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Entschuldigung? Ich bräuchte mal Ihr Kind!
Roman

Entschuldigung? Ich bräuchte mal Ihr Kind!

Autor: Bartsch, Simon

Lieferbar in 48 Stunden


Produktart: Buch

Seiten: 228

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: ACABUS Verlag

ISBN: 9783862822706

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 12,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Marc Wagner, Endzwanziger und vom Glück verwöhnt, jobbt auf Mallorca, hat eine reiche Verlobte, eine Eigentumswohnung in Köln und jede Menge Erfolg bei anderen Frauen. Ein perfektes Leben – wäre da nicht sein Bruder Christoph. Dieser lässt einen von Marcs One-Night-Stands auffliegen, und Marcs Glückssträhne endet abrupt. Von der Verlobten verlassen, droht ein finanzielles Fiasko. Der Ausweg? Eine ausgelobte Baby-Prämie der Oma. Dazu fehlt nur eine gebärfreudige Frau. Für einen Womanizer scheinbar gar kein Problem. Doch dabei hat Marc nicht mit den Hürden des Alltags, seiner seltsamen Familie und der „grausamen“ Frauenwelt gerechnet.
Meine Jugend als mutiger Marc gerät zunehmend in Vergessenheit. Genau in diesem Moment, 20 Jahre später, ist von meinem Mut nämlich nicht mehr viel übrig. Ich glaube Mohammed Atta war sich nicht wirklich bewusst, was er mit seinem hirnrissigen Werk am 11. September 2001 den Aviophoben dieser Welt angetan hat. Vermutlich hätte es ihn auch nicht interessiert. Während sich der traditionelle Aviophobe früher nur auf komische Geräusche im und ums Flugzeug konzentrieren musste, hält der moderne Aviophobe von heute zudem Ausschau nach potenziellen Schläfern. Das fällt mir nicht leicht. Zum einen weiß ich nicht genau, wie ein typischer Schläfer von heute aussieht, zum anderen traue ich diesen Menschen auch eine gut durchdachte Verkleidung zu. Wer es schafft den gewieften George Bush Junior aus der Reserve zu locken, der hat vermutlich mehr auf dem Kasten als einen aufgeklebten Schnäuzer, Hasenzähne und eine falsche Brille. Vorsichtshalber schaue ich mich suchend um. Eine Gruppe von alkoholgeschädigten Fußballern macht sich nicht weiter verdächtig. Die Jungs belagern gleich mehrere der blauen Plastikstühle. Sie sehen müde aus. Einige von Ihnen weisen eklatante gesundheitliche Schwächen auf. Zumindest lässt die gelbe Pfütze, gespickt mit Käsewürfeln und schinkenähnlichen Brocken, in ihrem direkten Umfeld darauf schließen. Somit kann ich mindestens vierzehn Menschen als potenzielle Terroristen vorerst ausschließen. Bleiben also nur noch geschätzte 120 Selbstmordattentäter. Beruhigend ist diese Zahl wahrlich nicht. Denn selbst ein Bombenleger wäre mir in meiner jetzigen Verfassung mehr als genug. Ein dunkelhaariger Mann hinter mir spricht ganz leise in sein Handy. Will er sich vielleicht von seinen Verwandten verabschieden? Tun Terroristen so etwas? Oder geht er mit seinen Verbündeten die genaue Explosionszeit durch? Ich weiß es nicht. Als er „Ich freue mich auf dich!“ in sein Telefon haucht, bin ich etwas beruhigt.
Gut, ich muss zugeben, die Flugroute Palma – Köln/Bonn ist auf den ersten Blick vielleicht nicht die anschlagsanfälligste Strecke, die mir spontan einfällt. Soviel ich weiß, gibt es allerdings noch keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die mich vom Gegenteil überzeugen könnten.
Eine Frau mit Kopftuch erregt plötzlich meine Aufmerksamkeit. Bestimmt eine Schwarze Witwe. Was sollte eine Frau mit Kopftuch sonst auf Malle machen? Die Türken haben doch ihr eigenes Meer. Sehr verdächtig. Fast schon in Panik schaue ich mich nach Sicherheitspersonal um. Tatsächlich sehe ich zwei Männer von der Guardia Civil. Nur, was sagt man zwei muskulösen Rudimenten der Franco-Spezialeinheit?
 „Da vorne steht eine Frau mit Kopftuch“, dürfte vermutlich nicht ausreichen, um einen Großeinsatz mit Sondereinsatzkommando auszulösen. In meiner Verzweiflung stoße ich nur noch ein kleines Gebet aus und suche meinen Weg ins Flugzeug.
Wirklich gut geht es mir nicht. Ich will mich nur noch hinsetzen. Doch natürlich muss vor mir ein alter Mann sein Handgebäck, dass wahrscheinlich an jedem anderen Flughafen dieser Welt als Sperrgepäck durchgegangen wäre, in dem viel zu kleinen Verstauraum über den Köpfen unterbringen. Eine Stewardess schiebt mich ein wenig unsanft zur Seite und hilft dem alten Mann. Ausnahmsweise habe ich keine Augen für die Stewardess. Obwohl sie nach erster Begutachtung durchaus über einen schönen Hintern verfügt. Ich habe gerade ganz andere Probleme. Der alte Mann lässt sich überzeugen, dass sein Holzpaddel besser unter dem Sitz untergebracht sei. Ich frage mich noch immer, wie er dieses Ding überhaupt an Bord gebracht hat. Wahrscheinlich handelt es sich trotz schrumpeliger Haut und vergilbten dritten Zähnen um einen Top-Terroristen, der sämtliche Sicherheitsleute am Flughafen mit seinem Holz brutal getötet hat. Jack Bauer, Chuck Norris und der Terminator würden vor Neid erblassen. Unglücklicherweise ist mir der Platz in der Mitte zugelost worden.
Auf dem Platz am Fenster sitzt ein Mann in meinem Alter. Für meinen Geschmack ist er etwas zu gut gekleidet. Er war gerade auf Mallorca, warum trägt er in Gottesnamen einen schwarzen Anzug? Er sieht weder deutsch noch spanisch aus. Von der Hautfarbe ein wenig orientalisch, aber er hat rötliche Haare. Macht ihn das verdächtig? Rauschebart und Turban trägt er nicht. Allerdings wackelt er. Mit allen Extremitäten. Warum wackelt er? Als wäre ich nicht nervös genug. Ein Mann, der so hektisch wackelt, kann nur etwas Böses im Schilde führen. Panik. Ich setze mich auf meinen Platz 17B und stelle mir schon die Nachrichten vor:
„Ein Flugpassagier des Flugs DE6742 von Palma nach Köln ist am Samstagmittag ums Leben gekommen. Offensichtlich hat ein Komet ein Loch in den Boden der Unfallmaschine gerissen. Der Fluggast auf Platz 17B wurde in die Tiefe gerissen. 17A hat überlebt. Durch schnelle Flatterbewegungen konnte er den Sturz in die Tiefe verhindern. Von 17B fehlt jede Spur.“ […]
 
 
 
Ganz behutsam beuge ich meinen Oberkörper nach vorne, greife vorsichtig nach meiner Tasche – das Flugzeug soll nicht von zu schnellen Bewegungen vom eigentlichen Kurs abgebracht werden – und ziehe demonstrativ meinen MP3-Player und meine Kopfhörer aus der Tasche. Plötzlich nehme ich aus dem Augenwinkel eine schnelle Bewegung war. Unauffällig blicke ich auf die Hände des Wacklers. Zieht er jetzt den Zünder seiner Bombe aus der Tasche? Nein, nur ein Taschentuch. Wahrscheinlich hat er sich auf Mallorca die Schweinegrippe eingefangen. Na toll. Das hat mir jetzt gerade noch gefehlt. Doch der Tod durch Schweinegrippe dürfte weitaus angenehmer sein als der durch Flugzeugabsturz. Das Anschnallzeichen über mir erlischt. Offensichtlich haben wir die endgültige Flughöhe erreicht. Ich stelle heimlich meinen MP3-Player wieder aus. Zwar muss ich mir mit seiner Hilfe nicht das Gebrabbel der Frau anhören, doch ich verpasse mit der Musik mögliche Geräusche, die auf einen sicheren Absturz hindeuten. Als die Musik verstummt, höre ich die Stimme des Piloten. Die Worte „Gewitter „ und „kleine Schleife“ beruhigen mich allerdings nicht wirklich. Immerhin lächelt mir die Stewardess erneut zu. Sie kommt mir nach wie vor bekannt vor. Vermutlich habe ich sie irgendwo auf Malle einmal flachgelegt. Doch wer kann sich an so etwas schon erinnern. Andererseits ist sie dafür viel zu freundlich. Der Mann neben mir wackelt übrigens noch immer. Das gibt’s doch gar nicht.
‚Zünd‘ endlich deine scheiß Bombe und ich habe meine (letzte) Ruhe‘, denke ich mir. Wieder lächelt die Stewardess und winkt mir zu. Irgendwie muss ich an Sex im Flugzeug denken. Mein sprunghaft ansteigender Testosteronspiegel rückt meine Angst ein wenig in den Hintergrund. Doch nur ein wenig. Zumal der Wackler noch immer in einer Tour betet und die dicke Frau mittlerweile die zweite Tüte Nachos verputzt. Ich lächle freundlich zurück. Fünf Minuten später liegt eine Serviette vor meiner Nase. Sie ist beschriftet:
„Komm in fünf Minuten auf die vordere Toilette.“
Klasse, wie in einem billigen Hardcore-Porno will mich eine Stewardess auf dem Klo vernaschen. Der Traum eines jeden Pubertierenden könnte endlich wahr werden und ich scheiße mir vor lauter Angst in die Hose. Mit wackligen Knien mache ich mich schließlich auf den Weg. Diese Chance kann ich mir einfach nicht entgehen lassen. Allerdings verspüre ich eine gehörige Portion Angst, mich bei dem eigentlichen Akt vielleicht ein bisschen zu viel zu bewegen. Vielleicht finde ich einen Rhythmus, der mit der Flugbewegung kongruent ist.
Tatsächlich wartet die Stewardess bereits auf mich. Sie zieht den Vorhang zur Maschine zu, mich in die Toilette und mein T-Shirt in einem Zeitraum von insgesamt eineinhalb Sekunden aus. Erst leckt sie mir über die Brust, dann durchs Ohr. Für meinen Geschmack bewegen sie und ihre Zunge sich ein wenig viel. Mit einer gekonnten Drehbewegung meines rechten Fußes versuche ich, das Gleichgewicht der Maschine wieder herzustellen. Dann zieht sie mir langsam die Hose aus. Es ist wirklich wie in einem Porno. Es fehlt nur, dass sie mir etwas von Hengst und Tiernamen ins Ohr flüstert.
„Ach Marc, wie lange habe ich auf diesen Moment gewartet“, sagt sie plötzlich.
Ich werde etwas stutzig, denn die offizielle Vorstellung habe ich wohl verpasst. Sie scheint mich tatsächlich zu kennen. Plötzlich unterbricht sie ihre Liebkosungen.
„Na, kannst du dich noch an mich erinnern?“, fragt sie nicht ganz so erregt, wie ich es mir gewünscht hätte. Nein, kann ich nicht. Doch wie sage ich ihr das jetzt, ohne den Rest des Fluges mit schmerzendem Hoden verbringen zu müssen. Antworte ich „Ja, natürlich“, erwartet sie wahrscheinlich ihren Namen von mir. Ich bin zwar ziemlich kreativ, doch die Chance, den richtigen zu treffen ist relativ gering. Vielleicht Mechthild? Wohl doch nicht so kreativ. Auf der anderen Seite sind die Worte „Nein, ich hatte so viele, da kann ich mich nicht mehr an jeden Namen erinnern“ auch nicht mit Bedacht gewählt.
„Wusste ich es doch“, fährt sie mich an. „Katharina.“
Knapp daneben.
„Weißt du nicht mehr? Du hast mich mit auf dein Hotelzimmer im Beach Club genommen“, nimmt sie mir meine Antwort ab.
Sie hat es zwar gut gemeint, doch diese Erklärung bringt nur bedingt Licht ins Dunkel. Schließlich habe ich in den vergangenen Jahren gefühlte 150 Frauen mit auf irgendwelche Zimmer genommen.
„Du hast mich liebevoll 71 genannt“, hilft sie mir weiter auf die Sprünge.
Das schränkt die Möglichkeiten nicht wirklich ein. Ich frage mich allerdings, warum sie mich gerade jetzt mit dieser Geschichte konfrontiert. Plötzlich macht sie eine schnelle Bewegung, nimmt ein Kleidungsstück an sich, streckt mir den Mittelfinger entgegen und haut ab. Es dauert einen Moment, bis ich diese bizarre Situation einordnen kann. Dann fällt mir auf, dass sie sich bislang nicht entkleidet hat und insofern keines ihrer Kleidungsstücke an sich gerissen haben kann. Hat sie auch nicht. Sie hat meine Hose mitgenommen. Verzweifelt suche ich nach einer Möglichkeit, mir den peinlichen Gang zurück zu meinem Platz zu ersparen. Doch auf so einer Flugzeugtoilette gibt es erstaunlicherweise weder eine Ersatzhose noch eine passable Fluchtmöglichkeit. Zumindest sieht die kleine Öffnung an der Toilette nicht gerade so aus, als würde ein menschlicher Körper da durchpassen. Was mich grundsätzlich beruhigen sollte. Schließlich weiß ich jetzt, dass ich bei meinem nächsten Flug auf die Toilette gehen kann, ohne Angst haben zu müssen, durch das Klo nach außen gezogen zu werden.

Über den Autor

Bartsch, Simon

Bartsch, Simon

Simon Bartsch, Jahrgang 1978, verbrachte seine Kindheit und Jugend in der Nähe von Köln und in London. Nach dem Abitur in Bonn studierte er Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Schon während des Studiums arbeitete er freiberuflich... mehr über den Autor

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