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Kein Frühling für Bahar
Mehr als eine Hamburger Migrationsgeschichte

Kein Frühling für Bahar

Autor: Adatepe, Sabine

Lieferbar in 48 Stunden


Produktart: Buch

Seiten: 234

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: ACABUS Verlag

ISBN: 9783862822522

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 11,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
  • Rezension
Die junge Deutschtürkin Bahar ist tot. Alles schreit: Ehrenmord! Doch hat tatsächlich ihr Bruder sie auf dem Gewissen? Die Hamburger Sozialberaterin Ina begibt sich auf Spurensuche im „Problemviertel“ Wilhelmsburg. Im Wechsel mit Bahars Großvater im nordtürkischen Heimatdorf der Familie erzählt sie eine Geschichte von Migration und Emanzipation. Dabei loten die beiden auch persönliche Abgründe aus, sehen sich mit eigenen Vorurteilen konfrontiert und gleichzeitig gezwungen, althergebrachte Denkweisen zu hinterfragen. Für frischen Wind und einige Überraschungen sorgt dabei die junge Generation mit oder ohne Migrationshintergrund.

Aus Kapitel 1:

Angefangen hatte alles damit, dass sie vor rund fünfzehn Jahren bei mir in den Deutschkurs gekommen war. Wie die meisten kam sie ohne Heft und Stift, konnte kaum schreiben, sagte die ersten Stunden kein Wort, auch nicht auf Türkisch. Dann taute sie auf und wurde regelrecht zur Plaudertasche. Sie kam nicht zum Deutschlernen, sie kam, weil sie hier unter Frauen war, mit denen sie zum Teil ein ähnliches Schicksal verband, mit denen sie reden, zweimal in der Woche an einem geschützten Ort Zeit verbringen konnte, über die sie niemandem Rechenschaft ablegen musste. Weder Mann, noch Schwiegermutter. Damals gab es im Wörterbuch der integrationsbeflissenen Nation noch keine Prüfungen nach bestimmten Lerneinheiten, Lernfortschrittskontrollen und wie das alles hieß. Der Veranstalter, wir Dozentinnen und auch die Frauen wussten, dass es nicht in erster Linie um das Erlernen der Sprache ging. Klar, das war ein schöner Nebeneffekt, wenn es denn klappte. Die meisten lernten etwas, einige viel, aber manche eben auch so gut wie nichts. Sie genossen einfach das soziale Beisammensein. Eine davon war Hüsniye. Es gab in diesen Kursen eine Art Seminar-Du; jetzt, im Büro der Sozialarbeiterin für Frauenfragen in unserer niedrigschwelligen Stadtteileinrichtung, siezte ich sie. Der Kurs lag fünfzehn Jahre zurück, noch immer radebrechte sie, zeigte ihre goldenen Zähne, wenn man sie darauf ansprach. „Bahar für mich machen“, pflegte sie dann zu sagen und grinste. Bis vor wenigen Wochen. Bis Bahar starb. Ihre Tochter.
„Ehrenmord!“ Ich stützte den Kopf in die Hände. Das Wort war Mutter und Sohn tausendfach um die Ohren geschlagen worden. Als der Junge verhaftet wurde, als die Nachbarn davon erfuhren, als Bahars Ausbilder davon hörten. Selbst Axel, mein sozialpädagogisch versierter Chef, hatte letztendlich mit den Schultern gezuckt und Songül, die mit allen Multikultiwassern der letzten zwanzig Jahre gewaschene Inhaberin der Stelle, auf der ich hier vertretungshalber saß, hatte ungewohnt resigniert die Hände in Schulterhöhe gehoben und gemurmelt: „Was soll man da noch machen?“ Ehrenmord. Die Sache war doch klar: Bahar hatte sich ehrenrührig benommen, hatte sich heimlich mit dem Zivi aus dem Haus der Jugend getroffen. Der Bruder hatte sie einmal verwarnt, vielleicht auch zweimal, vielleicht auch keinmal, nein, so einer warnt nicht, der sticht gleich zu. Kennt man doch. Na ja, zugestochen hatte er nicht. Es hatte gebrannt, im Haus der Jugend, die Tür zum Materiallager war verschlossen, als es brannte. Bahar und der Zivi waren drinnen gewesen.
Nun saß der Junge und schwieg zur Tat. Allen, denen sie begegnete, ob sie es hören wollten oder nicht, jammerte nun die Mutter vor: „Mein Junge war’s nicht. Mein Junge hat das nicht getan …“ Der Polizeipsychologe sah keinen Betreuungsbedarf, der psychosoziale Dienst für Migranten hatte aufgegeben, bevor man sich der Sache richtig angenommen hatte. So saß Hüsniye also täglich ein paar Stunden bei mir im Büro. Jedes Mal bat sie mich, sie zu Hause besuchen, damit wir ungestört weiterreden könnten. Sie würde mir Tee kochen, wollte Suböreği machen, sie wusste, dass ich diese arbeitsaufwändige Pastetenart besonders liebte, oder Sarma, gefüllte Weinblätter, sie kannte meine kulinarischen Schwächen genau. Höflich aber bestimmt lehnte ich ab. Einmal, zehnmal, hundertmal. Ich hatte diesen Job angenommen, befristet, als Vertretung, Frauensozialarbeit, ja, aber ich hatte gleich zu Beginn eine Bedingung gestellt: Ich besuche die Frauen nur im Ausnahmefall zu Hause und nur, wenn ich selbst es für richtig und unumgänglich halte. Diese Art von Klinkenputzen, oder netter gesagt Teestundenpalaver, lag mir nicht.
Doch nachdem ich nun den Jungen gesehen hatte, musste ich auch sein Zuhause sehen. Ich kannte sie alle: Die Mutter Hüsniye am besten und am längsten, auch Bahar, die Tochter, die vier, fünf Jahre alt gewesen war, als Hüsniye sie zum ersten Mal in der Kinderbetreuung vom Deutschkurs abgegeben hatte. Und Burak, den Sohn, fünf Jahre jünger als seine Schwester, der nun älter werden würde, im Gefängnis, in Abschiebehaft, in der Türkei, dem Land, das er, der in Wilhelmsburg geboren war, nur aus dem Sommerurlaub kannte. Ich würde Hüsniye besuchen. Ich würde eine Ausnahme machen, ich hatte angebissen, und Hüsniye wusste das vermutlich.

Auf http://www.migazin.de/2014/02/21/roman-kein-fruehling-bahar/ von Rukiye Cankıran (21.02.2014)



Braucht man zu dem Roman „Kein Frühling für Bahar“ noch eine Rezension? Ja, unbedingt, denn erstens ist dieses Buch kein problembeladenes Pseudo-Sachbuch, zweitens kein actionreicher Krimi und drittens bedient es keine Klischees und Vorurteile.

Die deutsche Sozialberaterin Ina, die die Familie von Bahar betreut und der Großvater von Bahar, der in einem Dorf in der Schwarzmeerregion in der Türkei lebt, erzählen aus ihren Perspektiven die Ereignisse. Es ist die Geschichte einer klassischen Gastarbeiterfamilie aus Hamburg, die für ihren Sohn eine Importbraut aus der Heimat holt und ein dörfliches Leben in der Fremde weiterführt. Es ist die Geschichte einer türkischen Familie, die es nicht geschafft hat, nach Deutschland zu kommen und hier zu arbeiten, aber die immerhin eine Tochter nach Deutschland verheiraten konnte.

Es ist der Autorin Sabine Adatepe gelungen, eine Sprache zu finden, die sowohl die Sachverhalte schildert aber auch gleichzeitig den Seelenzustand der Protagonisten offenlegt. Als Turkologin und Iranistin ausgebildet und mit über 17 Jahren Berufserfahrung als Deutschlehrerin für Migranten (im Fachjargon: Dozentin für Deutsch als Fremdsprache) hat Sabine Adatepe ein Gespür für die türkische Klientel ihrer Sozialberaterin Ina in ihrem Roman.

Die Autorin, die auch als literarische Übersetzerin tätig ist und einen Blog betreibt, hat viele türkische Redewendungen im Original in ihr Buch eingebaut, der Leser wird durch diesen Stil noch tiefer in die Handlung hineingezogen. Wunderbar, es macht Spaß weiter zu lesen. Eine andere sprachliche Bereicherung des Buches ist das sehr kompetent eingesetzte Behördendeutsch der frustrierten Sozialarbeiterin Ina, die bei ihrer Arbeit einerseits den Menschen vor Ort helfen soll, dabei aber die Auflagen der Behörde im Hinterkopf behalten muss.

Mit ihrem Roman schließt die Autorin das Kapitel Wilhelmsburg in ihrem Leben, es ist ihr persönlicher Abschied. Sabine Adatepe macht sich selbstständig und gibt ihre Tätigkeit als Deutsch-Dozentin auf. Entgegen aller Klischees zeigt sie ihr Wilhelmsburg, wie es wirklich ist, mit einem ganz anderen Blick auf diesen jahrelang vernachlässigten Stadtteil. Bei Lesungen betont die Autorin aber auch, dass der Charme von ihrem Wilhelmsburg in den letzten Jahren mit der Gentrifizierung und den vielen gewaltigen Investitionen verloren gegangen ist.

Wie der Untertitel unschön betont, ist das Buch mehr als eine Hamburger Migrationsgeschichte. Auf diesen Zusatz hat der Verlag bestanden. Naja, vielleicht verkauft sich der Roman so dann doch besser.

„Kein Frühling für Bahar“ ist die Geschichte verschiedener türkischer Frauen, lethargischer Mütter, schweigend leidender Schwiegertöchter und aufmüpfiger Töchter. „Was für ein entsetzliches Leben führten so viele dieser Frauen, aber es schien sie gar nicht weiter zu stören. Wie haltet ihr das aus, hatte ich manchmal gefragt, dann hatten sie gelacht, kader gesagt oder kısmet: Schicksal, Bestimmung. Ja, aber sie hatten gelacht, die meisten mit einer wegwischenden Handbewegung, die wenigsten mit einer Prise Bitterkeit, kaum eine mit einem Anflug von Verzweiflung.“

Sabine Adatepe lässt den Leser am Alltag dieser Frauen, ihren Ängsten und Sorgen und den dörflichen Lebensverhältnissen teilhaben, dieser Lebensstil wurde teilweise nach Europa importiert, wie z.B. die arrangierten Ehen mit Heiratskandidaten aus der fernen Heimat.

Ist es ein Frauenroman? Eher nicht. Die Autorin lässt ganz bewusst den Großvater Nihat aus Kastamonu zu Wort kommen. Nihat hat seine Enkelin verloren, die Tochter seiner Tochter. Durch seinen Besuch in Hamburg und seine Schilderungen erfährt der Leser, wie unglücklich manche Familien im gelobten Land Alamanya trotz finanzieller Erfolge leben, während andere, die in ihren bescheidenen Dörfern in der Türkei zurückgeblieben sind, ein glückliches Familienleben haben.

Hat Sabine Adatepe einen Roman über einen Ehrenmord geschrieben? Vielleicht! Ihr ist ein sehr emotionaler Roman über Zerrissenheit, Traurigkeit und den Kulturschock der türkeistämmigen Menschen in Deutschland, insbesondere derjenigen, die aus Dörfern hierher kamen, gelungen. Sie hat sowohl den türkischen als auch den deutschen Blick: Die überforderten Eltern in Hamburg wollen ihre Tochter möglichst schnell unter die Haube bringen.

Der türkische Leser wird diese Tatsache aus seinem eigenen Leben oder von Bekannten oder Nachbarn kennen. Der deutsche Leser wird durch die Schilderung der Gefühle und Ängste der Eltern besser verstehen, warum diese ihre gerade mal 15jährige Tochter in eine Ehe hineinmanövrieren wollen. Vielleicht traut sich der eine oder andere Leser nach dieser Lektüre in den „sozialen Brennpunkt Wilhelmsburg“, „Kein Frühling für Bahar“ lädt auf jeden Fall dazu ein.

Online: http://www.migazin.de/2014/02/21/roman-kein-fruehling-bahar/





Über den Autor

Adatepe, Sabine

Adatepe, Sabine

Sabine Adatepe wurde 1963 in Hamburg geboren. Kurz vor dem Abitur verschlug es sie in die Migranten- und Flüchtlingsszene, wo sie Türkisch lernte und sich mehrere Jahre ehrenamtlich engagierte. Anschließend studierte sie Turkologie, Germanistik und Iranistik und begann als Dozentin... mehr über den Autor

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