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Elsas Stern
Ein Holocaust-Drama

Elsas Stern

Autor: Christofferson, Agnes


Lieferbar in 48 Stunden


Produktart: Buch

Seiten: 276

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: ACABUS Verlag

ISBN: 9783862823109

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 13,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
  • Rezension
Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird die junge Jüdin Elsa nach Auschwitz deportiert. Die Begegnung mit dem skrupellosen KZ-Arzt Erich Hauser verändert ihr Leben auf grausame Weise.
Fast 35 Jahre bewahrt sie das Geheimnis, bis sie eines Tages ihrem Peiniger in einem New Yorker Restaurant wiederbegegnet. Elsas Tochter Leni erfährt erst aus dem Tagebuch ihrer Mutter von der tragischen Geschichte ihrer Familie, die in Auschwitz mit Menschenexperimenten begann …
Lenis Gedanken werden daraufhin von einem unweigerlichen Ziel bestimmt: Dr. Hauser für seine Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen.
Prolog

Mai, 1947

Liebste Hanna,

es ist viel passiert seit meinem letzten Brief. Ich bin in Amerika angekommen und Tante Viktoria und Onkel Emeram haben mich herzlich aufgenommen. In New York habe ich ein neues Zuhause gefunden und mich bereits gut eingelebt. Auch dir würde New York gefallen! Es ist so, wie wir es uns vorgestellt haben: riesig und voller Leben. Du könntest hier Medizin studieren. So wie du es immer wolltest.
Ich muss gestehen, dass ich ein wenig nervös war, denn immerhin eilte mir ein gewisser Ruf voraus; ich bin unverheiratet und habe ein Baby. Du weißt ja, was die Leute in unserer Gemeinde von solchen Mädchen hielten. Doch Onkel und Tante zeigten Verständnis. Mein „Verlobter“ war schließlich in den Kriegswirren durch die Hand der Nazis umgekommen; solch ein Schicksalsschlag sollte gewiss niemanden ereilen. Hier habe ich ein gottgefälliges Zuhause gefunden und Tante sagt, durch harte Arbeit und ein anständiges Leben würde ich Vergebung für meine Sünden finden. Ich werde also eine wunderbare Chance erhalten, mich „reinzuwaschen“. Mein Geheimnis ist somit sicher.
Apropos Geheimnis, Salome gedeiht prächtig. Obwohl wir eine sehr schwere Zeit hinter uns haben, verläuft ihre Entwicklung normal. Sie hat blondes Haar und ein bezauberndes Puppengesicht. Tante hat sie unter ihre Fittiche genommen, damit ich wieder auf die Kunstschule kann. Sie ist unglaublich gut mit Kindern. Kaum zu glauben, dass sie selber nie Kinder hatte. Um so mehr sehe ich Salome als ein Geschenk Gottes. Ich muss mich ihrer ganz sicher nicht schämen! Ich bereue nichts. Auch bereue ich nicht, dass ich Salomes Geheimnis um ihre Herkunft für mich behalte.
Hanna, es gibt einen Grund, weshalb ich dir ausgerechnet jetzt schreibe. Es ist etwas Wunderbares passiert. Ich habe mich verlobt und werde im Sommer heiraten! Ist das denn zu glauben?
Du wirst nie erraten, wer mein Verlobter ist. Es ist Jared Aronsohn, der Sohn des Anwalts, der Vaters Vermögen in Amerika verwaltet. Unglaublich! Er ist drei Jahre älter als ich und Jurastudent. Er wird Anwalt, genau wie sein Vater. Wir sind uns 1945 begegnet und es ist mir ein Rätsel, weshalb er sich in mich verliebt hat. Ich habe ein Baby und bin immer noch viel zu dürr. Jared sagt, er liebt Kinder über alles und noch mehr liebt er magere Frauen. Offenbar gibt es Kräfte auf der Erde, die wir nie verstehen werden.
Nachdem sich unsere Verlobung herumgesprochen hat, sehen mich die Leute nun ganz anders. Sie sind noch höflicher und zuvorkommender zu mir.
Meine zukünftigen Schwiegereltern sind sehr wohlhabend und angesehen. Sie sind noch vermögender, als wir es waren! Und genau das bringt ein paar Probleme mit sich. Meine zukünftige Schwiegermutter Mona ist eine sehr gottesfürchtige und traditionsgebundene Frau. Offenbar gibt die Identität von Salomes Vater Anlass zu allerhand Spekulationen. Ich habe sie schon flüstern hören, ich sei eine Hure! Befleckt wäre ich und ihres Sohnes nicht würdig! Sie sagte auch, sie habe ihren Sohn nicht zu einem gottesfürchtigen, achtbaren und tugendhaften Menschen herangezogen, damit er eine dahergelaufene, deutsche Hure heiratet.
Das beunruhigt mich. So viel Zorn ist nicht gut für uns. Gewiss wird sie mich bald besser kennenlernen. Vielleicht wird sie mich sogar mögen? Ich bin keine Hure. Wir beide wissen das. Und Jared weiß es auch. Ich habe ihm mein Geheimnis anvertraut. Er war schockiert, dennoch ist er in Bezug auf unsere Zukunft zuversichtlich.
Nun gut, ich werde diesen Brief jetzt beenden. Die Sonne scheint so schön, deshalb will ich mit Salome in den Park gehen. Wir haben nämlich einen wunderbaren Park direkt vor der Tür – den Central Park. Er ist riesig! So einen Park hast du ganz sicher noch nie gesehen!
Du würdest es hier genauso lieben wie ich!

Herzlichst
Deine Schwester Elsa

_______________

1

New York, Frühjahr 1979


Samstag

Dem Mann, der unser Leben gänzlich erschüttern sollte, begegneten wir in einem Restaurant. Es geschah an einem jener Tage, an denen das Leben ruhig und in geregelten Bahnen verlief; ein gewöhnlicher Samstag mit einem gewöhnlichen Tagesablauf und den üblichen Pflichten. Ich war 25 Jahre alt, Single und verbrachte meinen freien Tag damit, meine Kleidung von der Reinigung abzuholen, mein Auto zu waschen und mit meiner älteren Schwester Salome zu telefonieren.
Am Abend führte ich meine Mum zum Essen aus. Das war zu unserem kleinen Ritual geworden.
Seitdem mein Vater vor zwei Jahren infolge eines Herzinfarktes verstorben war, ging meine Mum so gut wie nie aus. Ich wünschte mir so sehr, dass sie für eine Weile der Trauer entfliehen konnte, und lud sie hin und wieder zum Essen ein.
Ich kannte ihre Vorliebe für Salate, Meeresfrüchte und vollmundige Rotweine, daher hatte ich das Restaurant persönlich für sie ausgewählt.
Das Elektrics war ein modernes, italienisches Lokal mit einem gemütlichen Ambiente. Wir saßen an einem winzigen Zweiertisch und versuchten, eine angenehme Zeit miteinander zu verbringen. Das war nicht leicht, denn meine Mum war oft etwas forsch, was eine angenehme Unterhaltung mit ihr verkomplizierte.
Ich wurde in eine eigenartige Familie hineingeboren. Meine Mum war Jahrgang 1925 und wuchs im antisemitischen Deutschland auf. 1944 floh sie mit meiner neugeborenen Schwester Salome nach Amerika. Dabei verlor sie ihre Familie komplett aus den Augen. Ihr Schicksal blieb offen und ungeklärt. Die Vergangenheit meiner Mutter war für mich im Grunde ein einziges Geheimnis. Fakt war: alle hatten Oma, Opa, Onkel, Tanten. Nur wir hatten niemanden – jedenfalls fast niemanden.
Als ich noch ganz klein war, hatte ich angenommen, die Familienverhältnisse wären ganz normal. Als ich älter wurde, begann ich zu begreifen, dass unsere Familie etwas anders war. Wir waren eine Familie mit wenig Verwandtschaft, aber dafür mit vielen Familiengeheimnissen.
Meine Mum, Elsa Aronsohn, beobachtete, wie die Barkeeperin zwei große Biergläser vollzapfte und sie routiniert über die Theke schob. Dabei beugte sich die junge Frau so vor, dass die beiden Männer an der Bar einen Blick in den Ausschnitt ihrer Bluse erhaschen konnten.
„Das ist doch scheußlich. Die glaubt wohl, wenn man ein bisschen Fleisch zeigt, kriegt man mehr Trinkgeld“, entrüstete sich meine Mum provokativ laut.
Ich spürte, wie die Röte von meinen Wangen sich bis hin zu meiner Stirn und über meinen Nacken zog, und war froh, dass der Raum nur schwach beleuchtet war.
Das war typisch meine Mutter. Sie war seit jeher Hausfrau, Mutter und die Ehefrau eines erfolgreichen Anwalts gewesen. Ein wenig weltfremd in meinen Augen. Sie lebte in ihrem eigenen kleinen Kokon, aus dem sie voller Misstrauen und übertriebener Wachsamkeit auf die Welt schauen konnte. Mum und Dad hatten 1947 geheiratet, zu einer Zeit, da Frauen keine anderen Interessen hatten, als den besten Braten herzurichten und die beste Methode zu finden, Flecken aus Polstern und Kleidung zu entfernen.
Falls meine Mutter mein nervöses Lächeln bemerkt hatte, zeigte sie es nicht. Stattdessen griff sie nach ihrem Weinglas. In ihrem eleganten Kostüm und mit ihrer kupferroten, perfekt sitzenden Elizabeth-Taylor–Frisur wirkte sie ein wenig fehl am Platz in dem neuen In-Restaurant. Es wurde vorwiegend von jüngeren Leuten besucht. Von Leuten, die nicht so viel Wert auf Etikette legten wie meine Mum. Selbst in der Art, wie sie das Weinglas hielt, erkannte ich noch etwas von der Eleganz, zu der ihre Eltern sie erzogen hatten.
„Lass gut sein, Mum. Du kannst die Welt eh nicht verbessern“, sagte ich. „Achte gar nicht auf sie. Lass uns einfach den Abend genießen.“
Mum wandte den Blick ab und ließ ihn über die dunklen Bodendielen gleiten. „Ach Liebes, du hast ja so recht“, sagte sie, stieß ein gepresstes Lachen hervor und griff nach der Speisekarte. Aus ihrer Handtasche klaubte sie ihre Lesebrille und setzte sie auf. Während sie die Speisekarte las, überlegte ich, wie ich ihr beibringen sollte, dass Laura, meine bisherige Mitbewohnerin, ausgezogen war und ich nun die große, übertrieben teure Wohnung gegen ein winziges, schäbiges Einzimmerapartment tauschen musste.
Ich promovierte in amerikanischer Literatur und arbeitete als Bibliothekarin, doch die Bezahlung war nicht die beste. Seit Lauras Umzug waren schon zwei Wochen vergangen, und irgendwann würde ich meiner Mum reinen Wein einschenken müssen. Spätestens dann, wenn der Umzug anstand. Sie hatte meine Flucht aus dem Elternhaus von Anfang an mit Skepsis betrachtet. Ich hatte ja ein gut ausgestattetes Kinderzimmer im Dachgeschoss meines Elternhauses auf Long Island. Meine Mutter würde sich jetzt noch mehr Sorgen machen, wenn sie hörte, dass ich nun allein in der Wohnung lebte. Ich glaubte, ihr wäre wohler, wenn ich mehr von meiner Halbschwester hätte.
Salome war zehn Jahre älter als ich und lebte bis zu ihrer Heirat in unserem Elternhaus. Sie war fast dreiundzwanzig, als sie heiratete. Ihren Mann Anton hatte sie an der Uni kennengelernt. Anton war zwei Jahre älter und stammte aus einem guten Elternhaus. Er führte sie in vornehme Restaurants und fuhr mit ihr in Urlaub. Kurz nach ihrem Abschluss war sie schwanger, dann verheiratet. Nun verheiratet verwandelte sich Salome bereits nach kurzer Zeit in einen völlig anderen Menschen. Scheinbar über Nacht mutierte sie zu unserer Mum: zu einer geradlinigen, gut organisierten Familienmanagerin. Anton war mittlerweile ein sehr erfolgreicher Schönheitschirurg und die beiden lebten in Saus und Braus.
„Was willst du bestellen?“, fragte ich.
Meine Mutter schaute nachdenklich drein. „Ich weiß noch nicht“, murmelte sie.
„Lass dir ruhig Zeit.“ Ich hatte es nicht eilig und wollte den Abend mit ihr in Ruhe genießen.
Ein älterer Herr drängte sich zwischen den Gästen an die Theke. Er war Mitte sechzig, sehr groß, ein wenig zu dünn, mit halblangem meliertem Haar. Da er mit dem Rücken zu mir stand, konnte ich seine Gesichtszüge nur schwer erkennen. Er trug einen teuer aussehenden Anzug und hatte eine junge Blondine an seiner Seite. Die junge Frau strich eine Haarsträhne hinter ihr linkes Ohr, sodass man einen teuren Diamantohrring und ihr hübsches Profil erkennen konnte. Ich überlegte, ob die Blondine seine Tochter oder seine Geliebte war. Beides wäre möglich gewesen.
Meine Mum legte die Speisekarte auf den Tisch. „Sieht so aus, als hätte ich mich entschieden“, verkündete sie, als wäre sie die große Gewinnerin des Abends.
„Was hast du ausgewählt?“, fragte ich neugierig.
„Ich nehme den großen Salat.“
„Nur einen Salat?“
„Findest du das nicht richtig?“ Sie sah mich stirnrunzelnd an.
„Wenn du schon so fragst, nein“, räumte ich ein. „Bestell dir etwas Richtiges zu essen.“
„Ab einem bestimmten Alter muss man auf seine Figur achten, Schätzchen.“ Sie beäugte mich ernst, doch sie schien es nicht ernst zu meinen. Meine Mutter war Mitte fünfzig, eine dynamische und attraktive Frau. Sie musste sich ganz sicher keine Probleme um ihre Figur machen. Ich lächelte und schwieg. Manchmal war Schweigen die bessere Antwort.
„Ich mochte deine Haare lang“, sagte sie plötzlich aus dem Kontext gegriffen. Sie spielte auf meine neue Frisur an.
Ich strich mir ein paar kastanienbraune Wellen hinters Ohr. Vor ein paar Tagen ließ ich meine hüftlangen, aalglatten Haare schulterlang schneiden und föhnte sie nun zu einer wundervollen Außenrolle. „Meine Haare sind doch nicht kurz!“, wandte ich ein. „Außerdem ist die Frisur momentan todschick. Mit der Zeit gehen ist immer gut.“
Mum verzog die Lippen zu einem kleinen, kühlen Lächeln „Nun ja, irgendwann ist es wohl Zeit für eine Veränderung. Auch wenn die Veränderung einem nicht schmeichelt.“
Ich beschloss, diese Anspielung zu überhören. So war meine Mutter eben. Nicht böse. Sie konnte ihre Gefühle noch nie besonders gut ausdrücken. Ich war mir sicher, dass ihr die neue Frisur super gefiel. Sie wusste es nur noch nicht.
Im hinteren Bereich des Lokals saß eine Gruppe junger Leute, die sich scheinbar Witze erzählte. Jeweils nach einer kurzen Pause folgte eine laute Lachsalve. Die Art, wie sie lachten, war durchaus typisch für jemanden, der über etwas Lustiges lachte. Einer der jungen Leute gab der Kellnerin das Zeichen, eine neue Runde zu bringen.
„Zu meiner Zeit hatten wir noch Manieren“, murmelte meine Mutter, der die feuchtfröhliche Gruppe bereits aufgefallen war. Das war wieder ganz typisch meine Mum. Während die anderen lachten und sich unterhielten, zog sie sich in ihren Kokon zurück. Eine richtige Spaßbremse konnte sie sein.
„Willst du mir erzählen, dass die Jugend früher anders war?“, fragte ich mit hochgezogenen Augenbrauen. „Gab es damals keine Frauen mit tiefen Ausschnitten? Waren die Leute nicht lustig?“ Meine Güte, man konnte sich aber auch anstellen!
Mum lächelte. Ein verschmitztes, angedeutetes Grinsen umspielte ihre Mundwinkel. „Gab es schon“, sagte sie. „Die hatten aber bessere Manieren.“
Wieder erfüllte ein kräftiges Lachen den Raum. „Sie amüsieren sich doch nur“, meinte ich.
Meine Mutter setzte ihre Lesebrille wieder ab und steckte sie in die Handtasche. „Sie könnten sich aber auch etwas leiser amüsieren. Ich meine, wir sind schließlich nicht auf einer Studentenparty.“
„Auf einer Beerdigung sind wir aber auch nicht. Wir sind bald in den achtziger Jahren. Man muss mit der Zeit gehen.“
Mums spitzer Blick blieb an meinem Gesicht hängen. „Hast du dich auch schon entschieden, Liebes? Weißt du, was du essen möchtest? Ich habe schrecklichen Hunger. Tut mir leid, dass ich ein solcher Plagegeist bin, aber ich habe seit heute Mittag nichts gegessen. Du weißt doch, wie ich bin, wenn ich hungrig bin.“ Sie sagte es mit einem derart süßen Lächeln, dass ich nur mit Mühe entscheiden konnte, ob sie ernsthaft verärgert war oder nicht.
„Unausstehlich?“, fragte ich. Ich trank einen großen Schluck Wein und spürte, wie er in der Kehle brannte. Seitdem ich denken konnte, war unser Kühlschrank vollgepackt mit Essen. Ich kannte ihre Reaktion auf Hunger nur zu gut.
„Unausstehlich, misslaunig und brummig“, fügte meine Mum hinzu.
„Bösartig?“, hörte ich mich sagen, so zaghaft, dass ich meine eigene Stimme kaum erkannte.
„Moment mal!“, rief Mum und hob protestierend die Hände. „Jetzt übertreibst du aber! Ich kann Hunger einfach nicht leiden. Mein Blutzucker sinkt und …“
Ich schenkte ihr ein süßes Lächeln. „Ich wollte dich bloß ärgern, denn du magst meine Frisur nicht.“
„So ist das auch nicht. Ich finde sie ganz in Ordnung. Ich mochte deine Haare lang einfach lieber. Was nimmst du nun?“
„Ich nehme die Pizza.“
„Pizza? Ist ja kein Wunder, dass du an meinem Salat etwas auszusetzen hast.“ Meine Mum drehte sich nach der Kellnerin um. „Hast du das gesehen? Die hat uns gesehen und ist sofort weitergelaufen.“
Ich rollte mit den Augen. Dieses extreme Misstrauen ging mir gehörig auf den Geist. Ich grinste ein wenig boshaft. „Ja genau“, murmelte ich. „Sie hat uns gesehen und ist sofort weitergelaufen. Das ist bestimmt eine Verschwörung.“
„Jetzt spinnst du aber!“, meinte meine Mum. Sie ließ den Blick durch den Raum gleiten, ohne irgendwo zu verharren, bis sie schließlich an dem älteren Mann mit der jungen Blondine hängen blieb. Er hatte sich umgedreht, um nach einem leeren Tisch Ausschau zu halten. Mir fielen sofort seine beinahe stechenden, blauen Augen auf, die sich kurz mit dem Blick meiner Mutter kreuzten. Er hatte ein aristokratisches, gut geschnittenes Gesicht. Für sein Alter sah er noch sehr gut aus. Er wirkte wie ein reicher Unternehmer und so malte ich mir aus, dass die Blondine an seiner Seite seine Frau war. Eine Tochter aus gutem Hause oder eine reiche Erbin mit Vaterkomplex. Solchen Paaren begegnete ich häufig.
Am Tisch wurde es auf einmal bedrückend still und ich merkte, dass Mum den Atem anhielt. Ihr war die Farbe aus dem Gesicht gewichen und ihre Hände zitterten.
„Mum?“, fragte ich erschrocken. Aber sie antwortete nicht. Statt einer Antwort hörte ich nur einen erstickten Laut. Ihr Gesicht war vollkommen versteinert, während sie den älteren Mann anstarrte, der sich inzwischen wieder der Blondine zugewandt hatte. „Mum?“ Wieder keine Antwort. Während der Raum sich mit neuen Gästen füllte, schaute ich mich Hilfe suchend nach einer Bedienung um. „Alles in Ordnung?”
Wie in Trance wies sie mit dem Kopf auf den Mann. Inzwischen hatte er einen leeren Tisch für seine Begleitung und sich entdeckt. Die Blondine hakte sich bei ihm ein, dann verließen sie die Theke.
„Mum, was hast du bloß?“ Der Gesichtsausdruck meiner Mum verriet, dass sie gedanklich weit abgeschweift war. Sie nahm mich überhaupt nicht mehr wahr. Ihr Geist schien in einer anderen Sphäre zu weilen. Sie hatte scheinbar Probleme zu verstehen, was genau ich eigentlich von ihr wollte. Sie klimperte ein paarmal mehr als üblich mit den Wimpern. Dann, nachdem sie mich wirr angeschaut hatte, verdrehte sie die Augen, sank in sich zusammen und rutschte vom Stuhl. Erst nach ein paar Sekunden begriff ich, dass sie zusammengebrochen war.

Auf http://sues-buecherecke.blogspot.de/ von Susanne Schaunik (08.09.2014)


Klappentext:
Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird die junge Jüdin Elsa nach Auschwitz deportiert. Die Begegnung mit dem skrupellosen KZ Arzt Erich Hauser verändert ihr Leben auf grausame Weise. Fast 35 Jahre bewahrte sie das Geheimnis, bis sie eines Tages ihrem Peiniger in einem New Yorker Restaurant wiederbegegnet. Elsas Tochter Leni erfährt erst aus dem Tagebuch ihrer Mutter von der tragischen Geschichte ihrer Familie, die in Auschwitz mit Menschenexperimenten begann ...
Lenis Gedanken werden daraufhin von einem unweigerlichen Ziel bestimmt: Dr. Hauser für seine Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen.

Handlung:
Leni, eine junge Frau aus New York, führt ihre Mutter zum Essen aus. Dort treffen sie auf einen ihr unbekannten, aber ihrer Mutter durchaus bekannten Mann. Und genau dieses harmlose Ereignis bringt einen Stein ins Rollen. Elsa, Leni´s Mutter, bricht zusammen. Leni macht sich Sorgen, so hat sie ihre Mutter noch nie gesehen. Dann findet sie Elsa´s Tagebuch und Leni erfährt die ganze grausame Wahrheit.

Buchtitel:
Passend!
Cover:
Wie der Buchtitel ist auch das Buchcover passend zum Buch.
Fazit:
"Elsa´s Stern" von der Autorin Agnes Christofferson ist ein sehr aufwühlendes Buch. Die Charaktere um Elsa und Leni sind Fiktion, allerdings wurde die Geschichte auf wahrem Hintergrund aufgebaut.
Das Holocaust-Drama "Elsas Stern" lässt den Leser auch nach dem Ende des Buches nicht los, es regt zum Nachdenken an und der Leser (zumindest ging es mir so) muss an vielen Stellen einen dicken Kloß runterschlucken. Die Tränen laufen und man kann nur den Kopf schütteln, über diese Ungerechtigkeit und die menschenverachtenden Umständen, welchen die Häftlinge ausgesetzt wurden.
Dennoch finde ich es richtig und wichtig, dass die Autorin dieses Thema aufgegriffen hat. Was damals passiert ist, darf niemals vergessen werden und Frau Christofferson hat mit diesem Buch einen Teil dazu beigetragen. Meine Hochachtung hiermit an die Autorin!
Zum Buch selbst:
Der Schreibstil ist aussagekräftig und der Text einfühlsam und mitfühlend geschrieben.
Das Buch ist im Grunde genommen in drei Teilen aufgebaut, zum einen die Vergangenheit um 1944, die Vergangenheit um 1979 und die Gegenwart. Der Leser springt zwischen den drei Teilen hin und her. Dennoch ist es nicht verwirrend. Im Gegenteil, man kommt leicht mit und es macht keine Problem den Überblick zu behalten.
5 von 5 Sternen

Online: http://sues-buecherecke.blogspot.de/2014/09/rezension-zu-elsas-stern-von-agnes.html

                                                                                                                                                                           

Auf http://kleeblatts-buecherblog.blogspot.de/ von Sina (25.09.2014)


Elsa ist gerade 18 Jahre alt, als sie zusammen mit ihrer Familie nach Auschwitz verlagert wird. Dort wird sie von ihren Eltern getrennt und muss zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Hanna versuchen, jeden Tag aufs Neue ums Überleben zu kämpfen. Als sie das Interesse des skrupellosen KZ-Arztes Erich Hauser weckt, fängt ein Martyrium der grausamsten Art an. Denn Hauser ist bekannt für Experimente, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Und Elsa ist für Hauser das perfekte Opfer.
Jahre später findet Leni, Elsas Tochter das Tagebuch ihrer Mutter und liest mit Entsetzen, was in Auschwitz passiert ist. Schreckliche Geheimnisse kommen ans Tageslicht und Leni setzt sich ein Ziel: Erich Hauser muss dafür büßen.

Wie immer ist es schwer, Bücher, die mit der dunklen Geschichte Deutschlands verbunden sind, in einer Rezension darzustellen. Kann man sie als „gut“ bezeichnen, wo sie doch ein Thema beinhalten, über das niemand gerne nachdenkt oder sich gar erinnern will?
Und doch bin ich froh, dass man solche Bücher zu lesen bekommt, kann man sich als Deutscher doch nicht der Vergangenheit des Landes entziehen.

Die Grausamkeit des zweiten Weltkrieges und gerade die Verfolgung der Juden ist ein Teil dieser Geschichte und sollte nicht in Vergessenheit geraden.

Agnes Christofferson hat sich ein Herz genommen, und über das Thema „Judenverfolgung“ einen Roman geschrieben, der einem ab der ersten Seite packt. Die Protagonistin Elsa ist eine Frau, die ein schlimmes Schicksal über sich ergehen lassen musste. Erst das Verstecken vor den Nazis, dann die Deportierung nach Auschwitz, die Ungewissheit, ob sie ihre Familie wiedersieht und die Grausamkeiten seitens des KZ-Arztes.

Trotz allem merkt man ihren Mut, der zwar erst unterschwellig zu sehen ist, dann doch immer mehr an die Oberfläche kommt. Der Wille zu Überleben ist groß, trotz mancher mutloser Gedanken.

Leni, Elsas Tochter, ist ihr in vielen Dingen gleich. Ihr Wille ist genauso stark und ihr Kampf für die Gerechtigkeit ist ein Ziel, das sie noch stärker macht.

Manche Szenen im Buch sind sehr detailliert beschrieben und manchmal musste ich mehrmals schlucken und mich überwinden, weiterzulesen, bin aber froh, dies letztendlich getan zu haben und dass ich so Elsas Geschichte mitverfolgen konnte. Ihre Schicksal steht stellvertretend für viele tausende Menschen, die zur Zeit des zweiten Weltkrieges gelebt haben und gestorben sind.

Fazit:

Eine mitreißende Geschicht um den Kampf ums Überleben im zweiten Weltkrieg. Von mir gibt es dafür 10 Punkte.


Online: http://kleeblatts-buecherblog.blogspot.de/2014/09/agnes-christoffersn-elsas-stern-von-sina.html

Auf http://leipzigdiscovery.com von Harald Wurst (16.01.2015)


Rezensionsreihe Israel zur Leipziger Buchmesse 2015, Teil 1: Agnes Christofferson, Elsas Stern. Oder: Shoah-Schatten in Manhattan.

Auschwitz, Holocaust, bestialischer Völkermord, traumatisierte Überlebende und selbstvergessene Verbrecher, die sich in einem neuen Leben einzurichten versuchen… das ist alles in allem extrem harter Stoff. Wer sich diesem Thema als Autor stellt, verdient zunächst einmal großen Respekt, denn die Fallhöhe kann hier sehr hoch sein. Die gebürtige Polin Agnes Christofferson hat sich der Herausforderung gestellt. Und – abgesehen von wenigen Abstrichen – legt die Autorin mit ihrem Roman „Elsas Stern“ eine beeindruckende Geschichte vor: über miteinander verwobene Schicksale und die grenzenlose Grausamkeit, zu der Menschen fähig sind.
Quelle: www.acabus-verlag.de

Quelle: www.acabus-verlag.de

Die Handlung beginnt 1979 in New York. Elsa, Jüdin und Auschwitz-Überlebende, trifft sich mit ihrer Tochter Leni in einem italienischen Restaurant. Als ein älterer Mann die Gaststätte betritt, bricht Elsa offensichtlich geschockt zusammen. Im Krankenhaus kümmern sich Elsas Töchter Leni und Salome besorgt um ihre Mutter – diese benimmt sich allerdings zusehends immer seltsamer. Schließlich übergibt Salome das alte Tagebuch von Elsa an Leni. Und damit startet der zentrale Plot des Romans. Sie erfährt aus den Aufzeichnungen der Mutter nicht nur, wie ihre ganze Familie von den Nazis fast ausgelöscht wurde und dass Elsa in Auschwitz als Opfer brutalster Menschenexperimente leiden musste – auch ihre Schwester Salome ist nicht wirklich mit ihr verwandt… und es gibt einen skrupellosen Arzt namens Erich Hauser, der mit dem Schicksal ihrer Mutter auf verschiedenste Weise verknüpft ist.

Klar, der unbekannte Mann in der Pizzeria ist natürlich dieser grausame KZ-Arzt. Und die, übrigens recht knappe und literarisch wie dramaturgisch eher mittelmäßige, Rahmenhandlung, dreht sich um die Enttarnung des Mannes, der im New York der späten 1970er Jahre als Kinderarzt Peter Miller praktiziert. Zu großer Form läuft der Roman bei den Tagebuch-Sequenzen aus der Perspektive von Elsa auf. Dieser Strang macht rund 80 Prozent des Buches aus. Und keine Seite davon ist zu viel. Von der ersten Begegnung und sogar einem Flirt Elsas mit dem jungen „Erik“ Hauser in der Obhut eines versteckten Landsitzes bis zu den fürchterlichsten Beschreibungen des KZ-Alltags und schmerzhaft detaillierten Schilderungen medizinischer „Experimente“ des perversen Arztes in Auschwitz schont die Sprache dieses Buches den Leser nicht. Die realistische Härte der Prosa ist schlichtweg gewaltig. Und die Ambivalenz der Charaktere , ob SS-Männer, Kapos oder KZ-Insassen, gnadenlos in der Schilderung.

Autorin Agnes Christofferson, geboren 1976 in Polen und seit ihrem 12. Lebensjahr in Deutschland lebend, hat mit „Elsas Stern“ ein tatsächlich ergreifendes Buch geschrieben. Die Geschichte ist rein fiktiv – die Szenerie nicht. Und wer glaubt, zum Holocaust sei eigentlich alles schon gesagt, kann sich hier beim Lesen getrost selber fragen: Ist so ein Verbrechen je vergessen – oder heute wieder möglich? In diesem Buch findet der Leser die Antwort zwar nicht, aber es wird nach der Lektüre womöglich schwer sein, nicht danach zu suchen.

Online: http://leipzigdiscovery.com/2015/01/16/rezensionsreihe-israel-zur-leipziger-buchmesse-2015-teil-1-agnes-christofferson-elsas-stern-oder-shoah-schatten-in-manhattan/

Über den Autor

Christofferson, Agnes

Christofferson, Agnes

Agnes Christofferson , geboren 1976 in Deutsch Eylau, Polen, lebt seit ihrem 12. Lebensjahr in Deutschland. Nach abgeschlossener Berufsausbildung folgten Heirat und die Geburt eines Sohnes. Bereits seit der Jugend begleitet sie das Schreiben und seit 2008 ist sie als Autorin tätig: Unter dem... mehr über den Autor

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