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Leah. Eine Liebe in Hamburg

Leah. Eine Liebe in Hamburg

Autor: Flohr, Karsten

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 228

Sprache: deutsch

Auflage: 1

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862823765

Einband: Paperback

EUR 12,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
  • Rezension
„Wir werden ewig leben“, sagte ich. – „Keiner lebt ewig“, antwortete sie. „Nicht hier auf der Erde.“

Seit ihrer Geburt im Tabea-Krankenhaus in Blankenese sind Leah und Johannes unzertrennlich. Der Sohn eines Hafenarbeiters und die Tochter aus einer reichen Reederfamilie glauben zunächst noch daran, dass ihre Liebe sich stärker als der Tod erweist.
Doch Leah ist Jüdin und ihre unbeschwerte gemeinsame Zeit endet jäh, als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergreifen. In seinen Tagebüchern hält Johannes die wertvollen Momente mit ihr fest – bis Leah eines Tages verschwindet.
Erst viele Jahrzehnte später erzählt Johannes seinem Enkel von dieser einen großen Liebe …


Karsten Flohr lässt die dramatische Handlung vor der realistischen Kulisse der Hamburger Elbvororte und des Grindelviertels („Klein Jerusalem“) aufleben. Diese traurige und doch versöhnliche Liebesgeschichte ist eigentlich nichts Außergewöhnliches: Ihr Ende gleicht dem vieler unglücklichen Liebesgeschichten jener Unzeit – doch gerade deshalb ist diese Geschichte so erzählenswert.
Aus Kapitel 1: Wir werden ewig leben

Mittwoch, 8. April 1928

Heute habe ich von Großvater ein Tagebuch bekommen. Es ist rot und dick und hat Seiten mit Linien. Es ist sein Geburtstagsgeschenk für mich, weil ich ja schon schreiben kann. Aber ich muss nicht jeden Tag etwas schreiben, sagt er, nur wenn ich will. Mama und Papa sagen, Jungen brauchen kein Tagebuch, das haben nur Mädchen. Sie haben mir einen Osterhasen aus Blech geschenkt. Weil mein Geburtstag an Ostern ist. Er hat einen Schlüssel im Rücken, den man aufziehen kann. Und er hat blaue Ohren und lacht. Er ist lustig. Morgen schreibe ich wieder. Großvater hilft mir, aber ich kann schon viel selber schreiben. Er radiert die Fehler aus und macht sie richtig.

Donnerstag, 9. April 1928

Wir waren gestern bei Leah. Weil sie am selben Tag Geburtstag hat wie ich und genauso alt ist wie ich. Nämlich sechs. Ihre Mutter hat uns eingeladen – mich und Mama dazu. Ich musste mich waschen vorher und den neuen Pullover anziehen. Und Haare kämmen. Die Lieblings mögen keine kaputten Sachen, hat Mama gesagt. Sie sind anders als wir, da muss alles heil sein. Leah hat einen Kaufmannsladen bekommen, wir haben damit gespielt. Und sie hat ein neues Kleid. Ihre Mutter und meine Mama haben zusammen Tee getrunken. Das tun sie nur an unserem Geburtstag, sonst macht meine Mama bei Leahs Mutter sauber. Wir waren nicht lange da, weil dann anderer Besuch gekommen ist.

Sonnabend, 5. Mai 1928

Mama hat mich heute wieder mitgenommen zu den Lieblings. Damit ich nicht allein sein muss. Großvater war nämlich nicht zu Hause. Ich habe mit Leah gespielt in ihrem Zimmer. Das ist groß, und man sieht die Elbe. Leah sagt, ihre große Schwester hat jetzt einen Freund zum Ausgehen und Tanzen, aber sie hat mich. Für immer. Und ich sie. Wir haben gelacht, und ihre Mutter hat ins Zimmer geguckt und gesagt, ihr seid ja so lustig, und dass sie auch mal lustig sein möchte. Da haben wir gesagt, sie soll mitspielen mit uns, aber sie musste in die Küche. Als meine Mama fertig war mit Saubermachen, sind wir zu Fuß nach Haus gegangen, an der Elbe entlang. Es war so warm wie im Sommer und die Leute waren aufgeregt. Manche rannten herum.

*

Wie fast jeden Freitagabend saß ich, Bernhard Bluhm, neben meinem Großvater, Lehnstuhl neben Lehnstuhl, mit Blick aus dem Fenster. Alles war wie immer : Draußen begann es zu dämmern, die Flasche Rotwein leerte sich, Johannes – so heißt mein Großvater, Johannes Bluhm – musste seine Zigarre in kürzer werdenden Abständen neu anzünden. Nur eines war anders als sonst : Heute ließ er mich zum ersten Mal in seinen Tagebüchern lesen.
„5. Mai 1928“, sagte ich und legte das Tagebuch aus der Hand, „war das der Tag, an dem es in Altona fünf Tote gab bei den Straßenschlachten ?“
Johannes zuckte die Achseln. „Wie viele, weiß ich nicht“, antwortete er. „Aber zwei davon waren Bekannte meiner Mutter Clara. Sie hat davon erfahren, als wir zu Hause ankamen. Wir kamen fast zur gleichen Zeit heim wie mein Großvater Friedrich. Er erzählte es ihr. Er war gerade in Altona gewesen, um Holz für seine Werkstatt zu besorgen. Er hat Glück gehabt, dass er nicht mitten hinein geraten ist in die Prügeleien. Die Braunen und die Roten haben diesmal nicht nur mit Stuhlbeinen aufeinander eingeschlagen, sondern es wurde geschossen. Zum ersten Mal. Friedrich konnte sich gerade noch in die „Hirschquelle“ retten, das Lokal der Kommunisten. Dann waren sie alle auf der Straße, die Braunen hatten sie hinausgetrieben. Am Ende sah die Straße aus wie nach einem Krieg. Nicht nur die Roten bluteten, auch drei Nazis blieben liegen. Unter den Roten waren zwei Freunde von Clara. Friedrich hat sie erkannt, aber die Polizei ließ ihn nicht an sie heran. Einer lebte noch, hat er gesagt. Der ist erst später gestorben.“
„Was hat Clara gemacht ?“
„Sie ist sofort wieder los, hat Friedrich gebeten, bei mir zu bleiben, bis Vater von der Schicht im Hafen nach Hause kam. Wir sind dann in Großvaters Werkstatt gegangen, hinten im Garten. Er war immer noch der beste Tischler in Blankenese und hatte viel zu tun, obwohl er eigentlich schon aufgehört hatte zu arbeiten. Er restaurierte Möbel. Meine Eltern konnten das Geld gut gebrauchen.
Wir haben nicht viel gesprochen – im Gegensatz zu sonst. Er hat eine Zigarette nach der anderen geraucht, der kleine Raum war völlig verqualmt. Friedrich hat ein Tischbein gedrechselt und gesagt, heute wollen wir mal nicht reden, ich solle etwas in mein Tagebuch schreiben und es ihm dann später zeigen.“
„Von den Ausschreitungen hast du nichts geschrieben“, stellte ich mit einem Blick ins Tagebuch fest.
„Nein, ich habe das alles ja auch nicht gleich verstanden. Ein Sechsjähriger, der zwar schon schreiben, aber ansonsten gerade über die Tischkante gucken kann – was stellst du dir denn vor  ! Mir ist das erst später alles erklärt worden. Außerdem war ich noch ausgefüllt von unserem Nachmittag bei den Lieblings. Ich sah Leah zwar häufig, aber nicht jeden Tag. Meine Mutter hat dreimal pro Woche bei den Lieblings sauber gemacht, Wäsche gewaschen und Einkäufe erledigt, aber ich durfte nicht jedes Mal mit. Das war schließlich ein wirklich vornehmer Haushalt, eine der ersten Adressen in Hamburg. Alte Reeder-Dynastie. ‚Die Herrschaften‘, sagte meine Mutter Clara immer. ‚Wir wollen die Herrschaften nicht über Gebühr beanspruchen.‘ Und das aus ihrem Mund, als Kommunistin !“
„Wie sah Leah aus ?“
„Es gibt kein Foto aus der Zeit. Aber wenn ich sie sah, wurde mir warm am ganzen Körper. Von Anfang an war das so. Und wir kannten uns sozusagen seit dem Tag unserer Geburt, Ostern 1922, wir kamen beide im Tabea-Krankenhaus in Blankenese zur Welt. Wie sie aussah ? Sie war klein, zart, hatte dickes schwarzes Haar, große dunkle Augen. Wenn Leah mich beim Spielen ansah, konnte ich mich manchmal nicht mehr bewegen. Es war wie eine Lähmung. Ja, unter ihrem Blick wurde ich bewegungsunfähig. Aber ich litt nicht dabei, im Gegenteil. Ich wollte, dass sie mich immer so ansah. Und wenn ich ihr das sagte, legte sie ihre kleine weiße Hand auf meine und antwortete : ‚Das tue ich ja. Ich sehe dich an, so lange du willst, solange wir leben.‘ – ‚Das wird dauern, wir werden ewig leben‘, sagte ich. – ‚Keiner lebt ewig‘, antwortete sie. ‚Nicht hier auf der Erde.‘ – ‚Ist mir egal, wo‘, sagte ich und rührte mich nicht. Sie ließ ihre Hand auf meinem Arm liegen, als ihre Mutter hereinkam und uns einen Teller mit Weihnachtskeksen brachte. Beim Hinausgehen strich sie jedem von uns über den Kopf. ‚Ihr beiden werdet ewig leben‘, sagte sie. ‚Guten Appetit, die hat Ida gebacken.‘“
„Ich dachte, Ida war dement ?“, warf ich ein.
„Erstens gab es dieses Wort damals noch nicht, also konnte sie es auch nicht sein. Und zweitens konnte Ida sehr wohl ein paar Dinge. Genau gesagt zwei, und das erstklassig : Weihnachtskekse backen und Henkel annähen. Deshalb gab es bei den Lieblings rund ums Jahr frische Weihnachtskekse und niemand lief mit abgerissenem Henkel in der Jacke herum. Ich übrigens auch nicht.“
„Sie hat auch deine Henkel angenäht ?“
„Ja. Leah hat sogar manchmal meinen Henkel absichtlich abgerissen. Damit ihre Großtante sich freut. Dann sind wir zu Idas Zimmer hinaufgestiegen und haben ihr die Jacke gegeben. Sie hat mich angestrahlt und Leah gebeten, ihr das Nähzeug zu holen. Ich war dann immer einen Moment allein mit ihr im Zimmer. Ein großer Raum mit dem schönsten Blick auf den Fluss von allen Zimmern dieses riesigen Hauses. Leider hatte sie meistens die schweren dunklen Vorhänge zugezogen. Es roch dort sauer, obwohl alles sauber war. Manchmal zog sie mich zu sich heran und sagte mir, was für ein netter Junge ich sei. Dann war der Geruch besonders stark. Leah beeilte sich deshalb mit dem Nähzeug. Wenn sie ins Zimmer zurückgelaufen kam, war es wie eine Befreiung für mich. Es war nicht nur der Geruch, Leahs Großtante war mir unheimlich. ‚Dann wollen wir mal deinen Henkel anmachen !‘, rief sie voller Vorfreude. Sie strahlte dabei wie eine junge Frau, dabei war sie 83. Wenn sie mir die reparierte Jacke später wieder aushändigte, sah sie wieder deutlich älter aus. Und auch ein wenig traurig. Clara hat von diesen Dingen zum Glück nichts gewusst. Sie wäre außer sich gewesen, wenn sie erfahren hätte, dass eine Dame aus dem Hause Liebling ihrem Sohn die Henkel annäht.“



Aus Kapitel 8: Er macht noch immer einen Schnullermund

Freitag, 6. August 1937

In der Mittagspause bin ich in den Baurs Park gegangen, habe mich auf eine Bank gesetzt und mein Brot gegessen. Gestern war der erste Fußballnachmittag gewesen. Ich habe kein Geld für neue Fußballschuhe, deshalb habe ich die alten Turnschuhe aus der Schule angezogen, wo die Sohle am linken Fuß vorn herunterhängt. Aber ich brauchte ja nicht zu laufen, sondern nur im Tor zu stehen. Ich hatte wenig zu tun. Drei Schüsse hielt ich, vier ließ ich durch. Sie waren trotzdem zufrieden mit mir. Die vier seien unhaltbar gewesen, sagten sie. Kurz vor Schluss rannte mich noch unser Schichtführer um und trat mir auf das Fußgelenk. Er hat sich eine Hand verknackst und ich den rechten Fuß. Für ihn ist es schlimmer als für mich, denn als Setzer arbeiten wir ja mit der Hand und nicht mit dem Fuß. Der Zusammenprall war am nächsten Tag Gesprächsthema in der ganzen Setzerei, es nahmen mich auch diejenigen wahr, die sonst meinen Namen nicht wussten. Sie hielten mich wohl für einen harten Kerl.
Als ich gerade wieder zurückgehen wollte, winkte mir von der anderen Straßenseite jemand zu. Es war eine ältere Dame, sie hatte einen Einkaufskorb in der Hand. Sie blieb stehen, hielt die Hand über die Augen, fixierte mich und kam über den Rasen zu mir herüber. Es war Ida Dehmel.
„Darf ich ?“, fragte sie und ließ sich neben mir auf der Parkbank nieder. Ich war aufgestanden, um sie zu begrüßen, so stand ich auf einmal vor ihr, während sie saß. Sie sah zu mir auf und sagte : „Großer Bursche. Setzen Sie sich bitte, sonst bekomme ich einen steifen Hals vom Hochgucken.“
Als ich neben ihr saß, fixierte sie mich von der Seite. „Sie haben die Friedrich-Nase“, sagte sie. „Haben Sie auch seine geschickten Hände ?“
„Sie kannten meinen Großvater ?“, fragte ich.
„Eben jenen“, antwortete sie. „Er war einer der Ersten, den ich hier kennengelernt habe, als ich mit meinem zweiten Mann von Berlin nach Blankenese zog. Ihr Großvater hat unsere Betten gebaut. Kaum waren sie fertig, starb mein Mann. Sie waren beide gut, jeder auf seinem Gebiet. Haben Sie mal etwas von meinem Mann gelesen ?“
Ich verneinte. Ich wusste gar nicht, wer ihr Mann gewesen war.
„Ich bringe Ihnen bei Gelegenheit mal was von ihm zum Lesen. Würde mich interessieren, ob es Ihnen gefällt. Ich weiß ja, wo ich Sie finde. Oder ich geb’ es Judith mit, damit sie es Ihnen gibt. Ja, so mach’ ich es. Warum halten Sie Ihr Bein so schief ?“
„Fußball“, antwortete ich. „Verdreht. Wird schon wieder.“
Sie blickte aufmerksam auf meine Füße. „Judith und Leah – die beiden sind sehr verschieden“, sagte sie. „Finden Sie nicht auch ?“
Ich antwortete, dass ich Judith nur oberflächlich kenne. „Ich weiß aber, dass ihr vieles nicht passt“, sagte ich. „Beim Abendessen hat sie kürzlich eine Szene gemacht, wegen eines Tischgebets ihres Großvaters.“
Sie sah mich abschätzend an. „Ich glaube, Sie wissen noch nicht allzu viel von manchen Dingen. Brauchen Sie auch nicht, Sie beide sind sowieso anders, Leah und Sie, meine ich. Aber wir Frauen haben Grund genug, mehr als nur Szenen beim Abendessen zu machen.“ Sie lächelte. „Aber Sie wissen gar nicht, wovon ich rede, oder ?“ Das stimmte. „Ihr Großvater“, sagte sie. „Der war anders. Ich mochte ihn. Friedrich hätte niemals dem Herrgott dafür gedankt, dass er ihn nicht als Frau erschaffen hat.“
Ich sah sie verblüfft an. „Sie wissen also, worum es damals ging ?“
Sie nickte. „Judith ist noch am selben Abend zu mir gekommen. Sie hat sich so laut aufgeregt, dass meine Nachbarin rüberkam und fragte, ob alles in Ordnung bei mir sei. Judith ist in dieser Nacht nicht nach Hause gegangen. ‚Ich will das alles nicht‘, sagte sie. ‚Die haben selbst Schuld !‘“
Ich schwieg betreten, und sie fuhr fort : „Es gab ein Riesentheater, als ich sie am nächsten Tag nach Hause brachte. Es war ein Sonntag. Und dann kam der alte Elazar rüber. Sie standen sich in der Eingangshalle gegenüber und er sagte leise : ,Komm, wir fahren deine Mutter besuchen. Bitte, komm mit mir.‘“
„Wie geht es ihr wirklich ?“, fragte ich.
„Mal so, mal so“, antwortete sie. „Jedes Mal, wenn der Husten kommt, ist es schlimmer als beim Mal zuvor. Aber vielleicht wirken die neuen Medikamente ja doch noch. Dr. Corten ist der beste Arzt und ein Freund der Familie, er tut alles für sie.“
„Er hat sich auch um meinen Vater gekümmert“, sagte ich. „Indirekt zumindest, er hat einen Kollegen geschickt, der ihn behandelt hat, nachdem er in Fuhlsbüttel war.“
„Sie selbst waren auch in Fuhlsbüttel, nicht wahr ? Leah ist seit diesem Tag eine Andere geworden, sie ist plötzlich erwachsen. Schreckliche Dinge lassen Menschen vorzeitig erwachsen werden, manche jedenfalls. Träumen Sie noch davon ?“
Ich sah sie an, sie hat dunkle sanfte Augen, die mich durchdringend fixierten.

*

Wer ist denn dieser verstorbene Ehemann ? Hat sie dir Bücher von ihm gebracht ?“, fragte ich.
„Da oben.“ Johannes deutete auf sein Bücherregal. „Da stehen noch zwei. Sie hat vorne Widmungen für mich hineingeschrieben. Richard Dehmel war einer der großen Dichter zu Beginn des Jahrhunderts. Das Haus, in dem sie in Blankenese lebte, nennt sich das Dehmel-Haus. Nachdem er gestorben war, begann sie selbst bekannt zu werden. Sie hat viel für junge Dichter und Komponisten getan. Sie war Vorsitzende von Kunstvereinen, vor allem für Frauen. 1933 musste sie alle Ämter niederlegen.“
„Hat es ihr geholfen, dass sie konvertiert ist ?“
„Wenig, sie hat es auch nicht deshalb gemacht. Es ging ihr um andere Dinge, aber auch die Evangelisch-Reformierten enttäuschten sie. Sie hat sich 1942 das Leben genommen.“
„Und hat sie dir irgendwie geholfen, was das Schreiben betrifft, meine ich ?“
„Sie wusste von Leah, dass ich meine Tagebücher schrieb. Sie hat mir mehrere Male gesagt, ich solle damit nicht aufhören. Was damals geschah, würde in viel zu wenigen Tagebüchern festgehalten. Und sie fand, dass ich mich auszudrücken verstand.“
„Stimmt ja auch“, antwortete ich. „So viel wie du später geschrieben hast – das geht ja wohl nur, wenn man sich auszudrücken versteht. Du hast so viel über die Bücher anderer Leute geschrieben, warum hast du nie selbst Bücher geschrieben ? Oder zumindest diese Tagebücher veröffentlicht ?“
„Weil sie sich halt irrte. Ich kann mich eben nicht ausdrücken. Bücher anderer Leute rezensieren ist das Eine. Aber selbst schreiben, so dass andere verstehen, was man eigentlich will, das ist was ganz Anderes.“
„Man schreibt doch nicht, damit andere irgendwas verstehen“, sagte ich und stand auf. „Ich dachte immer man schreibt Bücher, weil man sonst platzen würde. Oder so. Weil es raus muss. Und wenn es dann draußen ist, dann ist es gut.“
Zum ersten Mal seit langem lachte Johannes, er lachte laut und ausgiebig. „Ich habe oft gedacht, mir platzt der Kopf, das stimmt, ja“, sagte er. „Aber nicht, weil darin irgendwelche Bücher waren, die raus wollten. Aber du hast Recht, die Tagebücher sind eine andere Sache. Vielleicht ist bald die Zeit reif dafür, dass es jemanden interessiert.“

Auf http://www.bibliofeles.de von Tanja Lottes (31.03.2015)


Geschichten, die in der Zeit des 2. Weltkriegs spielen, üben auf viele Menschen eine ungeheure Anziehungskraft aus – sei es aus informativem Interesse, morbider Faszination oder aus dem Anlass, dass die eigene Familie näher betroffen war. So komme auch ich an kaum einer Geschichte aus den 1930er/40er Jahren vorbei, und war sehr neugierig, als mich der Acabus Verlag über die Neuauflage von Karsten Flohrs “Leah. Eine Liebe in Hamburg” informierte.
Die Geschichte um Leah und Johannes liegt mir trotz der eher geringen Seitenanzahl von rund 200, und der Tatsache, dass der Klappentext bereits alles verrät, besonders am Herzen.
Das Buch ist größtenteils in Tagebuchform geschrieben, wobei der Protagonist als Kind durch seinen Großvater zu Schreiben beginnt. Über die ganze Zeit hinweg spielt die Freundschaft zur gleichaltrigen Leah eine ganz besondere Rolle, sodass die beiden später in ihrer Jugend sang- und klanglos ein Paar werden – als wäre es ihnen schon immer klar gewesen, ihr Leben zusammen zu verbringen. Neben den Tagebucheinträgen springt die Story manchmal in Romanform, in der Johannes’ Enkel die Tagebücher findet und mit seinem Großvater über die Geschehnisse spricht.
In den späten 30er Jahren begann Johannes plötzlich, auch über die politischen Ereignisse in Deutschland zu schreiben. Hitler ist an der Macht, und die Situation für jüdische Bürger wird immer bedrohlicher. Leahs Familie hat zunächst Glück, da die Mutter arisch ist – doch sie ist schwer krank, was ein Auswandern unmöglich, und das Leben der Familie von ihrem Überleben abhängig macht. Man kann sich vorstellen, was unausweichlich geschieht.
So tief berührt haben mich diese Tagebucheinträge deshalb, weil sie nicht gekonnt in Szene gesetzt werden. Johannes schreibt einfach, was ihm durch den Kopf geht, und weiß noch nicht, dass er sich gerade im dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte befindet. Doch auch Leah hat mich als Charakter tief berührt. Eine junge jüdische Frau, die sich für ihre Mitmenschen einsetzt, den Zwangsumgesiedelten zur Seite steht, und tut was sie kann – selbst dann noch, als sie selbst längst verloren ist.
Der Klappentext verrät das schmerzhafte Ende der zweisam verbrachten Liebe, doch hat das Buch trotzdem einen Ausgang, der mir wie blühende Rosen auf einem verwitterten Gedenkstein erschien. Somit kann ich diese Geschichte nur jedem ans Herz legen, der sich für das Thema interessiert.

Fazit:
Ein relativ dünnes Buch, das kaum überrascht und dennoch eine zutiefst berührende Geschichte beinhaltet.

Online: http://www.bibliofeles.de/2015/03/29/rezension-leah-eine-liebe-in-hamburg-von-karsten-flohr/



Auf http://klusiliest.blogspot.de/ von Susanne langer (31.03.2015)


Im April 1928, zu seinem 6. Geburtstag, erhält Johannes Bluhm von seinem Großvater ein gebundenes Tagebuch. Darin notiert er von diesem Zeitpunkt an alles, was ihn bewegt und was er erlebt. An der Art, wie das Tagebuch geschrieben ist und wie sich der Schreibstil langsam aber stetig verändert und reifer wird, kann man Johannes' Entwicklung vom Kind zum jungen Mann mitverfolgen. In seinem Tagebuch schildert er die Ereignisse der damaligen Zeit, schreibt über den immer stärker werdenden Einfluss und die Machtergreifung der Nationalsozialisten und über die verheerenden Folgen für die jüdische Bevölkerung. Besonders häufig und gerne aber schreibt er über seine große Liebe Leah. Die Beiden kennen sich von Geburt an und sind unzertrennlich. Aber Leahs Abstammung macht es nicht leicht, diese tiefe und unerschütterliche Liebe zu leben, denn Leah ist Jüdin. In seinem Tagebuch berichtet Johannes von schönen und von schrecklichen Zeiten, die sie gemeinsam erleben, bis Leah eines Tages spurlos verschwindet und Johannes verzweifelt zurück lässt.

Die Tagebucheinträge nehmen einen großen Teil des Romans ein und werden umrahmt von der Geschichte der Gegenwart, wo Bernhard Bluhm jeden Freitag seinen Großvater Johannes besucht und dieser eines Tages beginnt, ihm die alten Tagebücher zu zeigen und von seiner großen Liebe zu erzählen. Je mehr Bernhard über die Vergangenheit seines Großvaters erfährt, umso stärker ist er berührt davon, gefangen in dieser schrecklichen und zugleich schönen Geschichte.
Johannes' Tagebuch ist sehr realistisch und glaubwürdig geschrieben. Er und Leah sind ein ganz besonderes, sehr sympathisches Paar. Sie verbringen so viel Zeit wie irgend möglich zusammen und lassen sich selbst von den Maßnahmen und Sanktionen des Regimes nicht schrecken, auch wenn Leah im Lauf der Zeit fast alles verliert, was ihr am Herzen lag. Sie ist ein liebenswerter und zugleich starker Charakter und passt somit perfekt zu ihrem Johannes. Bis zuletzt arbeitet sie in der Fürsorge und betreut die Menschen, denen es noch schlechter ergeht als ihr selbst. Das Ende dieser innigen Beziehung ist abzusehen, und trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ist es so unwahrscheinlich berührend.
Das Besondere an diesem Roman ist, dass er beginnt, als noch Normalität im Land herrschte und dass er die damalige Entwicklung im Lauf der Jahre mitverfolgt, als der Wahnsinn dieser Zeit immer mehr Raum des Alltags einnahm und als sich die politische Ideologie der Nationalsozialisten schleichend immer weiter ausbreitete, wie ein giftiges Gespinst.
Die Schrecken des Krieges bleiben Kulisse, aber umso verstörender ist es, zu erfahren, wie es den Juden damals im täglichen Leben erging. Für uns heute, die wir in einem freien Land leben und selbst entscheiden können, wo wir in der Gesellschaft stehen, ist es nur schwer zu verstehen, wie sehr sich damals der Staat in alles mögliche hinein drängte und wie stark er die Menschen beeinflusste, denn auch wenn die Protagonisten fiktiv sind, so ist alles andere nicht erfunden, sondern leider nur allzu real. Das Ende des Romans wiederum ist überraschend, versöhnlich und sehr berührend.
Ich kann den Roman von Herzen empfehlen, denn auf seine Art ist dieses kleine Buch, das nur ca. 220 Seiten dick ist, ein wichtiges Zeitzeugnis deutscher Vergangenheit und eine Ermahnung gegen das Vergessen.

Online: http://klusiliest.blogspot.de/2015/03/leah-eine-liebe-in-hamburg-karsten-flohr.html



Über den Autor

Flohr, Karsten

Flohr, Karsten

Karsten Flohr arbeitete zehn Jahre lang als Tageszeitungsredakteur beim Hamburger Abendblatt, bevor er für verschiedene Zeitschriften tätig wurde. 2012 erschien sein erster Roman „Zeiten der Hoffnung“ über den Zerfall des deutschen Großbürgertums im Ersten... mehr über den Autor

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