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Schein oder Sein?
12 außergewöhnliche Erzählungen

Schein oder Sein?

Autor: DeClair, Caroline


lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 172

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Erstausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862825035

Einband: Paperback

EUR 12,00

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
  • Rezension
Schönheitswahn, Landflucht, Gier, Mobbing und Liebe – mal lakonisch, dann mystisch oder auch knallhart und schmerzhaft realistisch erzählt Caroline DeClair Geschichten aus unserem Alltag in einer hochtechnisierten und reizüberfluteten Welt.
Was ist Schein oder Sein?
Dieses neuzeitliche Dilemma hat Autorin Caroline DeClair zu 12 Erzählungen inspiriert, die ein fragmentarisches Spiegelbild unserer modernen Zeit darbieten. Ob von außen, tief hinein oder auch dahinter, der Blick fällt auf Licht- und Schattenseiten von Mensch und Gesellschaft, auf zeitlose Wahrheiten und neue Oberflächlichkeiten – eben auf Schein oder Sein.

Leseprobe aus dem Kapitel "Liebe heute" (zur PDF-Leseprobe)


Ein Netz ist eine Art von Gewebe, das aus vielen verschiedenen Fäden besteht. Es gibt neuronale Netze, Telefonnetze, Verkehrsnetze, Kommunikationsnetze und natürlich das Netz der Netze – das Internet. Fakt ist, wir leben alle in einer total vernetzten Welt. Und so verwundert es nicht weiter, dass in all diesen Gebilden zahlreiche Fäden nicht nur parallel zueinander verlaufen, sondern sich hin und wieder auch kreuzen. Und das natürlich auch, wenn es um das große, emotionale Gefühl geht, das wir Liebe nennen.
Der Samstagmorgen ist für all jene, die nach einer Fünf-Tage-Woche an diesem Tag nicht arbeiten müssen und somit ein zweitägiges Wochenende vor sich haben, etwas Besonderes. Statt fremdbestimmtem Alltag können sie nun individuell entscheiden, wie sie den Tag zu verbringen wünschen. Und so schlafen die einen aus und haben ihre Freude am Nichtstun. Die anderen rennen los, kaufen die Lebensmittel für die Woche ein, putzen die Wohnung und räumen auf. Wieder andere widmen sich dem für sie vergnüglichen Bummel durch rappelvolle Shopping-Center mit zahlreichen, unterschiedlichen Läden oder durch prall gefüllte Einkaufsstraßen, in denen Menschenmassen laut und aufgeregt auf der Suche nach den neuesten Trends, den besten Schnäppchen oder den nächsten Fressbuden den konsumfreudigen Samstag zelebrieren. Und nochmals andere machen es sich zuhause gemütlich, widmen sich der persönlichen Wellness, in dem sie sich statt der typischen, eiligen Wochentags-Dusche genüsslich ein geradezu traditionelles Samstags-Vollbad genehmigen und sich mit Body Peelings, entspannenden Gesichtsmasken und Enthaarungscremes von gestressten Arbeitskräften in strahlende und ausgeruhte Wochenend-Schönheiten verwandeln. Und fast alle freuen sich ganz besonders auf den Abend, an dem sie die Nacht zum Tag machen können, weil sie am Tag danach, also dem Sonntag, nochmal die Freiheit haben, den Tag nach ihren Vorstellungen zu gestalten.
Beobachten wir nun gemeinsam an einem dieser so voller Erwartungen, Hoffnungen und Sehnsüchten prallen Samstage vier Frauen und ihre Erfahrungen mit der Liebe:
 
Als die 28-jährige Serafina am Morgen gegen elf Uhr aufwachte, räkelte und streckte sie sich genießerisch und in aller Ruhe. Was für ein Luxus, noch im Bett zu bleiben und sich – frisch verliebt – rosaroten Tagträumen hingeben zu können. „Das Leben ist schön“, sagte sie laut, als sie eine halbe Stunde später beim Zähneputzen freudig ihrem Spiegelbild zulächelte. Am Abend würde sie eine Verabredung mit dem Traummann schlechthin haben. Was mehr konnte ein Samstag bieten?!
Währenddessen war ihre beste Freundin Lilli gerade leicht verkatert am Frühstücken und checkte zugleich die Nachrichten auf ihrem Smartphone. Immer noch trudelten bei den diversen sozialen Netzwerken Posts und PNs mit nachträglichen Glückwünschen und mehr oder minder intelligenten Sprüchen zu ihrem gestrigen 30. Geburtstag ein, den sie zunächst mit ihren Mädels, sprich ihren Freundinnen Serafina, Luise und Alma, ausgiebig in ihrer Lieblingskneipe gefeiert hatte. Später dann hatte sie in feuchtfröhlicher Stimmung über Tinder Frank kennengelernt, der ihr von seinem Profil her auf Anhieb wahnsinnig gut gefallen hatte und mit dem sie sich, nach einem herzlichen Abschied von ihren Mädels, nach einem kurzen Chat in einem anderen Lokal in der Gegend getroffen hatte. Und schließlich landete die reichlich beschwipste Lilli in Franks in der Nähe liegender Wohnung und in seinem Bett. Die Nacht endete gegen sechs Uhr mit Lillis Aufbruch, weil Frank ihr bedauernd mitteilte, in knapp zwei Stunden zum Volleyballtraining zu müssen. Die beiden hatten sich lange und zärtlich zum Abschied geküsst und gegenseitig versprochen, sich im Laufe des Tages via WhatsApp zu einem neuen Treffen zu verabreden. Und nun trudelten zwar jede Menge Nachrichten ein, allerdings auch wieder nur verspätete Geburtstagsgrüße in Form von animierten Bildchen und zig Smileys. „Ist ja nun langsam echt gut“, murmelte Lilli und ärgerte sich ein kleines bisschen, dass darunter noch keine Nachricht von Frank war.
Zur gleichen Zeit schob eine andere Freundin, nämlich die 35 Jahre alte Luise, einen riesigen Einkaufswagen durch die an Samstagen stets und in der Vorweihnachtszeit ganz besonders mit Menschen vollgestopften Gänge eines Supermarkts. Ihre vier Jahre alte Tochter saß strahlend auf den Schultern ihres Vaters und rief mit kräftiger Stimme immer wieder: „Hü!“ und dann wieder: „Hott!“ Luise warf ihrem Mann einen Blick zu. Maximilian grinste sie an, wobei er es irgendwie schaffte, dabei zugleich charmant und dämlich auszusehen. Luise zupfte unbewusst an einer kastanienbraunen Locke ihres modischen und praktischen Kurzhaarschnitts, seufzte und fischte aus dem Regal, vor dem sie gerade stand, drei riesige Packungen Cornflakes – selbstverständlich ohne Zucker.
Luises ältere Schwester, die 41 Jahre alte Alma, saß da gerade beim Friseur und schaute sich zufrieden im Spiegel an. Ihre kinnlange, modische Bob-Frisur war nicht länger blond gefärbt, sondern leuchtete nun in einem satten Kupferrot. „Sieht wirklich gut aus!“, sagte sie zu der hinter ihr stehenden Friseuse. Diese nickte bestätigend: „Ja, ein reizvoller Kontrast zu Ihren grünen Augen.“ Alma drückte ihr ein stattliches Trinkgeld in die Hand: „Eine neue Frisur für einen neuen Lebensabschnitt. Seit zwei Wochen bin ich glücklich geschieden.“ Zufrieden verließ Alma den Friseursalon und machte noch schnell ein Selfie von sich mit ihrer tollen, neuen Haarfarbe, bevor sie in ihr Auto stieg.
Der Tag schritt voran und jede der vier Frauen war mit ihrem eigenen Leben beschäftigt:
 
Serafina wusch ihre schulterlangen, dunklen Haare, rubbelte sie mit einem der von ihr so geliebten, pinkfarbenen Handtücher trocken und föhnte dann mit der Rundbürste geduldig Strähne für Strähne, bis ihre Haare in der gewünschten Weise in sanften Wellen ihr Gesicht umrahmten. Anschließend probierte sie mit viel Ausdauer den ganzen Nachmittag zahlreiche, verschiedene Outfits an. Schließlich wollte sie bei ihrem abendlichen Date so richtig super und umwerfend aussehen.
 
Lilli, die als am Schalter arbeitende Bankkauffrau unter der Woche stets perfekt gestylt sein musste, saß in ihrer fürs Wochenende reservierten, heißgeliebten, dunkelblauen Schlabberhose und einem extraweiten, grauen Sweatshirt mit dem Handy auf ihrer leuchtend orangen Couch. Aus der Anlage dröhnte lauter Rap. Lilli verzog das Gesicht und schaltete mit der Fernbedienung einen anderen Radiosender ein, aus dem ein deutlich angenehmerer Sound kam. Ihre langen, blonden Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, an dessen Ende sie herum kaute. Ein seit ihrer Kindheit klares Indiz für Nervosität. Ein ausdrucksvolles Gesicht mit lachenden, dunkelbraunen Augen und sinnlichen Lippen stieg vor ihr auf. Frank! Stunde um Stunde wartete sie nun schon vergebens auf eine Rückmeldung von ihm, und das obwohl sie im Laufe des Tages bereits mehrere Nachrichten an ihn geschickt hatte.
 
Auch Luise hatte nicht den besten aller Nachmittage. Nachdem sie viel später als angenommen vom Supermarkt heimkehrten, hatte sie der Einfachheit halber als Mittagessen für Mann, Kind und sich selbst eine fettige Familien-Pizza vom Lieferdienst bestellt. Während sie die noch nasse Wäsche in den wenig umweltfreundlichen Trockner verfrachtete, plagte sie sich daher mit einem doppelt schlechten Gewissen herum. Das nasskalte Wetter erlaubte es ihr nicht, die Wäsche auf den kleinen, nicht überdachten Balkon zu stellen und der Junkfood-Lunch verstieß eigentlich komplett gegen ihre Prinzipien in Bezug auf eine gesunde Ernährung. Und so prallten ihre miese Laune und Maximilians Weigerung, sein stundenlanges Spielen auf dem Handy einzustellen, zusammen und verursachten mal wieder einen völlig unnötigen Streit. Luise warf ihrem gleichaltrigen Mann vor, sein kindisches Vergnügen an Zombie-Spielen zeige mal wieder, dass er den Reifegrad und das Verantwortungsbewusstsein eines 15-jährigen Teenagers habe. Maximilian wiederum bezichtigte Luise, stets etwas zu suchen, was sie an ihm aussetzen und ihm vorwerfen könne, und das Ganze endete damit, dass er sich wütend die Autoschlüssel schnappte und die Wohnung verließ. Somit blieb es an Luise hängen, sein Versprechen, mit Melanie Memory zu spielen, ersatzweise einzulösen. Verärgert saß sie in dem in hellrosa und weiß gehaltenen Prinzessinnen-Kinderzimmer und bemühte sich vergeblich, sich auf das Spiel zu konzentrieren.
 
Alma hatte sich nach dem Friseurbesuch in einem angesagten Café in der Innenstadt eine kleine Mahlzeit und diverse Latte Macchiatos gegönnt. Schließlich wollte sie ihr neues Haarstyling zur Schau stellen und nicht wie sonst oft alleine zuhause auf der Couch sitzen und irgendwelche Serien über das Leben fiktiver Personen anschauen. Doch nach fast zwei eher langweiligen Stunden, schickte sie sich etwas enttäuscht an, das Café zu verlassen. An der zugleich als Ein- und Ausgang dienenden Glastür wäre sie dann um ein Haar mit einem jungen Typen zusammengeprallt, der sich wort­reich bei ihr für sein stürmisches Eintreten und den Beinahe-Zusammenstoß entschuldigte. Dabei himmelte er sie so offensichtlich an, dass Alma sich ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen konnte. Mehr hatte der Kerl offensichtlich nicht gebraucht, denn nun strahlte er sie treuherzig an und sagte: „Ich heiße Sascha, du wunderschöne Frau. Und ich glaube, heute ist mein Glückstag. Vor allem, wenn du mir deine Nummer gibst und ich dich ganz bald zum Essen ausführen kann.“ Alma lächelte geschmeichelt, sagte aber: „Nun, Sascha, ich bin bestimmt alt genug, um deine Mutter zu sein.“ Empört riss der seine himmelblauen Augen auf und rief: „Quatsch! Ich bin 22 und du kannst doch allerhöchstens Anfang 30 sein.“ Almas inneres Stimmungsbarometer machte einen steilen Sprung nach oben, dennoch sagte sie tapfer: „Junge, ich bin 41.“
 

Von Ulla Boucher (07. August 2017)


Ich fand die Geschichten außerordentlich berührend und sehe sie als einen Spiegel der heutigen Zeit: die verschiedenen Episoden beleuchten jeweils Aspekte aus unserer aller Leben, man fragt sich (ich frage mich!) bin ich wirklich so, bzw. könnte ich SO sein? Ja natürlich liegt in uns allen das Gute (hoffentlich) und das Böse (ganz bestimmt) - bin ich, sind wir so eitel, selbstsüchtig oder auch so gutmenschlich? Bemerken wir eigentlich noch bewusst die sogenannten "Glücksmomente" oder eher erst, wenn wir später einmal nachdenken, wann wir eigentlich "glücklich" waren?  Besonders herausragend fand ich die Geschichte des Zylinders und des Silbertäschchens: sie beinhaltet eine ganze Zeitepoche, sowohl gut wie auch ausgesprochen böse und dunkel, dann wiederum mit einem Schimmer Hoffnung- zwingend zum Nachdenken. Mehr als das: werden wir uns hoffentlich bewusst, dass DENKEN das Wichtigste im Leben ist.
Aber auch der Schönheitswahn kommt nicht zu kurz: jung, schön, makellos, faltenlos: die Maxime heutzutage. Ist es das wert, sind wir uns das wert? Caroline wirft die Frage auf und überlässt uns Lesern die Beantwortung. Der Blick in den Spiegel sagt auch  mir "mach schon, irgendwas, nicht zuviel, nur ein bisschen" – aber Zufriedenheit mit dem eigenen Ich kann man damit nicht kaufen. Ist ein Lernprozess. Auch hier eine wundervolle Geschichte: du bist, wer DU bist. Lerne dich zu lieben. Kurz gesagt: ein wunderbares Buch, welches für uns Frauen -und auch Männer- sehr interessant und unterhaltsam zu lesen ist und viel Stoff zum Nachdenken gibt. Bravo!




Über den Autor

DeClair, Caroline

DeClair, Caroline

Caroline DeClair wurde in Graz in Österreich geboren, wuchs in verschiedenen Ländern Europas auf und zog als Teenager in die USA, wo sie Psychologie und Kommunikationswissenschaften studierte. Danach arbeitete sie in Washington D.C. für Time Life Inc. und später in... mehr über den Autor

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