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Das Herz der Nacht
Roman

Das Herz der Nacht

Autor: Siegmund, Fabienne


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Produktart: Buch

Seiten: 324

Sprache: deutsch

Auflage: 1

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862824359

Einband: Hardcover, gebunden

zum eBook

EUR 22,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Wie eine verlorene Liebe Venedig in ewiges Tageslicht taucht 
Sieben Tage lang geht die Sonne über Venedig nicht mehr auf. Am achten Morgen ist Anisa, die Assistentin und Geliebte des Straßenzauberers Matéo, plötzlich verschwunden. Matéo ist sich sicher, dass Anisa ihn nicht freiwillig verlassen hat. Während Venedig in den folgenden Tagen in ewigen Tag getaucht ist, sucht er verzweifelt die Stadt nach ihr ab. In einem verborgen liegenden, seltsamen Zirkus findet Matéo endlich Anisa wieder, doch als er sie anspricht, erkennt sie ihren Geliebten nicht. Sie lädt den Zauberer jedoch ein, ebenfalls im Zirkus aufzutreten. Und so begibt sich Matéo in eine verzauberte Zirkuswelt, die nicht nur das Geheimnis seiner Geliebten zu hüten scheint, sondern auch den Schlüssel zum andauernden Tageslicht über Venedig in sich birgt.
Leseprobe aus „Das Herz der Nacht“ – Prolog:
Der Morgen kann ein Dieb sein, und manchmal raubt er nicht nur die Nacht. Matéo raubte er bereits seit fünf Tagen mit jedem Erwachen die Hoffnung. Obwohl … nein, die Hoffnung raubte er ihm erst seit vier Tagen. Am ersten Tag, dem Dienstag, hatte er ihm noch so viel mehr gestohlen.
Und auch heute, am Sonntag, erinnerte er sich noch genau.
Noch bevor Matéo die Augen an jenem Dienstag aufgeschlagen hatte, war da dieses Gefühl gewesen, dass sich etwas verändert hatte. Da war eine Kälte in der kleinen Wohnung, die am Abend, als er und Anisa unter die Decke geschlüpft waren, nicht dagewesen war. Eine Kälte, die sich anders anfühlte als die des Winters. Sie hatte nicht einmal etwas mit der Temperatur in der winzigen Wohnung zu tun.
Es war einfach ein Gefühl, das nicht von ihm hatte ablassen wollen.
Mit banger Erwartung hatte er die blaugrauen Augen aufgeschlagen, doch bis auf das gleißende Licht, das ihm die Sicht erschwerte, hatte er zunächst nichts gesehen. Und auch als er blinzelnd die Brille mit den schlichten silbernen Rändern aufgesetzt hatte, die seine ohnehin schon tiefliegenden Augen optisch noch tiefer sinken ließ, war ihm nichts Besonderes aufgefallen.
Nichts in der Wohnung hatte sich verändert.
Alles war dort geblieben, wo es hingehörte, das schmale Sofa im fast rechten Winkel zum Bett, davor der kleine Tisch, welcher Nachtschrank und Beistelltisch zugleich war, ein winziger Sessel, dahinter die Kochnische und die Tür, die in das kleine Bad führte.
Nur Anisa war nicht da gewesen.
Zuerst hatte er sie noch im Bad gewähnt, doch hatte er weder das Fließen von Wasser noch die Toilettenspülung gehört. Auch das Summen, mit dem Anisa jeden Tag begrüßte, hatte gefehlt.
Erschrocken war Matéo hochgefahren, und obwohl er deutlich gesehen hatte, dass Anisa nicht neben ihm lag, hatte er mit der Hand über die leere Seite des Bettes getastet. Sie war kalt und glatt gewesen, als hätte nie jemand dort gelegen.
Nur der Duft ihres Parfüms hatte noch in der Luft gelegen, eine vage Erinnerung an Veilchen und Orchideen, die mit jedem Atemzug verblasst war.
Sie hatte den Duft am Morgen zuvor aufgetragen, einem Morgen, der ihnen wie ein Wunder vorgekommen war, nach einer Woche, in der die Nacht vergessen zu haben schien, dass es auch noch Tage gab.
Sieben Tage lang war es nicht hell geworden, nicht einmal ein klitzekleines bisschen.
Wo die Sonne hätte scheinen sollen, standen der Mond und die Sterne, ummantelt von tiefblauer Dunkelheit.
Die meisten Menschen hatten sich in ihren Häusern verkrochen und geglaubt, der Himmel würde über ihnen einstürzen.
Anisa und er aber waren durch die Nacht getaumelt, hatten ihrer Liebe tanzend Ausdruck verliehen. Sie waren auf den kleinen Plätzen, unter deren Laternen sich die Nachtschwärmer versammelt hatten, aufgetreten und hatten die Menschen mit ihren Illusionen verzaubert, die Matéo niemals zuvor so leicht von der Hand gegangen waren. Matéo war ein Zauberkünstler, ein Illusionist. Kein besonders guter, da machte er sich nichts vor. Sein spärliches Talent lebte von Anisa, die als seine Assistentin fungierte und alle Aufmerksamkeit auf sich lenkte, wenn er mal wieder mit seiner Ungeschicklichkeit haderte, gegen die er so oft den inneren Kampf verlor.
Ja, Matéo wusste genau, dass Anisa die wahre Magierin war.
Niemand konnte die Blicke von ihrer zierlichen Gestalt lassen, wenn sie in ihrem schlichten, weißen Kostüm, dem einer Ballerina bei ihren Übungen gleichend, um ihn herum tänzelte, die glatten braunen Haare locker hochgesteckt, in den braunen Augen immer ein Funkeln, das weder Freude noch Traurigkeit und doch beides zugleich verhieß.
Es war dieses Funkeln, in das Matéo sich verliebt hatte, die Herausforderung, es in ein Strahlen zu verwandeln.
So oft war es ihm seither schon gelungen, und mit jedem Mal machte sein Herz einen Satz vor Freude, auch noch nach all der Zeit, die sie einander kannten, in all dem Elend, das sie manchmal begleitete, wenn das Geld ausblieb, selbst als der Applaus zu höhnischem Lachen oder gellenden Pfiffen wurde.
Nicht immer konnte Anisa seine Vorstellung retten oder verbergen, wie stümperhaft er seine Tricks aufführte.
Immer aber rettete sie ihn.
Weil sie ihn so sehr liebte wie er sie, und stets war ihnen das genug gewesen.
Ja, sie waren glücklich gewesen, all die Zeit, egal wie schlecht die Karten gewesen waren, die ihnen das Schicksal in die Hände gespielt hatte.
Manchmal war das Geld zu wenig zum Leben gewesen, hatte nicht mehr fürs Essen gereicht, wenn sie die Miete bezahlt hatten, dabei die Summe auf die Lire genau zusammenkratzten aus allem, was sie besaßen.
Dann waren sie anderen Arbeiten nachgegangen.
Anisa hatte sich als Schneiderin verdingt, er selbst sich als Kurier, Lagerarbeiter und Nachtportier.
Doch nie war dies von Dauer gewesen, stets waren sie zur Kunst zurückgekehrt.
Und niemals hatte Anisa davon gesprochen, ihn zu verlassen, auch wenn sie ein anderes Leben hätte führen können.
Sie war Tänzerin. Eine der besten, wenn auch vielleicht nur für ihn. Und doch war sie mit ihm gekommen, in eine Welt, in der es kein Glitzern und kein Parkett gab, sondern nur Staub und Straßenasphalt.
An diesem Dienstagmorgen aber war sie verschwunden. Die Matratze neben ihm war leer gewesen.
Vielleicht, so hatte er noch gedacht, war sie nur zum Bäcker gegangen.
Aber er hatte den Gedanken sofort wieder verworfen, als ihm bewusst geworden war, dass sie kein Geld für frische Brötchen hatten. Denn mit jedem Tag, über dem die Nacht stehen geblieben war, waren die Menschen auf den Straßen und Plätzen weniger geworden und so waren auch die Münzen in seinem Zylinder ausgeblieben.
Die Angst hatte um sich gegriffen, mit all ihrer Macht. Türen und Fensterläden waren verriegelt worden, Laternen flackernd erloschen. Und auf den Straßen, Brücken und Plätzen war es still geworden. Selbst das stetige Flüstern der Kanäle war verstummt, die Gondeln verharrten regungslos.
Niemand hatte mehr den Sängern gelauscht, die die Stadt mit ihren Liedern erfüllten, niemand mehr die Kreidebilder der Maler auf dem Asphalt bewundert, die im Licht der Laternen lebendig geworden waren. Und niemand hatte mehr auf den in Grau gekleideten Magier geachtet, der mit seiner Assistentin die Welt zu verzaubern versuchte.
Und wohin die Menschen nicht sahen, da ließen sie auch kein Geld. So einfach war es.
Ja, am Ende hatten auch Anisa und er die schier ewig währende Nacht verflucht und waren ihr entflohen, in den Schutz ihrer Wohnung, in der sie sich aneinandergeschmiegt hatten. So hatten sie auf das Ende der Nacht gewartet, und am Montag, da war es gekommen.
Der Morgen war erwacht, grell und gleißend, beinahe brutal hatte er die Welt aus der Dunkelheit gerissen. Für einen Moment war es, als wäre der Himmel wirklich auf die Erde gestürzt.
Dann aber war mit dem Licht das Leben in die Welt zurückgekehrt und hatte für Anisa und ihn die Hoffnung im Gepäck gehabt, dass dies vielleicht der Beginn eines neuen Lebens sein könnte. Niemals hätte Matéo geglaubt, die Hoffnung so schnell brechen zu sehen. Einen Tag lang nur hatte sie gewährt, nicht einmal die Nacht überlebt, in der es keine Dunkelheit gegeben hatte.
Die Hoffnung war mit Anisa verschwunden, wohin auch immer sie gegangen war. Dass sie ihn verlassen hatte, glaubte Matéo nach wie vor nicht, auch nicht nach Tagen vergeblichen Suchens. Nein. Es war etwas passiert. Etwas, das er nicht bemerkt hatte, etwas Schlimmes, über das man niemals auch nur ein Flüstern wagen sollte. Denn Vermutungen wurden wahr, wenn man sie in Worte fasste.

Über den Autor

Siegmund, Fabienne

Siegmund, Fabienne

Fabienne Siegmund, geboren 1980, lebt in der Nähe von Köln. Ihre Leidenschaft für Geschichten entdeckte sie schon als Kind, und irgendwann begann sie selber zur Architektin von Luftschlössern, Traumgebilden und anderen zumeist fantastischen Stoffen aus Buchstaben zu... mehr über den Autor

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