensterbank und ihr Urteil fiel genauso enthusiastisch aus. Wir mussten beide über die Übereinstimmung lachen.
„Sie sind Deutscher, nicht wahr?“, sagte sie in meiner Muttersprache. Dies ist mir schon öfter passiert. Jeder Ausländer, der mich sieht, identifiziert mich sofort als Deutschen. Kein Wunder. Deutscher kann man nicht aussehen. Wenn ich es mir hätte aussuchen können, wäre ich lieber der romanische Typ gewesen. Als Ausgleich verknallte ich mich stets in Frauen, die den italienischen Madonnen ähnelten.
„Sie können Deutsch?“, fragte ich überflüssigerweise.
„Meine Mutter war Bayerin, mein Vater ist Provenzale.“
Von einem bayerischen Mädchen hatte sie so rein gar nichts an sich. Ich war deswegen nicht unglücklich. Wir schwiegen eine Weile verlegen und sahen zum Fenster hinaus. Draußen veränderte sich das Landschaftsbild. Zypressen träumten in der Mittagssonne. Wir traten in die Welt der Griechen ein, die die Provence ja bereits lange vor den Römern kolonisiert hatten. Ich widmete mich wieder dem Spiegel. Seit ich in Frankreich war, schien nichts Aufregendes passiert zu sein. Ich legte das Heft beiseite und nahm das Buch wieder auf.
„Sie lieben Faulkner?“, fragte sie.
Ich nickte eifrig, glücklich, dass sie das Gespräch wieder aufnahm.
„Einer meiner Lieblingsautoren. Ich habe alle Bücher von ihm. Wie sagte Sartre: ‚Faulkner ist ein Gott‘.“
„Oh ja, Sartre sagte viel und manchmal war darunter Unsinn“, antwortete sie mit amüsiertem Lächeln. „Auch ich liebe Faulkner. Mein Lieblingsbuch von ihm ist Licht im August. Schon den Anfang finde ich wunderbar: Wie Lena sich darüber wundert, wie weit sie bereits gekommen ist, wirft einen Blick in ihre Seele. Ich liebe auch die Erzählung Der Bär.“
„Ja. Das ist eine großartige Geschichte. Obwohl es eine Jagdgeschichte zu sein scheint, ist es doch eine Aufforderung, der Natur respektvoll zu begegnen und für sie zu kämpfen.“
„Ja. Aber wir kämpfen nicht für sie.“ Sie seufzte.
Am liebsten hätte ich sie berührt.
„Ich war noch nie in Amerika“, setzte sie übergangslos hinzu. „Und Sie?“
„Ich kenne den Süden ganz gut. Alabama, Tennessee, Louisiana.“
„Sie kennen das Faulkner-Land?“, stellte sie überrascht fest.
Ihre Augen wurden immer größer. Wie gern tauchte ich in sie hinein. Mein Gott, betete ich, lass mich bei dieser Frau alles richtig machen. Da-bei wusste ich nicht einmal ihren Namen, und ein Kirchgänger bin ich eigentlich nicht gerade.
„Dann waren Sie auch in Memphis?“
„Ja. Auch in Oxford, Mississippi, und in South Carolina, am Grab von Thomas Wolfe. Übrigens, darf ich mich vorstellen: Mein Name ist Peter Gernot, aus Berlin.“
„Ismene Céline, wie der Schriftsteller, der …“
Sie brach ab und deutete mit dem Kopf an, dass sie über die Namensgleichheit nicht sehr glücklich war.
„Auch große Schriftsteller können sich schrecklich verirren. Ismene, was für ein schöner Name.“
„Es kommt noch besser: Meine Schwester heißt Antigone. Mein Vater ist ein Liebhaber der alten griechischen Dramen und wir müssen es ausbaden. Die ganze Stadt nennt uns die Griechinnen“, ergänzte sie lachend.
„Als ich Sie auf dem Bahnhof sah, glaubte ich eine Lerche zu hören“, gestand ich und hätte mich gleich darauf ohrfeigen können. Ich spürte förmlich, wie ich einen roten Kopf bekam.
„Eine Lerche auf dem Bahnhof?“, fragte sie ungläubig.
Ich nickte etwas blöde.
„Vielleicht hat das etwas zu bedeuten“, sagte sie hell lachend. „Waren Sie auch in New Orleans?“
Ich war froh, dass sie wieder auf Amerika zurückkam.
„Ja. Aber vor der großen Flut.“
„Ist es dort so wie in Faulkners Büchern?“
„Nein. Es ist schon interessant. Das schon. Aber Faulkner streicht nicht mehr durchs French Quarter. Es ist zu einer Amüsiermeile verkommen. Billige Bars, Sexshops. Selbst der Jazz klingt nicht mehr echt. Louis Armstrongs Trompete ist nicht mehr zu hören.“
„Alles vergeht!“, stimmte sie traurig zu, um dann trotzig hinzuzusetzen: „‚Nur die Erde bleibt ewiglich‘, sagte Faulkner. Aber selbst das ist nicht sicher“, korrigierte sie sich. „Wenn die Menschheit so weitermacht, wird sie in ein paar Generationen die Erde verlassen müssen. Deswegen sollten wir um sie kämpfen. Kennen Sie die Flugschrift Der kommende Aufstand?“
„Nein. Nie gehört.“
„Ein geheimes Komitee prophezeit den Untergang unserer Zivilisation, wenn wir so weitermachen. Man muss Partei ergreifen.“
„Und was kommt nach dem Aufstand?“, fragte ich, was gemein war, denn es konterkarierte ihren Enthusiasmus. Mach so weiter, schalt ich mich, so kommst du mit Sicherheit nicht weiter. Aber sie nickte nachdenklich.
„Das genau ist die Frage. Ich weiß es nicht. – Machen Sie Urlaub an der Côte d’Azur?“
„Nein. Mein Freund Mario Paresi hat ein Haus in Châteauromain gekauft. Ich will ihm beim Renovieren ein wenig zur Hand gehen.“
„Ach, welch ein Zufall!“, sagte sie und klatschte vor Freude in die Hände. „Ich bin aus Châteauromain. Mario Paresi ist Ihr Freund? Sie müssen wissen, in Châteauromain kennt jeder jeden. Mario ist schon jetzt sehr beliebt bei uns.“
Ich staunte wie ein kleiner Junge bei der Bescherung am Heiligen Abend. Sie kannte Mario. Ismene lachte über mein überraschtes Gesicht.
„Unsere Stadt ist nicht sehr groß. Wenn sich ein Fremder bei uns niederlässt, ist dies eine kleine Sensation, die tagelang für Gesprächsstoff sorgt.“
Ich brachte nichts Schlaueres heraus als ein „Wie klein doch die Welt ist!“. Doch ich fasste Mut und sah nun eine Möglichkeit unsere Bekanntschaft auszubauen.
„Ich miete mir in Nizza ein Auto. Gern nehme ich Sie nach Châteauromain mit.“
Manchmal kann selbst ich in Liebesdingen sehr fix sein. Ich hatte mich in diese Frau mit den dunklen Augen und dem Leonardolächeln Hals über Kopf verliebt. Ich wollte alles versuchen, ihr näher zu kommen.
„Sehr gern“, sagte sie schlicht.
„Hatten Sie beruflich in Lyon zu tun?“
„Nein. Ich bin nichts Besonderes. Ein Bauernmädchen halt. Mein Vater hat ein kleines Weingut. Ich bin für unseren Laden in Châteauromain zuständig. Ich verkaufe Wein, aber auch Olivenöl, Olivenseife, Lavendelhonig, Töpfereien. Alles, was Touristen so mögen. Ich war in Lyon bei den …“ Sie stockte und fuhr dann lächelnd fort: „Bei euch in Deutschland heißen sie Die Grünen. Ich wollte die copains für eine Demonstration in Châteauromain begeistern.“
„Demonstration?“, fragte ich erstaunt.
„Ja, mein Onkel Cesare Kreone will mit einer Investorengruppe ein Resort mit einem riesigen Golfplatz in Châteauromain bauen. Ein Resort für die Superreichen, ein Fünfsternehotel mit Spielcasino, Restaurants, Bungalows und Boutiquen. Es würde unsere Gegend total verändern … und wir würden uns verändern. Ein Fünfsternehotel mit Spielcasino wird Leute anziehen, die unsere kleine Stadt zu einem St. Paul de Vence machen. Alles Ursprüngliche würde verloren gehen. Zudem soll das Resort auf einem Hügel gegenüber der Stadt errichtet werden, wo die Reste eines alten Tempels stehen. Le Temple soll das Hotel heißen. Mein Onkel ist der Bürgermeister von Châteauromain. Er hat bei uns das Sagen. Er ist seine nicht mehr sehr ertragreichen Weinberge bereits an die Investoren losgeworden. Aber das Land reicht nicht für das, was sie vorhaben. Sie brauchen noch mehr Land, was unsere Stadt in zwei Parteien zerrissen hat. Die einen erhoffen sich von den Plänen Kreones gutes Geld für ihr Land oder bessere Geschäfte und zudem Arbeitsplätze, die anderen haben Angst, ihre Heimat zu verlieren. Denn allen ist klar, Châteauromain wird nach dem Bau des Resorts nie mehr so sein wie es einmal war. Es wird schwer sein ihn zu stoppen, weil er die Politik hinter sich hat.“
„Wenn er ihnen sein Land bereits verkauft hat, was treibt diesen Kreone dann noch an?“
„Er will für das Parlament aufgestellt werden. Dafür muss er sich in Paris als Mann des Fortschritts präsentieren und zeigen, dass er Arbeitsplätze geschaffen hat. Aber wir geben nicht auf. Wir kämpfen weiter.“ Ein zaghaftes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Das wird sicher nicht einfach werden.“ […]

Über den Autor

Simon, Heinz-Joachim

Simon, Heinz-Joachim

Heinz-Joachim Simon lebt in der Nähe von Stuttgart. Er war Inhaber einer renommierten Werbeagentur und Verfasser zahlreicher Sachbücher zur Unternehmensführung. Seit 2004 konzentriert er sich ausschließlich auf sein literarisches Schaffen und schreibt historische und... mehr über den Autor

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