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Hengist und Horsa
Die Britannien-Saga

Hengist und Horsa

Autor: Kantelhardt, Sven R.


lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 424

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862823222

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 14,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
Dort wo die Geschichtsschreibung der römischen Antike vom heraufziehenden Dunkel des Mittelalters überschattet wird, leuchten die Namen zweier Helden noch schwach bis in unsere Zeit: Hengist und Horsa.

Britannien, 5. Jahrhundert n. Chr.
Die Pikten fallen in Hochkönig Vortigerns Reich ein. Um der drohenden Gefahr aus dem Norden Herr zu werden, entsendet Vortigern seinen Untertan Ceretic nach Nordgermanien: Er soll den berühmten sächsischen Söldnerfürsten Hengist für den Kampf gegen die Pikten anwerben. Begierig auf das versprochene Silber und reiche Beute willigt Hengist ein und führt sein Heer an die schottische Küste. Ceretics Auftrag ist erfüllt – was auch die schmerzvolle Trennung von Rowena, Hengists Tochter, bedeutet –, doch der Untergang Britanniens ist nicht mehr aufzuhalten … Wieviel Silber ist Treue wert? Ist Verrat der Preis der Liebe?

Eines der größten Abenteuer Europas – voller Kampf, Liebe, Hass, Heldenmut, Hinterlist und Glaubenseifer, welche die Protagonisten bis ans Ende der bekannten Welt führt.
Leseprobe aus: Kapitel II. Neue und alte Bekanntschaften:


Mündungsgebiet der Wirraha, April 441
Ceretic

„Sieht doch ganz einladend aus, das Sachsenland“, behauptete Tavish hoffnungsvoll.
Sie saßen etwa eine Meile vom Ufer entfernt auf dem Schlick. Das saftige Grün des Landes vor ihnen ließ an Britannien denken. Nur die geradezu ewige Weite des grauen Watts passte nicht ins gewohnte Bild. Die Curach war bei ablaufendem Wasser auf einer der zahlreichen Sandbänke im Mündungsgebiet eines großen Stromes aufgelaufen.
„Ja, das muss die Wirraha-Mündung sein“, bestätigte Ceretic.
„Merkwürdige Erhebung da drüben“, warf Malo ein und zeigte auf einen Hügel im sonst absolut flachen Marschland. „Es steigt Rauch von dort auf. Ob in dem Hügel das verborgene Volk lebt ?“
„Ich dachte, das gäbe es nur bei uns in Britannien ?“, fragte Tavish erstaunt.
„Niemand lebt in dem Hügel. Auf dem Hügel leben Sachsen und den Hügel haben sie selbst gegraben, damit sie nicht ersaufen wenn das Wasser mal höher steigt als üblich“, korrigierte Ceretic schmunzelnd.
Ein Priester in Ruohim erklärte einmal, Gott strafe die Heiden mit hohen Fluten für ihre grausamen Raubzüge. Ceretic hatte sich schon als Kind darüber gewundert, dass sie sich trotz dieser deutlichen Warnung nicht von ihren heidnischen Wegen bekehrten, sondern lieber versuchten, Gottes Züchtigungen auf von Menschenhand errichteten Hügeln zu trotzen. Aber nun, wo er solch einen Hügel erstmals mit eigenen Augen sah, musste er über die schiere Größe des Erdwerkes staunen.
„Woher weißt du das eigentlich alles ?“, unterbrach Malo seine Gedanken.
„Eine lange Geschichte“, antwortete Ceretic.
„Aber bis zur Flut haben wir doch noch jede Menge Zeit“, drängte nun auch Tavish.
„Also gut“, fügte sich Ceretic scheinbar widerstrebend, doch eigentlich redete er gern von sich. „Kennt ihr noch den alten Wulf ?“, fragte er.
„Den alten Heiden ?“, wollte Tavish wissen und bekreuzigte sich.
„Der Priester hat von ihm erzählt“, bestätigte auch Malo.
„Ja, ein Heide war er wohl, der gute Wulf“, gab Ceretic zu. „Aber er war auch ein Krieger Roms. Ein Sachse, der bei den Auxiliares gedient hat und nach seiner Dienstzeit und dem Abzug der Römer auf Ruohim blieb.“ Einen Augenblick schwieg Ceretic versonnen. Der einsame Veteran hatte ihn damals, als sein Vater auf der See geblieben war, unter seine Fittiche genommen. Aber das brauchten die beiden Jungspunde nicht zu wissen. „Jedenfalls hat er mich seine Muttersprache, das Sächsische, gelehrt“, erklärte er. „Und noch einiges mehr.“

Stunden später kehrte das Wasser zurück. Zuerst füllten sich die Priele und in den Senken begann der Schlick zu glänzen. Dann, in immer wiederkehrenden Wellen, überspülte das Meer den geriffelten Sand und hob schließlich die gestrandete Curach sanft vom Boden. Der Flutstrom trug sie rasch auf die mächtige Wurt zu.
„Seht nur, sie warten in Waffen !“, rief Tavish angstvoll.
Auch Ceretic hatte es gesehen. Inmitten der dunklen Menschenmenge am Strand blitzte es auf. Die tief stehende Abendsonne spiegelte sich in Helmen oder Speerspitzen.
„Natürlich tragen sie Waffen“, antwortete Ceretic harscher als er beabsichtigt hatte. Aber die Jungen sollten nichts von seinen eigenen Bedenken merken. „Was würdet ihr denn tun, wenn sich plötzlich ein fremdes Boot näherte ?“ Sorgenvoll zupfte er an seinem Schnurrbart.
„Da sind auch Frauen und Kinder dabei !“, rief Malo plötzlich erleichtert.
Ceretic atmete auf. „Na, was habe ich euch gesagt ?“, fragte er und versuchte so gleichgültig wie möglich zu klingen.
Bald waren sie auf Rufweite heran, doch die Sachsen blieben stumm. Ceretic setzte das Boot vor ihnen auf den Strand und sprang ins Wasser.
„Seid gegrüßt, edle Männer“, rief er laut und streckte die Arme mit den Handflächen nach oben aus, um zu zeigen, dass er unbewaffnet war.
„Seid gegrüßt, Fremde“, antwortete ein leicht gebeugter, aber noch immer großer Mann mit grauem Haar. „Ich bin Wago, der Häuptling unseres Geschlechts“, fügte er hinzu und machte eine einladende Geste in Richtung der Höfe auf dem grünen Hügel hinter sich.
Tavish und Malo blickten Ceretic fragend an. Sie hatten nichts verstanden und auch Ceretic selbst war verwirrt. Wieso luden ihn diese fremden Piraten so freundlich ein, obwohl er doch noch gar kein Geschenk überreicht hatte ?
„Mein Sohn Eppo wird sich um euer Boot kümmern. Folgt mir“, drängte der Alte, als er das Zögern der Britannier bemerkte.
Gehorsam setzte sich Ceretic in Bewegung. „Der Alte lädt uns in seine Halle ein. Wenn er Böses im Schilde führt, sind wir ihm ohnehin ausgeliefert, also folgen wir am besten seiner Einladung“, erklärte er seinen Begleitern.
Sie folgten dem grauhaarigen Sippenoberhaupt einen schmalen Pfad den Hügel hinauf. Von Nahem sah Ceretic, dass das, was er zuvor für Palisaden gehalten hatte, eigentlich Pfahlreihen waren, die mit Weide umflochten wurden und das Erdreich der Wurt gegen das Meer sicherten. Erst ganz oben wurden die Höfe von einer schwachen Palisade, eher einem hohen Zaun, umgeben. Ihr alter Führer durchquerte eine Pforte und ging zielstrebig an mehreren kleineren Katen vorüber zu einem lang gestreckten Gebäude im Zentrum der Siedlung. Ceretic und seine Gefährten folgten ihm gebückt unter einem niedrigen Türsturz hindurch in die große Halle. Es war warm und die Luft abgestanden. Der Qualm eines offenen Feuers brannte Ceretic in den Augen, bevor er sich unter dem Dach sammelte und schließlich durch ein Windauge am Giebel abzog.
„Willkommen in meiner Halle !“ Der Gruß des Alten lenkte Ceretic von der Betrachtung seiner Umgebung ab. Schon winkte der Häuptling eine junge Frau heran, die ihm ein riesiges Trinkhorn reichte. Er nahm einen tiefen Zug und gab das Horn an Ceretic weiter. Eine klebrige Masse schwappte auf Ceretics Finger und der süßliche Geruch von Met mischte sich mit dem üblen Atem des alten Mannes. Ceretic ließ sich nichts anmerken und tat wie ihm geheißen. Immer mehr Männer strömten in die Halle.
Ob sie uns betrunken machen wollen, um uns auszurauben ?, ging es Ceretic durch den Kopf. Doch da nahm ihm Wago das Horn wieder ab.
„So“, begann er zufrieden, „nun verratet uns eure Namen und das Ziel eurer Reise !“ Zu Ceretics Beruhigung sah ihn der alte Wago gespannt, aber durchaus freundlich an.
„Hochkönig Vortigern von Britannien entsendet euch seinen Gruß. Ich bin Ceretic, sein Bote.“
Ein erstauntes Raunen ging durch die Reihen der mittlerweile versammelten Sachsen.
„Die Tapferkeit der Sachsen hat sich bis nach Britannien herumgesprochen.“ Hier unterbrachen eine generelle Unruhe und gedämpftes Gelächter seinen Vortrag. Hochmütige Barbaren, dachte Ceretic, fuhr aber mit erhobener Stimme fort. „Zum Zeichen seiner Freundschaft sendet Vortigern euch dieses Silber !“ Dabei zog er mit einer stolzen Geste einen kleinen Lederbeutel aus dem Gürtel und ließ die Münzen effektvoll zu Boden fallen. Nun war es plötzlich so still, dass das helle Klirren des letzten Sesterz bis in den hintersten Winkel der Halle drang.
„Solche Gäste sind uns immer willkommen“, beeilte sich Wago zu erwidern. Diesmal antwortete rundherum aufgeregtes, aber durchaus anerkennendes Gemurmel.
Ceretic atmete auf. Das Eis war gebrochen, mit einer einzigen Handvoll Silber ! Nun musste Ceretic in aller Ausführlichkeit von seinem Auftrag berichten. Wago ließ sich derweilen als Gastgeber nicht lumpen. Der Abend wurde zu einem Gelage. Während er hochkonzentriert versuchte, die Fragen seines Gastgebers zu beantworten, dröhnte die Halle vor Betriebsamkeit. Laute Rufe in der barbarischen Zunge und Lachen vermischten sich mit dem Duft von heißer Brühe und gesottenem Salzfleisch. Bald schon schwirrte Ceretic von all den neuen und fremden Eindrücken der Kopf. Zu seiner Erleichterung trat schließlich ein Mann vor, der die Aufmerksamkeit des alten Wago von ihm ablenkte.
„Scht, der Scop wird uns nun ein Lied singen“, zischte der Gastgeber.
Bei dem Scop genannten Mann schien es sich um jemanden zu handeln, der eine ähnlich geachtete Stellung wie ein britannischer Barde einnahm. Ceretic, der sich selbst ebenfalls für einen begabten Dichter und Sänger hielt und ein beachtliches Repertoire von Liedern kannte, kam diese Abwechslung umso mehr gelegen. Nie hatte ihm Wulf von den sächsischen Sängern berichtet. Der Mann begann sein Lied. Die alte schleppende Weise erzählte von einem gewissen Hengist und seinen Abenteuern bei den benachbarten Friesen. Ceretic mühte sich redlich seine Enttäuschung zu verbergen. Das sollte Gesang sein ? Ihm kam es eher ermüdend vor. In Britannien würde es dieser Barde jedenfalls nicht weit bringen. Als der Beifall für den Scop abebbte – die Sachsen schienen mit der gebotenen Kost zufrieden – erhob sich Ceretic beschwingt. Er hatte bereits einige Hörner Met mit den neuen Verbündeten König Vortigerns geleert und befand sich gerade in der rechten Stimmung. Jetzt würde er den Barbaren einmal zeigen, wie man in Britannien sang !
Der Scop reichte ihm gespannt die Harfe. Ceretic strich über die Saiten. Ja, das könnte gehen. Die Kelten hatten einfach mehr Rhythmus im Blut als diese Barbaren. Er griff in die Saiten und begann das Lied zu singen, welches er in seinem Geiste über ihr gerade bestandenes Abenteuer im friesischen Wattenmeer gedichtet hatte. Die Melodie war ein altes britannisches Tanzlied mit einem Refrain, der immer auf „Fol-de-diddle-da und Fol-de-diddle-daira oh“ endete. Das würden sogar die sächsischen Barbaren verstehen. Malo und Tavish erkannten die Weise und klopften und pfiffen den Takt dazu.
Als er geendet hatte, herrschte einen Moment Schweigen. Ceretic schaute in ausdruckslose bärtige Gesichter. Kurz fragte er sich, ob die Barbaren ihm überhaupt zugehört hatten. Doch dann brach mit einem Male stürmischer Beifall aus. Na also, dachte Ceretic zufrieden und verbeugte sich tief vor seinen Zuhörern. Wenigstens erkannten die Barbaren ein gutes Lied, wenn sie es hörten.
„Worum ging es ?“, wollte Wago schließlich wissen. Auch er hatte als Zeichen seiner Anerkennung sein Methorn begeistert auf die Tischplatte geschlagen und mit beiden Füßen gestampft, aber verstanden hatten die Sachsen sein britannisches Lied natürlich nicht.
„Auch wir haben gerade bei den Friesen ein Abenteuer erlebt“, begann Ceretic und erzählte in allen Einzelheiten, wie sie den drei – oder waren es sogar vier ? – friesischen Langschiffen entkommen waren, die sie bei Nebel vor der Küste eingekreist hatten. Als er an die Stelle kam, an der sie den Friesen schließlich im Wattenmeer entkamen, hielt sich Wago den Bauch vor Lachen. Dann musste Ceretic das Lied noch einmal auf Britannisch vorsingen und die Sachsen grölten das „Fol-de-diddle-da und Fol-de-diddle-daira oh“ aus voller Kehle mit. Dazu klopfte, klatschte und stampfte die halbe Halle den Takt mit – die andere Hälfte klopfte, klatschte und stampfte ohne den Takt zu treffen, aber das tat der Stimmung keinen Abbruch.

Über den Autor

Kantelhardt, Sven R.

Kantelhardt, Sven R.

Sven R. Kantelhardt, Jahrgang ’76, wurde in Gießen geboren und studierte Medizin und Ökotrophologie. Derzeit arbeitet er in der Neurochirurgischen Universitätsklinik in Mainz. Obwohl ihn eine ausgeprägte Reiselust in inzwischen mehr als 50 Länder auf den... mehr über den Autor

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