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Burn-In
Oder wie Parzer der Glückseligkeit verfiel. Roman

Burn-In

Autor: Knell, Sebastian

lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 200

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862824793

Einband: Hardcover, gebunden

zum eBook

EUR 20,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Welch unverschämtes Glück, überhaupt geboren zu sein! Als der Politiker Reinhold Parzer eines Morgens erwacht, steht ihm in nie dagewesener Klarheit vor Augen, wie sehr das eigene Dasein vom Lotto kosmischer Zufälle abhängt: Nicht zu existieren, wäre weitaus wahrscheinlicher gewesen. Fortan erliegt er dem Drang, den Dingen „im Tänzelschritt des Gleichmuts“ zu begegnen. Rasch droht seiner Karriere hierdurch das Aus. Seine Gattin und die Parteikollegen reagieren mit wachsendem Entsetzen. Parzers Erkenntnis scheint zur Obsession zu werden, die ins Verhängnis führt…
Ein Roman über die Suche nach der Leichtigkeit des Seins, der auf den Prüfstand stellt, zu welcher Art von Glück der Mensch fähig ist. Poetisch, abgründig und philosophisch.
Sebastian Knell ist Philosoph und Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm bei Suhrkamp "Die Eroberung der Zeit".
Leseprobe aus „Burn-In“ von Sebastian Knell  (hier geht´s zur PDF-Leseprobe)
 
„Um es gleich ganz freiheraus zu sagen“, eröffnete ich die Sitzung, „ich bin nicht der Meinung, dass ich krank bin. Oder anderweitig behandlungsbedürftig.“
Dr. Sinnvogel reagierte hierauf mit einem freundlichen, leicht seitwärts gewendeten Kopfnicken. „Das mag durchaus so sein“, sagte er dann. „Wir werden das gemeinsam in Ruhe prüfen.“
„Ich bin nur deshalb zu Ihnen gekommen, weil meine Frau mich dazu gedrängt hat.“
Mein Gesprächspartner erwiderte hierauf nichts.
„Ich von mir aus wäre gar nicht auf die Idee gekommen“, ergänzte ich.
„Das sagten Sie schon am Telefon.“
„Sie vermutet ein Burnout bei mir. Eine Art Erschöpfungsdepression.“
„Verstehe. Ein derzeit stark in Mode gekommener Begriff. Allerdings noch keine sehr genaue Diagnose.“
Dr. Sinnvogel beugte sich über seinen Schreibtisch, um sich eine Notiz zu machen. Er benutzte einen Füllfederhalter, dessen Schaft aus Zierholz bestand und dessen Spitze mit einem ähnlich unschönen Geräusch über das Papier schabte wie die Sonde eines Dentisten über einen kariösen Zahn. Unterdessen blickte ich mich in dem Raum um. Es war ein unprätentiöses Büro, mit funktionalen, hell furnierten Möbeln. Die Fensterfront, durch die das Licht des Hochsommers in den Raum flutete, war mit Gardinen aus Leinen bestückt. Die ansonsten leere Fläche des Schreibtischs zierte eine aufrecht stehende Panflöte. An den Wänden hingen Bilder in metallenen Rahmen, halb abstrakte, halb figürliche Malereien in Acryl. Sie unterschieden sich nur wenig von den Werken anderer Künstler mittelmäßigen Talents. Von jenem Zeugs also, das man heutzutage an jeder dritten Straßenecke in einer Galerie zu sehen bekam. Und dennoch wirkten sie ganz eindeutig so, als seien sie von psychiatrischen Patienten geschaffen worden, von Leuten, die nicht alle Tassen im Schrank hatten. Das Werk zerquälter kleiner Demiurgen, denen jeglicher innere Schwerpunkt und Kompass abhandengekommen war.
Dr. Sinnvogel selbst war ein schlanker, hochgewachsener Mann mittleren Alters. Seine stahlblauen Augen standen sympathisch weit auseinander, und das bereits ergraute Haar war zu einem dünnen Flaum geschoren. Er hätte durchaus das Zeug zum Schönling gehabt, wäre da nicht das seltsame Kinnbärtchen gewesen, das beim Sprechen immerzu in Bewegung geriet. Es glich dem schütteren Wimpel am Unterkiefer einer arkadischen Ziege. Atmosphärisch durchaus passend zu der Hirtenflöte auf dem Schreibtisch, aber alles andere als vorteilhaft. Nun denn: Offenkundig war ich nicht der einzige Mensch auf dieser Welt, der sich selbst im Wege stand.
„Ihre Frau“, wandte sich Sinnvogel mir erneut zu, „hat Sie also gedrängt, einen Psychiater aufzusuchen.“
„So ist es.“
„Drängt Ihre Frau Sie öfters dazu, Dinge zu tun, die Sie eigentlich nicht tun möchten?“
„Das kommt schon manchmal vor. Aber nicht allzu oft. Und das ist ja auch okay, schließlich führen wir eine Ehe. Das geht nun mal nicht ohne Kompromisse.“
„Entscheidend ist, wie Sie sich dabei fühlen.“
Während ich das Statement auf mich wirken ließ, lehnte ich mich in den himmelblauen Behandlungssessel zurück. Eigentlich hatte ich eine regelrechte Couch erwartet, mit bequemer Polsterung und Kopfstütze, doch offenbar war dieses Accessoire bei der Zunft inzwischen aus der Mode gekommen. Ein Sonnenstrahl fiel durch die Fensterfront auf die Armlehne des Sessels und wärmte so auf angenehme Weise meine Hand.
„Du musst zu einem Therapeuten gehen, ich flehe dich an!“, hatte Julia mich beschworen. „Dein ganzes Verhalten wirkt auf mich total depressiv. Diese fürchterliche Passivität auf einmal!“
„Ich fühle mich aber kein bisschen depressiv“, hatte ich entgegnet und in einen Apfel gebissen, den ich aus Aebis Garten mitgebracht hatte. „Nicht mal ansatzweise. Und passiv? Also ganz ehrlich, ich weiß nicht, wie du da drauf kommst. Ich gehe zum Beispiel viel mehr spazieren als früher. Schon mal bemerkt?“
„Das sagt rein gar nichts! Es riecht irgendwie alles nach Burnout bei dir. Du hast dich wahrscheinlich in all den Jahren ständig überarbeitet. Und wir beide haben davon irgendwie nichts gemerkt.“
„Ich weiß ja nicht. Meinst du wirklich? Das scheint mir ziemlich aus der Luft gegriffen.“
„Doch, bestimmt! Denk doch nur mal daran, wie du damals Tag und Nacht rotiert bist, als du noch gleichzeitig den Bürojob und das Kreistagsmandat hattest und dann auch noch in diesen ganzen Arbeitskreisen der Landesgruppe rumgefochten hast. Die Belastung, die war doch regelrechter Wahnsinn!“
„Hm. … Mag sein“, hatte ich erwidert und den Apfel auf den Wohnzimmertisch gelegt. „Vielleicht hast du ja tatsächlich Recht, wer weiß.“
„Such dir bitte Hilfe! Denk nur mal an deine Parteitagsrede. An der hast du noch immer keinen Strich gemacht. Und dein Lehrauftrag ist auch schon futsch. Willst du dir wirklich alles ruinieren?“
„So schlimm wird‘s schon nicht kommen.“
„Dazu wird‘s mit aller Sicherheit kommen, wenn du noch länger so total blockiert herumeierst wie die letzten Monate. Bist du denn völlig blind?!“
„Also gut, in Ordnung. Ich werd mich mal abchecken lassen, wenn’s dich beruhigt. Ich mach das dir zuliebe, okay?“
„Glaub mir, das ist der richtige Schritt. Du hast ein echtes Problem und benötigst professionelle Hilfe.“
Julia selbst war zwar kein Problemfall vom Kaliber ihrer Schwester. Doch hatte auch sie vor Jahren einmal eine Gesprächstherapie absolviert. Zu dem Entschluss hierzu war sie gelangt, nachdem sie während der Zeit der Studentenpartys, Proseminare und Kneipenabende ziemlich zwanghaft die narzisstische Sirene gemimt und reihum die Herzen labiler Jünglinge – ebenso wie die einiger angegrauter Wagenlenker der Kulturschickeria – auf ihren hübschen Knien platt geschlagen hatte. Die damalige Selbstreflexion vollzog sich, wie sie mir berichtete, nicht ohne Schmerzen. Jedoch hatte sie ihr eine bleibende Antenne für die Psychoschäden anderer Leute und darüber hinaus mir ein Eheweib beschert, dem die allzu verqueren Stimmungswechsel und die Femme-Fatale-Allüren weitgehend ausgetrieben waren.
Auf Dr. Sinnvogel war ich gestoßen, nachdem sich der Versuch, im Großraum Lörrach auf die Schnelle einen Therapeuten zu finden, als hoffnungsloses Unterfangen erwiesen hatte. Sämtliche Seelenklempner besaßen monatelange Wartelisten, ohne die geringsten Aussichten auf einen raschen Quereinstieg. Jenseits der Grenze hingegen sah die Sache etwas besser aus, sofern man bereit war, die Finanzierung aus eigener Tasche zu stemmen. Dies konnte ich mir durchaus leisten, immerhin besaß ich noch ein paar Ersparnisse, so dass ich die spontane Gelegenheit, die Dr. Sinnvogel mir bot, sogleich beim Schopf ergriff. Ohnehin hatte ich nicht vor, mir mit der Tomographie meiner Psyche mehr als fünf bis zehn Sitzungen um die Ohren zu schlagen.
Dr. Sinnvogel residierte in einem schmalen, von Jasmin und Knöterich umrankten Altbau in einem Seitengässlein der Basler Altstadt, in der Nähe des Rümelinplatzes. Auch er stammte ursprünglich aus Deutschland, so dass es, was eine weitere günstige Fügung war, nicht einmal den Ansatz einer Sprachbarriere zwischen uns gab.
„Es ist also so“, fasste Sinnvogel meinen Einstiegsbericht zusammen, „dass Ihnen auf einmal für viele Dinge der Elan fehlt, die Sie zuvor gezielt und auch mit Freude und Anteilnahme betrieben haben.“
„Das trifft es nicht ganz. Eher würde ich sagen: Diese Dinge sind auf einmal nebensächlich geworden. Im Grunde sogar irrelevant.“
„Und was ist Ihnen stattdessen wichtig?“
„Das sagte ich Ihnen ja schon: Alles andere hat seine Bedeutung verloren, seit ich begriffen habe, dass bereits die nackte Existenz ein Riesengeschenk ist. Rein kosmologisch betrachtet, meine ich. Die wenigsten Leute machen sich das ja klar, aber überhaupt zur Welt gekommen zu sein, das ist schon der eigentliche Triumpf im Leben! Und das mal wirklich kapiert zu haben, das kann einen ohne weiteres dazu bringen, in jedem Moment des Tages vollkommenes Glück zu empfinden. Jedenfalls gilt das für mich.“
„Und das hat Ihr Leben verändert.“
„Absolut. So sehr ich mich auch bemühe – und ich kann da wirklich anstellen was ich will: Ich schaffe es einfach nicht, meine früheren Prioritäten auch nur ansatzweise wiederzubeleben. No chance!“
„Und darunter leiden Sie.“
„Überhaupt nicht! Sie haben mich nicht richtig verstanden. Ich war nur anfangs ziemlich irritiert darüber. So total entspannt auf mein Leben zu blicken, das war mir neu. Das hatte ich bisher so nicht gekannt.“
„Die Veränderung bewirkt also keinen Leidensdruck bei Ihnen.“
„Nicht im Geringsten. Aber sie macht meine Umgebung nervös.“
Dr. Sinnvogel unterbrach erneut das Gespräch, um sich eine Notiz zu machen.
„Sie sagten auch“, fuhr er dann fort, „dass Sie plötzlich wichtige Sachen vergessen haben. Den Unterricht für Ihre Studenten zum Beispiel. Und das Vorwort für ein Buch?“
„Ja. Obwohl ich diesen ganzen Kram im Grunde nicht wirklich vergesse.“
„Sondern?“
„Er ist in letzter Zeit nur irgendwie verblasst.“
Ein abermaliges Kritzeln mit dem Füllfederhalter. Anschließend legte der Doktor, der den Ellenbogen auf den Tisch gestützt hatte, eine Weile schweigend die Stirn in seine Hand.
„Nun gut“, sagte er schließlich. „Wir werden gemeinsam herausfinden, was dahinter steckt.“
„Da werden Sie nicht so arg tief graben müssen.“
„Wieso denken Sie das?“
„Das, was dahinter steckt, ist einfach nur die Wahrheit. Die nackte, unverstellte Wahrheit. Nichts weiter.“
 

Über den Autor

Knell, Sebastian

Knell, Sebastian

Sebastian Knell, Jahrgang 1966, hat Philosophie, Germanistik und Psychoanalyse studiert und in Frankfurt sein Examen gemacht. Nach anschließender Promotion und Habilitation sowie Lehrtätigkeiten an den Universitäten Frankfurt, Aachen und Basel unterrichtet er heute an der... mehr über den Autor

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