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Túatha Dé Danann. Sternenheim
Teil 1

Túatha Dé Danann. Sternenheim

Autor: O´Connell, Sean

Lieferbar in 48 Stunden


Produktart: Buch

Seiten: 240

Abbildungen: 1

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Erstausgabe

Verlag: ACABUS Verlag

ISBN: 9783862821808

Einband: Paperback

zum eBook

EUR 13,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
  • Rezension
Cornelis von der Bruderschaft der Archivare sinnt auf Rache. Er folgt Nyail, dem Gesandten des Abgründigen Gottes, der seine Mutter Bernadette getötet hat. Dabei verschlägt es ihn und seine Begleiter in die riesige Metropole Sternenheim, wo er die Bestie Ereschkigal besiegen muss, um den Gral zu erringen. Der magische Kelch ist nicht nur eine von drei verbliebenen Waffen der Túatha Dé Danann, sondern auch das Instrument, mit dem Cornelis die Welt retten muss. Doch er hat nicht die geringste Ahnung, wie diese Aufgabe zu bewältigen ist.

Während die Entropie Nord- und Südland nach und nach zerstört und sich gewaltige Karawanen mit Flüchtlingen am Ende der Welt in der Nekropolis zusammenrotten, muss sich Cornelis seinem größten Gegner stellen: dem neu erstandenen, furchteinflössenden Gott Cú Chulainn und seinen in den Schatten verborgenen Horden der Túatha Dé Danann.
2 Die Wandernden Kirchen

Als der Tod kam, entsetzlich und finster in Gestalt einer riesigen, weit in den Himmel reichenden Welle, beruhigte sich Cornelis. Selbst das kleine Fischerboot und die kalten, schwarzen Brecher, im Kammbereich immer noch weiß und schaumstrotzend, schienen für einen Moment in ihren Bewegungen innezuhalten. In dem Jungen aus Bandahui erstarb jede Hoffnung. Hier draußen im Mahlstrom, im schwarzen Gedärm eines erbarmungslosen Ozeans, wurde ihm plötzlich klar: Er stand dem biblischen Leviathan gegenüber, einem Naturereignis, dem er nichts entgegenzusetzen hatte, dem er sich nicht entziehen konnte. Es war eine Wand aus schwarzem Wasser, so hoch, dass sie den ganzen Himmel ausfüllte, um ihn, den naiven Jungen vom Land, zu zerschmettern und in die Tiefe zu reißen.
Doch nichts davon geschah.
Ein goldenes Licht erhellte plötzlich das Meer, als wäre ein riesiger Stern zwischen Boot und Welle aufgegangen, und tauchte alles in gleißendes Weiß. Cornelis’ Augen begannen zu tränen und er musste sie mit der Hand bedecken, um überhaupt sehen zu können.
Mit offenem Mund starrte er über die See. Eine menschengroße, goldene Gestalt stürzte aus großer Höhe in die Tiefe und teilte mit ausgebreiteten Armen die Riesenwelle. In einem furchtbaren Getöse fielen die Wellenkämme seitlich in sich zusammen und prallten donnernd und schäumend auf das aufgewühlte Meer. Das Fischerboot begann wild zu schaukeln; Sekundenbruchteile später war das Heck im Freien, strebte himmelwärts, der kleine Außenbordmotor jaulte, rotierte für einen kurzen Moment in der Luft, und Cornelis klammerte sich verzweifelt an den Mast, als das Gefährt mit einem gewaltigen Ruck mit dem Bug voraus in die Tiefe stürzte. Der Aufprall war hart und der gesamte Ozean schien über ihn hereinzubrechen, aber das Boot blieb heil, und kurz darauf konnte der Junge wieder den Himmel sehen, während er wie verrückt nach Luft rang. Das Meer beruhigte sich etwas.
Die Gestalt des Goldenen erschien nun mit einem Mal steuerbords und blickte den Jungen mit seinem augenlosen Gesicht an. Cornelis starrte zurück und war angesichts des lebenden Gottes viel zu perplex, um einen klaren Gedanken zu fassen. Der ehemalige Ältere schien ihm etwas mitteilen zu wollen, eine Botschaft oder eine Warnung, doch anstatt zu sprechen, begann er sich in der Luft zu drehen. Immer schneller rotierte er um seine Achse, erhob sich wie von Geisterhand in den finsteren Sturmhimmel und entschwand nach einer Weile den Blicken des verdutzten Jungen.
Cornelis sank erschöpft zu Boden und presste seine Stirn gegen die Planken. Er schloss die Augen und spürte, wie er am ganzen Leib unkontrolliert zu zittern begann. Alle Kraft hatte ihn verlassen und eine erlösende Bewusstlosigkeit nahm ihn auf. So bemerkte er nicht, wie sich ganz in seiner Nähe ein metallenes Unterseeboot aus den Fluten der See erhob und Kurs in seine Richtung nahm.

Aurelius, der untersetzte Maschinist der Bruderschaft der Archivare, war der Erste, der etwas sah. Er hatte nach längerer Zeit der Untätigkeit das Periskop ausgefahren und justierte nun fieberhaft an den Drehrädchen für die Schärfe, bis er die Wellenkronen klar vor sich sehen konnte.
„Was macht er da?“, keifte der Unternehmer, Herr von Harttland, und Eigentümer des U-Boots, das durch die raue See des Südmeeres schipperte. Er drehte sich hilfesuchend zu den anderen um. „Ich habe ihm nicht erlaubt, irgendetwas zu berühren. He, lass die Finger von den Geräten!“
Aurelius ignorierte ihn. Der mächtigste Mann von Kabelstadt, ein riesiger, kahlköpfiger Koloss mit einem beeindruckenden Leibesumfang, der selbst Aurelius im Vergleich dünn erscheinen ließ, war jetzt nur mehr ein Maulheld, weiter nichts. Ein Gefangener an Bord seines eigenen Schiffes.
Aurelius drehte das Periskop langsam um seine Achse.
„Hmm …“, machte er dabei. „Hm, hmm …“
„Siehst du ihn?“, fragte Michael Altfeld. Die Stimme des Älteren, der den Umgang mit Schwertern, präziser gesagt Katana, beherrschte wie kein Anderer, klang angespannt. Bange Sekunden vergingen, während das Periskop und der dicke Junge sich unmerklich weiterdrehten. Aurelius schüttelte immer wieder den Kopf, sagte aber nichts.
Sie waren auf der Suche nach Cornelis, dem Schüler des getöteten Meister Aki. Der Junge hatte sich, unvorsichtigerweise wie es schien, allein auf die geheimnisvolle Insel Tír na nÓg im Südmeer begeben, um das schwerwiegende Schisma der Bruderschaft der Archivare zu lösen.
Eigentlich hatten seine ehemaligen Begleiter gehofft, ihn noch rechtzeitig in Porta Pueritia, dem einzigen Hafen des Eilands, abpassen zu können, aber dort hatte man ihnen nur mehr die Geschichte eines blonden Jungen aufgetischt, der verzweifelt ein Boot gesucht hatte, um inmit¬ten des schlimmsten Sturms aller Zeiten nach Südland zu schippern. Und ein alter Fischer hatte bei dem Leben seiner einzigen Tochter geschworen, dass genau derselbe Junge sein einziges Boot gestohlen habe, und dass der altersschwache Kutter – zehn zu eins gewettet – niemals den Wahnsinn eines Entropischen Sturms überlebt haben konnte, selbst wenn alle Götter von Nord- und Südland gemeinsam beschützend an der Seite des Knaben gestanden und das Meer beruhigt hätten.
Wenn es sich bei diesem blonden Jungen wirklich um Cornelis handelte, so hatte der Ältere Michael Altfeld wenig später mit bedeutungsschwerer Stimme seinen Begleitern erklärt, dann wäre er wohl just in diesem Augenblick immer noch auf offener See – sollte er überhaupt noch am Leben sein, was einem Wunder gleichkäme, denn bis vor Kurzem war das Südmeer noch ein schreckliches Tollhaus gewesen, das sich nur langsam beruhigte – und sie täten gut daran, sich verdammt noch mal zu eilen.
„Hören Sie, Altfeld, das ist doch scheiße …“ Der Unternehmer wandte sich an den Älteren und seine kalten Augen blitzten vor Wut. „Ein Fischerboot auf hoher See zu finden, ist selbst an guten Tagen schon schwierig, bei diesem Wetter aber völlig unmöglich! Nehmen wir Kurs auf Porta Aqua oder Non’Tur, solange der Diesel noch reicht.“
„Seien Sie endlich still“, gab Altfeld zurück. Er stand, schlank und groß gewachsen wie ein altertümlicher Held, mit seinen beiden Katana in den Händen, zwischen Kommandostuhl und Periskop und drehte sich langsam zu der blonden Frau herum, die sich bislang schweigend im Hintergrund gehalten hatte. Er gab ihr ein Zeichen.
Sie nickte und der Unternehmer krallte sich daraufhin in den Lehnen seines Kommandostuhls fest. „Das können Sie nicht machen, Altfeld. Sagen Sie dieser Schlampe … sie wird es wohl nicht wagen …“
Colombina war neben den Unternehmer getreten und griff nach den riesigen Oberarmen des Mannes. Auf den ersten Blick erschien es unmöglich, ja fast absurd, dass es ihr gelingen würde, dieses riesige Stück Fleisch auch nur einen einzigen Millimeter zu bewegen, doch ihr Griff war wie eine Stahlklammer und der Unternehmer schrie auf, als sie mühelos seinen Arm verdrehte.
Colombina, so schön sie auch anzusehen war, war keine echte Frau.
Gehärteter Stahl ersetzte bei ihr die normale Knochenmatrix, und der Herr von Harttland erinnerte sich jetzt vermutlich schmerzhaft daran, dass unter der organischen Hülle ein hoch entwickelter Roboter des Älteren Jerry Marrks steckte. Langsam drehte Colombina dem Unternehmer den Arm auf den Rücken. Sein Gesicht wurde puterrot und ein unansehnlicher Speichelfaden tropfte von seiner Unterlippe.
„Hee …“ Aurelius fuchtelte wild mit den Armen und hielt so das Maschinenmädchen davon ab, dem Unternehmer etwas wirklich Schlimmes anzutun. „Ich kann etwas sehen! Ich glaube, es ist ein Boot …“
Altfeld drängte das Mitglied der Bruderschaft der Archivare rasch zur Seite und griff selbst nach dem Periskop. Er drehte es nach links und rechts, während seine Augen fieberhaft versuchten, sich an die verminderte Sicht bei sturmgepeitschter See zu gewöhnen. Nach ein paar Sekunden hatte er jedoch das Objekt, das der junge Archivar gesichtet hatte, ebenfalls im Visier.
Er drehte sich herum.
„Auftauchen!“, befahl er.
„Sind Sie verrückt …?“, entfuhr es dem Unternehmer, der trotz der Bedrohung durch das Maschinenmädchen nichts von seiner ungehobelten Art verloren hatte.
„Auftauchen!“
„Ich weigere mich …“
Colombina machte eine kurze Bewegung und der Unternehmer schrie vor Schmerz auf. „Schon gut, schon gut … ich tue, was immer Sie wollen …“
Colombina ließ ihn los und er fiel keuchend in seinen Kommandostuhl zurück. Nach einigen Augenblicken des Jammerns zog er die beweglichen Bildschirmarmaturen zu sich heran und hämmerte darauf herum. Druckluft schoss hörbar in die Wassertanks. Das U-Boot tauchte auf.
„Wenn Sie jetzt auf die Scheißidee kommen sollten, die Luke über unseren Köpfen zu öffnen, dann sind wir geliefert“, rief er an Altfeld gewandt. „Bei diesem Seegang wäre das glatter Selbstmord!“
Der Ältere winkte ab. „Lassen Sie das meine Sorge sein. Tun Sie einfach nur, was ich von Ihnen verlange.“
„Sie erbärmlicher, blöder …“, giftete der Unternehmer und verschränkte die Arme vor der Brust.
Colombina verabreichte ihm emotionslos eine Ohrfeige und zog ihn aus dem Kommandostuhl.
„Übernimm die Armaturen“, befahl Michael Altfeld an das Maschinenmädchen gewandt. „Wir können uns nicht auf ihn verlassen. Kommst du mit der Technik des U-Boots klar?“
Colombina blickte auf die Seitenlehnen des Kommandostuhls. Überall waren winzige Bildschirme mit virtuellen Tasten und Diagrammen zu sehen. Sie nickte. „Technologie aus Kabelstadt. Primitiv.“
Michael Altfeld nickte ihr zu. „Sobald wir die Wasseroberfläche durchbrochen haben, öffne bitte die Einstiegsluke.“

Als Cornelis wieder zu sich kam, fühlte er einen schrecklichen Verlust, als wäre etwas äußerst Wertvolles, das er besessen hatte, von ihm gegangen. Doch er konnte sich nicht mehr daran erinnern, was es war. Er fiel hinaus in die kalte, fröstelnde Wirklichkeit und blinzelte zitternd in das grelle Licht einer Deckenlampe.
Er schrie.
Er verspürte Angst. Schreckliche, nackte Angst.
„Cornelis!“
Irgendjemand schüttelte ihn. Eine vertraute Stimme drang an sein Ohr. Seine Augen waren offen, doch er konnte nichts sehen. Er richtete sich auf, obwohl ihm furchtbar schwindelig war.
„Cornelis!“
Er wollte nichts hören, wollte nur zurück in die rotorganische Wärme seines Traums, aus dem er gerade gefallen war.
Er blinzelte erneut.
Aurelius …? War das etwa Aurelius gewesen, der ihn gerufen hatte?
Sein Herz machte einen Sprung.
Aber ja, es war Aurelius!
Und links und rechts von ihm standen Michael Altfeld und Colombi¬na.
Verwirrt blickte er sich um. Ein seltsamer Raum aus Metall umgab ihn und die seltsame Liege, auf die man ihn gebettet hatte, vibrierte sanft.
Seine Augen huschten hierhin und dahin. Überall befanden sich An¬zeigen, Hebel, Schalter und Dampfventile. Bunte Lämpchen blinkten. Alles rings um ihn herum schien so, als befände es sich in Bewegung.
„Wo … wo bin ich hier?“
Michael Altfeld sprach als Erster. Sein schmales Gesicht, die langen, schwarzen Haare, die dunklen Augen und das markante Kinn verliehen ihm etwas Abenteuerliches. Seine Stimme klang dunkel und voll wie die eines Geschichtenerzählers. „Du befindest dich an Bord eines U-Bootes. In Sicherheit. Ruh dich aus, wir bringen dich in friedlichere Gewässer.“
Cornelis nickte. Er war so müde, so erschöpft. Wie sollte er in diesem Zustand mit ihnen sprechen, ihnen alles erklären?
Aber es half nichts. Sie mussten es erfahren. Sofort.
„Bernadette …“, stammelte er schließlich. „Sie haben sie getötet …“
Altfeld blickte verwirrt zu Aurelius und Colombina.
„Nyail …“, fuhr Cornelis fort, während heiße Tränen über seine Wangen liefen. „Der Gesandte des Abgründigen Gottes hat sie getötet … und sie anschließend in den Urdbrunnen geworfen, um den Goldenen hervorzulocken.“
„Was redest du da?“ Altfeld griff nach seinen Schultern, packte sie schmerzhaft. „Cornelis, was genau ist auf Tír na nÓg passiert? Meinst du etwa Bernadette la Halle? Bist du ihr begegnet?“
Cornelis nickte. „Meine Mutter …“
„Deine Mutter …?“, entfuhr es Aurelius. „Die Ältere ist deine Mutter? Was soll das heißen? Ich dachte immer, deine Mutter sei bei deiner Geburt in Bandahui gestorben?“
Cornelis schüttelte den Kopf. „Bernadette … sie ist meine echte Mutter.“ Dann befiel ihn eine tiefe, bleierne Müdigkeit und er stürzte erneut in Dunkelheit.

Auf PhantaNews.de, von Stefan Holzhauer (05.11.2012)


Vor einiger Zeit habe ich TÍR NA NÓG abgefeiert, den Phantastik-Roman von Sean O’Connell, der sowohl (und zuerst) als Hörbuch im Action-Verlag erschien und danach in zwei Bücher geteilt beim Acabus-Verlag.
TÍR NA NÓG war ein erfrischender Fund: ein Crossgenre-Mix, der sich den bei den Publikumsverlagen so beliebten Schubladen erfreulicherweise verschloss und trotz seiner zahllosen Versatzstücke aus diversen Genre-Spielarten dennoch homogen wirkte und nicht nur höchst lesbar sondern auch äußerst unterhaltsam war.
Umso gespannter war ich auf die Fortsetzung TÚATHA DÉ DANANN, leider fehlte mir allerdings die Zeit mich sofort ans Lesen zu begeben, als der erste Band des Zweiteilers erschienen war. Das hatte allerdings den Vorteil, dass ich nun beide gleich am Stück lesen konnte.

Warnung: diese Rezension enthält Spoiler. Ich versuche so etwas üblicherweise zu vermeiden, hier lässt sich das allerdings nicht ganz umgehen.
In TÚATHA DÉ DANANN verlagert sich die Handlung um Cornelis, Raggah und ihre Begleiter auf den Südkontinent, dorthin fliehen auch viele Bewohner der Nordländer auf der Flucht vor der Entropie, die das Land immer zerstört – und letztendlich auch die Südländer vernichten wird, sollte sich kein Weg finden, das zu unterbinden.
Zudem steht die Wiedergeburt des Gottes Cu Chulainn und damit die Rückkehr der TÚATHA DÉ DANANN unmittelbar bevor. Und hier ergibt sich einer der unerwarteten Twists der Handlung, denn man muss erkennen, dass die »Schöpfungskuhle«, in der die Länder der Romane sich befinden, keinesfalls von den Älteren – eben ehemaligen Wissenschaftlern von der Erde – erschaffen wurde, um die Menschen der von einer Katastrophe epischen Ausmaßes bedrohten Erde zu retten, sondern bereits vorher existierte. Es handelt sich um eine parallele Welt, die offenbar identisch ist mit dem mythologischen sidhe, in das die Túatha Dé Danann gemäß der keltischen Überlieferungen verbannt worden waren. Als die flüchtende Menschheit in diesen parallelen Raum kam (und die Älteren ihn nach ihren Vorstellungen gestalteten), wurde das alte Volk vertrieben und bereitet sich nun auf die Rückkehr vor.

Das war für mich tatsächlich eine unerwartete Wendung, den bisher war ich nach den Erläuterungen des Vorromans davon ausgegangen, dass die Älteren, allen voran Juri-Hiro Ramnarough, tatsächlich in der »Schöpfungskuhle« eine neue Welt nach ihren Vorstellungen geschaffen hatten. Tatsächlich handelt es sich aber nur um einen Teil des Multiversums, der bereits vorhanden war und »nur« umgestaltet wurde. Grandiose Idee.
Der erste Band spielt zum großen Teil in Sternenheim, einem riesigen Stadtmoloch in einem See, der deutliche Parallelen zum heutigen New York aufweist. Dort stehen zum einen Wahlen an, die witzigerweise mit einem schwarzen Hosenanzug bekleidete Kanzlerin bereitet sich auf die Wiederwahl vor, die Bestie Ereschkigal saugt Bewohnern ihren Geist aus und gleichzeitig soll hier Cu Chulainn neu erstehen.
Die Beschreibungen um Sternenheim sind äußerst dicht und trotz der heftigen Diskrepanzen zwischen Low-Tech Schrottmännern, LED-Beleuchtung und Polizisten mit Hightech-Waffen wirkt das Ganze nie zusammen gestückelt, sondern bedrohlich real, es wird eine überaus dichte und bedrückende Atmosphäre aufgebaut, die ihre Plastizität aus den zahllosen Detailbeschreibungen bezieht. Eindrücklich wird hier klar gemacht, dass der größte Teil der Menschen kaum mehr als Spielbälle im Wirken weit größerer Mächte sind.

Etwas gestört hat mich die Tatsache, dass die Handlung sich auf viele Protagonisten und Antagonisten aufteilt und ebenso viele Handlungebenen besprochen werden. Mir war das fast zuviel, auf der anderen Seite sorgte das natürlich dafür, dass nie Langeweile aufkam.
Meiner Ansicht nach ist Band eins – STERNENHEIM – erzählerisch der stärkere der beiden Abschlussromane. Das liegt aber in der Sache, da in Band zwei zum Abschluss gekommen werden muss und viele – fast schon zu viele – lose Fäden zusammengefügt werden müssen.
Im letzten Roman verschiebt sich die Handlung in die Nekropole Bella Constanzia, hier kommt es zur abschließenden Schlacht zwischen den menschlichen Flüchtlinge, den Älteren sowie selbstverständlich Raggah – und Cornelis, dem Auserwählten – gegen die Tùatha de Dànann. Sean verpasst uns noch ein paar Augenöffner, was Charaktere und Entitäten angeht, persönlich muss ich zugeben, dass es fast zu viele dei ex machina waren, die eingesetzt wurden, um die Story zu einem Ende zu bringen.

Als Fazit ist zu sagen, dass weiterhin kurzweilige, anspruchsvolle Unterhaltung geboten wird, die sich insbesondere ob ihrer Breitbandigkeit weit über vieles erhebt, was uns die Publikumsverlage als Phantastik verkaufen wollen. Das Spiel mit uralter Mystik verknüpft mit Wissenschaft und der Frage, wie weit der Mensch mit eigenen Schöpfungen gehen kann, weiss zu faszinieren und wirft zudem etliche ethische und psychologische Fragen auf.
Ich muss allerdings zugeben, dass mich der letzte Roman auch stellenweise leider etwas ratlos zurücklässt. Denn zum einen verändert sich der Fokus unerwartet erheblich und aus dem exakt abgegrenzten Gebiet der Schöpfungskuhle als Handlungsort wird plötzlich ein multiversaler Ansatz. Und in diesem Universum agieren zwei polare Kräfte, die Gestalter und die Entropen, wie sie uns unter anderen Namen auch anderswo im Genre bereits begegnet sind: Ordnung und Chaos oder Kosmokraten und Chaotarchen, um nur mal zwei Beispiele zu nennen. Das geht allerdings noch völlig in Ordnung, denn diese Fokusverschiebung ist unerwartet und sorgt dafür, dass die Romane frisch und interessant bleiben.

Was mich allerdings wirklich gestört hat, ist dass nicht genauer beleuchtet wurde, wass denn nun genau vor 1000 Jahren passiert ist, was die Katastrophe war, die die Erde zwerstört hat und wie die Menschen in die Schöpfungskuhle gelangten.
Nachdem es in TÍR NA NÓG immer wieder mal kleine Einschübe gab, in denen auf Geschehnisse vor dem Kataklysmus eingegangen wurde, hätte ich es mir gewünscht, dass in solchem Rahmen auch die damaligen Geschehnisse nochmals beleuchtet worden wären. Doch da gibt es nur Andeutungen – und das finde ich überaus schade, denn ich gehe davon aus, dass die Forschungen der Älteren auf der Erde für die Katastrophe überhaupt erst verantwortlich waren.
Ein weiterer Kritikpunkt ist für mich die Art und Weise, wie Sean sich diverser Handlungsträger entledigt hat. Die hatten zwar meistens »wichtige Dinge« zu tun, wurden aber dennoch leider gefühlt »im Vorbeigehen« getötet. Hier hätte ich mir mehr Raum für diese Protagonisten und deren Abtreten gewünscht. Auf der anderen Seite musste sich das Geschehen natürlich insbesondere auf den Auserwählten Cornelis konzentrieren. Ein paar Seiten mehr hätten dem letzten Band aber gut getan …

Abschließend möchte ich auch die beiden TÚATHA DÉ DANANN-Romane jedem Phantastik-Freund unbedingt ans Herz legen. Dass insbesondere der letzte in meinen Augen nicht mehr ganz so gelungen ist wie TÍR NA NÓG, mag daran liegen, dass der Reiz des Neuen verflogen ist, und man die Welt, die Figuren und die Rahmenbedingungen bereits kennt. Aber auch mit nach meiner Ansicht kleineren Schwächen im Abschluss bleibt das Gesamtwerk herausragend und muss sich unter den zahllosen deutschsprachigen PhantastikBüchern keinesfalls verstecken; im Gegenteil ragt die Erzählung aus dem Sumpf gleichgeschalteter und immer wieder bekannt anmutender Phantastik weit heraus. Das ändern auch die oben angesprochenen minimalen Schwächen am Ende nicht.

Es bleibt also nach wie vor der Rat: lesen! Allerdings zuerst TÍR NA NÓG, denn es ist nun einmal eine Quadrologie, deren letzte beide Teil nicht für sich allein gelesen werden können und auch gar nicht verständlich wären.

Ich gebe vier von fünf Singularitäten. :)

p.s.: ich möchte an dieser Stelle übrigens mal anmerken, dass ich es ganz großartig finde, was der AcabusVerlag im Bereich Phantastik so alles heraus bringt. Demnächst werde ich mir endlich mal die STADTRomane von Andreas Dresen vornehmen.

Online: http://phantanews.de/wp/aartikel/das-ende-der-saga-sean-oconnells-tuatha-de-danann/



Über den Autor

O´Connell, Sean

O´Connell, Sean

Sean O’Connell, in England geboren und in London und Lindau (Bodensee) aufgewachsen, lebt seit einigen Jahren in Ravensburg/Weingarten. Seine erste Kurzgeschichte schrieb er im Alter von neun Jahren, sechs Jahre später folgten erste Publikationen in Science Fiction- und Fantasy-Fanzines.... mehr über den Autor

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