. .
BUCHstäblich NEU
Sie sind hier:

Ascheland
Roman

Ascheland

Autor: Kyr, Oliver


lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 220

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862824489

Einband: gebunden

zum eBook

EUR 19,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
  • Rezension
Die Sonne bringt die allgegenwärtige Asche, die weich auf dieser Welt ruht, zum Glänzen.
Deutschland, 2023, fünf Jahre nach dem Untergang der bekannten Welt: Zacharias Brandt wandert mit seiner dreibeinigen Hyäne Else durch das postapokalyptische Mitteldeutschland. Die wenigen Überlebenden sind weit verstreut und doch kennt man ihn überall. Er ist der Kindermacher, der vermutlich einzige Mann, der noch Nachkommen zeugen kann. Der ehemalige Zoowärter ist aber kein Freund der Menschen, die er für die Verwüstung der Welt verantwortlich macht. Doch wenn er etwas bekommen will, muss er auch etwas geben.
Ist es ein Fluch oder ein Segen, dass er ihnen Hoffnung geben kann? Will er ihnen wirklich eine neue Generation schenken?
Auf seinem Weg begegnet Zacharias Menschen, die ihn in seinen Ansichten bestätigen, aber auch solchen, die ihm neue Perspektiven aufzeigen und ihrerseits Hoffnung geben. Und während er ihnen eine neue Zukunft schenkt, sieht er in seinen Träumen immer wieder ein altes, efeubewachsenes Haus. Liegt dort seine Zukunft?
1. März 2023, nördlicher Schwarzwald
Das dunkle Holz der Stiege seufzt unter meinen Schritten. Ich starre hinauf, dem fleckigen Kleid der Frau hinterher, bemüht, Schritt zu halten. Sie hat es eilig. Das linke Bein setzt sie vorsichtiger auf als das andere. Ihre rechte Hand mit den frisch, aber unsauber lackierten Fingernägeln hebt den fleckigen Rock eine Handbreit. Als ob er noch zu retten wäre. Kurz hält sie inne, lacht unsicher, ein geisterhaftes, verstörendes Geräusch. Dann steigt sie weiter hinauf. Ohne sich nach mir umzudrehen. Der violette, grob gestrickte Schal auf ihren Schultern verleiht ihr etwas eigenartig Pastorales.
Ich zwinge mich, nicht an den armen Kerl unten in der Wohnküche zu denken. Wie er da hockt, traurig und stumm, den Blick ins erbärmliche Feuer des alten Kachelofens gerichtet. Seinen Filzhut in den Händen drehend und windend, als ob er eine andere Gegenwart aus dem Stoff wringen könnte.
Die Frau heißt Brigitte, sagt sie. Ich registriere den Namen und lasse ihn sofort wieder los. Es ist ein Tauschgeschäft, kein Kennenlernen. Sie muss hübsch gewesen sein, damals, vor ein paar Jahren, vor einer Ewigkeit. Schön sogar. Ein Bild von ihr steht unten auf einer von Würmern zerfressenen Anrichte. Langes, dunkelblondes Haar, strahlende Augen, ein Lächeln zum Sterben.
Jetzt ist davon nicht mehr viel übrig.
Wir sind jetzt oben. Sie öffnet eine schwere Tür, und wir betreten einen dunklen, kleinen Raum, dessen muffige und schwere Luft mir den Atem raubt. Die Frau entzündet eine kleine Petroleumlampe. Aus dem von Ruß geschwärzten Glas schaut mich mein eigenes Gesicht an. Kurz nur, dann drehe ich mich weg.
Ich kann die Frau nicht anschauen und mich selbst noch weniger.
Ich sollte daran gewöhnt sein, nach all der Zeit. Aber noch immer drängt das Bild des Kerls unten in der Stube in mein Bewusstsein. Ich bin seine einzige Chance auf einen Neuanfang, aber der Weg dorthin raubt ihm den Verstand.
Natürlich.
Die Frau schlüpft mit einer schnellen Bewegung aus ihren Kleidern. Wie ein zerplatzter Traum taumelt der fleckige Rock mit dem Spitzensaum zu Boden und bleibt liegen.
Ich begegne dem unsicheren Blick der Frau, und schenke ihr ein dünnes Lächeln.
Ein Lächeln, das ich geprobt habe, im Spiegel ruhiger Seen.
Ein Lächeln, das ihr Sicherheit geben soll. Die Sicherheit, das Richtige zu tun. Und mir die Sicherheit von Nahrung und Unterkunft. Wenn du etwas bekommen willst, musst du etwas geben. Das einzige Gesetz der neuen Welt.
Ich ziehe den nackten Körper der Frau zu mir hin und wische den säuerlichen Geruch, der ihr entströmt, aus meinem Bewusstsein. Sie schaut zu Boden, während ihre Hände kraftlos herunter hängen. Ihre kleinen Fußzehen stoßen gegen meine schweren Stiefel, dann fällt ihr Kopf an meine Schulter und sie weint. Ganz leise.
Ich streiche ihr übers strohige Haar. Dann drücke ich sie sanft von mir weg und streife meine schwere Kleidung ab. Führe sie zu dem breiten Bett mit den Schnitzereien am Kopfteil: ein Eber, eine Hirschkuh, ein Fuchs. Primitiv ins helle Holz gearbeitet. Der Kerl unten war wohl Jäger. Oder ist es immer noch.
Die Frau zittert, und ich decke sie mit der struppigen Wolldecke zu, die am Fußende liegt. Ich lege meine Hand sanft auf ihre Augen, und sie schließt die Lider.
Ich lege meine Lippen auf ihre, und sie öffnet den Mund. Ich atme warme, stickige Luft aus ihrer Mundhöhle und schließe selbst die Augen. Ihr Atem riecht nach kaltem Braten und Hoffnungslosigkeit, nach feuchter Erde und trockenem Stroh.
Ich stelle sie mir vor, wie sie auf dem Foto unten aussieht. Das lange, dunkelblonde Haar. Der zauberhafte Blick. Die Sommersprossen rund um ihren vollen Mund.
Ich träume sie mir schöner. Damit es schneller geht.
Die Frau beginnt zu stöhnen, leise, fast unhörbar. Vermutlich, um sich selbst in trügerische Leidenschaft zu wiegen. Es ist mir egal. Alles, was hilft, ist willkommen. Ihre Hände beginnen, mich zu berühren. Legen sich wie kalte Frösche auf meinen Rücken und mein Hinterteil. Ihr Mund will den Kuss nicht lösen, und meine Nase saugt gierig den letzten Rest von Sauerstoff ein, der durch den kleinen Raum wabert.
Als ich in sie eindringe, drängt sich das Bild ihres Mannes vor mein inneres Auge. Wie er da unten in der Stube sitzt, Tränen im Blick, den Filzhut im verkrampften Griff.
Und versaue mir damit um ein Haar das Tauschgeschäft.
Als es vorbei ist, dreht sie sich weg. Ihre Schultern beben, sie weint wieder. Ich ziehe mich schweigend an und betrachte sie. Dann breite ich die Wolldecke über ihr aus und lege für einen kurzen Moment meine Hand auf ihre Wange.
Sie reagiert nicht. Starrt nur zu dem kleinen Fenster, durch das die Spitzen der düsteren Tannen hereinstarren.
„Warum ist alles so geworden?“ Ihre Stimme, zitternd wie ein dünner Schwarm Motten, bemüht sich um Fassung. „Was haben wir falsch gemacht?“ Tränen stehen in ihren Augen. Sie streicht mit einer Hand über ihren Bauch, schaut mich dann fragend an. Ich lasse sie liegen und gehe die enge Holzstiege hinunter.
Als ich unten ankomme, ist das Bild der schönen Brigitte in mir bereits zu unscharfem Nebel verblasst.
Ich spüre Else, die draußen im kalten Nebel auf mich wartet.
Der Jäger meidet meinen Blick und streckt mir mit schroffer Ablehnung einen großen Weidekorb entgegen. Er hat sich den zerknitterten Hut aufgesetzt, offensichtlich, um sich einen letzten Rest von Würde zu verleihen. Vergebens.
Ich stelle den Korb auf den rissigen Esstisch.
Pilze, Beeren, Streichhölzer, ein kleines Fläschchen Selbstgebrannter. Ein Jagdmesser mit primitiven Schnitzereien auf dem Griff. Ein Glas Marmelade, halb voll.
Ich packe die Sachen in meinen Rucksack und lasse die Eier und die Milch im Korb liegen. Rühre sie nicht an.
Ich atme tief ein, und zum ersten Mal, seit ich das kleine Gehöft angesteuert habe, fällt ein Wort. Meines.
„Ich suche ein kleines Haus. Efeu an den Mauern. Ein dunkler Holzzaun. Zwei Linden, riesige. Kennen Sie das?“
Er antwortet nicht. Sein Blick bleibt auf den Ofen gerichtet. Als ob er im zitternden Feuer Abbitte suchen würde.
„Kennen Sie das?“ Meine Stimme ist jetzt schärfer. Obwohl ich bereits weiß, dass er es nicht kennt.
Er schaut mich unsicher an, sein Blick weicht meinem ständig aus.
„Wenn du eine Frau wärst, wärst du wenigstens eine Hure“, zischt er mir dann entgegen. Seine Stimme schnarrt wie eine aufgezogene Feder. Kleine Speichelfäden ziehen sich in seinen Mundwinkeln lang, werden dann von der spitzen Zunge eingesammelt. Er nickt mit dem Kopf, wie um sich selbst zu bestätigen.
„Dreckiger Landstreicher.“ Er will mich provozieren. Um das Geschehene erträglicher zu machen. Ich sehe es ihm nach.
„Ob Sie das Haus kennen“, entgegne ich ruhig.
Der Jäger schüttelt den Kopf. Seine schweren Arme hängen traurig vom Körper, sein hartes Kinn zittert. Ein Golem der Reue, das kantige Gesicht im zuckenden Feuerschein.
Ich drehe mich um und gehe ohne ein weiteres Wort hinaus. Ziehe die narbige Tür aus Holz hinter mir zu und atme die frische, klare Nachtluft. Schaue in die funkelnden Sterne hoch oben, bis das Bild des Jägers in meinem Kopf verblasst.
Nehme dann meinen langen Wanderstab an mich, der an die Wand des Hauses gelehnt auf mich gewartet hat. Streiche mit meinen Fingerspitzen über den kleinen roten Plastikball mit den weißen Punkten, der die Spitze des Stabes krönt.
Das Totem meiner Zunft. Einer Zunft, die nur von einem einzigen ausgeübt wird.
Ich schreite hinein ins tröstende Dunkel der rauschenden Tannen und werfe dann doch einen letzten Blick zurück. Ich sehe die Frau oben im Fenster stehen, die Petroleumlampe in der Hand. Sie schaut zu mir herunter. Ich schaue zurück. Dann hebt sie die Hand, nur ein wenig. Ihre Finger krümmen sich, sie deutet das Winken eines dunklen Abschieds an.
Ich wende mich ab und lasse mich bereitwillig vom schwarzen Nichts der Baumschatten verschlucken. Meine Stiefel stapfen über Moos, und schließlich drängt Elses warmer Körper gegen meine Beine. Eine raue, klebrige Zunge liest die letzten beiden Stunden von meiner Haut.
Dann laufen wir los. Ignorieren die trockene Scheune, die uns als nächtliche Zuflucht zustünde. Else spürt, dass die Sicherheit des Lagers eine trügerische wäre. Und ich spüre Else. Folge ihr den Hügel hinauf, der alten Bundesstraße entgegen.
Auf http://gutowsky-online.de/ (15.12.2016)

Eindruck
Beim Lesen des Klappentextes war ich zunächst überrascht wenn nicht sogar irritiert.
Deutschland ein paar Jahre später, knapp vorm Untergang und der scheinbar einzig zeugungsfähige Mann auf der Welt zieht mit seiner dreibeinigen Hyäne durchs Land?
Klingt sehr ungewöhnlich und ich dachte mir, warum eigentlich nicht?
Warum sollte nicht ein einzelner Mann Hoffnung schenken, um zu überleben?
Ich bin froh dieser Geschichte eine Chance gegeben zu haben denn mit seinem postapokalyptischen Roman erzählt Oliver Kyr eine Geschichte, die trotz der recht geringen Seitenzahl genügend Tiefe besitzt, um den Leser zu fesseln und zu faszinieren.
Während ich anfangs aufgrund des Protagonisten und seiner Aufgabe erst einmal Bedenken hatte, musste ich sehr schnell feststellen, dass die Handlung nicht nur ungewöhnlich ist, sondern auch zum Nachdenken anregt.
Denn diese Geschichte erzählt von Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Der Angst sich zu binden und der Angst allein zu sein.
Alles an dieser Geschichte erscheint auf den ersten Blick zwar ungewohnt, beim Zweiten jedoch seltsam vertraut.
Es gibt zwei Erzählstränge, die zum einen über Zacharias im Jahre 2018 erzählen, und aus dem Jahre 2023, in der der Protagonist in der Ich-Perspektive erzählt und auf der Suche nach seiner eigenen Zukunft ist.
Die Schauplatzbeschreibung ist düster fast bedrückend, dem Thema angepasst, und verschiedene Handlungsstränge fügen sich im Laufe des Romans zusammen.
Obwohl der eigentliche Verlauf sehr ruhig und teils melancholisch ist, zeigt sich hin und wieder mal ein leichter Spannungsbogen, der Abwechslung in die Handlung bringt.
Figuren
Die Charaktere sind ausreichend dargestellt. Natürlich bleiben die Randfiguren etwas farbloser, dafür besitzt aber der Protagonist sehr viel Tiefe.
Nach und nach lernt ihn der Leser besser kennen und mir fiel es relativ leicht, ihn bald sehr sympathisch zu finden.
Seine Ansichten regen zum Nachdenken an und nicht immer fällt ihm sein nächster Tausch leicht.
Dies gefiel mir richtig gut, denn das machte die Geschichte auf mich ein ganzes Stück authentischer.
Schreibstil
Oliver Kyr schaffte es, mich schon mit seiner Leseprobe in den Bann zu ziehen.
Sein Schreibstil ist flüssig und fesselnd, die Schauplatzbeschreibung sehr bildhaft und ermöglicht einen zügigen Lesefluss.
Fazit
„Ascheland“ ist eine ungewöhnliche aber besondere Geschichte und ich bin froh, ihr eine Chance gegeben zu haben. Ich bin positiv überrascht von der Handlungsidee und Umsetzung, denn diese Geschichte ist mal völlig anders, als die bisherigen Geschichten, die ich zu diesem Thema gelesen habe.
Es ist einer dieser Romane, bei denen ich es unheimlich schwer finde, mit meiner Beschreibung der Geschichte gerecht zu werden, deshalb lest im Zweifelsfall einfach die Leseprobe und lasst Euch genauso in den Bann ziehen wie ich.


Online: http://gutowsky-online.de/ascheland-oliver-kyr/




Über den Autor

Kyr, Oliver

Kyr, Oliver

Oliver Kyr arbeitet seit 1993 als Autor, Regisseur und Schriftsteller. 2011 erschien seine Novelle „Audrey und der Tod“ im Noel-Verlag, das Hörbuch dazu war in zwei Kategorien für den Deutschen Hörbuchpreis „Ohrkanus” nominiert. 2012 veröffentlichte er... mehr über den Autor

Bewerten und Kommentieren

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.

 
Design by MKD Mediengestaltung